Mit den Meistern in der Dunkelheit – Séance mit Mychael Shane und Raffaella Forte

Keine Piercings und kein «Blingbling»

Nach einer kurzen Busfahrt und einigen Metern zu Fuss erblicken meine Begleiterin und ich in der Dämmerung ein grosses Schild an einem Wohnhäuschen: «Basler Psi Verein». Es ist kurz vor 18 Uhr, wir haben unser Ziel doch noch rechtzeitig erreicht. Beinahe hätten wir den Bus verpasst, weil wir unsere Piercings nicht aus der Nase bekommen haben. Wir nehmen heute Abend an einer Séance mit den Medien Mychael Shane und Raffaella Forte teil. Bei der Anmeldung war vermerkt, dass kein Schmuck, also auch möglichst keine Piercings, in den Séance-Raum mitgenommen werden dürfen. Völlig schmucklos und etwas nervös treten wir ein. Eine Welle warmer Luft schlägt uns entgegen, der Empfangsraum ist schon ziemlich voll. Ich bin überrascht, ich hatte mit einer kleineren Gruppe gerechnet. Hinter einem Schreibtisch mit grossem Computer steht eine Frau mit langen grauen Haaren. Sie schaut uns prüfend an und fragt, ob wir auf der Liste stehen. Ich bejahe und sie lässt uns passieren. Wir haben nur kurz Zeit, uns im Raum umzusehen, dann werden wir in den Keller geschickt. 

Eine steile hölzerne Kellertreppe führt uns zu aufgestellten Stuhlreihen, die allesamt auf einen Sessel ausgerichtet sind. Auf dem Sessel sitzt Mychael Shane, der Star des Abends. Er scheint uns jedoch nicht wahrzunehmen und blickt vertieft in sein Smartphone. Wir setzen uns diskret in die dritte Reihe und schauen zu, wie immer mehr Menschen die steile Treppe runter klettern. Viele Menschen scheinen sich zu kennen und begrüssen sich gut gelaunt. Wir scheinen klar die Jüngsten zu sein, die meisten Anwesenden schätzen wir auf über fünfzig. Nur ein Pärchen scheint erst um die dreissig zu sein. Auch auffällig ist der hohe Frauenanteil: Neben dem Dreissigjährigen ist nur noch ein anderer männlicher Besucher anwesend. Die Sitzreihen füllen sich allmählich, schlussendlich sind um die dreissig Menschen im Publikum. Mittlerweile hat Mychael sein Smartphone zur Seite gelegt und schaut uns strahlend an. Neben ihm setzen sich drei weitere Personen: Raffaella Forte (das andere Medium), Sabin Sütterlin (aus dem Psi-Verein-Team) und Sam (Mychaels Assistent). 

Alles gegen den Betrugsverdacht

Sabin stellt sich vor und begrüsst die beiden Medien und Sam. Sie heisst uns alle willkommen und erklärt, dass nun die Séance vorbesprochen werde. Mychael Shane sei ein berühmtes amerikanisches Medium. Raffaella komme aus Italien, lebe aber schon lange in der Schweiz. Sabin erklärt, dass sie heute Abend als Übersetzerin tätig sein werde. Denn obwohl Mychael und Raffaella seit drei Jahren zusammenarbeiten würden, spreche Mychael nur Englisch und Raffaella nur Italienisch und Deutsch. Mychael ergreift das Wort: Er und Raffaella seien Medien, die mit den «Meistern» in Kontakt treten können. Das seien verstorbene Geistwesen, wie St. Germain, Lady Nada, oder auch Buddha und Jesus. Für die heutige Séance hätten die «Meister» einem Steinregen und Apporten durch Mychaels Mund zugestimmt. Als Apporte bezeichnet er die Materialisierung von Gegenständen, meist Steinen. Er selbst apportiere oft durch den Körper, meist durch den Mund, es seien jedoch auch schon Steine seinen Augen entsprungen. Der angekündigte Steinregen werde meist durch Raffaellas Kraft verursacht, dabei würden sich Plasmawolken bilden, aus welchen es Steinchen regne. Bei grossem Glück sei sogar der Apport von Ölen möglich, doch dies geschehe nur ganz selten. Flüssiges Apportieren sei zudem gefährlicher für das Medium als der Apport von Feststoffen. Er lacht herzhaft auf, es sei nicht lebensgefährlich, aber die Öle können im Körper des Mediums stecken bleiben. Er grinst, seine Fürze hätten damals einen Monat lang nach Rosenöl gerochen. 

Weiter erklärt Mychael, dass die Medien während der Séance in einer Art Trance weggetreten seien, sie würden also nichts von den Geschehnissen mitbekommen. Die «Meister» sprechen nicht direkt durch die Medien, sondern mit Hilfe einer «Trompete». Er gibt ein trichterförmiges Kartonrohr durchs Publikum. Darin materialisiere sich das sogenannte «Ektoplasma» der Medien in Form von Stimmbändern. Diese erzeugten Stimmbänder würden den «Meistern» dann erlauben zu sprechen. 

Zwei Personen, die zum ersten Mal an einer Séance teilnehmen, werden dazu aufgefordert, den Séance-Raum zu prüfen. Sie sollen die gesamte Räumlichkeit genau unter die Lupe nehmen und sicherstellen, dass alles nach rechten Dingen zugeht. 

Zudem werden diverse Leute für kleine Aufgaben ausgewählt: Vor dem Start der Séance sollen die beiden Medien mit Kabelbindern an Stühle gefesselt werden, Mychael soll einen Schluck Wasser eingeflösst werden – den er während der gesamten Séance im Mund behalten will – danach soll beiden Medien den Mund mit Klebeband zugeklebt werden. Eine Frau wird ausgewählt, um das aufgeklebte Klebeband zu signieren. Alles, um zu beweisen, dass nicht getrickst wird. Als die Raumkontrollierenden zurückkommen und bestätigen, nichts Verdächtiges gesehen zu haben, wird uns erklärt, welche Gegenstände wir bei uns haben dürfen: Schuhe, Jacken, Taschen, Wasserflaschen und natürlich jede Form von technischen Geräten müssen draussen bleiben. Wie bereits in der Anmeldung vermerkt war, sind glitzernde Gegenstände aus Metall und Schmuck nicht erlaubt. Mychael erklärt, dass die Reflexion dieser Gegenstände den Medien Verbrennungen zufügen könne. Auch Brillen seien deshalb potenziell gefährlich und sollten grundsätzlich nur kurz aufgesetzt werden, wenn man das Gefühl hat, eine Erscheinung zu sehen. Ich frage mich, was er mit Erscheinungen meint und wie diese im Dunkeln zu sehen sein sollen, entscheide mich aber, meine Brille für den Fall mitzunehmen. Eine Frau in der vordersten Reihe hat Fingernägel in einem silbernen «Metallic-Look». Mychael schmunzelt, komplimentiert ihre Maniküre und weist sie an, die Nägel einzeln mit Klebeband abzukleben. Danach werden wir angewiesen, uns langsam nach oben zu begeben, unsere organischen Bedürfnisse zu stillen und im Séance-Raum Platz zu nehmen. 

The White Fire and the Violet Flame

Die WC-Schlange ist sehr lang, deshalb schauen wir uns noch etwas im Eingangsbereich um. Diverse Bücher und Flyer sind aufgestellt, die Interessen des Psi-Vereins scheinen sehr breit zu sein: Von Eckhard Tolle zu Tantra-Massage-Flyern, über «Albert Hofmann und sein LSD» bis zu Magazinen, die Chemtrail Verschwörungserzählungen verbreiten, ist alles zu finden. Als wir an der Reihe sind, den Séance-Raum zu betreten, werden wir von Samy mit einem kleinen schwarzen Gerät abgesucht. Er erklärt mir grinsend, dies sei neueste Technik und diene dazu, Kameras und Abhörgeräte ausfindig zu machen. Anschliessend werden wir von Jacky – der Frau mit den langen grauen Haaren – abgetastet, ich muss eine goldene Stelle an meiner Brille abkleben, doch dann werden wir für sauber erklärt und dürfen eintreten. 

Wieder sind mehrere Stuhlreihen aufgestellt, die auf zwei Kabinette ausgerichtet sind. Unter den Stühlen sind weisse Leintücher ausgebreitet. Die «Zeltchen-Kabinette» sind mit violettem und rotem Samt Stoff bespannte Holzgerüste, in welchen je ein Stuhl steht. Unter den Stühlen ist jeweils eine Schüssel Wasser aufgestellt und die schon vorgeführten Trichter stehen einsatzbereit. An der Mitte des Holzgerüstes, ganz oben sind jeweils kleine Glöckchen angebracht. Noch ist der Raum durch Deckenleuchten in warmes Licht getaucht, im rechten Ecken neben Raffaellas Kabinett steht eine beeindruckend grosse Monstera Pflanze und etwas weiter vorne sind zwei weisse Tische aufgebaut. Ansonsten ist der Raum ziemlich leer, die Fenster sind von schweren grauen Vorhängen bedeckt, die sorgsam an die Wand geklebt wurden, um völlige Dunkelheit zu ermöglichen. 

Eine Frau dreht sich zu uns um und lächelt freundlich, sie fragt, ob wir nicht weiter vorne sitzen möchten. Wir lehnen dankend ab, es sei unsere erste Séance und wir möchten es lieber langsam angehen. Sie lacht und stellt sich als Frau von Mychael vor, und habe demensprechend schon einige Séancen miterlebt. Wir plaudern mit ihr und sie erzählt uns von ihren Kindern, während die im Voraus bestimmten Personen ihren Aufgaben nachkommen. Die Medien werden an die Stühle gefesselt und ihr Mund wird zugeklebt, dann wird das Licht gelöscht. 

Wir sitzen in vollkommener Dunkelheit, nur die an den Trichtern angebrachten Leuchtstreifen und zwei leuchtende Punkte, jeweils am oberen Rand der Kabinette sind zu erahnen. Als erstes werden wir aufgefordert uns durchzunummerieren, es sei nämlich möglich, dass die Spirits eine persönliche Nachricht für jemanden hätten. Diese Person würde dann mit ihrer Nummer angesprochen werden. 

Sam startet nun die Séance mit einem Gebet und der ganze Raum spricht einen Teil mit: «I command the white fire and the violet flame to surround and protect this room now. I command the white fire and the violet flame to surround and protect this medium now». Plötzlich wird eine laute Aufnahme abgespielt: Das Mantra «Om» erklingt dröhnend und alle fallen in den Gesang mit ein. Durch die vielen Stimmen scheint der ganze Raum zu vibrieren. Ich versuche mich noch immer an die Dunkelheit zu gewöhnen und empfinde diesen lauten Chor als sehr intensiv und lange. Plötzlich fangen die Kabinette an zu rütteln, die Lichtpunkte und die Glöckchen schwirren wild umher und eine Frau schnappt nach Luft, etwas habe ihr Knie berührt. Der «Om-Gesang» verklingt aber eine andere schrille Stimme ertönt. Sie scheint aus Mychaels Zelt zu kommen und stellt sich als Lady Nada vor. Ich muss mich etwas zusammenreissen, um nicht zu lachen, denn die Stimme ist wirklich ziemlich schrill und für meine Ohren klingt sie sehr nach Mychaels verstellter, englischer Stimme. Was ich schon für einen seltsamen Zufall halte, da die Stimme doch eigentlich von neugebildeten Plasma-Stimmbändern kommen sollte. 

Lady Nada und eine ölige Überraschung

Lady Nada erklärt uns, dass die «Spirit World», die echte Welt sein und die Welt, wie wir sie kennen sei nur geschaffen worden, damit wir Menschen Dualität erleben können. So sollen wir lernen mit Negativität umgehen zu können. Sie weist uns an diese Negativität anzunehmen aber auch wieder gehen zu lassen und uns auf das Positive zu konzentrieren. Dementsprechend sollen wir uns auch keine Sorgen machen um das politische Weltgeschehen. Alles werde sich zum Guten entwickeln, es lohne sich also nicht sich mit der Politik auseinanderzusetzen. Weiter belehrt uns Lady Nada über die Wichtigkeit von Selbstliebe, wie gesagt, alles auf Englisch. Sabin übersetzt also fortlaufend jeden Satz auf Deutsch. 

Nach ihrem Monolog weist Lady Nada Sam – den sie mit kicherndem, flirtendem Ton «Samypoo» nennt – dazu an Raffaellas Kabinett einen Spaltbreit zu öffnen. Durch ihre Kraft werde nämlich nun der Steinregen materialisiert. Wie genau Sam sich in der Dunkelheit zurechtfindet, ist mir ein Rätsel, doch er scheint seine Aufgabe erfüllt zu haben. Lady Nada ist sehr zufrieden und weist uns an nochmals die «Om» Aufnahme abzuspielen dazu mitzusingen und nicht nach oben zu schauen, damit wir keine Steine in die Augen kriegen. Wieder geben alle andächtig Töne von sich, als plötzlich kleine Aufschreie ertönen. Einige der Anwesenden sind wohl von kleinen Steinen getroffen worden. Der Steinregen fällt in drei Intervallen, bis zu uns reicht er allerdings nicht, er scheint eher aus dem vorderen rechten Ecken zu kommen. Ob es ein Zufall ist, dass Sam dort seinen Stuhl hat? Doch meine Gedanken werden abrupt unterbrochen durch ein leises Gurgeln und durch Lady Nadas entzückten Ausruf. Ein Pharao Meister, leider habe ich seinen Namen nicht verstanden, und St. Germain seien bereit Öl zu materialisieren. Das Publikum ist ergriffen und gibt leise «Ohs» und «Ahs» von sich. Wieder ertönt ein kleines Gurgeln, das muss wohl das Öl gewesen sein. Langsam breitet sich ein subtiler, undefinierbarer Geruch aus, doch mehr bekomme ich von den Öl-Apporten leider nicht mit. 

Steinschwall aus dem Mund

Zum Schluss fragt Lady Nada, die uns munter durch die Séance moderiert, ob wir noch Fragen an sie haben. Zögerlich melden sich einige Stimmen aus dem Publikum und mehrere «Yes please» ertönen. Eine Frau fragt, nach der Wurzel ihrer physischen Krankheiten. Lady Nada bittet kurz um stille und meldet, dass die Krankheiten Ursprung in drei verschiedenen, früheren Leben haben. Das bedeute auch, dass die Leiden heilbar seien. Wie genau diese Heilung ausgeführt werden sollte, beschreibt sie leider jedoch nicht. Eine andere Frau ergreift das Wort und berichtet von einer besonders tiefen und langsamen Stimme, die sie immer wieder hören könne. Die Frau fragt, ob Lady Nada diese Stimme kenne. Was Lady Nada verzückt bestätigt, und der Frau empfiehlt, mit der Stimme zu kommunizieren. Nach einigen weiteren Fragen, verabschiedet sich Lady Nada und Sam stimmt wieder in ein Gebet ein. Er weist uns an, folgenden Satz mit ihm zu wiederholen, bis die Medien aus ihrer Trance aufwachen: «Mychael row your boat ashore, hallelujah. Raffaella row your boat ashore, hallelujah.» Wir hören leises Stöhnen aus den Kabinetten und das Licht wird angeschaltet. Es sei uns nun gestattet, die Smartphones in den Raum zu holen, falls wir die Apporte filmen möchten. Wir eilen in unseren Socken durch den Eingangsbereich und grübeln unsere Handys hervor. 

Mittlerweile wurden die Fesseln aufgetrennt und Mychael fordert und auf, zuzusehen, wie er Blaubeeren isst. Dies ist eine weitere Massnahme, die beweisen soll, dass nicht geschummelt wird. Würde Mychael die Apporte nicht wie angekündigt im Mund materialisieren, sondern heraufwürgen, müsste er dabei auch die Blaubeeren wieder ausspucken. Mychael begibt sich erneut in das Kabinett und wir «chanten» wiederholt «Om», bis ein leises Würgegeräusch aus dem Kabinett dringt und Sam «He is ready!» verkündet. Der wankende Mychael wird von Sabin und Sam gestützt, zwei Séance-Teilnehmerinnen spannen vor ihm ein weisses Tuch auf. Das Medium fängt heftig an zu atmen und spuckt unter knirschenden Geräuschen viele kleine, bunte Steinchen auf das Tuch. Die Blaubeeren sind nicht zu sehen. Alle Anwesenden drängen sich aufgeregt um das Tuch, die meisten mit dem Smartphone in der Hand. Die etwas abseitsstehende Ehefrau von Mychael lächelt uns bedeutungsvoll zu und verwickelt uns nach dem Spektakel wieder in ein höfliches Gespräch. Währenddessen wird in die Mitte des Stuhlkreises ein Tisch gestellt, auf welchem alle Apporte arrangiert werden und hinter welchem die beiden Medien auf Stühlen Platz nehmen. 

Eine Sängerin und eine Lehrerin

Ehrlicherweise hatte ich Raffaella in dem ganzen Trubel um Mychael etwas vergessen, doch nun beginnt sie mit der Vergabe ihrer Apport Geschenke. Von ihr ausgewählte Steine aus dem Steinregen werden uns nun der Reihe nach mit ein paar persönlichen Worten überreicht. Die Übergabe darf jeweils gefilmt werden, zuerst ist meine Begleiterin dran. Wir treten beide nach vorne, ich mit dem filmenden Handy, sie mit ausgestreckten Händen. Ihre Botschaft zu den Steinen lautet: « Du bist die nächste Generation. Du bist nicht umsonst heute da. Du wirst weiterhin ganz viele Sachen machen, du bist eine Künstlerin. Du hast eine gute Stimme, du solltest singen. Singst du ab und zu?» Als meine Freundin mit «nein» antwortet, lachen die anwesenden und Raffaella meint: « Ah wer weiss, da kommt noch mehr. Du suchst deinen Weg und du wirst deinen Weg finden. Zudem sage St. Germain, dass er ihre Augen ganz speziell finde.» Wieder lacht der gesamte Saal und als nächstes bin ich an der Reihe. Raffaella fragt uns, ob wir Freundinnen sind und wir nicken. Sie führt aus: « Die Meister haben mir gesagt, dass ihr zwei nicht umsonst hierhergekommen seid. Ich höre, dass ihr schon lange gemeinsam darüber spricht, also über die Spirits uns so.» Ich gebe ein zögerliches «Mhh» von mir und sie fährt fort: « Jaja! Die Spirits haben euch erhört und euch heute den Beweis ihrer Existenz gegeben. Erzählt das und bringt das in die Welt in Liebe. Auch du gehörst zur nächsten Generation und du bist eine Lehrerin für andere Menschen.» 

Als kurze Einordnung merke ich an, dass wir uns tatsächlich im Voraus mit den Spirits auseinandergesetzt haben. Meine Freundin zehn Minuten vor dem Beginn der Séance und ich einige Tage vor der Séance, zu Recherchezwecken. Das «lange gemeinsame darüber Sprechen» beschränkte sich für uns also auf die gemeinsame Busfahrt zum Psi-Verein. 

Wir waren «Soldiers in Rome» 

Nun ist Mychael mit seiner Apport Verteilung dran. Wir filmen uns wieder gegenseitig und können deshalb ziemlich genau wiedergeben, was er uns mit auf den Weg gibt. Meiner Begleitung übergibt er einen blauen Stein mit den Worten: «This is from Buddha to study the masters, enlighten the energy and mastery.» Auch mir übergibt er einen blauen Stein und sagt «Same message», fügt aber noch hinzu: «The two of you had numerous lifetimes together. You’ve been sisters, you’ve been husband and wife, brothers, brothers and sisters, soldiers in Rome. And the experience, the relationship, was always positive. So this time it won’t be…no kidding!» Wieder lacht der ganze Saal und Mychael überreicht uns zusätzlich je ein Fläschchen des abgefüllten Öls. 

Auch für die anderen Anwesenden hat Mychael spezielle Mitteilungen. Der circa dreissigjährigen Frau kündigt er eine Überraschung an, seiner Meinung nach eine potenzielle Schwangerschaft. Einer anderen Frau gratuliert er, sie habe bereits die höchste Stufe vom physischen Leben erreicht und müsse, wenn sie nicht wolle, nicht mehr wiedergeboren werden. Als die Runde zu Ende ist, bedankt sich Sabin bei uns und bei den Medien und verabschiedet sich. Sie sieht ziemlich müde aus, als Übersetzerin hat sie heute wohl eine sehr anstrengende Rolle eingenommen. Wir schauen noch zu wie die Menschen langsam in den Eingangsbereich schlendern, es wird sich angeregt ausgetauscht und die Stimmung scheint mir sehr positiv, fast schon euphorisch zu sein. Wir packen unsere Sachen zusammen, ziehen unsere Schuhe wieder an und verabschieden uns. Es ist mittlerweile schon 22 Uhr, draussen ist es fast so dunkel, wie während der Séance. Doch die frische Luft tut uns gut und wir entscheiden uns, ein Stück zu Fuss zu gehen. 

Auf dem Heimweg schauen wir nochmals auf den ereignisreichen Abend zurück. Wir sind in eine fremde Welt eingetaucht und wurden herzlich aufgenommen. Für die meisten Anwesenden scheint der Abend ein sehr positives, aufregendes, vielleicht sogar perspektivenveränderndes Erlebnis gewesen zu sein. Ich möchte den beiden Medien oder dem Psi-Verein keine bösen Absichten unterstellen. Trotzdem stechen für mich die Banalität und die Vagheit vieler Aussagen sehr deutlich heraus. Auch die spezifischen Regeln, das strenge Kameraverbot und die Dunkelheit werfen Fragen nach der Plausibilität auf. Die Séance wirkte weniger zufällig als sorgfältig inszeniert und orchestriert. Die Frage nach Manipulation und wie damit umzugehen ist, kreist uns dementsprechend noch lange im Kopf herum.

Lou Büchler, 19. Dezember 2025