Signs and Wonders oder Dämonen im Schauspiel – Sonja Wondra im Sihlcity

Die deutsche Schauspielerin Sonja Wondra trat vergangenen Samstag das erste Mal in der Schweiz auf – allerdings nicht im Rahmen des Schauspiels als Kunstform. Nein, sie trat auf als «Sonja» bei «Signs and Wonders», eine Eventserie, in der es um «prophetischen Heilungs- und Befreiungsdienst» geht. Genau genommen ist es Sonja, die den Dienst durchführt. Und genau diesen Dienst wollte ich mir mal genauer anschauen.

Ein organisatorisches Chaos zum Anfangen

Ich fand also den Veranstaltungsort im Home Hotel im Sihlcity – mit Mühe – und wurde an der Tür, zusammen mit einer anderen jungen Frau, unfreundlich begrüsst und auf den Lift, mit dem wir in den 4. Stock sollen, verwiesen. Dort wurde nach meinem Ticket gefragt. Das existierte nicht; ich hatte einen Flyer gesehen, auf dem «Keine Anmeldung notwendig» vermerkt war, und mich – wohl mein Fehler – darauf verlassen. Die Dame, welche die Tickets kontrollierte, sagte also nach einem enttäuschten, fast entsetzten «auch kein Ticket?!», ich solle doch «bitte in den anderen Raum»; es gab zwei. Das tat ich auch. Dieser war für 60 bestuhlt, davon alle Plätze besetzt (gut, etwa 4 «reserviert»), und über 10 weitere Personen standen einfach. Ich setzte mich gemütlich auf den Boden und sah mich um. «Jesus» und «Evangelisation» waren wenig überraschende Stichworte, die ich aufschnappte. Später auch noch «Operation». Altersmässig war das Publikum in jeder Hinsicht gut durchmischt, inklusive Kinder und Jugendliche, plus mindestens ein Baby. Männer machten etwas weniger als einen Drittel der Anwesenden aus, und die Hälfte der Anwesenden war aus Deutschland angereist – und das nicht nur aus Süddeutschland. Ich musste mich fragen, wie viele der Anwesenden mit spezifischen Gebrechen angereist waren; in der Hoffnung, diese geheilt zu bekommen.

Etwas nach 14:10 – die Veranstaltung hätte um 14 Uhr beginnen sollen – tauchte Sonja auf. Ob man uns gesagt hätte, dass wir, wenn wir kein Ticket haben, bitte im Gang zwischen den beiden Räumen warten sollten. Ich dachte «nein», einige antworteten dasselbe, und Sonja fand: «Doch.» Alles klar – egal, was ich erlebe, wenn Sonja sagt, so war es, dann war es so. Keine Widerrede erlaubt, und wenn es genauso gut sein könnte, dass man uns wirklich etwas anderes gesagt hat.

Ich verschone die Lesenden mit den Ausführungen zu diesem organisatorischen Chaos, aber kurz: Nach und nach wurden Menschen doch in den Saal gelassen, während andere nach Hause (oder vielleicht shoppen, im Einkaufszentrum gleich nebenan) gingen. Ziel: Notausgänge freihalten. Der Ansturm war über 200 Leute, Platz hatte es – ohne jene, die auf dem Boden sassen – für 180 (wenn ich mich nicht verrechnet habe). Sonja entschuldigte sich – nicht, aber sie erklärte, es sei wohl wegen eines Interviews, das stattfand, nachdem der Event schon geplant war, und für mehr Bekanntheit geführt hatte. Tja – die Vermarktung als «keine Anmeldung notwendig» schien ihr auch nicht bewusst. Reserviert waren die Räume unter «Christliche Seelsorge und Beratungspraxis», ein äusserst harmloser Name für das, was faktisch passiert ist: «Befreiungsdienst», im Volksmund besser verstanden als «Exorzismus». Die Austreibung von Dämonen. Dazu kam es aber erst zweieinhalb Stunden später.

Ich ergatterte mir doch noch einen Platz im grösseren Raum, wo Sonja auftreten würde, und wartete weiter. Einzelne begannen, während des Wartens Lieder zu singen; leider solche, die ich gar nicht kannte.

Luftlos durch den Worship?

Um 14:47 kam eine Dame des Teams hinein, informierte uns, dass sie die Klimaanlage nicht zum Laufen brächten, und dass wir bitte kurz rausgehen sollten, wenn wir frische Luft bräuchten. Dann begann wenigstens mal der «offizielle» Lobpreis, Gebete gemischt mit Liedern, in denen «Thron», «Motivation» und «Nation» in einem Reimschema standen, oder «alle anderen Götter sind Götzen» voller Kraft und Freude gesungen wurde; ein Liedtext, den ich aus einer Perspektive der interreligiösen Akzeptanz nicht mitsingen kann. Ein Liedtext handelte davon, dass «wir» uns «mehr von deiner Gegenwart» wünschten. Gemeint: Vermutlich das Gefühl der Gottesgegenwart, oder das Spüren des Heiligen Geistes. Den Liedtext musste man sich nach mehrfacher Repetition erarbeiten; ich persönlich kannte kein einziges Lied. Wenigstens schien die Klimaanlage irgendwann doch zu funktionieren.

Nach gut einer Stunde Worship mit Gitarre, Gesang und Klavier – und das nach einer fast einstündigen Wartezeit, bis überhaupt mal was passierte – hatte ich persönlich keine Motivation mehr zu singen, und wartete einfach nur noch, bis es losging. Zum Glück nicht mehr lange: Etwa zehn Minuten später trat Sonja auf, und begrüsste uns alle.

Theodizee und keine OP: Unhilfreiche Antworten auf grosse Fragen

Sie begann die Predigt mit «Zeugnissen», das heisst: erst mal erzählten andere Menschen von Erlebnissen, in denen Sonja für sie gebetet hatte und der Schmerz sich erledigte, oder weshalb sie es diese Woche fast nicht geschafft hätten, hierhin zu kommen. Einer erklärte, sein Schwiegervater sei auf der Intensivstation. Für ihn klar: «Der Herr lässt es zu, damit mein Glaube wächst». Als Antwort auf die Theodizee-Frage – warum lässt ein guter und allmächtiger Gott Leid zu – nicht besonders befriedigend. Die nächste Person erklärte, sie sei seit letztem Jahr chronisch krank. Aber sie habe das im Glauben gebrochen: Sie glaube daran, dass sie geheilt sei, und dass sie keine Operation brauche. Ich hoffe es für sie, denn wenn sie die Operation bräuchte und sie verweigert, können daraus langfristige Konsequenzen entstehen.

Über Partner und Uber-Fahrer

Sonjas grundsätzliche Positionen lassen sie gut einschätzen: Sie erklärt, die Salbung, und die Heilung, seien schon da, man müsse auch dran glauben, es hänge auch von der Atmosphäre ab. Allerdings sei es schon «gebrochen» (die verwendete Wortwahl, wenn es darum geht, dass eine Krankheit oder ein Problem als «gelöst» zu betrachten gilt). Sie ist als pfingstlich bis neocharismatisch einzuschätzen. Sie machte auch eine Anzahl Kommentare zu diversen Themen, darunter sexuelle Unmoral, von ihr konsequent buchstabiert als «s-e-xuelle» (fairerweise waren auch mehr als 5 Kinder im Raum, und für YouTube und andere Plattformen ist dieser «Algospeak», also das Anpassen des Redens, um automatischer Zensur zu entgehen, unterdessen üblich), die nannte sie vermehrt. «Es gibt einen Partner für dich, und den bitte heiraten», erklärte sie. Von allen anderen soll man sich bitte geistig trennen.

Auch sie sprach sich aktiv gegen andere Gottheiten aus. So erzählte sie, wie sie jeweils ihre Uber-Fahrer anspreche – «weil die können nicht weg», Sonja kicherte – und frage, ob sie schon ein Wunder mit ihrem Gott erlebt haben. Wenn die sagten «nö», fände sie: «Dann lebt er wahrscheinlich auch nicht!», und wieder kicherte sie. Kein Paradebeispiel für interreligiöse Akzeptanz. Und schon gar keine Vorbildsfunktion dazu, wie man mit Uber-Fahrern, oder überhaupt anderen Menschen, respektvollen Austausch betreibt.

Kameras, Hexen, und eine Prise Überheblichkeit

Während sie sprach, liefen allerlei Menschen mit Kameras durch den Raum – das heisst, mindestens zwei. Ich hatte es aufgegeben, mich vor beiden zu verstecken. Dieser Event würde wohl zusammengeschnitten und hochgeladen werden. Von Sonja gibt es viele Clips online, und das nicht nur von ihren Rollen. Nein, sie sei «Comedy-Material für ganz Deutschland», wie sie selbst mit Lachen erzählte, auch wenn manche sagten, sie sei «ne Hexe» (wohl mit der Begründung, dass sie Dämonen austreiben will). Ihr sei das egal, und uns sollen solche Dinge auch egal sein. Mit Kritik hierzu beschäftigt sie sich auch nicht besonders. Der Hauptkommentar unter ihren Videos, erklärte sie, sei «das fühlt sich nicht gut an», bzw. habe die Person, die den Kommentar schreibe, ein ungutes Gefühl beim Zuschauen. Sonja fand: Das soll es auch! Gute Dinge, wie Disziplin und Selbstbeherrschung, die vom Heiligen Geist seien, fühlten sich «auch nicht gut an». Wenn ich mich also nicht wohl fühle, dann findet Sonja: «deine Dämonen fühlen sich nicht gut!».

Wer anderen Menschen erklärt, dass sie sich nicht auf ihr eigenes Körpergefühl verlassen sollten – wichtig zur Einschätzung, ob man selbst sich in einer Gemeinschaft wohl fühlt, ob man selbst sich in einer Situation wohl fühlt, oder ob es Grenzen gibt, die man selbst ziehen sollte – der nimmt ihnen ein fundamentalen Aspekt der Selbstwahrnehmung weg. Statt auf mein Körpergefühl zu hören – das mir sagt, ob das hier gut oder nicht gut ist – müsste ich auf Sonja hören, welche offenbar die Auffassung vertritt, sie wisse die absolute Wahrheit und könne mir, und allen anderen Menschen, diese auch erklären. Wie überheblich muss man hierfür sein?

«Meine Realität» und die andere Realität

Wenn wir ein Zeugnis hörten, so könnten wir glauben, dass es für uns genauso gelte, denn «der Herr macht keinen Unterschied zwischen den Menschen». Es sei nicht Gottes Plan, einen leiden zu lassen, ja es sei «eine Lüge, dass Gott noch wartet», denn «warum sollte er? Ist er Satan?». Wie viele Menschen leiden? Und wie viele Menschen sehnen sich nach einem Ende dessen? Dazu hatte sie aber auch eine Erklärung. «Meine Realität» unterscheide sich von «Gottes Wahrheit», und so müsste ich in diesem Artikel, wenn’s nach Sonja ginge, schreiben: «In meiner Realität sind noch nicht alle Menschen geheilt, in Gottes Wahrheit aber schon.» Mit aller Selbstverständlichkeit wies sie auf den Bibelvers aus Jesaja 53, 4 («er hat unsere Krankheiten getragen») hin.

Ich persönlich denke bei solchen Versen eher an den leidenden oder «gekreuzigten» Gott – der mit-leidende Gott. Aber auch das ist nur eine Lesart: Der Vers kann sehr unterschiedlich gelesen werden. Sonja hat sich offensichtlich dazu entschieden, dies als finalen Abschluss aller Krankheiten der Menschheit, gültig ab spätestens Jesu Tod, zu interpretieren. Eine Lesart, der ich mich nicht anschliessen kann.

Optionen zum Verhalten bei «Befreiung»

Sonja erklärte weiter, dass bei Befreiungen alles passieren könne. Man – also wir, das Publikum – soll Gott ranlassen, egal wie peinlich es sei. Sie bete nicht «nett», denn «die [Dämonen] kennen auch kein Pardon». Sie schaue ihnen in die Augen, sage «komm hoch und geh». Es könne bei Befreiungen vorkommen, dass Menschen weinen, husten, erbrechen, gähnen, lachen, zittern – Zittern könne auch schon reichen, bis der Dämon rausgehe. Ich fand ihre Erklärung etwas suggestiv. In gewisser Weise zählte sie einfach auf, was wir – das Publikum – später beim «Befreiungsdienst» erwarten sollten. Wie wir uns verhalten könnten. Natürlich war ihre Argumentation, dass wir das alles zulassen sollten, egal wie peinlich es sei. Ich empfand es aber als indirekten Hinweis, dass wir bitte eines davon tun sollten. Dazu erklärte sie, dass bei manchen auch einfach nichts passieren könne. Wegen dem könnte man trotzdem eine Befreiung erfahren haben, und es dann erst später feststellen. Kurz: Egal, was passiert oder nicht passiert, es kann ein Zeichen dafür sein, dass eine «Befreiung» stattgefunden haben soll.

Zugegebenermassen hatte ich am Anfang, lange bevor sie das Gähnen erwähnte, schon gegähnt. Ich wage zu bezweifeln, dass das ein Ende einer dämonischen Besetzung war – ich gähne oft, wenn frische Luft Mangelware wird. Aber wer weiss.

Religiös: ein Schimpfwort in der Szene

«Religiosität» empfand Sonja als ganz schlimm. Sie nannte es immer wieder als etwas, das nicht zu tun sein sollte. Im freikirchlichen Umfeld bin ich mir bereits gewöhnt, dass «religiös» als negativ empfunden wird, und diese Ablehnung finde ich auch bei Sonja. Mehr Gebet – also mehr selbst tun – sei nicht, was zu tun sei, und befreien könne man übrigens auch, wenn man gestern nicht gebetet habe. Sie erklärte, dass Dämonen manchmal zu diskutieren versuchten, weil sie nicht weg wollten, und dass wir bei Befreiungen nicht mit uns diskutieren lassen sollten. Denn sie würden alles versuchen, um bleiben zu können, um uns das Gefühl zu geben, wir hätten die Autorität nicht. Und so erklärte Sonja mehr und mehr, wie wir Befreiungen durchführen könnten, anhand vieler Anekdoten.

Über Hexen und die Notwendigkeit eines Notarztes

So erzählte sie von einer Frau, deren familiäres Umfeld in der Hexerei tätig sei. Sie wäre nach und nach mit den einzelnen Personen dieser Familie ins Gebet – über mehrere Wochen verteilt. Bei einer Person mussten sie aus der Kirche raus – die wurde geschlossen – und sie betete dann auf der Strasse. Jene Person habe «manifestiert» und wäre auf dem Boden gelegen. Da sei eine Person hinzugekommen und habe gefragt: «Brauchen Sie einen Notarzt?». «Nein….» habe Sonja geantwortet, und mit der «Befreiung» weitergemacht: «… in the name of Jesus», so erzählte es Sonja. Sie beschwerte sich darüber, dass in solchen Situationen Menschen kämen und sich erkundigten, ob ein Notarzt notwendig sei, weil das «den Flow» unterbreche.

Eine Person aus dieser Familie habe Blut gespuckt. Nach Sonja auch ein Zeichen, dass Dämonen raus gingen, denn: die Person habe auch Blutopfer gemacht.

Wie zu beten sei

Bei Kindern bete sie «ganz zart», damit diese nicht in zehn Jahren beim Psychologen sitzen. All das. Nur dass es bei Erwachsenen ähnlich traumatisierend sein könnte, ist ihr offensichtlich egal. Nein, bei Erwachsenen betet sie, dass die Dämonen «Höllenqualen» erleiden sollen. Beten sollen wir «mit Power», und nicht nachlassen. Und gleich soll man nicht beten: «Jesus, bitte befrei diese Person», sondern im Namen Jesu befehlen, dass rauszugehen sei. An und für sich nicht unbiblisch, nur hat bei Jesus, den biblischen Geschichten nach, ein einziges «Raus jetzt» gereicht.

Nach einer Weile hatte ich mich auch daran gewöhnt, wie hier «Gebet» zu verstehen war. Ich persönlich lese das «Raus jetzt» in den biblischen Geschichten nicht als Gebet, ganz im Gegensatz dazu, wie es im Raum verstanden wurde. Auch fiel mir auf, dass im gesamten Raum kein einziges Gebet mit «Amen» beendet wurde. Oder dass überhaupt ein Gebet beendet wurde. Das dürfte an solchen Anlässen üblich sein, denn ein «Amen» ist ein Abschluss, und den schienen sie hier nicht zu wollen.

Über Traumata und OPs

Über ihre mehr als einstündige Predigt nannte Sonja verschiedene «Einfallstore» für Dämonen, genau genommen eine Reihe von möglichen Sünden (wie «s-e-xuelle Unmoral»). Dies ist eine übliche Auffassung in dieser Szene.

Aber Dämonen würden, so Sonja, nicht nur wegen Sünden erscheinen, sondern auch wegen Traumata. Auch dies ist eine übliche Auffassung bei jenen, die solche dämonologischen Besetzungen vertreten. Da gäbe es einen «Riss» in der Seele, durch den die reinkommen könnten. Wie ausserordentlich nett von ihr – wer traumatisiert wird, hat nun nicht nur die Konsequenzen des Traumas, die schon mehr als genug sein dürften, sondern auch noch einen oder mehrere Dämonen. Wer sowieso schon mit dem Trauma selbst zu kämpfen hat, darf sich jetzt auch noch besessen, oder vielleicht besser: besetzt fühlen.

Eine Dame aus dem Publikum rief: «oder bei Anästhesie». Damit fand sie nur geringfügig Anklang. «Wenn man ne OP braucht, braucht man ne OP», sagte Sonja. Sie scheint also diesbezüglich etwas gemässigter zu sein als jene, die finden, sie bräuchten eben genau keine OP; auch wenn diese Aussage entschieden im Gegensatz steht zu ihrer Auffassung: «wir sind schon geheilt». Wie sie dies für sich vereinbart?

Denglisch mit Gott?

Sonja erzählte uns von «familiar spirits», also Dämonen oder «spirits», die aufgrund der eigenen Familie auch leichter auf einen Einfluss nehmen könnten – wenn man ihnen die Tür öffne – und von «marine spirits». Sie sei selbst sehr überrascht gewesen, als Gott ihr offenbart habe, dass es dies gäbe. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, ob Gott sich dazu entscheide, mit Sonja manchmal auf Englisch zu sprechen. Vielleicht ist sie mehrsprachig aufgewachsen, denn ihre Ausbildung scheint sie in Deutschland absolviert zu haben. Ansonsten wäre es gar bizarr, wenn Gott einer deutschsprachigen Person erklärt, dass die Dämonen aus Markus 5, 11-13 übrigens «marine spirits» waren. Dass ihm der Begriff zu Deutsch gefehlt hätte, wage ich zu bezweifeln.

Nennenswerte Dämonen, und das unchristliche Manifestieren

Sonja zählte einige Dämonen auf, die man wohl namentlich kennen sollte. Isebel – eine gar beliebte Figur in dieser Szene, die konstant wieder erwähnt wird als besonders signifikant, und die anscheinend «nicht allein» kommt. Sie und «Leviathan», der bei Stolz auftritt, die lachen gerne, wenn man Dämonen austreibt. Baal, uns bekannt als einer der kanaanitischen Gottheiten, der käme, wenn man «tiefere Esoterik und Hexerei» wie Voodoo und Reiki ausführe. Allgemein bei Hexerei, der Python-Geist. (Wer einen Background in Informatik hat und wie ich an die Programmiersprache denken muss: Nein, leider nicht.) In der Nacht: Inkubus und Sukkubus. (Die beiden Kategorien sind in üblichen Mythologien damit assoziiert, dass sie nachts erscheinen und Frauen bzw. Männer sexuell verführen, woraus sie Kraft für sich selbst erlangen und diese den Menschen entziehen.) Und: Lilith. Diese unglaublich bekannte Figur aus der jüdischen Mythologie erscheine, wenn «ein Kind nicht geboren wird … wenn ihr versteht, was ich meine.» Also: Wenn man ein Kind abtreibt. Dafür eine Figur zu nehmen, deren Bestrafung innerhalb der Mythologie das Töten von Hunderten ihrer Kinder am Tag ist – als Strafe, damit sie leidet – scheint mir eine interessante Entscheidung. Sie machte es expliziter, indem sie spezifizierte: «wenn man selbst dafür sorgt». Götzendienst und Stolz soll man bitte seinlassen. Die Dämonen für «Krankheit» spezifizierte sie – sehr zu meiner Enttäuschung – nicht weiter, auch keinen Namen dazu; stattdessen lieferte sie eine lange, lange Liste von möglichen hexerischen Tätigkeiten, inklusive «New Age»-Ansichten, durch die man sich dämonisch beladen könne oder würde. Interessant – neben den simplen Beispielen wie wenn man «mit Kristallen arbeitet» oder «Blutopfer bringt» – war dabei auch ihr Kommentar zum Spiritismus, dem Austausch mit Toten: «Du kannst deine tote Omi nicht spüren, die geht entweder nach oben oder nach unten». Himmel oder Hölle also.

Wenig überraschend erklärte sie auch Manifestation als «ursprünglich christlich», denn der Heilige Geist sei da nicht mehr vorhanden, und ohne Geist täten wir nichts; also entweder tun wir es mit dem Heiligen Geist oder einfach «mit einem Geist». (In aller Selbstverständlichkeit: einer «der anderen Seite».) Funktionieren würde Manifestation eben genau weil der Glaube das Ausschlaggebende sei, allerdings mit der Konsequenz des «falschen» Geistes. Dabei kritisiert sie nichts, das an der Manifestation kritisiert werden dürfte: beispielsweise dass es nicht immer funktioniert, sondern nur etwa die Hälfte der Zeit, also reiner Zufall; dass es weltliche Lösungen vernachlässigt – denn manche Probleme wären wirklich einfach lösbar, wenn man sich nur mal hinsetzen und nachdenken würde – oder dass es eine ungemeine Last für den einzelnen Menschen verursacht, wenn dieser alles vom eigenen «Ganz Fest Dran Glauben» abhängig macht.

Zur psychischen Belastung

Zu meiner persönlichen Überraschung ging sie in ihren Beispielen etwas mehr auf psychische Krankheiten ein als auf «körperliche» oder sichtbare(re) Gebrechen. Insofern mein Fehler – natürlich ist es heute passender, wenn man Menschen von ihren psychischen Problemen befreit. Da ist es auch schwieriger zu überprüfen, ob etwas geschah; denn was geheilt wurde und was nicht, kann schlecht mit Röntgen oder Blutuntersuchung festgestellt werden. Wem es besser geht, dem geht es besser, und da freuen wir uns natürlich drüber. In der Hoffnung, dass dieser «Befreiungsdienst» nicht noch mehr Traumata, Belastung und Stress auslöst.

Von der Glaubwürdigkeit

Die Aussagen des Teams, in Kombination mit Sonjas Erzählungen über all ihre Erfolge, baute ihre Glaubwürdigkeit weiter auf. Wer im Raum mit Zweifeln hineingekommen war, dürfte diese nach und nach in Frage gestellt haben, während der Rest Bestätigung ihrer Ansichten sah. Auch ich fragte mich, wie genau ihre Erzählungen sich wirklich abgespielt haben dürften. Zum Glück konnte ich danach «Befreiungen» genau beobachten, und mir ein genaueres Bild machen.

Bitte Kontrolle loslassen … und eine kleine Spende

Es war also an der Zeit, an den nächsten Teil zu kommen. Sonja wollte für uns alle beten, also «gründlich» dafür sorgen, dass bei allen die Dämonen raus gehen. «Wir haben den Raum nur bis 22 Uhr», erklärte sie, etwa um 17:20. Es ginge schneller, wenn wir die Kontrolle losliessen.

Ehe Sonja betete, unterbrach sie eine Dame des Teams, und machte darauf aufmerksam, dass wir «voll in Freiheit», wenn wir es «auf dem Herzen» hätten, etwas spenden dürften. Den Aufruf hätten sie schon oft vergessen, denn sobald Sonja bete, gehe es los mit dem Heiligen Geist.

Sonja übernahm wieder und erklärte, sie hätte die ganzen Transportkosten sowie die Übernachtungen der 16 Leute im Team übernommen, sowie natürlich die Miete des Raumes.

Weiter würden sie die ersten paar Befreiungen mit drei Kameras aufnehmen und publizieren, und wir sollten uns melden, wenn wir dies nicht wollten.

Wenn ein jüdischer Neujahrstag zur Zungenrede wird

Also begann Sonja zu beten. Und wie sie betete: Mit lauter Stimme, «kraftvoll» könnte man sagen, und innerhalb von kurzer Zeit wechselte sie schon in die Zungenrede; bei ihr durchgehend entschieden semitisch wirkend. Oft am Anfang ihrer Zungenrede: «Rosch schana», ein sehr hebräisch klingender Ausdruck, der mit geringer Anpassung zu «Rosch ha-Schana», also der jüdische Neujahrstag, durchaus eine gewisse Bedeutung hat. Nur eben nicht wirklich im Kontext mit dem Heiligen Geist. Insgesamt begann sie mindestens fünf Mal ihre Zungenrede mit «rosch».

Wer hustet, wird befreit?

Bei mehrfachem Wiederholen eines ihrer «Zungenrede»-Sätze hatte ich tatsächlich langsam Gänsehaut. Ich würde aber von mir selbst sagen, dass ich sehr schnell mal Gänsehaut kriege (bei jeglichen Konzerten gleichwohl), und war davon nur geringfügig überrascht. Später wurde die Gänsehaut tatsächlich stärker. Nämlich dann, als es laut, und intensiver, wurde: Ein Mädchen, so nehme ich an, weit vorne begann zu kreischen. Sonja lief zu ihr, sagte «in Jesu Namen, sei still, Spirit», und betete weiter. Das Mädchen wurde still, für die nächsten ca. 20 Minuten. Einzelne begannen zu husten. «Auch Husten ist ein Zeichen, dass der Heilige Geist wirkt!», rief Sonja, und noch mehr begannen zu husten. Ich habe die Zeit mit Corona noch sehr deutlich in Erinnerung, und wenn ich mich in einem Raum voller hustender Menschen befinde, ist mein Impuls: Raus hier. Ich entschied mich aber zu bleiben und hoffte, dass der Heilige Geist mir wenigstens diese Viren ersparen würde.

Sie betete und wählte zufällig Leute aus: «die Dame hier vorn!», «Die Dame in weiss da hinten!», «die Dame in rot!», die einfach erwähnt wurden, damit sie sich wohl angesprochen fühlten. Ich fragte mich, ob sie mich meinte – notabene in weiss und weiter hinten – und entschied mich dagegen. Irgendwann begann sie, spezifisch zu Menschen zu gehen, und für sie zu beten; dicht gefolgt von ihrem dreiköpfigen Kamerateam bzw. drei Kameras.

«Befreiungsdienst» aus nächster Nähe

Als sie zwei Reihen vor mir jemanden entdeckte, hatte ich sehr gute Sicht. Eine Dame in dieser Reihe hatte bereits länger Husten, spätestens seit Sonja das Husten erwähnt hatte, und sie hustete noch viel weiter. Sonja bewegte sich zu ihr, und begann zu beten. Das Gebet beinhaltete sehr viel Englisch: «OUT OUT OUT, IN THE NAME OF JESUS». Sie blickte der Dame ins Gesicht – in die Augen – und deklarierte, dass die Dämonen (oder «Spirits», wie sie sie nannte) raus zu gehen hätten. Minutenlang hustete die Frau, und Sonja betete weiter, auf Denglisch. Die «Spirits» aus der Hexerei sollen die Dame verlassen, insgesamt soll alles raus. Eine weitere Person schrie laut auf. Sonja lief schnell zur anderen Person: «Sei leise, spirit, in Jesus Namen», die Person wurde leiser und weinte – hörbar, aber nicht schreiend – und Sonja lief wieder zur immer noch hustenden Dame zwei Reihen vor mir. Der Husten war schlimm anzuhören, und ich war nicht die Einzige mit der Erwartung, dass ihr Körper noch etwas anders reagieren könnte, denn Sonja rief laut: «eine Kotztüte, bitte!». Derweil begann ich mir Sorgen zu machen. Was würde passieren, wenn diese Frau wirklich einen medizinischen Notfall hätte – würde sie Hilfe bekommen? Würde man verstehen, dass es «jetzt ernst» ist? Nach Sonjas Erzählung über die Situation, in denen die Frage nach Bedarf an Notarzt als unpassend und unhilfreich empfunden wurde, bleibt mir nichts als zu hoffen, dass an ihren Veranstaltungen niemals jemand einen Notarzt benötigen wird. Denn schliesslich sei auch Blut zu spucken ein Zeichen, dass der Befreiungsdienst wirkt; wenn man nach ihrer Predigt geht.

Leichtigkeit gefällt Dämonen nicht

Sonja betete für ein Gefühl von Leichtigkeit für die hustende Dame, und das Mädchen vorne schrie wieder auf. «Das gefällt denen nicht», erklärte Sonja, und grinste ins Publikum. Ungünstigerweise grinste sie mich an. Keine besonders gute Entscheidung, wenn man Resonanz für die Aussage erwartet; ich brachte es nämlich nicht über mich, ihr zuzustimmen, und das dürfte sich auf meinem Gesicht gezeigt haben. Viel eher machte ich mir Sorgen um die immer noch hustende Dame. Glücklicherweise nicht mehr lange; der Husten hörte bald darauf – endlich! – auf und die Dame begann stattdessen zu weinen. Der Raum klatschte. Ich nicht. Und Sonja betete weiter für sie; also dieses Mal nicht gegen den Dämon, sondern für den Mensch, der vor ihr sass.

Auf drei!

In der Reihe direkt vor mir weinte bereits die nächste Person, und Sonja hatte sie auch schon gesehen, und kommentiert, dass es «schon bei der nächsten» losgehe; noch bevor die erste Dame zu husten aufgehört hatte. Sie bewegte sich also nun in diese Reihe, wieder etwas näher, und betete nun dort «den Dämon weg». Ich setzte mich möglichst subtil so hin, dass mich die Kameras nicht aufnahmen, ich das aber doch sehen konnte. Dieses Mal – und das war das erste Mal – fragte Sonja, ob es überhaupt okay wäre, wenn es so «öffentlich» passiere. Für die weinende Dame ging es in Ordnung. Sonja betete also auch für sie, und auch dieses Mal betete sie die «Spirits» der «Hexerei» weg. Auch dieses Mal: «OUT OUT OUT, IN JESUS NAME», und die Frau weinte weiter. Dann entschied Sonja, auf drei zu zählen: «Eins, zwei, drei!», und die Frau hustete. Wenig überraschend. Wenn die Aufmerksamkeit von etwa 120 Menschen auf mir liegt, drei laufende Kameras auf mich gerichtet sind, und die Dame, für die ich extra angereist bin, erwartet, dass bei «drei» etwas passiert, dann passiert bei «drei» auch etwas. Husten ist da noch die sinnvollste Idee. Es ging weiter, und irgendwann war auch bei dieser Dame der Punkt erreicht, an dem Sonja entschied, dass der Dämon jetzt weg war. Für mich gab es da kein klares Zeichen, nichts Körperliches oder ein Wechsel in der allgemeinen Atmosphäre. Aber ich habe diese «Befreiungsgabe» wohl auch nicht. Wenn Sonja entschied, jetzt war der Dämon raus, dann klatschte der Raum. Ich entschied mich erneut dagegen mitzuklatschen.

Fall jetzt um!

Die nächste Dame wurde gebeten aufzustehen. Sie bewegten sich an den Rand des Raums. Sonja sprach mit ihr, fragte nach dem Namen, und ob sie sich wünsche, mehr Gaben des Heiligen Geistes zu erhalten. Eine einfache Suggestivfrage: Wenn ich nicht weiss, was die Person hat, dann fang ich mit etwas an, das statistisch nicht unwahrscheinlich ist. Auch wenn die Frau ursprünglich etwas anderes gedacht hätte, hätte sie vermutlich trotzdem genickt. In der Situation würden die wenigsten Menschen sagen: «Nein, eigentlich nicht.», und schon gar nicht jene, die ein Ticket geholt haben, um da zu sein. (Wenn Sie, geschätzte Lesende, das auch im Anblick einer Person, die Sie unmässig schätzen, können, dann Hut ab.)

Sonja betete also auch für sie, und zwei Menschen standen hinter ihr, um sie aufzufangen. Nach einigem Gebet schien Sonja die Dame anzustossen – denn diese bewegte sich zwei Schritte nach hinten; klar Auffangschritte, um nicht umzufallen. Leider nicht, was Sonja geplant haben dürfte, denn: Dass an solchen Events die «Befreienden» manchmal mit etwas viel Schwung die Hand «auflegen» und Menschen dann eher mal umfallen, ist eine international etablierte Tendenz. Sonja würde wohl hier sagen, dass «der Heilige Geist mit viel Schwung die Hand auflegen wollte», oder etwas dergleichen. Hauptsache, der Heilige Geist wird für alles verantwortlich gemacht.

Die Frau fiel schliesslich nach vorne um. Sonja bat das Publikum ringsum zum Gebet. «Feuer», sollen wir alle rufen. Und so riefen alle um mich «FEUER», laut, mal gleichzeitig, mal versetzt. «Feuer für dich, spirit! Höllenqualen für dich!», so Sonja. Und so ging es weiter, bis irgendwann entschieden wurde, jetzt sei alles raus. Und dann, natürlich, wieder ein Klatschen.

Dämonische Besetzungen in Kindern?

Dann noch die letzte Person, die ich nennen will: eine Jugendliche, dem Gesicht und der Grösse nach etwa 12, in den vorderen Reihen; ich vermute, es sei jenes Mädchen, das schon von Anfang an kreischte. Sie schrie mehrfach auf, und wurde von zwei des Teams festgehalten. Mich erschreckte der Gesichtsausdruck der beiden. Sachlich, unbeteiligt; sie schienen zu denken: «das schon wieder». Nicht gerade sehr viel Mitleid für ein schreiendes Kind. Sonja sagte zum Kind: «Halt still», und sagte zu uns: «man muss es ihnen nur sagen, dann machen sie». Das Kind hielt still. Sie bete später für das Kind, im Einzelnen, erklärte Sonja.

Wie unglaublich schlimm muss es sein, als 12-jährige an einen solchen Event zu gehen? Das Schreien muss nicht vergeistlicht und dämonologisiert werden, um einen Grund zu haben. Viel eher würde ich mich darum kümmern, ob dieses Kind professionelle Hilfe braucht. Professionelle Hilfe von einer ausgebildeten Fachperson, nicht einer Schauspielerin, deren Hobby Dämonenaustreibung ist. Oder vielleicht auch sonst etwas mehr Aufmerksamkeit von den eigenen Eltern oder dem eigenen Umfeld, wenn die sich nur interessieren, wenn man «manifestiert». Wer weiss – ich kannte sie nicht. Die anderen Kinder im Raum «manifestierten» nicht, sondern sassen friedlich auf ihren Plätzen. Ob sie mitbekommen haben, was da passierte?

Fazit

Dieses erste Beten war nach etwa 40 Minuten vorbei. Sonja erklärte, sie würde sich jetzt endlich umziehen gehen und dann ins Einzelgebet starten. Ich hatte genug gesehen, und gehört. Nach vier Stunden Anlass, um 18:06, war Zeit zu gehen. Ich sah einzelne Menschen weinen. Heftig, und intensiv. Ich hätte auch gern geweint. In einem Raum zu sitzen mit so vielen Reizen, so vielen Menschen, und vor allem: so viel Leiden, das zum Ausdruck gebracht wird, durch Weinen, Kreischen, Schreien. Das nimmt einen mit. Ich verstehe es, wenn man glauben will, dass das alles nur der Heilige Geist war, der den Dämonen Leid verursachte. Denn wenn man den Heiligen Geist aus der Gleichung nimmt, steht man da mit einem Raum voller Verzweiflung und Schmerzen, die nicht richtig anerkannt werden. Man steht da mit Menschen, die Lösungen suchen, und denen erklärt wird, das Problem sei in ihnen drin – sie seien fremdbesetzt, müssten befreit werden. Menschen, die hart angefahren werden, mit der Erklärung, das richte sich an den Dämon. Und vor allem: Menschen, die verletzlich sind – und deren Verletzlichkeit ausgenutzt wird, damit der Rest seinen eigenen Glauben bestätigt sehen kann.

Ich halte Sonjas Art, mit Menschen umzugehen, für unverantwortlich. In ihrer Funktion trägt sie den Besuchenden gegenüber Verantwortung. Dieser wird sie entschieden nicht gerecht.

Angela Heldstab, 04.05.2026

Lexikoneintrag Sonja (Signs & Wonders)