Wandergruppen und ein KI-Matterhorn
Der Zug ist ungewöhnlich voll für einen Samstagmorgen. Durch das sommerliche Wetter wurden mehrere Wandergruppen und Velofahrer*innen hervorgelockt, die sich nun um uns in den Zuggängen tummeln. In Pfäffikon SZ angekommen, erwartet uns eine ländliche Atmosphäre mit frischer Luft und Kuhglocken. Diese Klänge bringen Erinnerungen an Nancy Holtens Kuhglocken-Initiative hervor und bieten so einen Vorgeschmack auf die uns bevorstehende Lebenskraft Messe, wo wir auf Nancy Holten zu treffen hoffen. Nach einem kurzen Fussmarsch erreichen wir das Seedamm Plaza Hotel und begrüssen das Relinfo-Team, bevor wir in die Welt der Esoterik eintauchen.
Wir werden von zahlreichen Ständen begrüsst und erhalten eine Merch-Tasche, um Flyer und Prospekte zu sammeln. Als Start besuchen wir den angekündigten Vortrag von Shiva Guruji. Wir werden jedoch von Shivani Shakti Himalaya begrüsst und sie verkündet, dass Shiva Guruji sich leider im Himalaya befindet. Dementsprechend ist er nur in Form von KI-Videos anwesend: Singend und Gitarre spielend, umgeben von bunten Blüten und leuchtenden Mustern, sitzt er vor dem verschneiten Matterhorn und wird von nicht wettergerecht gekleideten Feen umschwirrt. Begleitet wird er von einer Geigenspielerin in weissem Gewand, mehreren Regenbögen und einem KI-Song über «Lebenskraft». Shivani Shakti Himalaya übernimmt den Eröffnungsvortrag und referiert über die «Neue Ära der Frauen». Sie motiviert Frauen, Gurus zu werden, und singt zum Abschluss mehrere Mantras vor.
Es steht in den Sternen geschrieben
Wir schlängeln uns durch das Messegelände, bis wir vor Nancy Holtens Stand stehen bleiben. Er ist unverkennbar, denn Holten lächelt uns von einem lebensgrossen Banner schon aus grosser Entfernung an. Mit Bedauern entziffern wir das kleine Schild mit der Aufschrift «Ich bin morgen wieder da». Ein paar Meter weiter werden wir von Jahn Koch angesprochen. Unter dem Namen «Astrascriptura» bietet er «psychologische Astrologie nach Herman Meyer» und «Astrocoaching» an. Für fünfundzwanzig Franken lässt sich Lukas auf eine Horoskop-Besprechung ein. Zur Erstellung des Horoskops ist die exakte Geburtszeit ausschlaggebend, deshalb ist ein kurzes Telefonat mit Lukas’ Mutter erforderlich. Lukas gibt Fragen und Probleme seines Lebens an, woraufhin Koch diese mit Planetenkonstellationen begründet. Als Lösungsvorschläge bietet er rationale, aber allgemeine und eher vage Ratschläge. Trotzdem sind wir beeindruckt von Kochs Wortgewandtheit und unterhalten uns eine Weile mit ihm. Nachdem wir das ausgedruckte Horoskop in unsere Merch-Tasche verstaut haben, geht es weiter zu dem vielbesuchten Aura-Fotografie Posten.
Die Aura eines Beichtvaters
Lou darf sich vor die Aura-Kamera setzen und platziert ihre Hände auf zwei handförmigen Sensoren. Auf Nachfrage zur Funktionsweise wird auf Geheimhaltung und Unwissen verwiesen, die Kamera sei aber ein «ganz spezielles Konstrukt». Lous Aura ist in verschiedenen Blautönen schlicht gehalten. Dreissig Franken bezahlen wir für das Foto und weitere dreissig kostet uns die Aura-Beratung. Die Mutter des Fotografen, Reinhild Brieger, setzt sich zu uns und liest Folgendes aus Lous Aura: Sie sei Anlaufstelle für Probleme und Anliegen anderer Menschen und habe deswegen eine «Beichtväter-Aura». Lou könne das wahre Wesen eines Menschen sehen, dürfe sich aber nicht mit anderen vergleichen, da dies ihrer persönlichen «Hölle auf Erden» gleichkäme. Zum Abschluss darf sie sich ein Zettelchen ziehen, welches laut Brieger ausgezeichnet passt: «Ich bin Liebe und Lebensfreude». Auf die zusätzlichen 30 Franken für Aura Chirurgie verzichten wir. Wir beobachten aber das chirurgische Prozedere bei einer anderen Messebesucherin: Brieger schneidet mit einer Bastelschere in der Luft um den Kopf der Frau herum.
Thermomix und Tower
Was an keiner Messe fehlen darf, ist ein Thermomix Stand. Das «Powertool» wird uns ausführlich vorgestellt. Um herauszufinden, inwiefern Thermomix mit esoterischem Gedankengut verbunden werden kann, fragen wir nach, ob die Aura der gekochten Lebensmittel von dem Thermomix beeinflusst wird. Die Frau antwortet sehr souverän und verneint negativen Einfluss durch das Küchengerät. Wahrscheinlich sind wir nicht die Ersten, die sie mit Fragen dieser Art konsultieren. Ein paar Schritte weiter finden wir den Stand von «Ambition.life». Sogleich werden wir mit 150 Mhz energetisiertem Wasser begrüsst, das angeblich «runder» schmecken soll als «normales Wasser». Als Hauptattraktion des Standes galten aber die sogenannten «Tower», die angeblich mit Steinen der bosnischen «Pyramiden» gefüllt sein sollen. Anzumerken ist, dass die Existenz der bosnischen Pyramiden von Wissenschaftler*innen nicht bestätigt wird. Dass es sich bei dem Berg Visočica um eine Pyramide handeln soll, geht auf die Behauptung des Esoterikers Semir Osmanagić zurück.
Die «Tower» seien in einer Kammer durch das «Orgon-Verfahren» energetisiert und sollen durch den blossen Kontakt helfen, Herzens- und Seelenwünsche zu erfüllen. Das «Orgon-Verfahren» geht auf Wilhelm Reich zurück. Wer nicht einen mit Steinen gefüllten «Tower» erwerben möchte, kann auch Sticker kaufen, auf welchen der Turm abgebildet ist. Der Verkäufer am Stand empfiehlt, die Sticker auf das Smartphone zu kleben, und dann mit der Taschenlampe Verletzungen zu beleuchten. Die «Orgon Energie» solle das Licht nämlich in eine heilende Quelle umwandeln und gegen Elektrosmog helfen.
«Super Patches» – Von der Haut zum Gehirn
Ähnlich positive Auswirkungen werden auch beim nächsten Stand angepriesen. Hier können sogenannte «Super Patches» erworben werden. Die Verkäuferin erklärt uns, dass die Patches weder Medikamente noch andere Inhaltsstoffe enthalten, zudem seien sie nicht invasiv und hautverträglich. Es gibt etliche Patches, die auf den Körper aufgeklebt werden und die unterschiedlichsten Funktionen erfüllen sollen. Auf den Patches sind verschiedene Rillenmuster eingeprägt, die die Hautrezeptoren stimulieren und so eine Reaktion im Gehirn hervorrufen sollen. Diese Wirkung sollen wir selbst erleben und werden dafür einem Gleichgewichtstest unterzogen. Dafür müssen wir auf dem linken Bein stehen und unser rechter Arm wird heruntergedrückt, woraufhin wir die Balance verlieren. Danach dürfen wir die «Super Patches» mit den Namen «Victory» und «Liberty» auf unseren Arm aufkleben und der Balancetest wird wiederholt. Dieses Mal sind wir standhafter. Vielleicht wegen den «Super Patches», vielleicht wegen Placebo, oder vielleicht wegen vermindertem Druck und veränderter Druckstelle. 65 Franken für 30 Patches ist uns aber ein bisschen zu teuer, deshalb ziehen wir weiter.
Vor dem Mittagessen besuchen wir noch «Sonara Seelenklang», die Lukas einen kosmischen Lichtcode auspendelt. Dabei dienen ihr, nach eigener Aussage, hilfreiche kosmische Kräfte. Die Zahlenfolge «623924» soll Lukas einen harmonischen Fluss sichern und ihm gegen Stolpersteine helfen. Um die Wirkung zu entfalten, soll Lukas den Code mit der Hand drei Mal in die Luft zeichnen oder innerlich wiederholen und dann die Hände zum Herzen führen. Hand aufs Herz, wir brauchen nun etwas zu Essen.
Steht es in den Händen…?
Nach einem köstlichen Mittagessen stürzen wir uns erneut ins Gemenge, und zu unserer Überraschung hat Nancy Holten nun ihren Stand bezogen. Sie befindet sich jedoch in Stille, was bedeutet, dass sie nicht mit den Messebesucher*innen spricht. Wir werden von dem auffälligen roten Samt Zelt gegenüber von ihrem Stand angezogen, welches gross mit «Maria Magdalena» beschriftet ist. Maria Magdalena befasst sich laut eigener Aussage seit Kindesalter mit Karten- und Handlesen und hat durch TV und Radio an Bekanntheit erlangt. Lou lässt sich für hundert Franken die Hände lesen: Lou habe heilende Hände und Energie, deshalb sei Spiritualität ihre Berufung. Sie befinde sich in einem Veränderungsprozess und solle einfach tun, was sie möchte, dann würde es auch gut herauskommen. Schicksalsschläge seien nicht zu erwarten, sie werde ihr ganzes Leben lang gesundheitlich und finanziell stabil bleiben. Es werde eine Zeit geben, in der Lou im Ausland leben werde, und um die Dreissig sei ein Kind zu erwarten. Dieses Kind wird aus der aktuellen Beziehung kommen, an welcher sie festhalten solle. Aufgrund einer familiären Blockade fehle es Lou aber an Klarheit. Als mögliche familiäre Traumata verneint werden, ergänzt Maria Magdalena, dass die Blockade auch aus dem Vorleben oder aus Karma kommen könne. Grundsätzlich geht Maria Magdalena folgendermassen vor: Lou muss eine Frage stellen, welche sie mit Gegenfragen kontert und dann mit meist positiven Ratschlägen und Voraussagungen beantwortet. Trotzdem scheint uns das Beharren auf einem angeblichen Familientrauma problematisch. Wird einer Person trotz gegenteiliger Aussagen suggeriert, dass sie ein traumatisches Erlebnis unterdrückt, können die eigenen Erinnerungen in Frage gestellt werden. Dies kann verunsichern oder zu psychischen Belastungen und Realitätsverzerrungen führen.
Blinzelnd treten wir aus dem schummrigen Zelt, direkt in die Arme der Praxis für Chinesische Medizin. Ein älterer Herr bietet uns eine Ersteinschätzung für eine Akupunkturbehandlung an. Er drückt an unseren Schultern herum, und sein Fazit ist klar: Wir haben eine schlechte Haltung und darum einen verkrampften Rücken, was uns leider als ziemlich plausibel erscheint. Lachend überreicht er uns einen Gutschein für eine Behandlung und wir machen uns auf den Weg zur nächsten Beratung.
…Oder in den Karten?
Lou hat sich nämlich bei Margrit Ilmberger zu einer Zukunftsvorhersage durch Kartenlesen angemeldet. Für erneute hundert Franken möchten wir schauen, inwiefern sich Hand- und Kartenlesen decken. Ilmberger mischt die Lenormandkarten, lässt Lou dreimal abheben und legt ein Kartenmuster auf den Tisch. Diesen Prozess wiederholt sie in der Sitzung mehrmals. Die Liebe zuerst: Ilmberger lässt sich bestätigen, dass Lou in einer Beziehung ist und prophezeit sogleich, dass diese für immer halten werde. Die Beziehung soll zudem durch eine schnelle, gemeinsame spirituelle Entwicklung gestärkt werden. Nach Maria Magdalenas Vorhersage einer Schwangerschaft Ende zwanzig, will Lou noch Ilmbergers Sicht dazu hören. Tatsächlich wird bestätigt, dass Lous Karriere massgeblich von Familienplanung geprägt sein wird, jedoch sollte dies momentan noch nicht im Vordergrund stehen. Lou sei immerhin noch im Studium. Auch dazu kommt ein recht einschneidender Rat: Die momentanen Studienfächer hätten keine Zukunft, ein Studienwechsel stehe deshalb bevor. Demensprechend wird ein Studium mit besseren finanziellen Aussichten empfohlen, gleichzeitig jedoch geraten, Interesse vor Geld zu stellen. Im beruflichen Kontext wird auch eine längere Reise ins Ausland vorhergesagt, wodurch eine Neuorientierung stattfinden soll.
Erfreulich ist die Nachricht, dass sich Lous Blockaden von selbst lösen werden und, dass Lou nie krank werden wird, ausgenommen von Hals-, Nasen-, Ohrenschmerzen im Winter. Zur selben Jahreszeit werde Lou auch die Nachricht eines seelisch kranken Kindes zugetragen werden, wer dieses Kind sein soll und was dies für Lou bedeutet, bleibt unklar. Auch eher düster sieht Ilmberger das zukünftige Verhältnis zwischen Lou und ihrer Schwester, welches von zunehmender Negativität und von Spannungen geprägt sein soll. Ein eigener Weg, gelöst von der Familie, wird deshalb empfohlen. Lou hofft, dass sich dies nicht bewahrheitet und, dass ihre Schwester auch weiterhin ihren Kleiderschrank und ihre Freundschaft teilen wird.
Atlantis und die heutige Jugend
Etwas verspätet eilen wir zum letzten Happening unseres Besuches: dem «Wake-Up Call». Priska Wyss, Rade Maric, Ralf Haase und Monika Cardinal führen eine Podiumsdiskussion, moderiert von Johann Nepomuk, zum Thema «Wohin geht die Reise?». Heiss besprochene Themen sind das kommende «goldene Zeitalter», «Atlantis», Seelenpläne, Künstliche Intelligenz, die Frage nach «Fülle» und das Verhalten der heutigen Jugend. Ralf Haase ist der Ansicht, dass KI «Atlantische Energie» in sich hat. Priska bestätigt das und äussert die präzisierende Vermutung, dass KI «Kristalltechnologie» aus «Atlantis» sei. Monika Cardinal fügt an, dass KI zwar als «Propagandamaschinerie» verwendet werde, jedoch auch inhaltlich sinnvolle Ergebnisse erzielen könne, wenn als Prompt eingegeben werde, dass man selbst spirituell «erwacht» ist. Rade Maric ist überzeugt, dass die übermässige Nutzung von KI zu einer Gesellschaft der Soziophobie führt, was beispielsweise an den weniger besuchten Messen ersichtlich sei. Insbesondere treffe dies auf die Jugend zu, welche er als «masslos» beschreibt. Die heutige Jugend sei psychisch stark angespannt und benötige darum eine übermässige Menge an Rauschmitteln, um sich abzulenken. Dies sei früher anders gewesen, man habe in Massen konsumiert. Aktuelle Studien widerlegen Maric’ Aussage und zeigen einen Rückgang im jugendlichen Rauschmittelkonsum. Dementsprechend scheint Haases Aussage über rauschfreie Jugendliche, die an seinen Bali-Workshops teilnehmen plausibler. Er beteuert, seit vier Jahren selbst alkoholabstinent zu sein, denn Alkohol töte die Seele.
Als letztes Thema fragt Nepomuk nach der Bedeutung von «Fülle». Ralf Haase und Priska Wyss sind sich einig, dass «Fülle» gleichbedeutend mit «absoluter Freiheit» sei. Wobei Wyss finanzielle Freiheit und Selbstbestimmung betont, während Haases Vorstellung von Freiheit seit einigen Jahren frei von materiellen Gütern ist. Er erwähnt, dass alle seine materiellen Besitztümer in einen Rucksack passen würden. Maric und Cardinal vertreten die Ansicht, dass «Fülle» aus Achtsamkeit und Dankbarkeit nach schweren Schicksalsschlägen entspringe. Esoterische Themen werden bei der Diskussion mit Narrativen aus Verschwörungserzählungen und Verallgemeinerungen ergänzt. Das circa zwanzigköpfige Publikum hört aufmerksam zu und unser Besuch neigt sich dem Ende zu.
Wir haben heute viel Neues kennengelernt und interessante Gespräche geführt. Man begegnete uns mit Freundlichkeit, Offenheit und Überzeugung. Trotzdem waren die vielen Eindrücke auch anstrengend und teils kritisch zu hinterfragen. Die Messe bot einen Einblick in Themenbereiche, wie Spiritualität, Lebensberatung, Gesundheit, Energiearbeit, aber auch in Verschwörungserzählungen und in geschickte Verkaufsstrategien.
Lukas Stopper & Lou Büchler, 8. Juni 2026