Anlässlich der vielbeachteten Dokumentations-Serie «Der Engelmacher» wird in der Schweiz zurzeit intensiv über die Gemeinschaft Methernitha diskutiert, deren Gründer Paul Baumann alias «Vatti» im Jahr 1976 wegen Missbrauchs von Minderjährigen rechtskräftig verurteilt wurde. Auf seine Verhaftung im Jahr 1974 hin verliessen zwei Drittel der Mitglieder die Gemeinschaft, ein Drittel, rund 100 Personen, blieben zurück und hielten trotz rechtskräftiger Verurteilung und einem Geständnis von «Vatti» an dessen Unschuld fest und behaupteten, das in ihren Augen falsche Gerichtsurteil sei aufgrund von Verleumdungen gefällt worden. Bei einem Besuch bei der Gemeinschaft Methernitha durch den Schreibenden im Jahr 1996 hielt die Gemeinschaft an dieser Darstellung fest, und sie tut es, nach allem, was bekannt ist, noch heute.
Dass eine solche Verteidigung verurteilter Gemeinschaftsleiter durch alle Böden hindurch nicht ganz selten vorkommt, dafür war bis jetzt das Missionswerk Freundes-Dienst ein typisches Beispiel.
Evangelist Josef Schmid vom Freundes-Dienst – Zweifache Verurteilung wegen Missbrauchs
Der Gründer des Missionswerks Freundes-Dienst in Biberstein bei Aarau, der Evangelist Josef Schmid (1926 – 2019) wurde im Gegensatz zu «Vatti» Paul Baumann nicht nur einmal, sondern gleich zweimal wegen Missbrauchs verurteilt: 1967 vom Geschworenengericht Aargau wegen sexueller Delikte an mehreren jungen Frauen zu viereinhalb Jahren Zuchthaus, im Jahr 2003 vom Bezirksgericht Aarau wegen sexuellen Handlungen mit Abhängigen zu einem Jahr Gefängnis.
Josef Schmid bestritt alle Vorwürfe, und das Missionswerk tat es ihm gleich. Die Urteile wurden von Josef Schmid und vom Missionswerk Freundes-Dienst als falsche Urteile und als Folgen von Verleumdung dargestellt.
«Wer so viel Gutes tut, kann keine solche üblen Taten begehen»
Wer mit Mitgliedern von Gemeinschaften über Leiter (fast ausschliesslich sind es Männer) spricht, die wegen Missbrauchs verurteilt wurden, begegnet immer wieder denselben Argumenten: Der Gründer ist der Künder und Garant der Wahrheit, durch welche sich das Mitglieder befreit fühlt, wenn nun der Gründer eine Schattenseite hätte, würde das nicht die von ihm verkündete Lehre entwerten? Der Leiter ist das Vorbild gelingenden Lebens, dem das Mitglied nacheifert, es scheint undenkbar, dass er eine derart üble Schattenseite hat. Im Gegenteil, der Meister erscheint nahbar und transparent. «Wenn bei unserem Leiter so etwas wäre, dann hätte ich das spüren müssen», ist eine oft gehörte Auskunft. Und schliesslich inszeniert sich der Gründer als grosser Wohltäter, sowohl für die Mitglieder als auch für die Gesellschaft: «Wer soviel Gutes tut, kann keine solche üblen Taten begehen», folgert das getreue Mitglied.
Hintergrund einer solchen Wahrnehmung ist typischerweise die Tatsache, dass das Mitglied für die Gemeinschaft bereits derart viel Ressourcen und Lebenszeit investiert hat, dass eine Enthüllung des Gründers als Missbraucher in eine schwere Sinn- und Lebenskrise führen würde. Vor dieser Gefahr schützt sich das Mitglied selbst und klammert sich gegen alle Vernunft auch an die windigsten Ausreden, welche der Gründer zu verdächtigen Ereignissen liefert.
Meist sind es die langjährigen und engen Mitglieder, die auch nach Verurteilung des Gründers an dessen Unschuld festhalten, wogegen Menschen mit kürzerer und loserer Zugehörigkeit die Gemeinschaft eher verlassen können. So bleibt ein harter Kern zurück, der sich wild entschlossen zeigt, die Gründungsperson reinzuwaschen und von Fehlurteil und Verleumdung zu sprechen. Dass damit die durch den Missbrauch betroffenen Mitglieder als Verleumdende diffamiert und ein zweites Mal zu Opfern gemacht werden, ist einer der traurigsten Aspekte an solchem Vorgehen. Und diese Konsequenz macht es nochmals schwieriger, eine Neubesinnung zu schaffen und die Taten der Gründungsperson einzuräumen: Es müsste ja nicht nur die Verteidigung eines Missbrauchers konzediert werden, sondern auch die Verächtlichmachung seiner Opfer.
Die Geschichte zeigt, dass betroffene Gemeinschaften häufiger im Stand der Leugnung der Taten des Gründers allmählich aussterben, als dass sie einen Neuanfang mit Aufarbeitung der Vergangenheit wagen würden.
Missionswerk Freundes-Dienst räumt den Missbrauch durch den Gründer ein
Umso bemerkenswerter ist es, dass das Missionswerk Freundes-Dienst im Jahr 2026 diesen schwierigen Schritt geht. In der Zeitschrift «Freundes-Dienst» vom September 2026 räumt das Missionswerk ein, dass die Verurteilungen des 2029 verstorbenen Gründers Josef Schmid seitens des Missionswerks «bisher immer als falsche Urteile und Folgen von Verleumdung bezeichnet» wurden. «Nun kamen», so wir weiter ausgeführt, «Zeugenberichte von Betroffenen sowie Unterlagen an den Tag, welche die möglichen Verfehlungen nicht mehr in dieser Form negieren lassen. Es muss nach heutigem Kenntnisstand und der Beschäftigung mit der Thematik davon ausgegangen werden, dass die Anschuldigungen zumindest teilweise wahr sind» (Freundes-Dienst Nr. 352, September 2026, s. 8).
Schwierig ist die Lage insbesondere für Pfr. Samuel Schmid, den Sohn des Gründers und dessen Nachfolger als Leiter des Missionswerks. Er erklärt im «Freundes-Dienst»: «Ich bin bestürzt über die neuen Erkenntnisse über meinen Vater, dem ich stets geglaubt und den ich mit Überzeugung und gutem Gewissen unterstützt habe. Ich realisiere heute sehr schmerzlich, dass die Wahrheit eine andere ist».
Unabhängige Untersuchung gestartet
Pfr. Samuel Schmid erklärt im Freundes-Dienst weiter, dass er eine Aufarbeitung des Geschehenen wünscht, allen Betroffenen sein aufrichtiges Bedauern ausdrückt und von der Leitung des Missionswerks zurücktritt, um «Platz für eine tiefgreifende Veränderung und den notwendigen Neuanfang» zu schaffen.
Die angeregte Aufarbeitung geschieht im Auftrag des Stiftungsrats im Rahmen einer unabhängigen Untersuchung. Es wurde eine unabhängige Meldestelle für Betroffene eingerichtet, die erreichbar ist über die E-Mail-Adresse kontakt@unabhaengige-meldestelle.ch
Zum neuen Missionsleiter des Freundes-Diensts ab 2027 wurde der reformierte Pfarrer Michael Freiburghaus gewählt, der auch als Präsident von Zukunft CH bekannt ist.
Wie weiter mit Methernitha?
Das Umdenken beim Missionswerk Freundes-Dienst zeigt, dass eine Organisation auch Jahrzehnte nach den Urteilen und Jahre nach dem Tod des Gründers den Weg zum Eingeständnis von dessen Schuld und zur Aufarbeitung der Vergangenheit gehen kann. Es wäre der Gemeinschaft Methernitha, der Gemeinde Linden und vor allem auch den betroffenen ehemaligen Mitgliedern zu wünschen, dass auch Methernitha diese Wende schafft. Expertinnen und Experten prognostizieren zurzeit eher, dass Methernitha diesen Schritt nicht tun kann, ohne auseinanderzubrechen. Methernitha hat Gelegenheit, die Prognosen der Fachleute zu widerlegen.
Georg Schmid, September 2026