Spanien, 02. August 2024: Schon morgens konnte man spüren, dass es ein heisser Tag werden würde. Die Luft ist feucht, wie es im Baskenland üblich ist. Als wir die ersten steilen Treppenstufen nehmen, um uns von Pasaía nach Donostia-San Sebastián aufzumachen, läuft uns der Schweiss bereits in Strömen runter. Wir waren eine Weile in einem idyllischen Waldstück unterwegs, als vor uns, scheinbar wie aus dem Nichts, eine Frau auftaucht. Die grosse schlanke Person mit kurzgeschorenen grauen Haaren steht mitten auf dem Weg. Sie streckt beide Arme von sich und winkt uns in grossen Bewegungen herbei. Ob sie wohl Hilfe braucht? Nein, denn sie beginnt enthusiastisch drauf los zu reden. Sie habe uns einfach mal sagen wollen, dass sie gerade Kaffee mit den wohl nettesten Menschen überhaupt getrunken hat. Sie lädt uns ein, mit ihr reinzugehen und diese Menschen kennenzulernen. Erst da fällt uns das grosse Gelände auf, das rechts von uns am Wegrand liegt. Ich kann gerade noch denken, dass mir das ein bisschen suspekt vorkommt, als ich das grosse Schild am Eingang des Geländes entziffere: «Las Doce Tribus», auf deutsch «Die Zwölf Stämme».
Steigende Pilgerzahlen
«St. Gallen hat jetzt eine Pilgerseelsorgerin» titelt das St. Galler Tagblatt am 29.08.2024. Ines Schaberger kümmert sich um Pilger, die zum Beispiel in der Herberge in St. Gallen unterkommen, während sie schweizerische Teile des Jakobswegs bewältigen. Dass selbst schweizerische Jakobswege gut besucht sind, wundert wenig. Pilgern ist so beliebt wie nie: Allein im Jahr 2023 wanderten 446.035 Pilger aus der ganzen Welt den Jakobsweg in Spanien. «Der Jakobsweg» besteht allerdings aus unzähligen Varianten und verschiedenen Wegen, die nach Santiago de Compostela führen. Obwohl der sogenannte französische Jakobsweg, der Camino Francés, immer noch der beliebteste ist, weichen viele auf die anderen Wege aus. Einer davon ist der Camino del Norte, der auch als Küstenweg bekannt ist. Anfang August 2024 bin ich selbst einen Teil dieses Jakobswegs gelaufen und durfte das traumhafte Baskenland und Teile Kantabriens durchqueren.
Herbergenknappheit als Gelegenheit
Wer den Norden Spaniens kennt, weiss, dass die atemberaubende Natur längst kein Geheimtipp mehr ist. In Donostia-San Sebastián findet man so nicht selten Schilder mit der Aufschrift «Tourists go home!». Der Massentourismus treibt die Preise nach oben und wirkt sich so auch auf die Herbergensituation auf dem Camino del Norte aus. Statt gelassen die Natur zu geniessen, schlägt man sich häufig mit der Frage herum, wo man heute Nacht wohl einen bezahlbaren Schlafplatz finden wird. Dieses Pilgerdilemma scheinen die «Zwölf Stämme», eine umstrittene Gemeinschaft, erkannt zu haben. Denn sie bieten gleich zwei Herbergen auf dem Camino del Norte an: erst auf dem Weg von Irun nach Donostia-San Sebastián auf dem Monte Ulia und eine weitere auf der nächsten Etappe kurz vor Orio.
Sektenbarometer Freundlichkeit?
Dass die Zwölf Stämme mindestens eine Unterkunft auf dem Jakobsweg anbieten erfuhr ich schon im renommierten Reiseführer von Raimund Joos. Der Theologe hielt sich zu meiner grossen Überraschung jedoch mit seinem Urteil über die Gemeinschaft, gelinde gesagt, zurück. Die Gemeinschaft werde von manchen als Sekte bezeichnet, schreibt er. Viele Pilger hätten aber gute Erfahrungen mit der Gruppe gemacht, insbesondere mit der Gastfreundschaft und der freundlichen Art der Mitglieder.
Da möchte man fast ein freches «Ach, wirklich?» von sich geben, denn wer nach einer Sekte Ausschau hält, deren Mitglieder sich gegenüber Aussenstehenden grundsätzlich unfreundlich verhalten, kann lange suchen. Das Klischee einer nach Aussen verschlossenen Gruppe, die einem sofort das Gruseln lehrt, entspricht nur in seltenen Fällen der Realität. In der Regel sind problematische, umstrittene Gemeinschaften, die wegen ihrer schädlichen Struktur mitunter als Sekten bezeichnet werden, durch ihre überfreundlichen Mitglieder gekennzeichnet. Wer dazu aufruft, Gemeinschaften in Eigenregie zu beurteilen, und dafür Offenheit und Nettigkeit der einzelnen Mitglieder als Bewertungsmassstab heranzieht, sollte auf eine Dauerniete in Sachen Sektenfund gefasst sein.
Die Zwölf Stämme
Dass es sich bei den Zwölf Stämmen selbst bei einer relativ engen Sektendefinition um eine solche handelt, wird schnell deutlich. Die Gruppe, die 1972 in Chattanooga (Tennessee) von Elbert Eugene («Gene») Spriggs ins Leben gerufen wurde, kann ohne weiteres als Sekte bezeichnet werden. Selbst einige Pilger auf dem Jakobsweg wussten über die Gruppierung Bescheid, zumindest munkelte man über «die, die ihre Kinder schlagen».
Tatsächlich gibt es neben dieser markanten Kontroverse weitere kritische Eigenschaften der Gruppierung. Die Zwölf Stämme empfinden sich als das neue, endzeitliche Israel, wobei alle anderen Kirchen vom Glauben abgefallen seien. Die Gemeinschaft zeichnet sich in diesem Sinn durch einen starken Exklusivitätsanspruch aus, der bekanntlich vielseitige Folgen für Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft hat. In den nach aussen fast Hippie-artig wirkenden Kommunen regeln strenge Abläufe und Vorschriften das Zusammenleben. Die Haare werden lang getragen und Frauen müssen Röcke oder weite Hosen anziehen. Im Übrigen sind sie dazu verpflichtet, den männlichen Mitgliedern der Gemeinschaft zu gehorchen. Darüber hinaus darf niemand über Privatbesitz verfügen. Eins der wichtigsten Warnsignale einer Sekte besteht jedoch in der Unfehlbarkeit der Leitungsperson. Wer Kritik an Spriggs übt, der sich «Yoneq» nennen liess, muss mit einem Rauswurf rechnen. Gene Spriggs ist im Januar 2021 gestorben, für kurze Zeit war unklar, wie es mit der Gemeinschaft weitergeht. Augenscheinlich sind sie mit dem Tod ihres Anführers nicht hausieren gegangen, so finden sich dazu kaum Informationen.
Die Aktualität der Hölzernen Rute
Es bestehen jedoch keine Zweifel daran, dass die dogmatische Haltung der Gruppe, insbesondere in Sachen Körperstrafen in der Erziehung, unverändert geblieben ist. Im Februar 2021, einige Wochen nach Spriggs Tod, veröffentlichten die Zwölf Stämme auf ihrer Website einen Artikel zum Thema Kindererziehung, der heute noch online ist. Dort schreiben sie:
«In diesen verwirrenden Zeiten, in denen die moralischen Grundlagen nahezu zerstört sind, in denen das Gute als böse und das Böse als gut bezeichnet wird, ist die uralte Praxis der Prügelstrafe (wörtl. «spanking») unter Verdacht geraten. […] In den meisten Kulturen wird es seit jeher als die Pflicht der Eltern angesehen, ihre Kinder zu disziplinieren, und sie haben das Recht, sie zu schlagen (wörtl. «spank»), wenn es angemessen ist. […] Für diejenigen, die sich vorgenommen haben, bei der Erziehung ihrer Kinder der Weisheit Gottes zu folgen, gab es nie eine andere Praxis als den Einsatz der Rute zur Disziplinierung.»
Ehemalige Mitglieder berichten von dem Einsatz einer «hölzernen Rute», der weit über Disziplinierung heraus geht. Ziel sei es, den Eigenwillen der Kinder zu brechen und das so früh wie möglich. Kinder haben immer zu gehorchen und dürfen nicht spielen, sondern arbeiten stattdessen genau wie die erwachsenen Mitglieder der Kommunen.
Professionelle Imagepflege
Trotz der dramatischen Berichte von Ausgestiegenen besitzen die Zwölf Stämme häufig ein gutes Image, was nicht zuletzt mit der oftmals gelobten Freundlichkeit der Mitglieder zusammenhängt. Die Zwölf Stämme haben allerdings nicht nur diese Freundlichkeit strategisch zur Erschaffung ihres guten Rufs eingesetzt, sondern auch ökonomisch wirksames Marketing betrieben. So gehört ihnen die vegane Restaurantkette «Yellow-Deli», die den nach aussen entstehenden Hippie-Touch der Gruppe verstärkt. Die Restaurants dieser Kette finden sich mittlerweile an vielen Orten der Welt und laden auch in Donostia-San Sebastián zu einem vergleichsweise günstigen Curry ein. Diese Fähigkeit der Gruppe, ein benötigtes Angebot zu schaffen und dabei gleichzeitig ihre Aussenwirkung zu verbessern, spielt auch auf dem Jakobsweg eine Rolle. Während die erste Herberge auf dem Monte Ulia gut bekannt ist, war die zweite Unterkunft nur schwer als Teil der Zwölf Stämme zu identifizieren.
Spanien, 03. August 2024: Nachdem wir gestern von der überschwänglichen Dame von den Zwölf Stämmen angehalten worden sind, haben wir viel über die Gruppe gesprochen. Noch abends haben uns die Berichte von Ex-Mitgliedern verfolgt. Die Frau hatte sich später bei uns als Andrea vorgestellt und uns noch mehrmals zum Kaffee eingeladen. Meine Begleitungen waren von meiner Zurückhaltung abgeschreckt worden und hatten sich mit mir zusammen ohne einen Kaffeestop auf den Weg gemacht. Dass wir bereits am nächsten Tag wieder mit den Zwölf Stämmen in Kontakt treten würden, wussten wir nicht.
Als wir heute ungefähr 15 Kilometer in der gleissenden Sonne hinter uns hatten, tauchte am Ende der Weggabelung ein mit Jakobsmuscheln geschmücktes Haus auf. Beim Näherkommen sahen wir Pilgerstäbe, die zum Verkauf standen und «Santiago» Schilder, die mit der übrig gebliebenen Distanz des Weges versehen waren. Wir erkannten, dass heisser Kaffee und selbstgemachter Kuchen auf einfachen Tischen und Bänken serviert wurden. Dahinter standen strahlende Menschen, die weite Hosen trugen und lange Haare hatten. Bei mir dauerte es einen Moment, bis ich wusste, wie mir geschah. Meine Begleiterinnen flüsterten mir zu, dass wir uns woanders Kaffee holen können, als ich noch der festen Überzeugung war, vor einem offiziellen Jakobswegs-Gebäude zu stehen. Nachdem wir uns entfernt hatten, erzählte mir eine meiner Begleiterinnen, dass sich das strahlende Lächeln der Personen hinter der Kaffeetheke zu einem verächtlichen Blick wandelte, als wir uns keinen Kaffee holten. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Doppelmiene auch von den zahlreichen Pilgern beobachtet wurde, die heiter ihren Kaffee genossen. So würde vielleicht auch denjenigen, die sich bei ihrem Urteil lediglich auf die Freundlichkeit der Mitglieder stützen, ein Licht aufgehen.
Julia Sulzmann, 30.08.2024