What the heck am I doing at ICF?

Spürst du den Geist der Weihnacht bei der generischen, wahrscheinlich lizenzfreien, Musik? In der schwarzen Multifunktionshalle, wo nur die ersten sechs Reihen besetzt sind? Wo ein Countdown auf dem riesigen Bildschirm hinter der Bühne abläuft, mit sanftem Schneefall im Hintergrund? Kommt jetzt etwa der Wetterbericht? Nein, sondern die englischsprachige Celebration am Sonntag dem 14. Dezember 2025 von der International Christian Fellowship ICF.

Hundert Brücken

Um 16:45 Uhr kommen wir an in «The Hall» in Dübendorf. In der Eingangshalle gehen wir zwischen den anderen Besuchenden unter und haben noch genug Zeit, uns die Bücherecke anzusehen. Hier gibt es eine grosse Auswahl an Werken von Susanna und Leo Bigger, den leitenden Pastoren von ICF Zürich. Die Buchumschläge sind ein Vorgeschmack auf die Stil-Richtung, die uns auch später im Gottesdienst begegnen wird: Ein freundlich-generisches Design im Startupstil, primär gehalten in Pastellfarben. Würde man Titel wie «Geistlich Wachsen Extrem» oder «Gott erleben wie niemals zuvor!» mit anderen aktuellen Selbsthilfebüchern im Laden sehen, würde kaum auffallen, dass sie christlich sind. Besonders ansprechen wollen sie damit vermutlich junge Menschen. Doch als wir den Veranstaltungssaal betreten ist das Alter des Publikums gemischt genauso wie die Geschlechter. Ein Aufpasser begrüsst uns freundlich und fragt, wo wir sitzen möchten.

Als der am Anfang erwähnte Countdown abläuft, sind nur die ersten sechs Reihen des Saals besetzt, nicht einmal die vorderen erhöhten Zuschauerränge. Die breite Bühne ist dekoriert mit Weihnachtsbäumen, Bandequipment und einer grossen, weissen Krone mittig-hinten. Es wirkt etwas neblig hier drinnen, als die Band die Bühne betritt. Es sind ungefähr 10 junge Personen, jede trägt einen niedlichen Weihnachtspullover. Es gibt ein Schlagzeug, Keyboard, zwei E-Gitarren (möglicherweise ist eine davon ein Bass) und eine Acoustic-Gitarre. Die Gitarren wird man in den lauteren Teilen der Songs kaum raushören. Also fast immer. Nur in den Bridges, und davon gibt es mehrere pro Song, um die Spannung zu halten, hört man sie.

Die Lyrics werden hinten eingeblendet. Mit Laserstrahlen spielt die Band ein langes Lied, bei dem einzelne Passagen mehrstimmig und hypnotisch wiederholt werden. Zu Beginn ist es «All our attention is on you now». Es erinnert, und die Songs danach werden ähnlich klingen, an den beliebten Track «Oceans (Where Feet May Fail)» von der christlichen Gruppe Hillsong United, nur repetitiver. Auch wird die Zeile «Open the floodgates of heaven» häufig wiederholt. Es geht im Gesang auch um Reinwaschung von Sünde, von sauber sein. Dabei wirkt es, als habe man die konventionell attraktivsten Singenden vorne in der Mitte platziert. Eine Person liegt während der über 10 Minuten langen Performance, in der die Songs ineinander übergehen, flach auf dem Bauch auf dem Boden. Völlig routiniert stellt ein Aufpasser einen Pfosten neben seinen Kopf, damit niemand über ihn stolpert.

Für den guten Zweck

Man fühlt sich insofern gewaschen und rein nach diesem ersten Auftritt, weil er so überstimulierend war, dass die Aussenwelt nun definitiv vergessen ist. Drei Personen verlassen die Veranstaltung jetzt schon. Ein Mann mittleren Alters im Holzfällerhemd tritt auf die Bühne. Er stellt sich nicht vor, sondern berichtet von dem Kids-Room, der im Untergeschoss eingerichtet wurde. Ein Video zeigt einen typischen Indoor-Spielplatz mit Bällebad und Fussballfeld, alles im «Unter Wasser»-Thema gestaltet. Als Kind hätte mir das auch gefallen.

Dazu kommt ein internationaler und «Microchurch»-Pastor auf die Bühne, der als Pat vorgestellt wird. Diese Microchurches soll ICF angeblich verteilt auf dem ganzen Globus haben. Ein riesiger Pavillon voller jubelnder Kinder in Liberia wird gezeigt. ICF habe ihn durch Spenden ganz allein bezahlt. Es gibt keine Wände und das Dach scheint nur eine blaue Plane zu sein.

Finanziert wurden beide Projekte durch die «Reach Beyond»-Spendenkampanie, die jährlich stattfindet. Dieses Jahr liegt der Zielbetrag bei 980.000 CHF. Davon seien bereits 945.000 CHF gesammelt worden. Es folgt ein Spendenaufruf und ein nasser schwarzer Plasikblumentopf wird herumgereicht. Er kommt bei uns an, nachdem er schon durch viele Hände gegangen ist. Es liegt nur ein einziger Geldschein darin.

Die Predigt: What the heck am I doing in Bethlehem?

Nun betreten Michael und Sarah Sieber die Bühne. Im Gegensatz zur Band sind sie in Schwarz und elegant-minimalistisch gekleidet. Sie beginnen erst einmal damit, über das vergangene Wochenende zu sinnieren. Dort fand die Christmas-Celebration statt und es seien 12.000 Menschen dort gewesen und 500 Bibeln verteilt worden. Wie ein Unternehmen was im Jahresrückblick zeigt, wie viel Umsatz es gemacht hat.

Danach zählen sie typische, stressige Weihnachtsmomente auf, mit denen sich alle Anwesenden wenigstens ein wenig identifizieren sollten. Es folgt die oft gehörte Schlussfolgerung, wie sie in jedem Weihnachtsfilm erscheint, «It is so easy to miss the meaning of Christmas». Zum Glück hätte jeder von uns einen Knopf für «Instant-Peace», Maria hätte ihn auch gehabt und zu nutzen gewusst. Und darum wird es heute in der Predigt gehen.

Das Ehepaar gibt sich auf der Bühne bewusst sympathisch und nahbar. Ein riesiges Bild von ihren damals frisch geborenen Zwillingen wird auf dem Bildschirm gezeigt. Es sei ja einer der besten Momente im Leben einer Frau, ihr erstes Kind zu bekommen. Doch gerade so wichtige Momente sind oft chaotisch, obwohl man gerade dort innehalten sollte. Dazu Luke 2:19 «But Mary treasured up all these things and pondered them in her heart.»

Eine Karte wird eingeblendet. Dort ist die Strecke von 150 km markiert, die Maria im neunten Monat ihrer Schwangerschaft mit Jesus gehen musste. Das sei «crazy» gewesen, aber es wurde ja prophezeit. Das wirkt auf mich wie eine Relativierung. Sollte die Geschichte wirklich wortwörtlich so stattgefunden haben, war das für Maria ein Ausmass an Anstrengung, welche die meisten Menschen niemals erleben werden.

Aber natürlich hätte Maria sich auch hinterfragt «What the heck am I doing in Bethlehem?». Dieser Satz wird zum Leitmotiv der Predigt. Wir werden als Publikum gefragt: Fühlen wir uns vielleicht auch gerade so? Sind wir auch in Bethlehem? Also irgendwo, wo wir nicht geplant haben zu sein? Das kennt ja jeder. Sofort werden wir dann wieder getröstet: Wir seien ja heute Abend hier und das ist gut. Immer wieder rufen Einzelne Zustimmung aus dem Publikum.

Die riesige weisse Krone wurde übrigens nach vorn gerollt. Wer von den beiden gerade spricht, sitzt darauf, wie auf dem Rand eines Nestes. Das erweckt den Eindruck von ein wenig Gemütlichkeit, in dieser riesigen, anonymen Halle. Die Bibel handle auch von uns selbst, auch wir seien eine Geschichte, die Gott erzählt. Er formte uns in der Gebärmutter unserer Mutter. Ich glaube, der weibliche Körper schafft das auch allein.

Das Ehepaar fragt: Sind wir bereit, uns Gottes Willen unterzuordnen? Wir seien immer dann in Bethlehem, wenn wir einen Fehler gemacht haben, also von Gottes Pfad abgekommen sind. Doch Gott kann unseren Pfad erhellen, auch wenn er nicht immer wörtlich mit uns spricht. Maria wurde allerdings von einem echten Engel besucht (Luke 1:28, 30, 31). Michael gibt zu «Yeah, I am really challenged-… jealous about that.» Doch immerhin berichtet Michael, dass ein Mann ihm einst prophezeite, er würde Pastor werden. Darauf folgt noch ein komischer Witz: ICF selbst sei auch manchmal in Bethlehem, weil es durch all die «Schafe» so «stinky» sei. Viele Anwesende lachen.

Es würde in unserer Macht liegen, jeden Augenblick heilig zu machen, auch im Alltag. Ob Spazieren oder sonst etwas. Wenn es uns hilft, präsent zu sein sollten wir es tun. Bethlehem heisst auf hebräisch, und wird durch Jesus zum, «Haus des Brotes». Kurzgesagt, Gott kann uns in Situationen helfen, die uns herausfordern. «You can be free, where ever you are tonight.»

Time for Worship

Die Band ist wieder im Anmarsch. Es wird das Lied: «Turn you eyes upon Jesus» von Helen H. Lemmel gespielt. Kurz wird dazu gesagt, dass sie erblindete, «alles verlor», doch dann ein Missionar ihr half zum Glauben zu finden. Nach dem Lied spricht Michael ein Dankgebet. Danach folgt noch ein Gebet mit den Zeilen: «I let my sin at this cross. Bread of my life, I eat from you. Blood of my life, I drink from you.» Danach stehen ungefähr zehn Leute auf und verlassen den Saal.

Die Band spielt noch weiter Worshipsongs. Das Schlagzeug baut eine dramatische Stimmung auf. Es ist viel mehr Bass zu hören als am Anfang des Gottesdienstes. Wieder werden einzelne Zeilen psychedelisch oft wiederholt, «Oh how He loves us» und «This is a house of miracles», sodass alle mitsingen können. Auf dem Bildschirm werden einzelne Bandmitglieder in gross abgefilmt, wie auf eigentlichen Massenveranstaltungen. Um die Intensität des Moments zu erhöhen, erscheinen sie sogar in Schwarz-Weiss. Zwei Männer fallen auf die Knie, viele Menschen strecken ihre Arme in die Höhe. Der Band muss man lassen, dass sie in der Lage sind, bei diesen langen Performances die Spannung zu halten.

Ein Mann schräg vor uns schaut immer wieder skeptisch über seine Schulter. Sehen wir zu unenthusiastisch aus?

Nachdem die Band fertig ist, leert sich der Saal schnell. Es besteht das Angebot, noch mit in den Gebetsgarten zu kommen, etwas zu essen oder mit dem Connecting-Team zu sprechen. Wir bleiben noch kurz zurück, um die Gruppendynamik besser einzuschätzen. Es scheinen vor allem Pärchen, Familien und Freundesgruppen gemeinsam hier zu sein, die sich nicht mischen oder untereinander austauschen. Grundsätzlich ist die Gemeinde sehr divers.

Als wir wieder draussen sind, fällt uns auf, dass uns die ganze Zeit niemand angesprochen oder etwa ein Prospekt angeboten hat, bis auf den einen Satz des Aufpassers.

Fazit: What the heck was that?

Im Nachhinein fühle ich mich etwas besser, als wenn ich eine Dauerwerbesendung gesehen hätte. Die Predigt war generisch, doch gut aufgebaut und mit einer feel-good Botschaft versehen. Doch die trifft das Herz nicht, obwohl das bei mir sonst nicht so schwer ist wie bei anderen. Ich fühle mich hier mehr wie ein Konsument, mehr wie ein Kunde als wie ein Gemeindemitglied. Ich persönlich kenne primär kleine evangelische Gottesdienste der Landeskirche von Dörfern aus Brandenburg. Und auch wenn die im Vergleich deutlich «langweiliger» waren, fühlt man sich dort viel näher an Maria und Jesus. Denn dort wird die historische Relevanz dieser Geschichte für die ganze Welt klar und wie viel sie der Christenheit bedeutet. Alles an der Veranstaltung hat sich austauschbar und aufgesetzt angefühlt. Michael und Sarah Sieber sind keine schlechten Redner, doch was macht das aus, wenn man sich in der Masse anonym fühlt? Es ist ein Gottesdienst der Globalisierung, in der wir alle Weizenpflänzchen sind allein um gemäht zu werden. Nicht um einen tieferen und persönlicheren Zugang zu unserer Spiritualität zu finden. Bunter und lauter bedeutet nicht berührender.

Marla Engelschalk, Dezember 2025

Lexikoneintrag ICF Movement