Alle drei Wochen treffen sich die «Mitglieder» des City Church Netzwerks in ihrer sogenannten «Homebase» in der Nähe des Helvetiaplatzes.
Die City Church sieht sich selbst als Netzwerk, und nicht (mehr) unbedingt als Kirche. Ich werde jene Menschen, denen ich begegnet bin, die klar Teil der Gemeinschaft waren, trotz allem als «Gemeindemitglieder» bezeichnen. Jede andere Formulierung wäre zu langatmig. Die Versammlung der Anwesenden bezeichne ich als «Gemeinde», auch wenn sie mit dieser Bezeichnung vermutlich auch nicht glücklich wären. In gewisser Weise passt jedes Wort gleich schlecht.
Das City Church Netzwerk pflegt einen neocharismatischen Glauben mit starker Betonung der Geistesgaben. Diese Geistesgaben, zum Beispiel in Zungen zu reden, oder Prophetie, haben beim City Church Netzwerk einen hohen Stellenwert, wie auch bei diesem Besuch spürbar wurde.
Begrüsst und bejüngert!
Der Eingang ist von der Strasse nicht direkt sichtbar – wenn man aber um die Ecken kommt, entdeckt man die blaue Fahne mit der Aufschrift «City Church» und eine «Empfangsperson», wie es sie oft bei Freikirchen gibt. Die Begrüssenden an der Tür sind oft in einem sogenannten «Welcome Team», auch wenn ich hier nicht sicher bin, ob es ein solches Team gibt, oder ob sie sich einfach abwechseln.
Die Dame an der Tür begrüsste die anderen Besuchenden, soweit ich das sehen konnte, jeweils mit einer Umarmung. Ich trat zu ihr, begann zu plaudern – nicht zuletzt, weil ich eigentlich noch jemand mitnehmen wollte, und aufgrund deren Verspätung begann anzunehmen, dass sie einfach verschlafen hatte – und entschied, mich hineinzubegeben. Kaum sehe ich in das Gebäude, erschrecke ich etwas: Es geht praktisch gerade runter, eine Treppe mit relativ schmalen, hohen Stufen. Die «Empfangsdame» begleitete mich nach unten und sprach dann eine andere Frau, die ebenfalls Mitglied der Gemeinde zu sein schien, an. Nennen wir diese der Einfachheit halber J. (ihren Namen habe ich zugegebenermassen vergessen). Die «Empfangsdame» stellte mich J. vor und ging auch gleich wieder nach oben – ein klassisches «Abgeben» der neuen Besuchenden, damit die auch ja nicht allein sind. J. erklärte als erstes, dass sie neuen Besuchenden immer zuerst einen Kaffee anbieten würden, ob ich denn einen wolle. Auf meine Bitte nach Wasser wurde mir Tee angeboten; was denn mein Lieblingstee sei.
Während also ein anderes Gemeindemitglied mir Tee holen ging, wurde ich gefragt, wie ich auf diesen Anlass gestossen sei («Freunde von Freunden, sozusagen», unspezifischer geht es kaum), und ich fügte an, dass ich gerne verschiedene Freikirchen besuche. Schnell entgegnete J., dass es sich bei ihnen nicht um eine Kirche handle, sondern um ein Netzwerk. Sie stellten «Jüngerschaft» in den Fokus – ein Begriff, unter dem ich insbesondere das Evangelisieren und das «Motivieren» zum Evangelisieren verstehe. Also: Andere Menschen zum Glauben bringen, und die neu Glaubenden dazu bringen, auch andere Menschen zum Glauben zu bringen. J. verwies auch auf den Missionierungsbefehl im Matthäusevangelium, «Macht zu Jüngern alle Völker», wie sie zitierte. Diese «Jüngerschaft» sei so wichtig, dass im Grunde genommen jede Person zu einem Jüngerhaus gehöre, und die meisten Anwesenden auch einen Mentor hätten. Im Gespräch mit einem anderen Gemeindemitglied fiel später das Wort «bejüngern». Heisst: Die Person, der man als Mentor zugeteilt ist, betreuen. Gegendert hat weder J. noch sonst jemand in der Gemeinde.
Gemütlich, locker, gechillt: und ziemlich klein
Die rund 50, altersmässig gut durchmischten Anwesenden plus Kinder füllten den eher kleinen Saal gut – er war voll, aber noch nicht kurz vor dem Platzen. Die Kinder zählte ich nicht – ich finde das bei Kindern, die nicht nur klein, sondern auch sehr aktiv sind, immer etwas schwierig – aber es dürften über 10 gewesen sein. Ich wusste, dass das Treffen mit Kindern begann, und diese dann bald in einem anderen Raum eine Art Kinderstunde (oder nach Formulierung der Gemeinde: «Kids Worship») durchführen würden. Es gab drei Stuhlreihen, sowie Matten, mit denen man sich auf den Boden setzen konnte. Die Band bestand aus einer Gitarre (von einem Sänger gespielt), zwei Sängerinnen, und einem Schlagwerk. Etwas weiter hinten stand noch ein ungenutztes Keyboard.
Nach J.s Ausführung, bei welcher ich den Raum beobachtete, setzte ich mich in eine zweite Reihe. Es gab tatsächlich nur drei Reihen, dann noch ein paar runde Tische, einige Sessel – die bereits besetzt waren – und eben die Matten, mit denen man auch auf den Boden sitzen hätte können. Anspruch? Möglichst familiär, Hauptsache «locker». Es kamen einige weitere Menschen, und ein Bandmitglied kommentierte: «Es füllt sich doch no!»
Auf einem Stuhl sass ein Herr mit Sonnenbrille und Langstock. Da ich neulich probeweise ein Treppenlaufen mit Dunkelbrille und Langstock, sowie sehr viel Angst absolviert hatte, fragte ich mich, wie gut es für ihn ging, bei der steilen, schmalen Treppe. Er ist sich die Nutzung eines Langstocks aber mit Sicherheit etwas gewöhnter als ich. Weiter fragte ich mich, ob er denn als «zu heilen» gilt – ob seine Sehbehinderung durch die Gabe der Heilung geheilt werden könnte. Besonders darüber ausgeführt haben sie nicht.
Ich trank also meinen Tee und wurde von anderen Menschen, die um mich um waren, begrüsst – beispielsweise ein «mittelalter» Herr, vielleicht in seinen 40ern oder 50ern, der sich als «Hansjörg» vor- und als Prediger herausstellte. Obwohl ich im Vorfeld einige Podcasts ihrer Gottesdienste ansatzweise gehört und so auch seinen Namen, Hansjörg Stadelmann, gelesen hatte, machte ich die Verbindung nicht direkt.
Schlage den Feind und segne das Geben
Nach einem ersten Lied wurde der Gottesdienst eingeleitet mit der Erklärung, «nach einer starken Serie, die die Jünger-Häuser organisiert haben», ginge es heute um Versöhnung. Das Gemeindemitglied, welche die Einleitung machte, erklärte: «Jedes Herz, das sich heute auftut, ist ein riesen Schlag gegen den Feind.» Mit Feind ist selbstverständlich der Teufel gemeint.
Schnell ging es weiter zur «Sammlung», wofür ein anderes Gemeindemitglied, nennen wir sie S., nach vorne trat. Zu meiner persönlichen Überraschung sammelte sie nicht etwa unspezifisch «für Gott», oder für die Raummiete, sondern stattdessen für ein Kinderheim für Kinder mit Beeinträchtigungen in Uganda, das wohl von einer Freundin von S. geleitet wurde. Sie selbst sei von Anfang an dabei gewesen – als die Freundin «die Prophetie» erhielt, hätten sie gebetet und gefleht. Das Kinderheim, «Genesis of Hope», bräuchte noch Türen und Fenster für ein Schulgebäude, sowie ein Tor für das Land, auf welchem sie anbauen wollen – «zum Schutz». Man soll das Geld auch «mit Segen» geben. Röhrenartige Behälter wurden weitergereicht. Das Gemeindemitglied, welches mir einen Behälter weiterreichte, sagte gleich dazu: «Du kannst es einfach weitergeben.» Das tat ich dann auch.
Segnet das Baby! Eine gemeinschaftliche Einsegnung
Im nächsten Teil wurde es, zumindest für mich, ein wenig bizarr. Eine junge Frau, um die 30, trat nach vorne. Sie trug ein Baby, das mit Sicherheit noch nicht einjährig ist, auf ihrem Oberkörper, etwa auf der Höhe, wo es auch während der Schwangerschaft gewesen war. Vielleicht wegen dieser Nähe zur Mutter, und weil es den Rücken zur Gemeinde kehrte – oder vielleicht, weil es einfach schlief – schrie das Baby kein einziges Mal. Gemeindemitglieder wurden dazu aufgerufen, nach vorne zu kommen, das Kind zu segnen – auch die Kinder, die zu dem Zeitpunkt noch anwesend waren, wurden explizit darum gebeten, nach vorne zu kommen. Sie umkreisten das Kind, nicht in einem grossen Kreis, sondern stattdessen in mehreren kleinen Kreisen, alle mit den Händen oben, um einen Segen zu sprechen. Alle murmelten vor sich hin, und beteten für das Kind. Ich war zu überrumpelt, um irgendwas zu tun, und beobachtete einfach. Einzelne Gemeindemitglieder waren nicht nach vorne gegangen. Ich drehte mich um und sah, wie sie dennoch mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen murmelten, wohl auch, um das Kind zu segnen.
Die gemeinschaftliche Einsegnung des Kindes – der Vater suchte wohl gerade noch einen Parkplatz und verpasste diesen Teil – wurde beendet von Hansjörg, der erklärte: «Es gab sicher noch einige prophetische Eindrücke», diese soll man «später» weitergeben. So nahm er also an, dass die Mitglieder seiner Gemeinde einen «prophetischen Eindruck» zur Zukunft dieses Kindes haben dürften. Vielleicht hatte er auch selbst einen. Ich frage mich natürlich, ob irgendeiner dieser Eindrücke sich langfristig bewahrheiten wird. Schwierig zu überprüfen.
Segnet und schwingt die Kinder!
Die Segnung des Babys war zwar vorbei, doch die Segnung von Kindern ging weiter. Bei der City Church gibt es mehrere verschiedene Altersgruppen für deren «Kinderstunden» – die «Bibeli» von 0 bis 2, die mit den Eltern in die «Lämmli»-Gruppe für Kinder von 3-6 Jahren gehen. 7-11-jährig sind dann die «Löwen». Die Gruppe «Preteens» sei im Aufbau, aber nach meiner Altersschätzung dürfte es noch ein, zwei Jahre dauern, bis die ältesten Kinder dann langsam in diese Gruppe kommen dürften. Dieser Übertritt geschah wohl an diesem Sonntag, mit einer längeren Einleitung eines Gemeindemitglieds zum Eltern-Sein. «Wir sind da, um die Kinder zu schützen», erklärte sie, vermutlich auch eine junge Mutter um die 30. Ziel der ersten Lebensjahre sei es, den Kindern Geborgenheit und Schutz zu geben – ein Sentiment, das ich als sinnvoll und zielführend erachte. Als Sechsjährige machten die Kinder einen grossen Schritt in die Verantwortung, ohne Begleitung ihrer Eltern, sie wären mal allein, würden eingeschult. Sie erklärte, die Eltern müssten ihren Kindern diesen Schritt zutrauen, und sie «gehen lassen». Man müsse hier darauf achten, nicht die «falsche Aufgabe» wahrzunehmen, um nicht etwas «kaputt» zu machen. Diesen Schritt in die Verantwortung müssten die Kinder machen, um «als Jugendliche ihre Rolle wahrzunehmen». Mit dem Stichwort «Jüngerschaft» wurde glasklar, worum es sich bei dieser Rolle handeln dürfte. Ein Leben nach «Gottes Wort» (nicht selten eher der Interpretation der Gemeinde, wie vermutlich auch hier), mit grossem Fokus auf das Evangelisieren.
Diese sechs- bis siebenjährigen, die von nun an zu den «Löwen» gehörten, wurden von Erwachsenen hochgehoben und «geschwungen», in angemerkter Anlehnung daran, dass früher Priester in ihr Priestertum «geschwungen» wurden, und so ihrem «Götti» überreicht, der wohl von nun an ihr Mentor im Glaubensleben sein würde. Die Kinder schienen sich dabei sehr zu vergnügen. Mindestens ein Kind war zwar noch nicht in dem Alter, wollte aber trotzdem «geschwungen» werden, und sah seinen Wunsch, mit einigem Lachen vonseiten der Erwachsenen, erfüllt. Danach wurden auch diese Kinder «gesegnet». Alle standen auf, erhoben die Hände, und sprachen Segen laut aus, so, dass alle rund 50 Menschen gleichzeitig murmelten. Da machte ich dann doch auch mit – Kinder zu segnen, schien mir eine Praxis, der ich mich mit gutem Gewissen anschliessen kann. Ich hatte aber mit Sicherheit etwas andere Wünsche für die Kinder als die Erwachsenen um mich.
Ein viel zu lange dauerndes Lied
Die Kinder verschwanden nun in ihre jeweiligen Kinderstunden, und ein Gemeindemitglied las eine Bibelstelle vor – Philipper 2, 1-5, wie sie nach dem Lesen dann noch kommentierte. Ehe die Predigt selbst begann, spielte die Band noch mehrere Lieder, bei denen wir natürlich stehend mitsangen. Der Liedtext wurde auf den zwei Bildschirmen hinter der Band angezeigt, die Melodie war, wie in diesem Kontext üblich, sehr eingänglich. Bei einem Lied zog die Band es richtig lange hin. Ich hatte schon fünfmal gedacht, so, jetzt dürfte das Lied gleich fertig sein… und dann ging es nochmal mehrere Minuten. Als ich dann dachte «jetzt ist aber gut», entschied sich der Gitarrist dazu, in einer anderen Tonart weiterzuspielen, und da wusste ich: Es ist noch lange nicht vorbei. Mindestens der Gitarrist schien es immer wieder in die Länge ziehen zu wollen, was für mich jede Form und jeden Anschein von bisheriger «Atmosphäre» zerstörte. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass er das Gegenteil bewerkstelligen wollte. Andere Menschen bewegten sich mehr oder weniger, einzelne schwangen sogar Fahnen, oder knieten im Gebet hin; auch später beim Singen – oder, wenn man den Begriff bevorzugt, beim «Worship»-Teil.
Bei solchen religiösen Handlungen stellt sich immer die Frage, wie viel ist Schau, und wie viel ist aufrichtig, wenn es mit Sicherheit oft auch gemischt ist. Bei einigen hatte ich einen verstärkten Eindruck, dass es sich eher um «Schau» handelte. Liedtextmässig war nichts Besonderes dabei – «du bisch d Liebi, die reini Liebi», «your name is the highest», oder ein von einem Liedtext inspirierten «you are holy, holy holy», das wir dem Gitarrist gefühlt stundenlang mit improvisiertem neuen Text nachsangen. Zugegebenermassen merkte ich plötzlich, dass wir auf Deutsch gewechselt hatten – eine Änderung, die ich einfach mitgemacht hatte, wahrscheinlich weil wieder der Gitarrist vorgesungen hatte, und wir ihm sowieso nachsangen.
Nach diesem langen, langen Lied kam noch ein kürzeres, «I put my faith in Jesus», und dann wurde gebetet. Für die Predigt, von einem Gemeindemitglied, welches im Gebet insbesondere dankte und um eine gute Predigt bat; ein insofern klassisches Gebet für die Freikirchenszene. Sie bat auch darum, dass die Lehre «uns hilft». Nun beteten wir alle – stehend, laut, alle gleichzeitig. Ich hörte ein Gemeindemitglied «in Zungen reden». Ob andere es auch taten, weiss ich nicht – wenn, wären sie sowieso zu weit weggewesen.
Predigt mit Flipchart: Wenn’s für die PowerPoint-Präsentation nicht reicht
Hansjörg zog für seine Predigt eine Flipchart herbei. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn es eine Art Jugendtreff gewesen wäre, aber dass man für eine Predigt eine Flipchart herbeizieht, ist mir in jeder Weise neu. Hansjörg erklärte, er hatte viel Mühe, viel mehr als sonst, gehabt damit, ein Thema zu finden – es sei ihm kurz nach dem letzten Treffen vor drei Wochen so gewesen, als müsste er übermorgen predigen, obwohl es noch länger dauerte, und so betete er. Nach langer Ausführung seines Leidens erklärte er, die Idee für dieses Thema sei «plötzlich» gekommen. Genau genommen waren es zwei gewesen, aber er erzählte uns leider nur von der einen – «die zweite», die Idee, dass «Versöhnung» thematisiert werden könnte. Nach noch mehr Beten und Absprache mit den Jünger-Häusern hat er sich dann dafür entschieden und es in den Gruppenchat mit den Jünger-Häusern gestellt. Wenn ich eins sagen darf, dann: Die Art und Weise, mit welcher die Gemeindemitglieder kurz zusammenfassbare Konzepte langatmig ausführen, scheint ein vereinendes Merkmal dieser Gemeinschaft zu sein. Hansjörg gab einen Überblick über den Plan heute – wir würden «einfach Bibelverse», also Jesu Lehre, anhören, der Heilige Geist würde sprechen, und dann gäbe es noch einen «Kompass». «Gemütlich», dachte ich und erwartete eine kurze Predigt. Dem war allerdings nicht so.
Eins werden durch Versöhnung
Versöhnen sollte man sich, um aufzuräumen, im Sinne eines Frühlingsputzes. Im Gegensatz zu uns, die wir einen Buss- und Bettag haben, lebte «das Volk» in Israel den «Tag der Versöhnung», Jom Kippur, aus. Versöhnung sei aber kein Event, den man einmal im Jahr haben sollte, sondern «ein Lebensstil». Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte er mehr als einmal die Gemeinde in seine Predigt einbezogen, und die Menschen um mich kommentierten dazu, da mal ein «mhm!», dort mal ein «Amen!». Natürlich nicht nur so betont, wie es sich auf Hebräisch ausspricht, sondern auch als englisches Wort, also doch nicht so, wie es sich auf Hebräisch ausspricht. Denn: Unser Ziel, so Hansjörg, sei es, ein Herz und eine Seele zu werden. Geistlich eins sein, das reiche nicht! Unsere Persönlichkeiten wären zu unterschiedlich. Spätestens jetzt läuteten bei mir die Alarmglocken. Heisst das, die Erwartung besteht, dass man die eigene Persönlichkeit so verändere, dass sie «in die Gruppe passt»? Ein solcher Anpassungsdruck ist immer sehr heikel, und befindet sich in gewissem Sinn auf einer Vorstufe zu problematischen Merkmalen, da er den Boden dafür liefern kann.
Das Ziel sei also, «wirklich eins» zu sein, wie es dann einst im Reich Gottes sein würde. Auch «hier», in dieser Kirche – und ja, das Wort «church» verwendete Hansjörg wirklich mehrfach, als er über die Gemeinschaft sprach – gäbe es «einzelne Dinge», welche zwischen uns stünden. Er zählte auf: Jemand begrüsse einem vielleicht «nicht so freundlich» wie sonst. Oder man hätte «einen bösen Gedanken», würde «innerlich beurteilen», «kritisieren», kurz, ein «Fehlen der Liebe». Dieses Beispiel, dass jemand einem nicht so freundlich wie sonst begrüsste, zog sich auch durch die Predigt. Für mich war es ein besonders fragwürdiges Beispiel. Von dem persönlichen Empfinden, dass diese Begrüssung jetzt «anders» war als sonst, zu schliessen, dass jemand etwas gegen einem habe, spricht für mich mehr für eine Variation von tiefem Selbstwertgefühl zu sozialen Ängsten, ohne dass ich dies jetzt pathologisieren will. Kurz: Eine selbstbewusste Person, die auch auf ihre Beziehungen vertraut, dürfte sich von einer Begrüssung, die «nicht so freundlich wie sonst» verläuft, wohl kaum so stark verunsichern lassen. Er selbst, erklärte Hansjörg, sei auch schon zu Meetings einberufen worden, weil er ein Gemeindemitglied nicht so herzlich wie sonst begrüsst hätte. Man muss also jederzeit fürchten, jemand würde es einem persönlich nehmen, wenn man vielleicht mal nicht so Lust hat, mit irgendjemandem zu reden? Mit Sicherheit kein Zeichen einer stabilen Beziehung.
Andere Auffälligkeiten seien beispielsweise, jemand hätte ein «komisches Benäh» oder hätte «wider Erwarten reagiert». Auch letzteres wieder ein sehr fragwürdiges Beispiel. Wenn jemand also nicht über meinen Witz lacht, ist das doch nicht grundsätzlich ein Problem, sondern entweder, die Person hat ihn nicht verstanden, oder findet ihn einfach nicht lustig. Beides legitim. Aber hier schien das ein Problem zu sein, gerade beim Ziel, ein Herz und eine Seele zu werden. Ein weiteres Beispiel? «Jemand triggert dich einfach als Person.» Meine initiale Interpretation war, dass man jemanden kennenlernt oder trifft, der einen an jemanden oder etwas erinnert, bei dem man sehr schlechte bis möglicherweise traumatische Erlebnisse gemacht hat. Diese ist aber anscheinend falsch. Wie ich im Verlauf der Predigt feststellen durfte, meinte Hansjörg damit einfach eine Person, mit der man sich nicht unbedingt gut versteht – jemand, den man irgendwie ein wenig merkwürdig findet, man ein wenig Mühe hat, mit dessen Persönlichkeit. Etwas, das mir auch im Alltag passiert – manchmal lernt man Menschen kennen und merkt, das passt in keiner Weise, und dann belässt man es beim Smalltalk und kurz «Hallo» sagen, wenn man sich sieht. Solange das für beide passt, ist das auch kein Problem. Hier anscheinend schon. Man muss wohl den Nächsten nicht nur lieben, sondern auch alle gleich behandeln wie alle anderen.
«Ich habe Quellen»: Es fängt an bei der Wissenschaft …
Hansjörg führte weiter aus. Er hätte «Quellenangaben», vor denen er uns verschone – es ginge nur um «wissenschaftliche Studien». So hätten Menschen dauerhaft durchschnittlich drei bis sieben ungelöste Konflikte, 1-2 in den Herkunftsfamilien, 2-3 in der Partnerschaft, und 1-2 auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld. Diese blieben zu 60-70% strukturell ungelöst. Das Unversöhntsein führe zu einem höheren Stresslevel, mehr Cortisol, und Hansjörg liest weiter vor, was er gefunden hat.
… und es geht weiter mit der Religion
Hansjörg betonte die Wichtigkeit der Versöhnung, und führte aus, dass Beziehungen, in denen sich immer wieder versöhnt wurde, stabiler seien als andere – die anderen seien «lau». Das sei aber nicht wissenschaftlich belegt, sondern seine Hypothese. Die Gemeinde trug auch ihre Hypothesen zu, was Unversöhntheit sonst noch auslösen dürfte. «Chronische Krankheiten, Krebs, autoimmune Krankheiten», alles eher signifikante Krankheiten, die den Alltag nicht selten massiv beeinträchtigen. Eine Art der «umgekehrten Kausalität», also dass bei einem vorbildlichen Leben keine Krankheiten entstünden, gab es nicht. Ein Gemeindemitglied, das mutmasslich im medizinischen Bereich arbeitet, erklärte, sie hätten auch schon Tumore verschwinden sehen, als sich versöhnt wurde. Der Link zwischen psychischer Belastung und körperlichen Auswirkungen ist nicht abschliessend erforscht, und so kann es sein, dass weniger psychischer Druck bei einigen körperlichen Leiden hilft. Die auf vielen Ebenen gefährliche Umkehrung dieser Tendenz, nämlich dass, wer eine «reine Psyche» hat, kein körperliches Leiden verspürt, wurde hier nicht gestellt, und ich hoffe, dass sie dies so beibehalten.
Die fehlende Dorfgemeinschaft und die prophetische Schafsherde
Hansjörg verwies bei seiner nächsten Ausführung auf den Zeitgeist, etwas, das ihm beim Nachdenken eingefallen sei. Christen, die seien «gering besser» als der Rest der Bevölkerung, was beispielsweise Scheidung beträfe. Beziehungen würden «konsumiert», man achte darauf, «was bringt’s mir?» Das Gefühl der Dorfgemeinschaft sei weg. Grundsätzlich keine Falschaussage, dass dieses nach und nach verschwindet, besonders in immer grösser werdenden Städten, ist nicht überraschend, nicht im Geringsten.
Er sprang etwas von Thema zu Thema. Als nächstes ging es um Prophetie, wenn auch nur kurz: Die Jünger-Häuser erhielten demnächst einen Brief «mit prophetischem Aspekt». Hansjörg selbst sei «beeindruckt» von der Genauigkeit der Prophetie gewesen. Besonders, dass verschiedene Menschen unabhängig voneinander dieselbe Bibelstelle im Kopf gehabt hätten. Er führt weiter aus. Wenn jemand eine Prophetie erhalte, dann soll man nicht «werweisen», ob «er» es war. «Er ischs gsi. Loset und machet. Schafe hören meine Stimme. Mäh.» Sein Schafsblöken imitierendes «Mäh» wird beantwortet durch ein gemeinsames Blöken vonseiten der Gemeinde.
Hansjörg sprach nun über die Häuser, die er neulich wohl gebaut hat, oder besser: bauen lassen hat. Ihnen waren wohl die Monteure abgesprungen – ich frage mich, warum, und wie oft sowas passiert – aber sie hätten doch noch jemanden gefunden. Er erzählte, dass etwas falsch eingebaut wurde – ein schräger Pfosten – und dass er die Handwerker darauf angesprochen hatte. Da zog er noch ein wenig über Handwerker her, oder besser, «deren Kultur». Die Fehlerkultur sei nicht so gross bei denen, stattdessen «Fünf-Stern-Ausreden». Aber: «die lernen das so. Das ist deren Kultur.» Deswegen sei Hansjörg auch «gechillt entspannt liebevoll» gewesen, als er das Problem ansprach.
Die Grundlage für Versöhnung: Nicht das Eingestehen des eigenen Fehlers!
Schliesslich sei der Pfosten innert einer dreiviertel Stunde von einem Zimmermann und einem riesigen Hammer geradegestellt worden. Er hätte zuerst die Verankerung lösen müssen. Dieses Bild verwendet Hansjörg nun für Gottes Wirken. «Wo der Herr nicht baut, steht der Wächter umsonst», ein Bibelzitat, dessen Stelle er nicht anmerkt, und übrigens auch mehr als die Hälfte der Stelle weglässt (s. Psalm 127, 1). «Gott kann Fehler», Hansjörg schnipst schwungvoll, «lösen.» Manchmal müsse er dafür einfach die Verankerung lösen.
Mit dieser «kleinen Ermutigung» würden wir nun «eintauchen». Hansjörg zeigt nun die ersehnten Bibelverse, in denen es um Vergebung und Versöhnung geht. Matthäus 5, 23-24, Mt 6, 12, Mt 6, 14-15, Mt 18, 15-17, Mt 18, 21-22, und zu guter Letzt noch Römer 12, 9-21. Sie werden alle auf der Leinwand angezeigt.
«Grundlage für Versöhnung?», fragte Hansjörg. «Miin Fehler», antwortete ein Gemeindemitglied. Das stimmte leider nicht – «Vergebung», schrieb Hansjörg gross auf die Flipchart und umrahmte es.
Wenn das logische Verständnis fehlt, oder: Die Schlussfolgerung ist kein Argument
Hansjörg erklärte nun, dass wir alle immer vergeben sollten, «so wie Gott mir vergeben hat». Unsererseits sei die Vergebung immer bedingungslos, aber damit Gott uns vergäbe, müssten wir Bedingungen erfüllen. Uns würde vergeben, wenn wir anderen vergeben, und gleichzeitig müssten wir auch Einsicht zeigen, was unsere Verfehlungen angehe. Dafür führte er auch Bibelstellen an.
Es war eine gewissermassen fehlende Zustimmung im Raum – Gott hat uns doch vergeben, schien der Gedanke zu sein – und Hansjörg fragte: «Warum wissen wir, dass Gott uns noch nicht vergeben hat?», und brachte sein Argument: «Wenn er vergeben würde, gäbe es keine Hölle.» Tja. Wenn man nicht an die Hölle glaubt, löst sich das Problem von selbst.
Rechtsgültigkeit der Vergebung: Wenn Glaube juristisch wird
Jemand aus der Gemeinde äusserte sich dann erneut dazu: «Er hat die Voraussetzungen geschaffen für Vergebung, und von seiner Seite alles getan. Seine Vergebung ist grenzenlos. «Rechtsgültig» ist sie erst, wenn wir es annehmen.» Diese Deklaration fand Zustimmung in der Gemeinde, Hansjörg bedankte sich explizit dafür und schien durchaus begeistert davon zu sein. Mir fiel aber auf, dass die Person, welche ausführte, eine fast schon verteidigende Haltung einnahm. Sie wollte das, was sie vorher gesagt hatte, klarer formulieren – ich nehme an, es war dieselbe, die vorhin eingeworfen hatte, dass Gottes Vergebung da ist – und sichergehen, dass sie nicht falsch verstanden würde.
Hansjörg betonte weiter, dass Vergebung für «dich» entlastend sei, und dass man durch die Vergebung «100% auf das Recht an Gerechtigkeit verzichtet». Er brachte ein Beispiel davon, dass ihm jemand vielleicht mal das Auto zerkratze. In diesem Falle «klage ich den Typen nicht an … innerlich», und «stell ich auch keine Kamera auf». Ausser wenn es mehrfach passiere, so Hansjörg. Dann «stell ich vielleicht eine Kamera auf.» Ob er mal mit dem «Typen» rede, und der eine gute Antwort auf «warum hast du mein Auto zerkratzt» habe oder nicht, ob er sich entschuldigen würde oder nicht – das ändere bei Hansjörg, und soll auch bei uns, innerlich, nichts ändern.
Die Vier Fälle der Versöhnung
Das Diagramm, das Hansjörg zu zeichnen begann, wurde um vier «Fälle» erweitert. Diese vier «Fälle» betrafen Situationen in der Gemeinde, und nur in der Gemeinde, die einer Vergebung bedürften. Der erste ist «Geschwister, die etwas gegen dich haben» (bspw. dürfte man das denken, und scheint Hansjörgs Lieblingsbeispiel zu sein, wenn jemand einen zu wenig herzlich begrüsst, denn anhand dieses Beispiels führte er wieder aus), das zweite jene «Geschwister», die man selbst innerlich kritisiert, das dritte, «die dich triggern», und das vierte, die «gegen dich sündigen». Das vierte sei am seltensten, erklärte Hansjörg. Die Probleme in der Gemeinde seien ein Fall des «noch nicht»; etwas der drei ersten Punkte könnte dazu führen, sei aber noch nicht so weit. Ziel des Diagramms: Wie vorgehen, um eine Versöhnung zu erzielen.
Empfehlenswerte Strategien …
Bei allen Punkten fand er, man soll eine Selbstprüfung machen, je nachdem Busse tun, mindestens beim ersten auf jeden Fall auf die anderen zugehen – eine Reihe von Ausführungen, wie man «christlich» mit den anderen zu sozialisieren habe. Dass das in einer Predigt so thematisiert wird – eine genaue «To-Do-Liste» für Probleme in der Gemeinde – in Kombination mit der engagierten Teilnahme der Mitglieder dürfte implizieren, dass ähnliche Vorgaben für das Alltagsleben nichts Neues für die Gemeindemitglieder sein dürfte. Heisst übersetzt: Sie sind es sich gewöhnt, dass Hansjörg sagt, was gut und recht ist, auch im Einzelnen.
… für die Kontrolle einer Gemeinschaft im Alltag eines Einzelnen
Wenn man jemanden «im Herzen» kritisiere, ohne aktiv zu werden (hier: mindestens Selbstprüfung, Busse tun), dann habe «der Teufel am meisten Freude». Insgesamt wurde der Teufel immer wieder beiläufig thematisiert, als Figur, die es konstant zu bekämpfen gilt. Alles, was ich tue, darf nicht dem «Feind» in die Hände spielen – eine praktische Grundlage, wenn ich den Alltag meiner Gemeindemitglieder kontrollieren möchte.
Beim Kritisieren geht es aber noch weiter, denn: Vielleicht tat diese Person wirklich etwas, das sie nicht sollte – zum Beispiel der Aspekt der «Selbstüberhöhung». In diesem Falle soll man auch ermahnen, in so erwähnter Anlehnung an «Richtet euch selbst, damit ihr nicht gerichtet werdet». Notabene bezieht es sich hier aber auf die Gemeinde – das heisst, ich richte nicht (nur) mich selbst in der «Selbstprüfung», sondern auch meine «Geschwister im Glauben»; also die anderen. Ermahnungen seien schliesslich etwas Wichtiges. «Das ist Ermahnung. Das ist Liebe.» vermerkte Hansjörg aufschlussreich.
Zwei Gemeindemitglieder hätten auch noch einen neuen Beitrag geschrieben zu «Ermutigung und Ermahnung», den Hansjörg sehr empfehle. Diesen finde ich nach etwas Suchen auch in ihrem Kurs «Disciple Makers» (sog. «Schulungs- und Trainingswerkzeug»). Es wird nicht weiter darauf eingegangen, und ich nehme an, dass mindestens einzelne der Gemeindemitglieder diesen Beitrag zuhause lesen würden.
Dein Geist gibt mir schlechte Vibes
Auch «Triggern», bei Hansjörg alternativ zum üblichen Gebrauch des Wortes verwendet, kann eine Ursache haben, die nicht bei einem selbst liegt. Nämlich: «Wenn jemand die Gabe der Geistesunterscheidung hat», und man merke, es stimme etwas «Geistliches» nicht. Finde ich jetzt etwas gar praktisch. Wenn ich also jemanden nicht mag, dann behaupte ich einfach, da stimme «geistlich» was nicht – ich spüre schliesslich, dass etwas (für mich) nicht stimmt. Hansjörg erklärte natürlich, dass man das auch spüre, ob es geistlich sei oder nicht. Gegen jemandes Behauptung, «geistlich stimmt was nicht» zu argumentieren, das dürfte sich dann aber doch als schwierig herausstellen. Ob sie da einen Exorzismus durchführen würden?
Rauswurf: Mit oder ohne Kontaktabbruch?
Wenn dann aber jemand sündige, dann solle man dies mit ihm ansprechen, wenn erfolglos, Zeugen mitbringen, wenn erfolglos, vor die Gemeinde bringen, wenn erfolglos, ihn «als Heide» betrachten. Gemeint damit sei, so führt Hansjörg aus, dass man nicht mehr denselben «Massstab», d.h., den «Massstab des Reichs Gottes» verwende. Ob dies als Ausschluss oder als fehlende Ermahnungen gemeint war, blieb unklar.
Im Verlauf der Predigt taucht ab und an auf, dass man bei einer Versöhnung danach trotzdem getrennte Wege ginge. Ein Gemeindemitglied teilte mit, dass ihm dies sehr helfe – zu wissen, dass es auch mal zu Trennungen komme. Das City Church Netzwerk dürfte signifikant geschrumpft sein – verzeichneten wir vor einigen Jahren noch 150 Menschen, scheinen es nun regulär 50 zu sein. Ob er wohl an eine oder mehrere dieser hypothetisch 100 fehlenden Personen dachte?
Ein beruhigendes und ein beunruhigendes Zeugnis
Es wurden noch Zeugnisse geteilt.
Eine Dame machte eine Anmerkung, die mir besonders wichtig erscheint. Sie stünde in ihrer Arbeit oft Opfern an der Seite. Am Beispiel einer Vergewaltigung ausführend sei es ihr auch wichtig zu betonen, dass Vergebung nicht bedeute, dass die Straftat nicht verfolgt werden soll. Stattdessen müssen die strafrechtlichen Konsequenzen auch einsetzen, wenn man jemandem vergeben habe. Ein Punkt, bei dem ich ihr nur zustimmen kann. Ich war positiv überrascht – solche Ansätze, und Spezifikationen, hört man im freikirchlichen Kontext dann doch selten.
Ein Mitglied erzählte von ihrem Jünger-Haus, in welchem sie «am Samstag» eine super Ernte hatten, und es «am Montag» dann irgendwie einfach nicht ging. Ich gehe davon aus, dass mit «Ernte» das Bekehren («zu Jesus führen») anderer gemeint ist. Sie von der Ernte abhalten könne nur eins: Wenn sie nicht eins seien. Wieder heikel: Bedeutet das, ich muss meine Persönlichkeit verändern, um hineinzupassen? Genauer wird es nicht formuliert, schafft aber einen nahrhaften Boden für problematische Merkmale in der Zukunft der Gemeinschaft.
Ich will doch einfach Prophetien in meiner Gemeinde!
Hansjörg fragte, doch eher engagiert, ob denn in der Gemeinde noch Probleme bestünden. Nach einigen allgemein gehaltenen Reaktionen im Sinne von «die Predigt hat mir sehr geholfen» (mit etwas mehr Worten) fragte Hansjörg nochmal, und nochmal nach, ob es denn wirklich irgendwie passend war, oder einfach nur heisse Luft. Spätestens bei der dritten Nachfrage hatte ich den Eindruck, er wollte hören «ja! Das war genau, was ich brauche; ich werde gleich darauf mit einem Gemeindemitglied sprechen». Er wollte etwas Genaues. Das kam aber nicht, es blieb beim Allgemeinen.
Ich fragte mich, ob er diese Reaktion wollte, damit er danach sagen konnte – denn das schien er gerne zu sagen – «das ist prophetisch!» Schliesslich fand er auch, das Gebet vor seiner Predigt sei «prophetisch» gewesen, weil die Betende darum bat, dass die Lehre uns helfen würde. Begründung? Sie würden eine versöhnte Gemeinde für die nächste Zukunft brauchen. Das nächste Mal würden sie nämlich einen «coworking space» machen mit verschiedenen Stationen.
Die zwei Stunden waren dann auch bald vorbei: Es gäbe noch ein Abendmahl, doch man soll zuerst mit 2-3 Geschwistern in den Austausch gehen. Die letzten Lieder wurden von der Band gespielt, so richtig sang niemand mehr mit.
WG mit sozialer Kontrolle: Ein 2-in-1-Deal oder eine Gefahr für den Alltag?
Ich hatte bei jedem Erwähnen der «Jünger-Häuser» das Gefühl, dass es sich um – in diesem Sinne – real existierende Häuser handelte, in denen die «Jünger» lebten, sozusagen ein Mehrfamilienhaus mit einer Familie pro Wohnung. Schliesslich klang es so, als würden diese Menschen sehr viel Zeit miteinander verbringen. Ich fragte also das Gemeindemitglied, das unweit von mir sass. Sie erklärte mir freudestrahlend – also, das Übliche im freikirchlichen Kontext – dass sie tatsächlich zu sechst in einer WG lebten und alle demselben Jünger-Haus angehörten. Dabei zeigt sie auf jene Gemeindemitglieder, die anwesend sind und in ihrer WG wohnen. Drei weitere, die ebenfalls zum Haus gehörten, lebten nicht mit ihnen zusammen. Sie hätten 12 Jünger-Häuser, bei einigen davon sei es aber erst ein Ehepaar oder eine Familie. Man empfehle auch, mit der Person, die man «bejüngert», zusammenzuwohnen – heisst also, wer beispielsweise der Gemeinde neu beitritt, erhält wohl einen «Mentor», mit dem man zusammenleben soll. Dies ermöglicht eine noch viel stärkere Kontrolle des Alltags. Bei einer so starken Kontrolle dürfte das problematische Merkmal der «Überwachung» erfüllt sein – besonders, wenn stark empfohlen wird, dem Mentor jeweils die Sünden zu beichten.
«Religion ist etwas ganz Schlechtes»
Meine Gesprächspartnerin fragte noch nach, wie ich vom City Church Netzwerk gehört hätte – die üblichen Fragen, die ich zu dem Zeitpunkt erst zum dritten Mal im Rahmen dieses Besuchs gefragt wurde. Ich erklärte, ich hätte über Ecken meines Freundeskreises von ihnen gehört. «Meine Freunde wissen, dass ich mich für religiöse Gruppierungen interessiere, und dann schreiben sie mir, wenn sie angesprochen wurden oder etwas gehört haben.» Faktisch richtig, all meine Freunde wissen, dass ich ausgesprochenes Interesse daran habe. Nur leider ein kleiner Fauxpas bei der Formulierung: «Wir sind nicht religiös», erklärte mir das Gemeindemitglied, das gerade zwei Stunden an einer Veranstaltung gläubiger Menschen mit Gebet, Bibelverweisen und dem Ausüben von Geistesgaben wie Zungenrede teilgenommen hatte. «Religion ist etwas ganz Schlechtes», formulierte sie weiter, und verwies darauf, dass es ihnen um eine Beziehung mit Gott ginge. Ich verzichtete auf einen korrigierenden Kommentar und meinte bloss, dass ein ähnliches Konzept in einem Lied vorgekommen war. Diesen Liedtext hatte ich nur kurz aus den Augenwinkeln gesehen, dürfte aber das Konzept «brich frei von der Tradition, entledige dich der Religion» in etwa widerspiegeln; wenn das Lied auch englisch war. Natürlich war der Liedtext ansonsten aber gottesverehrend und somit in keiner Weise nicht religiös.
Wenn Polizisten an Dämonen glauben
In einem der auf der Webseite aufzufindenden Podcasts, die ich vor dem Besuch angehört hatte, predigte ein Mathias, dessen Nachname nicht spezifiziert wurde, und in seiner Predigt erzählte, bei der Polizei zu arbeiten. Dort hätten sie ein Mädchen, das von einem Heim weggerannt war, wieder eingefangen. Dieses Mädchen habe viele traumatische Erfahrungen gemacht, und sie sei, so erklärte Mathias weiter, «dämonisch besetzt». Als sie das Mädchen zur Station gebracht hätten, hätte sie «angefangen zu manifestieren», und sich gegen die Polizisten zur Wehr gesetzt. Ein vollständig verständliches Verhalten für ein traumatisiertes Kind, das sich von grossen und starken Erwachsenen umgeben sieht; auch ohne jegliche dämonische Besetzung. Bei einer solchen dämonologischen Einstellung in einem Beruf, in dem man so viel mit Menschen zu tun hat, stellt sich für mich die Frage: Kann da jemand überhaupt den Menschen als Menschen sehen und als Menschen behandeln?
Angela Heldstab, Dezember 2025