Im Rahmen der Recherche für einen Workshop über religiöse Influencers sind uns im Team von Relinfo Muster aufgefallen. Diese Muster haben wir kategorisiert. Überschneidungen sind möglich. Auch ist ein Influencer nicht zwingend problematisch nur weil er oder sie in eine der Kategorien passt. Ziel dieser Einordnungen sind erste Schritte zur Erkundung des Dschungels an religiösen und spirituellen Inhalten online. Häufig auftretende Narrative können bei dieser Kartografie unterstützen. Die Kategorisierung findet nicht nach Glaubensrichtung statt, sondern nach dem Verhalten des Influencers. Wir fragten uns: Welches Narrativ wird dargestellt? Und wie wirkt es auf das Publikum? Zur Veranschaulichung wurde zu jedem Typ von Influencers ein prominentes Beispiel hinzugefügt. Alle statistischen Angaben sind auf dem Stand vom Februar 2026.
Die Performenden
Man könnte argumentieren, dass alles im Internet Gezeigte eine Performance sei. Doch bei diesen Influencern wirken die Inhalte besonders gestellt oder romantisiert. Es wird ein nahezu unerreichbares Ideal dargestellt. Nicht selten befinden die Influencer sich auch ohne Popularität online schon in einer privilegierten Stellung. Im Publikum können so einerseits eigene Fantasien und Wünsche angeregt werden. Andererseits können auch Gefühle von Eifersucht, Druck oder Pessimismus gegenüber den persönlichen Lebensumständen entstehen.
Ein bekanntes Beispiel in dieser Kategorie wäre die mormonische Influencerin Nara Smith (www.tiktok.com/@naraazizasmith) mit einer 12,4 Millionen Followerschaft auf Tiktok. Sie filmt sich beim Kochen aufwendiger Rezepte in extravaganten Outfits. Sie wird als eine der bekanntesten «Tradwives» gesehen, also der traditionellen Ehe- und Hausfrauen-Bewegung. Dabei ist sie Influencerin und damit keine traditionelle Hausfrau ohne Beruf. Einige Fans nehmen sie in Schutz, da sie solch umständliche Rezepte in so unpraktischer Kleidung macht, dass es ironisch gemeint sein müsse.
Die Individuellen
Die Inhalte dieses Typs sind an ein Nischenpublikum angepasst. Diese Zielgruppe fühlt sich dann besonders angesprochen und reagiert dementsprechend empfindlich auf die Inhalte.
Hier wäre Edward Art (www.youtube.com/edwardart) mit 50 Tausend Abonnierten auf YouTube ein gutes Beispiel. Seine Videos auf YouTube befassen sich mit dem Manifestierennev, basierend auf den Schriften von Neville Goddard, einem Pionier des aktuellen Manifestations-Hypes. Dabei wirken seine Videos besonders tiefgründig, da sie mit alter Malerei und philosophisch klingenden Titeln gestaltet sind. So sprechen sie ein Publikum an, das an Manifestation interessiert ist, sich jedoch vermutlich zu intellektuell für zu einfache Antworten hält.
Die Gedrehten
Bei diesen Influencern wird ein Wechsel der Inhalte nach einem Skandal oder Tiefpunkt sichtbar. Dies irritiert Follower und löst Diskussion oder sogar Spaltungen in der Community aus. Gerade dadurch steigt die Bekanntheit des Influencers wieder an. Daher kann dieses Manöver auch beabsichtigt sein.
Ein Beispiel ist die YouTuberin Trisha Paytas, die oft in Reality-TV-artige Skandale verwickelt war und dann ein Musikvideo mit dem Titel «I love you Jesus» hochlädt. Viel interessanter ist es jedoch, wenn ein Kanal versucht seit Jahren gross zu werden und es erst schafft, als er beginnt über das Manifestieren zu posten. Ein Beispiel dafür ist Rita Kaminski (275 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@ritakaminski). Sie hat über Jahre versucht mit verschiedenem Content Klicks zu generieren. Dazu gehörten Reise-Vlogs oder Beauty-Tipps. Das war nie besonders erfolgreich, bis sie angefangen hat über das «Law of Attraction» zu sprechen. Die Idee hinter Manifestation ist: Deine Gedanken werden wahr, also ändere sie und ändere damit dein ganzes Leben. Das Thema ist bestens geeignet, um viele Videos daraus zu machen: Die Message ist immer gleich «Du erschaffst deine Realität» und es braucht nur wenig Hintergrundwissen. Viel weniger als christliche Inhalte, wofür man zumindest ein wenig über die Bibel wissen sollte. Rita selbst behauptet, sie hätte ihren Erfolg auf YouTube durch ihre Gedanken manifestiert. Dies sei ein Beweis dafür, dass man selbst das auch schaffen kann. Dass sie womöglich nach vielen Versuchen und Lernen daraus auf einen Trend aufgesprungen ist und damit ihren Durchbruch hatte, wird nie in Erwägung gezogen. Manifestieren eignet sich zusätzlich auch als guter Inhalt zum Posten, da der Influencer nie schuld ist, wenn ein Tipp nicht funktioniert. Das liegt dann allein an einem selbst und dass man «nicht genug geglaubt hat». Für gepostete Inhalte muss also keine Verantwortung übernommen werden.
Die Provokanten
Sie arbeiten oft mit Ragebait (übersetzt wortwörtlich: Wutköder), Cringe (besonders peinliche Inhalte) oder KI um zu schocken. Starke emotionale Reaktionen sollen ausgelöst werden, damit Posts kommentiert und geteilt werden.
Der christliche Influencer Leonard Jäger oder «Ketzer der Neuzeit» (www.youtube.com/@Ketzerderneuzeit) mit 577 Tausend Abonnierten auf YouTube ist ein gutes Beispiel hierfür. Er macht Strasseninterviews mit anti-woken und queerfeindlichen Inhalten. Auf seinem Instagram werden die polarisierendsten Aussagen aus seinem Podcast gepostet.
Die Selbstoptimierenden
Dieser Influencer verkörpert den Wunsch nach Selbstoptimierung, spirituelles Wachstum oft eingeschlossen. Das kann hilfreich sein, aber auch unter Druck setzen oder überfordern. Die Influencer erfüllen eine Vorbildfunktion.
Ein Beispiel wäre hier Laura Malina Seiler (www.youtube.com/@laura.malina.seiler) mit 231 Tausend Abonnierten auf YouTube. Sie postet zu Selbstentwicklung in Verbindung mit Spiritualität. Dabei hat sie schon unzählige Themen der New-Age-Spiritualität und Wellness durchgearbeitet und jedes soll das Leben «transformieren». EFT-Tapping, Meditation, Affirmationen, Nervensystem-Regulierung, Manifestation, KI als spiritueller Begleiter, Chakren, Atemübungen, Raunächte, Selbstliebe und finanzielle Freiheit sind nur einige der Themen, die sie schon behandelt hat. Das kann das Publikum auch überfordern.
Die Auserwählten
Ist davon überzeugt eine höhere Aufgabe zu haben oder die Reinkarnation einer prominenten religiösen Figur zu sein. Auf die meisten Menschen wirkt das absurd oder lustig, kann aber auch radikalisierend sein.
Beispiele wären Geistheiler Sananda (56 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@unglaublichespirituellewah2745) und Christina von Dreien (165 Tausend Abonnierte auf YouTube, www.youtube.com/@Christina-Von-Dreien). Beide sprechen offen darüber, dass sie die schicksalhafte Aufgabe hätten der Menschheit bei ihrer Entwicklung zu helfen. Christina von Dreien behauptet dabei Hohepriesterin auf dem spirituell weit fortgeschrittenen Kontinent Atlantis gewesen zu sein sowie mit der heiligen Maria und Jesus Christus in Kontakt zu stehen. Geistheiler Sananda geht sogar so weit zu behaupten, er sei eine Reinkarnation von Jesus. Auf Aussenstehende wirken ihre Videos oft wie schwammige spirituelle Kalendersprüche. Doch beide haben eine loyale Kerncommunity.
Die Richtenden
Die Richtenden machen hauptsächlich polarisierenden Meinungs- und Reaction-Content. Die eigene Community sieht den Influencer als Vertreter ihrer eigenen Ideologie. Verhalten, Aussehen und Aussagen von Personen oder Personengruppen werden genaustens auseinandergenommen, kommentiert und meist auch bewertet.
Ein Beispiel ist Matt Walsh (www.youtube.com/@mattwalsh) mit 3,35 Millionen Abonnierten auf YouTube. Der reagiert oft auf «woke» oder «linke» Inhalte und beruft sich dabei auf die «christliche» Moral, die für ihn rein konservativ ist.
Die Sympathischen
Sie sind besonders charismatische oder lustige Influencer. Aus der Sympathie kann eine parasoziale Beziehung werden, also die Illusion man würde den Influencer persönlich kennen oder sogar befreundet sein.
Millane Friesen (www.tiktok.com/@millane), postet auf TikTok häufig humorvolle Videos für 7 Millionen Abonnierte, die zu Trends passen. Daher ist sie ein gutes Beispiel für diese Kategorie. Sie hat aber neulich einen Skandal ausgelöst, als sie in einem Podcast sagte, wer eine Frau Gottes sein wolle, müsse sich unterordnen. Das steht im Bruch mit dem, wie sie sich sonst präsentiert. Durch die parasoziale Beziehung zu ihr, sind Fans besonders schockiert gewesen.
Die Ausgestiegenen
Die Personen hier haben eine Sekte, Religion oder Weltanschauung verlassen. Nun klären sie online darüber auf. Das kann Mitglieder der verlassenen Gruppe inspirieren oder erzürnen. Besonders interessant ist es, wenn hier scheinbar geheimes oder skandalöses Insider-Wissen aufgedeckt wird.
Ein perfektes Beispiel ist hier Alyssa Grenfell (www.youtube.com/@alyssadgenfell) mit 566 Tausend Abonnierten auf YouTube. Sie ist als Mormonin in Utah aufgewachsen und macht nun detaillierte Videos als Aussteigerin, wo sie Aussenstehenden wenig bekanntes Wissen über geheime Tempelzeremonien oder spezifische soziokulturelle Phänomene unter Mormonen erklärt.
Den Dschungel überblicken
Positive und negative Reaktion auf jeden der Typen sind offensichtlich. Doch wer einen Teil seines Lebens «chronisch online» verbracht hat wird noch zwei weitere verbreitete Reaktionen des Internets auf Influencer aus allen möglichen Bereichen ergänzen: Humor und Hass. Diese vier Reaktionsgruppen produzieren intern jeweils eigene Inhalte, Diskussionen und nicht selten auch Aufrufe zur Handlung. Diese Handlungen können variieren von Spenden an den Influencer zu blockieren desselben bis hin zu Morddrohungen. Da das Internet derart vielfältig und schnelllebig ist, wird eine tiefgehende Dokumentation und Einordnung im Zusammenhang mit Sekten, Religionen und Weltanschauungen nicht möglich sein. Was jedoch im Bereich des Möglichen liegt, ist die Medien- und Analysekompetenz der Konsumierenden zu stärken. Das Team von Relinfo hat dafür einen Workshop über religiöse Influencer für Jugendliche erstellt.
von Marla Engelschalk