Eingang
Aarau wirkt verschlafen und könnte womöglich einen belebenden Schluck Wasser vertragen. Es ist Sonntagmittag, der 15. Februar. Am Bahnhof hängen die lokalen Jugendlichen nicht ab. Weiter runter die Strasse warten sie stattdessen in kleinen Grüppchen vor dem Haus der Minoritätsgemeinde. Als die Tür sich öffnet, strömen sie schnell hinein. Plötzlich wirkt die Strasse verdächtig ruhig. Nach kurzem Warten folgen wir ihnen, in der Hoffnung, so wenig Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Doch im Eingangsbereich stehen gleich sechs junge Leute zum Empfang. Strahlend halten sie Schilder mit Aufschriften wie «Herzlich Willkommen!» oder «Schön, dass du da bist!» in die Höhe. Mündlich wird das auch nochmal gesagt. Der Saal dahinter ist schon ziemlich voll, besonders in den vorderen Reihen. Das wundert mich, denn in unseren Workshops zur Aufklärung über problematische Gemeinschaften platzieren sich die Teenager meist so weit hinten im Raum wie nur möglich. Lebhafte Unterhaltungen und Musik erfüllen den Raum. Es bleibt wenig Zeit, um sich umzusehen. Sofort werden wir von einem Jungen mit Badge angesprochen, ob wir neu seien. Er ordnet uns zwei genauen Sitzplätzen im hinteren Teil zu. Es sind ungefähr zehn, vermutlich allesamt minderjährige, Aufsehende mit Badges am Schlüsselband. Obwohl der Gottesdienst noch nicht begonnen hat, laufen sie hektisch im Saal herum, nehmen vor allem aber die wenigen Spätkommenden in Empfang.
Als wir sitzen, fällt uns auf: es sind fast einhundert Menschen hier. Die meisten sind in ihren Teens und mit Freunden oder Geschwistern da. Wenige sind etwas jünger oder älter. Von Rentnern und ganzen Familien fehlt jegliche Spur. Bis auf einen deutlich älteren Mann, sehen wir niemanden, der ein begleitendes Elternteil sein könnte. Auch wenn viele Jungs da sind, scheint es, als wären die Mädchen in einer leichten Überzahl. Zwar ist dies kein Morgengottesdienst, es ist schon 13 Uhr, doch die Pünktlichkeit ist trotzdem bemerkenswert.
Hintergrund
Die pfingstliche Freikirche, die wir heute besuchen, ist Teil der United Denomination Lighthouse Group of Churches. Es handelt sich dabei um eine Mega-Church aus Ghana, geründet von «Bishop» Dag Heward-Mills. Seine Lehren sind von absoluter Loyalität und hohen finanziellen Abgaben (Zehnten) geprägt. Die Gemeinde in Aarau nannte sich bis vor kurzem noch «Mustard Seed Chapel International» (MSCI). Nachdem Relinfo im vergangenen Jahr einen Bericht über den Besuch eines Gottesdienstes hier in Aarau bei ihnen veröffentlicht hatte, folgte weitere mediale Aufmerksamkeit. Ein mögliches Ausweichmanöver ist die plötzliche Namensänderung der Gemeinde in «Living Waters International».
Worship
Ohne Ankündigung betreten sieben Leute die Bühne und fangen an, mehrstimmig Worship-Musik zu singen. Ein Keyboard und ein Schlagzeug im Glaskasten begleiten sie dazu. Alle sind casual gekleidet und vermutlich im Alter von 15 bis frühe 20er. Violette Scheinwerfer und ein minimalistisches Kreuz im Hintergrund untermalen die Performance. Einen Altar gibt es in diesem Saal nicht. Zwei Beamer werfen die Lyrics zum Mitsingen an die Wand. In der Gemeinde halten viele ihre Hände beim Singen hoch und schliessen die Augen. Anfangs drehen die Texte sich um Dankbarkeit. Musikalisch klingen die Songs nach einfachem Pop. Inhaltlich handeln die Texte scheinbar von Liebe, nur dass Jesus die angebetete Person ist. Fast psychedelisch werden bestimmte Zeilen wiederholt «Oh wie schön dieser Name ist, der Name Jesus». Trotzdem bleibt es kurzweilig. Das liegt vor allem daran, dass nicht nur die Leute auf der Bühne, sondern der ganze Saal besonders gut singen können. Verglichen mit anderen Gemeinden können sie Töne besser treffen und halten. Ein Mädchen neben mir ist vermutlich noch nicht einmal zwölf und allein da. Sie ist völlig im Worship versunken.
Die Personen mit Badges gehen auch jetzt noch die Ränge auf und ab. Einige filmen für Social Media, andere scheinen irgendwas zu suchen oder irritiert zu sein. Auch an der Eingangstür stehen während des gesamten Gottesdienstes drei Jungs. Zwar zeigen sie sich teilnehmend am Worship, doch wirken sie trotzdem wie Türsteher. Plötzlich rennen ungefähr 30 Leute wie auf Knopfdruck vor die Bühne. Es beginnt ein dynamischeres Lied und alle Anwesenden wippen von einer Seite zur anderen. Dazu wird geklatscht und gewunken. Immer wieder wird zum Refrain die Antwort gerufen:
«Wenn du einem grossen Gott dienst, dann sag Hey»
«HEY»
«Ho»
«HO»
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Worship-Teil vorbei. Zum Übergang müssen wir unserem Sitznachbarn ein High-Five geben.
Zehnten- und Spendenaufruf
Mit dem Bibelvers aus 2. Korinther 9:6 wird nun zum Spenden aufgerufen «Ich bin davon überzeugt: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten; wer aber viel sät, der wird auch viel ernten.» Viele halten ihr Handy mit Twint auf dem Display hoch. Gelbe Zylinder für Bargeld, die aussehen wie Bojen im Meer aus Händen, treiben durch die Reihen. Das kleine Mädchen neben mir steckt eine Münze hinein. Beim vorigen Besuch von Relinfo wurde noch für die gebetet, die keine Spende abgegeben haben. Heute findet das nicht statt.
Dancing Stars und Chor
Jetzt springen neun Teens auf die Bühne und beginnen zu tanzen. Eine von ihnen könnte erst zehn Jahre alt sein. Die Beamer bewerben sie als «Dancing Stars». Für eine Jugendgruppe legen sie eine solide HipHop-Performance hin. Im Anschluss stürmt der Chor aus 21 Personen enthusiastisch auf die Bühne. Gesang und Tanz scheinen neben dem Glauben das Wichtigste in dieser Gemeinde zu sein.
Zeugnis
Jemand sagt an, dass heute ein Zeugnis abgegeben wird. Vor allem die vorderen Reihen rasten in Jubel aus, einige springen sogar auf. Mit dem Level an Applaus, den man im Leben nur selten bekommt, setzt eine junge Frau sich allein auf die Bühne. Sie wirkt erschöpft, scheint aber keinerlei Angst zu haben vor einer Menschenmenge zu sprechen. «Ich möchte Zeugnis darüber ablegen, wie Gott mich vom Brustkrebs geheilt hat.» Für Schweizer Verhältnisse bricht wieder grosser Applaus aus.
Sie erzählt, in ihrer Familie hätten viele Frauen Brustkrebs gehabt. Als sie erkrankte begab sie sich in Chemotherapie, welche bei ihr jedoch nicht zur Besserung geführt habe. Ihr Kranksein verursachte Gefühle von Scham in ihr. Sie beschreibt, wie es gesundheitlich lange nicht besser wurde. Das Keyboard beginnt im Hintergrund die Erzählung mit langsamen, doch emotionalem Ton zu begleiten. Schliesslich habe ihr Arzt behauptet, sie hätte nur noch drei Tage zu leben. Doch sie dankte Gott jeden Morgen dafür noch am Leben zu sein. Ihr Todesdatum verschob sich nach hinten, bis der Krebs schliesslich weg war. Und morgen hätte sie ihren ersten Arbeitstag. Nicht die Ärzte, sondern Gott hätte das letzte Wort. Gott allein habe ihren Krebs geheilt. Applaus. Während ihr von der Bühne geholfen wird, sagt der heutige Prediger Josh: «Wenn Gott dieses Problem lösen kann, dann kann er auch all eure Probleme lösen.»
Predigt
Pastor Josh ist ein altbekanntes Gesicht: Schon beim letzten Relinfo-Besuch, bei der damals noch «Mustard Seed Chapel» genannten Kirche, hielt er die Predigt. Noch immer bezeichnen ihn die Anwesenden liebevoll als «PJ». Er ist schlicht gekleidet – in einem schwarzen Shirt mit einem schwer entzifferbaren Backprint, irgendwas über «light overcomes darkness».
Ein Stehtisch wird auf die Bühne gebracht und PJ beginnt mit der Predigt. Die Offenbarung 1:8 wird projiziert: «Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.» Jesus sei echt, denn wer tot ist könne keine Menschen heilen. Wichtige Stellen ruft PJ lauter: «Jesus ist der Name, vor dem Krebs sich verbeugen muss. Jesus ist der Name, vor dem Depression sich verbeugen muss. Jesus ist der Name, vor dem niedrige Selbstwertgefühle sich verbeugen müssen.» In allem habe Gott das letzte Wort. PJ fragt, wer Sorgen hätte. Alle melden sich. Er erklärt, all unsere Sorgen und Krankheiten würden von Jesus erhört und geheilt.
PJ spricht, ohne sich zu verhaspeln oder länger nachzudenken, die ganze Predigt auswendig auf. Er greift ein Thema auf, was viele der jungen Anwesenden beschäftigen sollte: Prüfungsangst. Er selbst berichtet davon, wie ihm jemand vor einer Prüfung im Studium Angst gemacht hat. Doch PJ wusste, dass Gott mit ihm war. Auch Angst sei eine Versuchung. Mithilfe von Jesaja 59:1 «Ihr meint wohl, der HERR sei zu schwach, um euch zu helfen, und dazu noch taub, so dass er eure Hilferufe gar nicht hört. O nein!» unterstreicht er die Hilfsbereitschaft Gottes. Das Problem sei, viele von uns würden für Geld oder ähnliches beten, jedoch nicht für unsere eigentlichen Probleme. Die Probleme die uns tief belasten. Eine kleine Gehaltserhöhung würde unser Leben kaum verändern. Die Lösung der fundamentalen Probleme schon. Doch egal ob man sich von Gott entferne, er sei immer noch da für einen. «Gott ist größer als deine Sünden», die Vergangenheit sollten wir hinter uns lassen. Von ihr verfolgt zu werden, sei wie vom FBI verfolgt zu werden. Einem kleinen Jungen erklärt PJ wie ein cooler grosser Bruder, was das FBI ist.
Das Keyboard beginnt auch hier im Hintergrund zu begleiten. Jesus hätte früher geheilt und heute auch noch. «Beweisstück A» dafür sei das heute abgegebene Zeugnis. Korinther 10:13 «Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.» Einige Anwesenden lesen in einer eigenen Bibel oder der Bibelapp auf dem Handy mit. PJ erklärt: Menschen haben eine Grenze, aber jede Versuchung der man begegne könne nicht dem eigenen Vermögen übersteigen. «Jesus ist in der Versuchung mit dir, er macht aber nicht mit, sondern bietet Ausweg.» Und nur weil man in Versuchung kommt, heisse das nicht, dass man ein schlechter Mensch sei. Stärke ist, sich dagegen zu entscheiden. Und wenn es in einem Schrei um Hilfe geschieht. Ein Hilfeschrei nach Gott ist genauso ein Gebet. Erst mit dem Aufgeben des Gebets hätte man verloren.
PJ hat eine packende Rhetorik und spielt mit seiner Stimme. Einzelne Jugendliche spricht er im Publikum mit Namen an. Es wirkt so, als könnte er damit persönliche Probleme andeuten, die sie ihm als Pastor anvertraut haben. «Du bist nicht die einzige Person, die diesen Pulli hat, nicht erste die das iPhone 11 hat, du gehst auch in die Migros, schreibst dieselbe Prüfung – was unterscheidet dich also vom ganzen Rest? Es kann nur deine Beziehung zu Gott sein!» Es sollte über konkrete Probleme, die die Seele runterziehen, gebetet werden. Als Beispiel nennt PJ Lust, Pornos, Zigaretten und Vapes. Es sollte nicht mit dem Beten aufgehört werden, bis das Problem komplett gelöst ist. «Wollt ihr wissen warum?» Viele bejahen schreiend. Ein besonders gross gewachsener Junge wird von PJ angewiesen, eine Topfpflanze auf die Bühne zu tragen. PJ deutet auf ein Blatt, dann auf alles, was von der Pflanze aus der Erde schaut. «Die Wurzel (des Problems) muss entfernt werden, das Problem muss entwurzelt werden.» Er zeigt auf den Topf. Nach dieser kurzen Analogie räumt der Junge die Pflanze schnell wieder weg. «Du hast Schluss gemacht aber hast seine Nummer immer noch als Notfallkontakt. Du vermisst seinen Hund und hast noch 13 Pullis von ihm. Wie viele? 13! Wäre es verwunderlich, wenn diese Person zurück in die toxische Beziehung gehen würde? Nein, denn die Wurzel ist noch nicht rausgerissen.» Wir könnten das Problem jedoch nicht selbst entwurzeln, wir brauchen Jesus dafür.
Zum Ende der Predigt wechselt PJ immer wieder zwischen Sprechen und Singen: «God turns it around for you». Dazu setzt noch mehr Musik ein. Das Ganze wirkt so gut einstudiert und abgestimmt wie ein Musical von Disney.
Kommunion und Spendenaufforderung
Auf den beiden Projektionen wird nun gross das Wort «Kommunion» eingeblendet. Mehrere Jugendliche mit Badges reichen goldene Behälter mit Toastbrot-Würfelchen herum und verteilen Einweg-Shotbecher mit Traubensaft. Die Kommunion wird empfangen und danach reichen sich alle die Hände und ein gemeinsames Gebet wird gesprochen.
Zu guter Letzt erscheinen vorne zwei riesige QR-Codes und PJ ermutigt uns erneut den Zehnten und Opfergaben zu spenden. Das ganze Prozedere mit den herumgereichten Zylindern und den hochgehaltenen Spenden wiederholt sich. Die Präsentation wird fortgesetzt und auf zerlaufenem Wasserfarben-Hintergrund erscheinen die Worte: «Möge die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, die Kommunion, die Gemeinschaft, der Beitrag und das lebendige Wasser des Heiligen Geistes und die 1000 starken Christen in Aarau jetzt und in Ewigkeit mit uns sein – Amen.»
Der Gottesdienst hat insgesamt zweieinhalb Stunden gedauert. Der Saal leert sich schnell. Wer zum ersten Mal hier ist, wird noch aufgerufen nach vorn zu kommen, um mehr über die Gemeinde zu erfahren. Wir verabschieden uns winkend und gehen erstmal Kaffee trinken, um das Erlebte zu besprechen. Besonders das Zeugnis über die angeblich wundersame Heilung bleibt uns in Erinnerung. Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, wie sich die Aussage «Gott hat meinen Krebs geheilt» auf dieses junge Publikum auswirkt. Ausserdem wirkte die Positivität der Gemeinde auf uns eher aufgesetzt und hat uns an Love Bombing erinnert.
von Marla Engelschalk und Lou Büchler
Lexikoneintrag Lighthouse Group of Churches (LGOC)
Mein Besuch bei der Mustard Seed Chapel International in Aarau