In den vergangenen Jahren sind die beiden von Dag Heward-Mills (geb. 1963) begründeten Schwesterkirchen Living Waters International (ehemals Mustard Seed Chapel International) und Erste Liebe Kirche in der Schweiz durch sektenähnliches Auftreten aufgefallen. Insbesondere massive Missionierung von Jugendlichen online und auf der Strasse, heftiger Druck auf regelmässigen Besuch der Veranstaltungen und Betonung der Pflicht zur Zehntenzahlung, z.T. mit sozialer Kontrolle, haben bei Mitgliedern, Angehörigen und in den Medien zu einem Beratungsbedarf geführt, der die Schwesterkirchen bei Fachstellen in den letzten Jahren zu den meist nachgefragten Freikirchen in der Schweiz machte.
Bis vor wenigen Jahren verhielt sich dies noch anders: So ist die Kirche Living Waters International schon seit 1992 in der Schweiz tätig, zuerst unter dem Namen Lighthouse Chapel International und ab 2017 als Mustard Seed Chapel International, und galt über Jahrzehnte als eher moderat, vertreten wurde ein pfingstliches Christentum mit Ansätzen der Wort-des-Glaubens-Lehre, wie für Gemeinschaften mit Hauptsitz in Afrika typisch, aber weniger offensiv als manch andere sog. Migrationsgemeinschaften.
Seit einigen Jahren hat sich dies nach und nach verändert. Ehemalige Mitglieder berichten von wachsendem Druck, die Veranstaltungen zu besuchen, so müsse, wer bei den bis zu drei Veranstaltungen pro Woche (Gottesdienst, Kleingruppe und Evangelisationseinsatz) nicht regelmässig auftaucht, mit intensivem Nachfassen über Social Media rechnen. Der Zehnte werde nicht nur eingefordert, sondern die Überweisungen per Twint oder bar seien in den Gottesdiensten für die Umstehenden sichtbar hochzuheben, Kleidervorschriften seien zu beachten, zudem herrsche grosser Druck, sich möglichst bald taufen zu lassen.
Angehörige melden sich bei Fachstellen, weil ihre Teenagers angeworben wurden und nun selbst massiv Werbung machen, und weil sich in die Begeisterung für die Gottesdienste und den neu gefundenen Glauben typischerweise bald schon Zeichen von Stress und Überforderung durch den Termin- und Spendendruck mischen und auf Rückfragen ausweichend reagiert wird. All dies erinnert die Angehörigen an die typischen Merkmale von Sekten und lässt sie besorgt Beratungsstellen kontaktieren.
Bei Fachstellen melden sich auch Betroffene aus anderen Kirchen und der Öffentlichkeit, die durch die überbordende und z.T. übergriffige Werbung der beiden Kirchen konfrontiert sind, so wurden in den letzten Jahren Besuchende des kirchlichen Unterrichts vor Kirchgemeindehäusern und Pfarreiheimen abgefangen und in die eigenen Veranstaltungen eingeladen. Auch Kinder im Alter von 12 Jahren wurden in der Öffentlichkeit angesprochen, und auf den Social-Media-Accounts der Kirchen wird übergriffige Werbung nicht problematisiert, sondern gefeiert.
Wenn sich Freikirchen radikalisieren, tritt deren Führung in aller Regel als treibende Kraft der bedenklichen Entwicklung auf, was sich jeweils in Verlautbarungen und Publikationen nachzeichnen lässt. Bei den von Dag Heward-Mills gegründeten Kirchen ist es genauso. Ihre Radikalisierung spiegelt die problematischen Tendenzen, die sich in den letzten Jahren im Werk des Gründers ergeben haben. Seine Lehre hat sich in mehrfacher Hinsicht typischen Merkmalen problematischer Gemeinschaften und insbesondere den Gepflogenheiten christlicher Sekten angenähert, wofür im Folgenden einige markante Beispiele erläutert werden sollen.
Führungskult
Ein bei problematischen Gemeinschaften oft vorkommendes Merkmal ist der Führungskult. Leitende erwarten oder lassen es zu, dass sie von den Mitgliedern als überragend bedeutsame oder gar als übermenschliche Person verehrt werden. Im Zusammenhang mit problematischen Entwicklungen bei Freikirchen lassen sich die Leitenden gerne mit einer Kumulation von Ämtern aus dem neuen Testament, z.B. sowohl als Apostel als auch als Propheten, versehen. Typischerweise wird dann auch den privaten Lebensereignissen der Leitenden hohe Aufmerksamkeit zuteil.
Dieses Phänomen zeigt sich in den letzten Jahren um Dag Heward-Mills mit aller Deutlichkeit. Ihm werden alle Ämter zugerechnet, die das Neue Testament hergibt. Er ist Lehrer, Hirte, Evangelist, Bischof, Prophet und Apostel. Seine Geburtstage werden in den lokalen Gemeinden gefeiert, mit Formulierungen, welche die überragende Bedeutung Dag Heward-Mills für seine Gemeinschaft deutlich machen: «Happy Birthday Bishop Dag Heward Mills – Celebrating 60 Years of God’s Goodness» hiess das Motto bei Dags Sechzigstem. Ehemalige Mitglieder von Dag Heward-Mills Kirchen berichten davon, dass der Geburtstag des Gründers in den lokalen Gemeinden viel intensiver gefeiert wird als derjenige der jeweiligen Gemeindeleitenden. In einem «normalen» Freikirchenverband wäre solches undenkbar.
Kritikverbot
Ein untrügliches Zeichen sektenhafter Entwicklung ist die Etablierung eines Kritikverbots gegenüber der Leitung. Währenddem Kirchenleitende um ihre Menschlichkeit wissen und Kritik seitens ihrer Mitglieder als Herausforderung annehmen, sehen sich Verbandsführende, die sich in sektenhafte Richtung bewegen, zunehmend der Kritik enthoben, und verwenden, wenn sie ursprünglich dem freikirchlichen Umfeld entstammen, typische Argumentationsfiguren, um Kritik ihrer Mitglieder zu delegitimieren und zu unterbinden.
Da sich in der Bibel nirgendwo ein Verbot der Kritik an Führungskräften findet – im Gegenteil, biblische Leitende haben sich intensiv mit Hinterfragungen aller Art zu beschäftigen, wovon z.B. die Paulusbriefe beredtes Zeugnis ablegen – werden von sektenhaft sich entwickelnden Führungspersonen gerne Passagen, die eigentlich etwas ganz anderes meinen als ein Kritikverbot, aus ihrem Kontext gerissen und uminterpretiert. Lieblingsstelle angehender Sektenführender ist Psalm 105,15a. Er soll hier nach der Neuen Zürcher Bibel in seinem Kontext angeführt werden:
«7 Der Herr ist unser Gott, über die ganze Erde hin gilt sein Urteil. 8 Ewig gedenkt er des Bundes, auf tausend Generationen des Wortes, das er geboten hat, 9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen hat, und seines Schwurs für Isaak. 10 Er setzte ihn fest für Jakob als Recht, für Israel als ewigen Bund. 11 Er sprach: Dir gebe ich das Land Kanaan, euer zugemessenes Erbe. 12 Da sie noch wenige waren, erst kurz im Lande und Fremdlinge dort, 12 da sie umherzogen von Volk zu Volk, von einem Königreich zum anderen, 14 erlaubte er niemandem, sie zu bedrücken, und um ihretwillen wies er Könige zurecht: 15 Meine Gesalbten tastet nicht an, und meinen Propheten tut kein Leid. 16 Doch dann rief er den Hunger ins Land und nahm allen Vorrat an Brot. 17 Er sandte einen vor ihnen her, als Sklave wurde Josef verkauft.»
Aus diesem historischen Bericht über das Handeln Gottes an den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob wird von Leitenden mit Ansprüchen auf Kritikverbot jeweils nur der Halbvers Ps 105,15a zititert: «Meine Gesalbten tastet nicht an». Dieser Halbvers wird in einen neuen Zusammenhang gestellt: Es handle sich, so die Behauptung, in diesem Vers um ein Gebot für heutige Christinnen und Christen, «Gesalbte» seien die betreffenden Leitenden, und «antasten» bezöge sich auf jegliche Kritik.
Der Zusammenhang macht unmittelbar klar, dass diese Verwendung von Ps 105, 15a ein typisches Beispiel einer sektenhaften Verzerrung der Bibel darstellt:
– Der Befehl bezieht sich auf eine historisch vergangene Zeit, diejenige der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Schon bei Josef gilt er, wie der weitere Fortlauf des Psalms Vers 16f. klar macht, nicht mehr.
– Die Aufforderung richtet sich nach Vers 14 nicht an heutige christliche Gläubige, sondern an die damaligen polytheistischen Herrschenden von Kanaan und Umgebung.
– Die «Gesalbten» sind die im Text genannten Erzväter, nicht heutige Gemeindeleitende.
– Mit «antasten» (nagac – berühren, schlagen, plagen) ist nicht Kritik, sondern massive Einwirkung gemeint, verdeutlicht durch das parallele «ein Leid tun» (racac) in Vers 15b.
Wer Ps 105,15a für ein Kritikverbot missbraucht, dem geht es nicht um Bibeltreue, sondern darum, sektenartige Strukturen durch verdrehte Bibelzitate abzustützen zu versuchen.
All dies ficht Dag Heward-Mills nicht an, er wird in seinen Werken nicht müde zu betonen, dass er als «Gesalbter» der Kritik enthoben ist: «You will not criticize anointed people because you love the Spirit». (Going Deper and Doing More, s. 19).
Dag Heward-Mills verwendet weitere Argumentationen, so die Behauptung, von Gott eingesetzt zu sein: «Ich bin hier, weil Gott mich hierhin platziert hat. Es mag Menschen geben, welche sogar bessere Pastoren sind als ich es bin, aber Gott hat mich an ihrer Stelle hierhin platziert. David war König, weil Gott ihn zum König machte. Er war nicht König, weil er die am besten qualifizierte Person war. Manchmal scheint der Assistent in gewissen Dingen kompetenter zu sein als sein Leiter. Aber begehen Sie nicht den Fehler, gegen die Ordnung, welche Gott bestimmt hat anzukämpfen. Sie werden keinen Erfolg haben! Es ist Gott der platziert und es ist Gott der entfernt, wie es Ihm gefällt. Sie können nicht entfernen, was Gott eingesetzt hat.» (Loyalität und Illoyalität s. 79).
Dies hält Dag Heward-Mills allerdings nicht davon ab, Pastoren aus seinen Kirchen zu entfernen. Er berichtet in seinen Büchern laufend davon. Die Einsetzung durch Gott scheint nur bei ihm (und bei König David) zuzutreffen. Alle anderen scheinen ersetzbar zu sein.
In den letzten Jahren wurde die loyale Unterordnung der Mitglieder seiner Kirchen unter seine Leitung eines der Hauptthemen von Dag Heward-Mills. So publizierte er eine Schriftenreihe unter dem Titel «Loyalty and Disloyalty», «Loyalität und Illoyalität», wobei jeder Band einer Personengruppe gewidmet ist, welche in der Gemeinde für Ärger sorgen kann und bekämpft werden muss. Die Titel lauten im Einzelnen:
– Those who are Dangerous Sons
– Those who are Ignorant
– Those who are Mad
– Those who are Offended
– Those who are Proud
– Those who are Wolves
– Those who Accuse You
– Those who Forget
– Those who Honour You
– Those who Leave You
– Those who Make Shipwreck
– Those who Pretend
– Those who Rebel
Das Kritikverbot wird in dieser Schriftenreihe sehr explizit formuliert: «In meiner Kirche entwickelten wir schrittweise, was ich als eine Kultur der Loyalität bezeichne. Es ist unakzeptabel sich negativ über irgendeinen Pastor zu äussern.» (Loyalität und Illoyalität s. 40).
Gehorsam
Sekten fordern von ihren Mitgliedern Gehorsam, der im Fall von christlichen Sekten gern als Gehorsam gegenüber Gott motiviert wird, der sich dann im Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft zeigen soll und auch an letzterem gemessen wird.
In Dag Heward-Mills Verkündigung hat der Gehorsam, den er von seinen Gemeindegliedern einfordert, eine grosse Bedeutung. Auch bei diesem Thema nimmt Dag Heward-Mills von eigenartigen Argumentationen nicht Abstand, so wird der im Neuen Testament entscheidende Begriff der Liebe zu Gehorsam umgedeutet: «When you love the Father which is in heaven you will try to obey Him. To Almighty God, love is obedience and obedience is love!» (Going Deeper and Doing More, s. 17). «The more you love God, the more obedient you will be. … You will seek to be the most obedient child of God just because of your love for God». (Going Deeper and Doing More, s. 18).
Wer gehorsam ist, kann durch Wohlstand belohnt werden: «Have you wondered why you never have enough money? The power of supernatural provision will come into your life when you are obedient!» (Stir up s. 24)
Solche Umdeutungen biblischer Grundsätze in etwas anderes sind sehr typisch für christliche Sekten, genauso wie es die Betonung des Gehorsams als solcher ist.
Spitzelwesen
Sekten sind berüchtigt dafür, Regeln nicht zur aufzustellen, sondern deren Einhaltung zu überwachen. Verschiedene bekannte christliche Sekten führen ein Spitzelwesen, indem die Mitglieder angehalten werden, Verstösse anderer Mitglieder an die Leitung zu melden. Wer dies nicht tue, mache sich an den nicht gemeldeten Sünden mitschuldig, wird typischerweise gedroht.
Dag Heward-Mills lehrt heute vergleichbar: «Eine loyale Person hält keine Informationen zurück. Eine loyale Person ist offen gegenüber ihrem Ältesten, betreffend dem was läuft» (Loyalität und Illoyalität s. 54). «Eine gute und loyale Struktur funktioniert dank aufrichtigen Menschen, welche die Oberen über all das informieren, was nicht in Ordnung ist.» (Loyalität s. 54). «Wenn Sie über etwas Übles Bescheid wissen, dann wird von Ihnen erwartet, dass Sie es sagen!» (Loyalität s. 56). «Wenn Sie Informationen zurückhalten, dann vermitteln Sie den Eindruck, dass Sie das, was vorgeht unterstützen. Das ist, was wir Mitschuld nennen.» (Loyalität s. 56)
Dag Heward-Mills bewegt sich hier auf derselben Argumentationsschiene wie sehr bekannte christliche Sekten.
Diskriminierung
Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihres Aussehens, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Ausrichtung ist ein typisches Merkmal problematischer Gemeinschaften. In christlichen Sekten findet sich insbesondere die Diskriminierung durch homophobe Aussagen häufiger. Auch Dag Heward-Mills legt homophobe Haltungen an den Tag, indem er etwa Homosexualität als vom Satan gewirkt darstellen kann:
«I know of pastors who were turned into homosexuals and sent to prison. Satan would love to turn you into a homosexual and put you away in prison.» (A Good General s. 178).
Im selben Buch kann Dag Heward-Mills Homosexualität als Folge von unerfülltem heterosexuellem Partnerwunsch deuten und mit Vergewaltigung auf eine Stufe stellen: «When a young man is unable to get a wife, for whatever reason, the ‹zero sex attack› can turn him into a homosexual, a rapist or a pornographer» (The Good General s. 257).
Im darauffolgenden Abschnitt bringt Dag Heward-Mills noch eine dritte Behauptung: «Perhaps, one of the saddest effects of the ‹zero sex› attack is when a husband or a father is turned towards other men for his sexual needs. A normal husband becomes someone who now has homosexual relationship with boys and men.» Dass es sich in einer solchen Konstellation um homosexuelle Männer handeln könnte, die in einem repressiv-heteronormativen Milieu heterosexuell geheiratet haben, und die später zu ihrer Homosexualität stehen, dies bedenkt Dag Heward-Mills offenbar nicht – obwohl der von ihm so betonte «zero sex» doch sehr in diese Richtung weisen könnte.
Dass Dag Heward-Mills Homosexualität mit negativen Eigenschaften korreliert, wird auch im weiteren Verlauf des zitierten Texts deutlich: «Many priests have been forced into a ‹zero sex› mode. This ‹zero sex› mode attack resulted in the priests becoming homosexuals and abusers of their power.» (A Good General s. 257).
Offensichtlich entwickelt Dag Heward-Mills zur Homosexualität keine kohärente Haltung. Besser wird die Sache dadurch aber nicht. Er ergeht sich in homophoben Vorurteilen, veralteten Pseudo-Erklärungen und massiv diskriminierenden Aussagen.
Expansion als Hauptziel
Die von Dag Heward-Mills begründeten Kirchen fallen auf durch ihre massive Missionierung, sowohl an nichtchristlichen Menschen als auch an Mitgliedern anderer Kirchen.
Dag Heward-Mills machte noch nie einen Hehl daraus, dass er Gemeindewachstum als ein wesentliches Ziel seiner Bemühungen sieht. Und immer schon waren evangelistische Einsätze ein Thema in seinen Gemeinden.
In den letzten Jahren hat sich diese Fokussierung auf Wachstum noch weiter zugespitzt, indem heute die einzelnen Mitglieder massiv in die Missionierung gerufen werden. «You must bear fruit», redet Dag Heward-Mills seinen Mitgliedern ins Gewissen (z.B. in Key Facts for New Believers s. 37».
Evangelisation ist für Dag Heward-Mills der Hauptzweck der Gemeinde: «It is time for your evangelistic ministry to be magnified. Evangelism is the fulfillment of all ministry». (Going Deeper and Doing More, s. 26)
Mitglieder von Dag Heward-Mills Kirchen werden gehalten, jeweils einmal wöchentlich an den Evangelisationseinsätzen der Gemeinde teilzunehmen und daneben jede Chance zu nutzen, in ihrem persönlichen Umfeld für die Gemeinde zu werben.
Wenig überraschend zeigt sich diese Fokussierung auf die Werbung auch in den Social-Media-Auftritten der einzelnen Kirchen. Hier kann auch übergriffige Werbung positiv dargestellt werden.
Regelmässige Teilnahme
Ein typisches Merkmal problematischer, sich in sektenhafte Richtung entwickelnder Freikirchen ist die Betonung auf regelmässige Teilnahme der Mitglieder an allen Veranstaltungen und die Empfehlung an die Gemeindeangehörigen, sich ihr soziales Umfeld vor allem in der eigenen Gemeinde zu suchen.
Beide Tendenzen finden sich bei Dag Heward-Mills wieder. So äussert er in seinem Werk «Key Facts for New Believers» seine Erwartungen an die Neumitglieder seiner Kirchen: «Your first role in the church ist that of a faithful attendee. Decide to attend all services, meetings and special programmes organized by the church.» (s. 38)
Auch Freundschaften sollen vor allem unter anderen Gemeindegliedern gesucht werden: «You must make friends and move closely with other Christians. You must change your friends and walk with born again Christians. You cannot do well as a Christian if you remain close to unbeliever friends.» (Key Facts for New Believers, s. 33).
Dabei sollen den Gläubigen Dag Heward-Mills Kirchen genügen: «Your second role in the church is that of a stable Christian. You must be planted in a local church and be established there. Do not form the habit of roaming from one church to the other seeking signs and wonders or other solutions.» (s. 38). Dies gilt, wie erwähnt, für die Mitglieder seiner eigenen Gemeinden. Mitglieder aus anderen Gemeinden abzuwerben ist demgegenüber voll o.k. und wird systematisch geübt.
Zehnten plus
Die Frage des Zehntens wird unter Freikirchen ja unterschiedlich gehandhabt. Manche Freikirchen lehnen den Zehnten als Regel aus dem Alten Testament ab, und tatsächlich lässt sich schwer belegen, dass von Christinnen und Christen in neutestamentlicher Zeit der Zehnten bezahlt worden wäre.
Andere Freikirchen lehren den Zehnten als Prinzip, zehn Prozent des Einkommens ins «Reich Gottes», d.h. für christliche Zwecke, zu investieren. Nach dieser Auffassung erhält die eigene Gemeinde in aller Regel nur einen Teil des Zehntens der Mitglieder, der Rest fliesst in Missions- und andere übergemeindliche Werke, zu Bedürftigen oder gegebenenfalls auch als Kirchensteuer an eine der Landeskirchen, in welcher eine Mitgliedschaft besteht.
Eine dritte Gruppe fordert die Gemeindeangehörigen auf, ihren ganzen Zehnten der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Typischerweise handelt es sich hier um Freikirchen, die mit cooler Show und grossem Aufwand werben, der finanziert werden will. Kontrolliert wird die Zahlung des Zehnten aber nicht.
In eine sektenhafte Richtung geht die Zehntenforderung dann, wenn Mechanismen der Überprüfung etabliert werden und/oder wenn zum ganzen Zehnten noch weitere Forderungen dazukommen. Dann kann von sektenartiger Abzocke gesprochen werden. Bei Dag Heward-Mills ist beides der Fall. So meint er über die Rollen der Neumitglieder in seiner Schrift «Key Facts for New Believers»: «Your third role is to pay your tithes. Giving your tithes (ten percent of your income) regularly every month or whenever you receive income.» In seiner Begründung ruft Dag Herward-Mills in den Gehorsam und verspricht konkreten Gewinn: «God will bless and prosper you as you support his work. Allow Jesus to be Lord over your finances as well» (s. 39). Dag Heward-Mills Gemeinden, so die Erste Liebe Kirche Zürich, können den «Nicht-Zehnten-Zahlenden» auch mit einem Fluch auf ihre Finanzen drohen. (https://www.facebook.com/photo/?fbid=231448902569423&set=pcb.231448945902752)
Mit der Zehntenzahlung ist es aber nach Dag Heward-Mills noch nicht getan. «Your fourth role is to give offerings.» (a.a.O.) Zur Zahlung des Zehnten hinzu werden zusätzliche finanzielle Opfergaben erwartet.
Auch Mechanismen zur sozialen Kontrolle der Zahlungen finden sich bei Dag Heward-Mills’ Kirchen, so werden die Spendenden in Gottesdiensten aufgefordert, die gespendete Summe auf dem Display ihres Smartphones oder in bar in die Höhe zu heben, sodass die Umstehenden (und gegebenenfalls auch eine aufzeichnende Kamera) die Summe eruieren können. All dies zusammengenommen kann die Schlussfolgerung nicht vermieden werden, dass Dag Heward-Mills’ Kirchen in Sachen finanzieller Forderung über das in Freikirchen übliche Mass in einer für Sekten typischen Art hinausgehen.
Umdeutung biblischer Prinzipien in ihr Gegenteil
Christliche Sekten sind dafür bekannt, dass sie je nach eigenem Bedarf klare biblische Grundsätze über Bord werfen oder in ihr Gegenteil umdeuten.
Dag Heward-Mills ist mittlerweile berüchtigt dafür, dies im Bereich der Scheidung zu tun. In seinen Werken berichtet er davon, wieviel Unruhe aus seiner Sicht unpassende Gattinnen der ihm untergeordneten Pastoren in die Gemeinschaft bringen können. In einer solchen Situation fordert Dag Heward-Mills die betroffenen Pastoren dazu auf, sich scheiden zu lassen.
Nun wird Scheidung im Neuen Testament sehr kritisch gesehen und kommt nur in Ausnahmefällen in Frage, so bei Unzucht (Mt 5,32).
Wie löst Dag Heward-Mills dieses Problem? Er deutet die restriktive Sicht von Jesus zum Thema Scheidung in Mt 5,32 in ihr Gegenteil um, indem er sie mit Mt 5,28 kombiniert:
«Jesus said that adultery is a solid and good reason for divorce. Jesus also said that whoever looks upon a woman to lust after her has already committed adultery with that woman. Indeed, if we believe this is true, (which we do) then most men and women have looked lustfully at one another before and are thereby eligible for divorce on the grounds of adultery alone.» (Jezebel s. 109).
Mit anderen Worten: Scheidung wird nicht mehr äusserst kritisch gesehen, sondern ist in fast allen Fällen gestattet. Jesu Wort wird in sein Gegenteil verkehrt. Tatsächlich ist Dag Heward-Mills Auslegung schon auf einer sprachlichen Ebene nicht haltbar, so ist das «Brechen der Ehe im Herzen» (moicheuein en te kardia autou) in Mt 5,28 nicht dasselbe wie die «Unzucht» (porneia) in Mt. 5,32. Letztere ist kein inneres Fehlverhalten, sondern massives Vergehen.
Gerne verweist Dag Heward-Mills in diesem Zusammenhang auch auf Esra 9 und 10, wo Esra die Mischehen auflöst (z.B. in Jezebel s. 107). Ehemalige Mitarbeitende berichten, dass dies nicht toter Buchstabe bleibt. Offenbar nimmt sich Dag Heward-Mills wie Esra das Recht, die Ehen seiner Untergebenen auflösen zu dürfen, wenn sie der Gemeinschaft schädlich scheinen, indem er Mitarbeitende mit aus seiner Sicht unpassenden Ehefrauen zur Scheidung drängt (https://thefourthestategh.com/2021/04/darkness-in-a-lighthouse-part-3-bishop-dag-prayed-for-strength-for-me-to-divorce-my-wife/).
Polygamie
Auch eine weitere, sehr folgenreiche Gefahr, von welcher ins Sektenhafte sich entwickelnde christliche Gemeinschaften betroffen sein können, zeigt sich in jüngster Zeit bei Dag Heward-Mills: Er hält Polygamie seit 2023 für o.k., wobei er neben alttestamentlichen auch mit naturalistischen Argumenten operiert: In der Natur sei die Polygamie der Normalfall. So äusserte sich Dag Heward-Mills an einer Konferenz am 11. August 2023 folgendermassen:
«Polygamy – Nature even supports polygamy. There is no animal that has only one wife. The Bible says: Does not even nature teach you? Yes, nature teaches us. Which goat has one wife? Which dog has one wife? I’m not afraid of the bible. Are you afraid of the bible? The people that we love and our heroes whom we follow did not have one wife. Nobody knows when it became a sin. I will tell you one thing: Paul says you should be the husband of one wife. In the same chapter he said you should not drink water again, but only wine. But why we don’t follow this one? Why do we select some of the things he said?». Darauf erinnert Dag Heward-Mills an die polygam lebenden Protagonisten des Alten Testaments und zieht den Schluss, dass die Polygamie biblisch erlaubt sei. Sie könne aber mit erheblichen Kosten verbunden sein. (https://www.youtube.com/watch?v=OT9WoO5pJGA, ab 19:39).
Wie weit Dag Heward-Mills diese Polygamie bereits lebt, ist unbekannt. Allein die Tatsache jedoch, dass Dag Heward-Mills die Polygamie neuerdings für biblisch erlaubt hält, lässt für die Zukunft (und auch für die Gegenwart) nichts Gutes erahnen.
Gemeinschaften mit deutlichen sektenhaften Zügen
Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die Kirchen von Dag Heward-Mills eine bedauerliche Entwicklung von «normalen» Freikirchen hin zu Organisationen mit deutlichen sektenhaften Zügen durchgemacht haben, ausgelöst durch eine massive sektenhafte Radikalisierung ihres Gründers Dag Heward-Mills. Zurzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass diesem Prozess gewehrt würde, ganz im Gegenteil. Als Reaktion auf öffentliche Kritik hat eine der beiden Kirchen im letzten November im Beisein von Dag Heward-Mills ihren Namen gewechselt. Die Verkündigung hat sich nach Ausweis der Social-Media-Seiten seither nicht gemässigt, sondern eher noch zugespitzt.
Vor einer Zusammenarbeit mit den Kirchen von Dag Heward-Mills, z.B. durch die Überlassung von Räumen, kann in der jetzigen Situation nur abgeraten werden.
Quellen
Dag Heward-Mills: A Good General. The Science of Leadership, Parchment House 2015, 11th Edition 2018
Dag Heward-Mills: Going Deeper and Doing More, Parchment House 2022
Dag Heward-Mills: Jezebel, A Woman Out of Order, Parchment House 2023
Dag Heward-Mills: Judas, Who is he? Parchment House 2024
Dag Heward-Mills: Key Facts For New Believers, Parchment House 2017, 2nd Editin 2018
Dag Heward-Mills: Loyalität und Illoyalität, Parchment House 2019
Dag Heward-Mills: Now We Are at War, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Pillars of Loyalty, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Stir It Up. Stir Up the Gift of God, Parchment House 2022
Dag Heward-Mills: Those Who Are Slanderers, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Are Wolves, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Make Shipwreck, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Those Who Rebel, Parchment House 2025
Dag Heward-Mills: Wie man von neuem geboren wird und der Hölle entgeht, Parchment House 2019
Georg Schmid, Mai 2026
Lexikoneintrag Lighthouse Group of Churches / Living Waters International