Zwischen Aura und Aufmerksamkeit – Ein psychologischer Blick auf die Lebenskraftmesse

Es war der erste wirklich warme Sommertag des Jahres, als ich mich auf den Weg an die Lebenskraftmesse im Seedamm Plaza machte. Fast schon passend zum Anlass entschied ich mich für einen langen weissen Rock und ein weisses Shirt. Irgendwie wollte ich optisch in die Atmosphäre passen, vielleicht sogar etwas «esoterisch» wirken. Die Messe fand direkt neben dem Casino statt. Ein amüsanter Zufall eigentlich, denn beim genaueren Hinsehen unterschieden sich manche Angebote in Bezug auf Preis und das nötige Vertrauen oder Glück gar nicht so stark von Glücksspiel.

Schon beim Betreten fiel die enorme Vielfalt der Stände auf. Die Themen reichten von Kartenlegen über Aura- und Energiearbeit bis hin zu fragwürdigen Gesundheitsprodukten und sogenannten energetischen Pflastern. Manche Angebote versprachen mehr innere Balance, andere Heilung, Erkenntnis oder Transformation. Die Stimmung wirkte ruhig und freundlich, fast wie auf einer Wellnessmesse. Gleichzeitig lag etwas Merkwürdiges in der Luft: ein Gemisch aus Spiritualität, Verkaufsatmosphäre und Selbstoptimierungsversprechen.

Auffällig war vor allem die Professionalität vieler Stände. Hochwertige Flyer, moderne Logos, durchdachte Farbkonzepte und professionell gedruckte Banner vermittelten Seriosität und Kompetenz. Vieles erinnerte eher an eine Berufs- oder Gesundheitsmesse als an alternative Spiritualität. Genau darin liegt vermutlich auch ein wichtiger psychologischer Mechanismus: Professionelles Auftreten erzeugt Vertrauen. Menschen neigen dazu, Kompetenz anhand von Äusserlichkeiten zu beurteilen. Wer professionell aussieht, wird schneller als glaubwürdig wahrgenommen.

Was ebenfalls sofort auffiel, waren die teilweise enorm hohen Preise. Produkte wurden für mehrere hundert bis tausend Franken verkauft, während Dienstleistungen wie Kartenlegen oft erst bei rund 100 Franken begannen. Selbst kleine Kurzberatungen waren erstaunlich teuer. Eine 15-minütige Auraberatung kostete beispielsweise bereits 25 Franken. Je länger ich mich auf der Messe aufhielt, desto deutlicher wurde, dass Spiritualität hier nicht nur gesucht, sondern auch verkauft wurde.

Um klein anzufangen, entschied ich mich genau für eine solche Auraberatung. Hinter dem Stand sass eine Frau mittleren Alters in hellen Kleidern. Sie bat mich, mich auf einen Stuhl vor sie zu setzen und die Augen zu schliessen, damit sie meine Aura «wahrnehmen» könne. Danach passierte erst einmal – nichts. Mehrere Minuten lang sassen wir schweigend da. Während ständig Menschen am Stand vorbeigingen, fühlte ich mich zunehmend wie ein Ausstellungsobjekt oder Teil einer Vorführung. Die unangenehme Stille schien gleichzeitig etwas Bedeutungsvolles erzeugen zu sollen. Vermutlich ist genau das Teil der Wirkung: Schweigen und Ritualisierung verleihen einer Handlung Tiefe und Ernsthaftigkeit, auch wenn objektiv wenig geschieht.

Nach einigen Minuten erklärte sie mir schliesslich, meine Aura sei gross und empfänglich, die Energie könne aber nicht richtig «durchfliessen». Zudem seien meine männliche und weibliche Energie leicht im Ungleichgewicht. Die Aussagen wirkten auffällig allgemein und offen interpretierbar. Menschen erkennen sich oft in sehr vagen, allgemein gehaltenen Beschreibungen wieder, insbesondere wenn diese positiv formuliert sind oder einen persönlichen Eindruck vermitteln. Aussagen wie «du hast viel Potenzial, blockierst dich aber manchmal selbst» wirken tiefgründig, treffen aber auf sehr viele Menschen zu.

Als ich fragte, woran sie das Ungleichgewicht erkenne, antwortete sie lediglich, ich dürfe «meine weibliche Energie mehr nach aussen tragen». Eine konkrete Erklärung blieb aus.

Anschliessend bot sie an, meine Aura «auszubalancieren», sofern ich mich darauf einlasse. Wieder folgten mehrere Minuten Schweigen mit geschlossenen Augen. Als sie mich danach fragte, ob ich eine Veränderung gespürt hätte, musste ich ehrlicherweise verneinen. Ich war mir nicht einmal sicher, was genau sich hätte verändern sollen. Auf mein Verneinen reagierte sie jedoch nicht überrascht. Vielmehr erklärte sie, genau dies bestätige ihre vorherige Einschätzung, dass ich mich selbst blockiere und Energien nicht richtig fliessen lassen könne. Letztlich bestand ein grosser Teil der 15 Minuten aus stillem Sitzen, während die wenigen gesprochenen Aussagen sehr allgemein blieben.

Gerade diese Erfahrung zeigte jedoch exemplarisch, wie viele Angebote auf solchen Messen funktionieren: Es werden vage Probleme benannt: blockierte Energien, Ungleichgewichte oder verborgene Potenziale und gleichzeitig Lösungen angeboten. Die Diagnosen sind oft kaum überprüfbar, wodurch sie sich nur schwer widerlegen lassen. Zudem wird stark mit subjektiven Wahrnehmungen gearbeitet. Spürt eine Person etwas, gilt dies als Bestätigung. Spürt sie nichts, heisst es oft, sie sei noch nicht offen genug oder müsse dem Prozess mehr Zeit geben. Dadurch entsteht ein System, das sich selbst absichert.

«Das wird nix»

Dieses Erlebnis machte mich neugierig auf ein weiteres Experiment: das Kartenlesen. An einem Stand wurde mir dafür grosszügig ein «Spezialpreis» angeboten. Statt der regulären 120 Franken sollte ich die 20 Minuten für nur 100 Franken erhalten. Später erfuhr ich allerdings, dass dieser sogenannte Spezialpreis offenbar regelmässig vergeben wurde. Der angebliche Rabatt wirkte damit weniger wie ein exklusives Entgegenkommen und mehr wie eine klassische Verkaufsstrategie. Menschen reagieren oft positiv auf vermeintliche Sonderangebote, weil sie das Gefühl vermitteln, gerade eine besondere Gelegenheit oder bevorzugte Behandlung zu erhalten.

Das Kartenlegen selbst fand deutlich privater statt als die Auraberatung. Hinter dem Stand stand ein kleines Tischchen, teilweise abgeschirmt durch ein Banner. Dadurch entstand sofort eine intimere Atmosphäre. Während man sich bei den offenen Ständen noch wie Teil eines Messebetriebs fühlte, wirkte dieses Setting beinahe wie ein vertrauliches Beratungsgespräch.

Zuerst sollte ich mehrere Karten auswählen, bis die Kartenlegerin «Stopp» sagte. Die Karten lagen in einer Reihe mit verdeckter Rückseite. Ich sollte «nach Gefühl» wählen. Anschliessend legte sie die gezogenen Karten in mehreren Reihen vor sich aus und begann, Fragen zu stellen.

«Ich sehe eine Liebesbeziehung – sind Sie in einer?»

«Hier steht auch, dass Sie überlegen, Ihre Wohnsituation zu verändern. Stimmt das?»

Da ich mich bewusst auf das Experiment einlassen wollte, beantwortete ich ihre Fragen ehrlich. Dadurch entwickelte sich schnell ein Gespräch, vor allem über meine Partnerschaft. Rückblickend fiel mir auf, wie stark das Kartenlegen eigentlich auf den Informationen aufbaute, die ich selbst preisgab. Viele Aussagen entstanden nicht direkt aus den Karten, sondern aus meinen Antworten und ihren anschliessenden Interpretationen. Dies erinnert dies stark an sogenannte «Cold Reading»-Techniken. Dabei werden offene Fragen, allgemeine Aussagen und subtile Reaktionen wie beispielsweise Körperhaltung, Gesichtsausdrücke oder Antwortgeschwindigkeit genutzt, um schrittweise Informationen über eine Person zu sammeln. Die Gegenüber fühlen sich oft erstaunlich «durchschaut», obwohl sie selbst die relevanten Informationen geliefert haben.

Das Gespräch wurde jedoch überraschend schnell sehr direkt. Die Kartenlegerin erklärte schliesslich ziemlich bestimmt, dass meine Beziehung vermutlich nicht halten würde, ausser wir würden «Nägel mit Köpfen machen» und zusammenziehen. «Sonst wird das nix», meinte sie mit ernster Stimme.

In diesem Moment wurde mir bewusst, wie stark solche Aussagen emotional wirken können. Obwohl ich rational wusste, dass hier keine objektive Zukunftsanalyse stattfindet, löste die Deutlichkeit der Aussage trotzdem ein unangenehmes Gefühl aus. Genau darin liegt eine besondere psychologische Wirkung solcher Beratungen: Menschen suchen häufig Orientierung bei Themen, die ohnehin emotional aufgeladen oder unsicher sind wie Liebe, Gesundheit, Zukunft oder Lebensentscheidungen. Erhalten sie dann scheinbar intuitive oder spirituell begründete Aussagen, können diese trotz fehlender Grundlage grossen Einfluss auf ihre Gedanken und Gefühle haben.

Da mir das Gespräch zunehmend unangenehm wurde, fragte ich schliesslich bewusst: «Und wie würde es aussehen, wenn wir davon ausgehen, dass wir «Nägel mit Köpfen» machen?» Daraufhin durfte ich erneut Karten ziehen. Die Stimmung änderte sich plötzlich deutlich. Jetzt hiess es, dann werde alles gut ausgehen. «Ich habe nichts Negatives zu sagen.»

Diese abrupte Wendung wirkte fast wie eine kleine emotionale Achterbahnfahrt: zuerst sehr direkte, beinahe bedrohlich klingende Aussagen, danach plötzlich positive Zukunftsaussichten. Interessant war dabei, wie flexibel die Interpretation der Karten offenbar angepasst werden konnte. Je nach Fragestellung oder gewünschtem Szenario schienen neue Deutungen innerhalb der bezahlten 20 Minuten möglich zu sein.

Gerade bei Menschen, die sich ohnehin unsicher fühlen oder nach Orientierung suchen, könnten solche Aussagen jedoch starke Auswirkungen haben. Wer bereits Zweifel an einer Beziehung hat, könnte sich durch negative Prophezeiungen zusätzlich verunsichern lassen oder wichtige Entscheidungen plötzlich anhand solcher Deutungen treffen. Dadurch entsteht eine problematische Dynamik: Die Aussagen wirken persönlich und tiefgründig, beruhen jedoch letztlich nicht auf überprüfbaren Erkenntnissen, sondern auf Interpretation, Suggestion und Gesprächsführung.

Danke, Gabriel

Ich setzte meinen Rundgang durch die Lebenskraftmesse fort und blieb an einem Stand stehen, der sich optisch deutlich von vielen anderen abhob. An den Wänden und auf dem Tisch waren zahlreiche Fotos von Personen ausgestellt, über deren Köpfen und Oberkörpern farbige Flächen lagen wie bunte Kleckse oder ein digitaler Filter. Die Beschreibung des Standes lautete: «Aurafotos». Der Stand wurde von einer etwas älteren Dame und ihren Söhnen geführt. Die Atmosphäre wirkte freundlich und einladend, gleichzeitig weckte die Mischung aus Technik, Farben und spiritueller Deutung sofort meine Neugier.

Die Preise waren klar angeschrieben: Ein einfaches Aurafoto kostete 30 Franken, ein Foto mit zusätzlicher Beratung 60 Franken. Wer darüber hinaus eine sogenannte «Aurachirurgie» wünschte, musste stolze 90 Franken bezahlen. Ich entschied mich für die Variante Foto plus Beratung.

Ich setzte mich in eine Ecke vor eine etwas älter wirkende Kamera und wurde gebeten, meine Hände auf zwei Metallplatten zu legen. Dabei handelt es sich bei diesen Platten, nach eigenen Angaben, um ein Gerät das die «Aura» messen könne. Im Nachhinein habe ich jedoch in meiner Recherche herausgefunden, dass es sich um Sensoren handelt, welche körperliche Parameter wie Hautleitfähigkeit, Hautwiderstand oder teilweise auch Temperatur und Puls erfassen. Die gemessenen Daten werden anschliessend von einer Software verarbeitet und als farbige Darstellung ausgegeben. Ein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass dabei tatsächlich eine Aura oder ein Energiefeld sichtbar gemacht wird, existiert nicht. Die Farben und ihre Bedeutungen beruhen auf den Interpretationen des jeweiligen Systems.

Mein Foto kam kurz darauf aus dem Drucker und zeigte die Farben Weiss, Gelb, Grün und Blau. Die Dame zeigte grosses Interesse an meinem Bild und begann sofort mit der Deutung. Wir setzten uns auf zwei Stühle gegenüber voneinander, und sie stellte mir einige Fragen. Aufgrund meiner Antworten bot sie mir schliesslich eine kostenlose «Aurachirurgie» an. Ohne genau zu wissen, was mich erwartete, sagte ich zu.
Daraufhin nahm sie eine grosse Haushaltsschere zur Hand und begann mit weitausholenden Bewegungen die Luft vor meinem Gesicht zu durchschneiden. Etwas mehr Erklärung im Voraus hätte ich durchaus geschätzt, bevor ich die Schere gefährlich nahe an meinem Gesicht vorbeiziehen sah. Anschliessend forderte sie mich auf, einige Sätze nachzusprechen, die sich sinngemäss auf die Aussage reduzieren liessen: «Erzengel Gabriel, ich vertraue dir und übergebe dir meine Sorgen.»

Die Farben meines Aurafotos deutete sie folgendermassen: Gelb stehe für eine Person, die viel Verantwortung für andere übernehme. Grün ziehe glückliche Momente an, während Blau für Vertrauen und Verlässlichkeit stehe. Besonders auffällig sei jedoch ein weisser Bogen über meinem Kopf gewesen. Dieser erinnere an einen Heiligenschein und sei ein Zeichen dafür, dass ich unter dem Schutz von Erzengel Gabriel und Erzengel Rafael stehe.

Zum Abschluss der Beratung gab sie mir mit auf den Weg, mich bei Problemen stets an Erzengel Gabriel zu wenden. Unabhängig davon, welche Schwierigkeiten mich beschäftigten, solle ich sie ihm übergeben und darauf vertrauen, dass er mich unterstütze.

Ich verliess den Stand mit einem guten Gefühl. Nicht wegen der Erkenntnis, dass mich zwei Erzengel durchs Leben begleiten sollen, sondern wegen der freundlichen und wertschätzenden Art der Dame. Für einige Minuten stand ich im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Mein Foto wurde analysiert, meine Eigenschaften hervorgehoben und meine Stärken betont. Das fühlt sich angenehm an. Die Erfahrung machte deutlich, dass viele Angebote auf der Lebenskraftmesse nicht nur von spirituellen Versprechen leben, sondern auch von etwas sehr Menschlichem: dem Bedürfnis, gesehen, verstanden und wertgeschätzt zu werden.

Trotz aller kritischen Beobachtungen wirkte die Lebenskraftmesse auf mich nicht grundsätzlich bedrohlich. Die meisten Besucherinnen und Besucher schienen keine radikalen Ideologien zu suchen, sondern vielmehr Orientierung, Hoffnung, Heilung, persönliche Entwicklung oder Gemeinschaft. Viele Angebote knüpften an sehr menschliche Bedürfnisse an: den Wunsch, verstanden zu werden, Antworten auf schwierige Lebensfragen zu finden oder sich in einer zunehmend komplexen Welt etwas Besonderes und aufgehoben zu fühlen.

Auffällig war dabei, wie stark persönliche Aufmerksamkeit als Ressource genutzt wurde. An vielen Ständen nahmen sich die Anbieter Zeit für Gespräche, hörten aufmerksam zu und vermittelten den Eindruck, individuelle Antworten auf persönliche Probleme zu haben. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen Stress, Unsicherheit oder Einsamkeit erleben, kann dies sehr anziehend wirken. Die Erfahrung am Aurafoto-Stand zeigte mir, dass es oft nicht die spirituellen Erklärungen selbst sind, die Menschen ansprechen, sondern das Gefühl, gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Dennoch bleiben Fragen offen. Viele der angebotenen Methoden und Konzepte beruhen nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auf Glaubensvorstellungen, persönlichen Erfahrungen oder spirituellen Weltbildern. Das ist grundsätzlich legitim, solange dies transparent kommuniziert wird. Problematisch wird es jedoch dort, wo unbelegte Behauptungen als Tatsachen dargestellt werden, hohe finanzielle Investitionen erwartet werden oder Hoffnungen geweckt werden, die sich nicht überprüfen lassen. Besonders sensibel erscheint dies bei Menschen, die sich in einer belastenden Lebenssituation befinden und deshalb empfänglicher für einfache Lösungen oder Heilsversprechen sein können. Wie hoch die Preisvorstellungen teilweise ausfallen, zeigte sich an einem Stand, an dem unter anderem eine Pyramide aus Kunstharz verkauft wurde, in die ein Edelstein eingegossen war. Dem Objekt wurden verschiedene energetische Eigenschaften zugeschrieben, der Verkaufspreis lag jedoch bei über 1000 Franken. Solche Beispiele werfen die Frage auf, in welchem Verhältnis der materielle Wert eines Produktes zu den versprochenen spirituellen oder energetischen Wirkungen steht.

Die Lebenskraftmesse präsentierte sich insgesamt als bunte Mischung aus Wellness, Spiritualität, Esoterik, alternativen Heilmethoden und persönlicher Sinnsuche. Zwischen harmlosen Angeboten, interessanten Begegnungen und fragwürdigen Versprechen verliefen die Grenzen oft fliessend. Umso wichtiger erscheint ein kritischer, aber respektvoller Blick: Nicht jede ungewöhnliche Idee ist gefährlich, doch nicht jede wohlklingende Behauptung verdient automatisch Vertrauen. Wer die Messe besucht, tut gut daran, Offenheit mit einer gesunden Portion Skepsis zu verbinden.

Nona Poghosyan, Juni 2026