Children of the Most High im Einkaufszentrum
Ich irre durch das Parkhaus des Glatt Zentrums in Wallisellen. Das «Offsite Lab» soll sich irgendwo in dem riesigen Gebäude befinden, doch bis jetzt waren alle Eingänge verschlossen. Nach einer Weile treffe ich auf weitere Frauen, die sich suchend umschauen und mir bestätigen, dass sie auch das «Opening Event» der «Love Church Switzerland» besuchen möchten. Gemeinsam rütteln wir an jeder erdenklichen Tür des Einkaufszentrums, bis uns auf der obersten Parkhausplattform neben einem McDonald’s zugewunken wird. Mittlerweile ist es schon etwa 13:10 Uhr, doch Miro und Lucia Wittwer begrüssen uns persönlich mit einem Händedruck und führen uns in einen Fahrstuhl. Während wir in den 11. Stock sausen, meint Miro begeistert, dass er noch nie so viel «Holy Spirit» in einem Fahrstuhl verspürt habe. Alle lachen höflich und betreten den Raum, aus dem Worship-Gesang dringt. Das «Offsite Lab» ist sehr modern ausgestattet und in Grautönen gehalten. Durch die Glasfassade kann ein riesiges Panorama auf den Grossraum Zürich Nord bestaunt werden. Im vorderen Teil des Raumes stehen zwei junge Frauen auf einer Bühne, die sich für unsere Anwesenheit bedanken und ihren Gesang weiterführen. Mehrere sich füllende Stuhlreihen sind auf sie ausgerichtet, insgesamt schätze ich die Zahl der Besuchenden auf circa 150 Personen. Das Publikum ist sehr divers, im Stimmengewirr höre ich verschiedene Sprachen und von Kindern bis Grosseltern sind alle Altersgruppen vertreten. Je näher an der Bühne, desto mehr Leute tragen einen cremefarbigen Trainingsanzug mit bronzefarbigem Schriftzug auf dem Rücken: «DAUGHTER OF THE MOST HIGH» oder «SON OF THE MOST HIGH». Bei einem jungen Mann, der mit einem iPhone durch die Reihen geht und Filmaufnahmen macht, kann ich die Aufschrift auf der Vorderseite des Trainingsanzugs lesen: «For Jesus». Da klingelt etwas bei mir: Bei der Anreise habe ich Miro Wittwers Webseite durchforstet und die Rubrik «For Jesus (Kleiderbrand)» entdeckt. Bei den cremefarbenen Gewändern handelt es sich also um Miro Wittwer-Merch.
Lucia Wittwer als DJ
Meine Gedanken werden durch eine Ankündigung unterbrochen. Als Auftakt der Veranstaltung verspricht uns Miro Wittwer «etwas, das es in der Schweiz vielleicht noch gar nie gab». Seine Frau, habe sich gestern dazu entschieden heute als DJ zu wirken. Deshalb sei es nun an uns, für Jesus zu tanzen. Lucia Wittwer, so heisst übrigens «seine Frau», lächelt uns mit Kopfhörern an, und schon dringt Worship-House-Musik durch die Lautsprecher.
«The Swiss hearts are crying for God. They don’t know it yet, but all the money, all the success, all the beauty of this nation means nothing without God. It may look good, it may sound good, but without you, God, everything is in vain.» und «God, have mercy on Switzerland. Save Switzerland. Save Switzerland.» sind einige Ausschnitte, die ich verstehen kann. Das Publikum steht und wippt im Takt, aber abgesehen von den ersten Reihen ist die Stimmung eher zurückhaltend. Nach einigen Songs beendet Lucia ihr Set und kündigt den Apostel Miro Wittwer an. Sie stellt klar, dass wir alle wegen Gott hier seien, doch ihr Mann habe «das alles auf die Beine gestellt».
Gott ist der «Star»
Miro beginnt sogleich mit Publikumsinteraktionen, indem er fragt, wer einen weiteren Weg als 500km oder mehr als drei Autostunden auf sich genommen habe, um heute hier zu sein. Belohnt für ihren Aufwand werden die Hände hochhaltenden Leute mit einem tosenden Applaus.
Durch die Hand Gottes sei diese Gemeinde zustande gebracht worden. Die Location habe aus Platzgründen kurzfristig verändert werden müssen, doch dieser Raum sei letztendlich ideal und durch die Lage im 11. Stock sogar näher am Himmel. Gott sei es auch zu verdanken, dass Miro selbst heute hier sei und nicht in Thailand am Missionieren. Miro schweift kurz ab und erklärt anhand einer etwas umständlichen Metapher, dass das «Gospel» für Menschen in Thailand das Feuer wäre, wenn sie dieses noch nicht entdeckt hätten. Ganz viele Thailänder*innen hätten nämlich noch nie von der Bibel gehört. Mir scheint, dass die christliche Botschaft oder das Evangelium durch die Feuer-Metapher mit zivilisatorischem Fortschritt assoziiert wird, wodurch Thailand implizit als rückständig bezeichnet wird. Doch Miro Wittwer verwendet nicht nur Metaphern, sondern auch eine Fülle an Anglizismen. Die «Love Church Switzerland» sei nicht eine «One Man Show», es gäbe immer nur einen «Star», und das sei nicht er, sondern Gott.
Miro kündigt an, dass ab heute jeden Sonntag ein Gottesdienst stattfinden werde. Deshalb gibt es nun eine Abstimmung, ob der «Service» jeweils am Morgen oder am Abend stattfinden soll. So oder so werde während jedem Gottesdienst ein «Child Care Service» angeboten. Die Abstimmung ergibt kein klares Resultat, deshalb ist für Miro klar, dass er Gott nach der geeigneten Zeit fragen muss.
Alles gehört Gott
Das Publikum wird gebeten, sich zu erheben und mit Miro zu beten. In kurzen, repetitiven Sätzen spricht Miro ein Gebet, in dem er dem «Herrn» für diverse Dinge dankt und in dem Worte fallen wie: «Mögen Stumme wieder hören. Mögen Blinde wieder sehen.» Zwischen seinen englischen und deutschen Ausführungen fallen immer wieder kurze Abschnitte in entschlossener Zungenrede. Nach einiger Zeit werden wir angeleitet, unsere Finger ineinander zu verhaken und in die Höhe zu halten. In unserer Vorstellung sollen wir alles, was wir besitzen und was wir sind in die Hände fliessen lassen und es Gott abgeben. Nichts soll zurückgehalten werden, alles soll Gott gehören. Oft werde Geld oder eine Beziehung zu einem Kind Gott verwehrt, wir werden angewiesen, dem entgegenzuwirken und wirklich alles von uns Gott zu überlassen.
«Switzerland shall be saved»
Nach dem Gebet, das für einige Anwesende sehr intensiv zu sein gewesen scheint, kündigt Miro einen Vortrag an, bei dem er die «Love Church Switzerland» vorstellen möchte. Er selbst sei Apostel, übernehme aber vorerst auch die Pastor Funktion der Gemeinde. Auf der Webseite werden Lucia und Miro beide als «Leaders» vorgestellt, doch was Lucias Position genau sein soll, wird uns nicht erklärt. Miro beteuert lediglich, dass sie gemeinsam ein Herz und eine Seele seien und, dass sie bis auf den Gang zur Toilette alles gemeinsam machen würden. Um Gott zu signalisieren, dass die neu gegründete Kirche ihm geweiht sei, wird eine ältere Frau gebeten ein Horn zu blasen. Das Ziel der «Love Church» ist klar: «Switzerland shall be saved». Als «saved» gilt in diesem Verständnis nur, wer dem «richtigen» Glauben angehört. Laut Miro gäbe es in der Schweiz erst 2-4% gerettete Christen, dementsprechend sei noch viel zu tun. Zu den Christinnen verliert er kein Wort, was wohl daran liegt, dass Miro durchgehend das generische Maskulinum verwendet.
«Hexen» und «unreine Geiste»
Auf der Leinwand wird eingeblendet: «Es gibt einen Gott in drei Personen: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Sie sind drei Personen, aber ein Gott.» Miro fordert alle auf, die an die Dreifaltigkeit glauben, die Hände zu heben. Fast alle Hände schnellen nach oben und Miro lacht erleichtert: «Wer nicht daran glaubt – Raus!» Sofort korrigiert er sich grinsend und stellt klar, dass durchaus auch «unreine Geiste» willkommen seien, mit diesen Leuten müsse aber «gearbeitet» werden. Es könne zudem sein, dass sich «Hexen» im Publikum befinden, die mit falschen Absichten an der Veranstaltung teilnehmen. Falls solche Personen ausfindig gemacht werden, kündigt Miro den Rauswurf an. Mir ist mittlerweile ziemlich unwohl und nehme stark an, dass ich unter die Kategorie «Hexe» oder zumindest «unreiner Geist» fallen würde. Ich versuche, mir meine Unbehaglichkeit nicht anmerken zu lassen, und lausche Miros weiteren Ausführungen.
Als Nächstes knüpft er sich den Islam vor und bezeichnet den Koran als «tot». Er verurteile andersgläubige Menschen nicht, doch der muslimische Glaube sei schlichtweg falsch. Miro scheint eine unkonventionelle Vorstellung von Wertfreiheit zu besitzen. Den Koran als «tot» und dementsprechend als der Bibel unterlegen zu bezeichnen, halte ich für eine ziemlich explizite Wertung. Doch Miros Abneigung äussert sich nicht nur gegen den Islam und gegen Hexen: Alle Religionen seien aus Geld- oder Machtstreben entstanden und Gott gehe es gar nicht um Religion, sondern um Beziehung. Miro führt am Beispiel des Christentums aus: « Wir kämpfen nicht gegen den Katholizismus, aber er ist nicht von Gott.»
Miros eigener «Sektenbegriff»
Miro rechnet anscheinend mit der Anwesenheit der Presse, denn er prophezeit, dass die «Love Church» medial als «Sekte» bezeichnet werden wird. Um den Anwesenden zu versichern, dass sie nicht einer «Sekte» angehören, stellt er seine eigene Definition des «Sektenbegriffs» vor: In einer Sekte gäbe es eine Anhängigkeit von einem Führer, der Ausstieg sei nur schwer möglich und das Wort Gottes werde verdreht. Demensprechend seien die «Zeugen Jehovas» klar als «Sekte» einzuordnen, die «Love Church» entspreche jedoch keinem dieser Merkmale. Doch die Angst vor kritischer Berichterstattung ist damit nicht aus dem Weg geräumt. Wissend schaut Miro durchs Publikum und verkündet, dass es «Expose Videos» über ihn geben wird, die ihn zu «entlarven» versuchen und ihn als «Falschen Apostel» darstellen werden. Trotzdem verurteile er niemanden.
Heilen und Geben
Miro blendet weitere Glaubenssätze ein und erklärt, dass Gott ein Gott der Wunder sei. Heilungen, als eine Form von Wundern, biete er selbst unentgeltlich an. Seine Erfolge seien erstaunlich, denn ungefähr jede zweite Heilung zeige Wirkung. Noch erstaunlicher seien aber die Erfolge, die «Toby» zu verzeichnen habe. Er deutet auf einen Mann im vorderen Teil des Publikums und berichtet, dass «Tobys» Heilungen immer funktionieren. Ich kann den Mann nur von hinten sehen, nehme aber stark an, dass es sich dabei um den umstrittenen «Strassenheiler» Toby Meyer handelt. Er war schon an Miro Wittwers «Day of Transformation» im August 2025 anwesend.
Auch das Stichwort «Geben» thematisiert Miro Wittwer als Glaubensinhalt der «Love Church». «Unser Geld gehört nicht uns, sondern Gott», stellt Miro klar. Finanzielle Angelegenheiten seien in Gottes Hand und deshalb sei die Chance «riesig», dass finanzielle Fülle durch den Besuch der «Love Church» resultiere. Für Miro selbst sei die «Church» kein «Business», ganz im Gegenteil, er möchte der Kirche so viel wie möglich «geben».
Als «Message of the Day» wird ein Ausschnitt aus Epheser 4 zur Einheit in der Kirche eingeblendet. Miro schliesst daraus, dass die «Love Church» für Einheit stehen und Spaltung wiedervereinen soll. Für die Spaltung verantwortlich sind seiner Meinung nach unter anderem die «Christen», die im Unterschied zu den «Evangelisten» leider noch nicht auf dem richtigen Weg seien.
Krebs «Heilen»
Nach seinem Vortrag leitet Miro Wittwer erneut ein Gebet an. Dieses Mal sollen wir alle Lügen aus unserem Herzen schaffen und stattdessen die Wahrheit und den Heiligen Geist empfangen. Zudem sollen wir allen Menschen vergeben und Busse tun. Mehrfach weist uns Miro an, ungewollte «Verträge zu kündigen» und zwischendurch gibt er einige Zeilen in Zungenrede von sich.
Nach einer Weile wird in die Runde gefragt, wer den Heiligen Geist noch nicht empfangen habe. Ein Mann tritt zögerlich nach vorne und Miro legt die Hände auf seine Schultern. «…Alles gehört dir Jesus…in the mighty name of Jesus…danke Jesus…danke Jesus» spricht der Mann leise Miros Worte nach. Mittlerweile haben sich einige weitere Leute nach vorne getraut und Miro wendet sich jeder einzelnen Person zu. «Jeder Geist von Witchcraft, Lügen und Generationenflüche sollen von dir gehen», spricht Miro leise in sein Headset-Mikrofon.
Plötzlich verkündet Miro, dass die vor ihm stehende Frau an Krebs leide und für körperliche Heilung gekommen sei. Er berührt ihren Kopf und spricht in abgebrochenen Sätzen: «Der Krebs geht aus deinen Beinen heraus…Er ist schon von der Brust in die Beine herabgewandert…Vollkommene Heilung…Danke Jesus, dass du meine Schwester geheilt hast.»
Die angebliche Heilung erkrankter Personen als eigene Bühnen-Show zu inszenieren, scheint mir geschmacklos, und das damit verbundene Heilsversprechen kann gravierende Folgen mit sich tragen. Doch Miro lässt sich nicht beirren und wendet sich an das Publikum. Bei körperlichen Schmerzen soll die Hand auf besagte Stelle gelegt werden und er bete nun für uns alle «in the mighty name of Jesus» um körperliche Heilung. Fast alle Personen im Raum drücken nun ihre Hände auf eine Körperstelle und beten murmelnd vor sich hin. Einigen Personen wird währenddessen weiterhin von Miro höchstpersönlich die Hand aufgelegt. Zu einem jungen Mann sagt Miro: «Du bist stärker als jeder Gottlose», woraufhin der junge Mann angibt keine Schmerzen mehr zu verspüren. Ein kleiner Junge muss seine Schmerzen auf einer Zahlenskala angeben und bei jeder Nachfrage sinkt die Zahl ein Stück weiter, bis er «fast keine Schmerzen mehr» empfindet. Das Publikum ist entzückt.
Manifestationen aller Art und die «Chance zu säen»
Als nächster Programmpunkt bittet Miro alle nach vorne, die Salbung wünschen. Ein Grossteil der Anwesenden begibt sich um die Bühne und es wird Worship-Gesang angestimmt. Erneut wendet sich Miro jeder einzelnen Person zu, indem er die Hand auflegt und in Zungenrede auf sie einredet. Es zeigen sich diverse Manifestationen: Einige Leute gehen stöhnend zu Boden, andere weinen, zucken, lachen schrill oder brechen schreiend zusammen. Zwei Helfer stehen jeweils hinter der gesalbten Person, um sie bei Bedarf aufzufangen. Im gesamten Raum herrscht ein vulnerables Gefühlschaos mit emotionalen Ausbrüchen aller Art. Etwas überfordert von der Situation, sitze ich auf meinem Stuhl und warte. Die Salbung und die damit einhergehenden Manifestationen dauern länger als eine ganze Stunde. Mit der Zeit setzen sich einige Leute zurück an ihre Plätze und unterhalten sich gelassen. Die gelegentlichen Schreie und Zuckungen bei der Bühne scheinen ihnen vertraut zu sein, sie lassen sich davon nicht stören und fallen gelegentlich wieder in ein Gebet mit ein. Plötzlich werden die singenden jungen Frauen von Miro mitten im Lied unterbrochen und er kündigt die «Chance, im Ministry zu säen» an. Auf der Leinwand werden unter dem Titel «Giving» eine Twint-Nummer, ein PayPal-Code und die IBAN-Nummer eines Bankkontos eingeblendet. Einige Smartphones werden gezückt und Miro weist an, nach vorne zu kommen, wenn wir «auf dem Herz haben Cash zu geben». Das «Geben» sei freiwillig, doch gemeinsam sollen wir für jeden «Samen» beten.
Abschluss mit Kuchen
Zum Schluss meldet sich Miro mit der Bitte, mögliche Zeugnisse dieses Mal nicht auf der Bühne, sondern auf Google Maps abzugeben. Nach einem weiteren, kurzen Gebet, in welchem er uns finanzielle Fülle wünscht, bedankt er sich bei uns. Er sei sehr dankbar, dass hier Beziehungen entstehen können, dazu zählen für ihn Businesspartner, aber auch Gebetsbünde und Liebesbeziehungen aller Art. Die Veranstaltung findet ein Ende und wir werden zu Kuchen und Wasser eingeladen. Kaffee sei nämlich zu ungesund.
Ich verabschiede mich von meinen Sitznachbarinnen und atme im Lift tief durch. Erst jetzt merke ich, wie angespannt ich während der gesamten Veranstaltung war. Die emotional aufgeladene Stimmung des Raumes, geprägt durch ein Gemisch von Hoffnung und Verzweiflung, ist nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Als Fazit steht für mich klar: Der Name ist nicht Programm. Die abschätzige Haltung gegenüber allen, die nicht Miros Glauben folgen, steht für mich stark im Kontrast zum Namen «Love Church».
Lou Büchler, 22. Juni 2026