Durchs Labyrinth
An einem Sonntagnachmittag im Juni ist das Wetter warm und noch nicht zu heiss. Berlin ist verhältnismässig ruhig, denn der heutige Marathon ist schon vorbei. Die Teilnehmenden sind mit ihren Medaillen auf dem Nachhauseweg in der Ringbahn. In Richtung Kreuzberg treffen sie dort auf viele jugendliche Freundesgruppen. Doch die wollen nicht zum Tempelhofer Feld, sondern zum Gottesdienst.
Auch eine Freundin und ich sind in die Richtung unterwegs. Dabei wissen wir noch gar nicht, ob dieser Gottesdienst, zu dem wir wollen, wirklich stattfindet. Die Freikirche «Jesus Gefunden» gibt in ihrer Biografie auf Instagram die Adresse «Mollstrasse 1, 10178 Berlin» an. Doch gestern posteten sie in ihrer Story die Adresse «Manteuffelstrasse 65, 12103 Berlin» für die Veranstaltung heute. Wer die Gemeinde nicht aktiv auf Social Media verfolgt, dürfte die Änderung leicht übersehen.
Die Manteuffelstrasse sieht aus, als könnte sie in jeder Stadt liegen. Mehrstöckige Wohnungsbauten, ein Bäcker, eine Tankstelle und wenig Menschen am Sonntag. Allerdings fällt uns auf, dass sich hier auch einige Gewerbegebäude befinden, von denen überraschend viele leer zu sein scheinen. Auch die Nummer 65 wirkt so. Auf den Briefkästen und Türschildern stehen keine Namen, weder von Familien noch von Betrieben. Kein Schild und keine Markierung jeglicher Art lässt vermuten, dass hier ein Gottesdienst stattfinden könnte. Der einzige Hinweis auf Leben ist eine kleine Firma für Gebäudereinigung, an einer anderen Eingangstür des Gebäudes. Während wir in Erwägung ziehen, dort zu klingeln und nachzufragen, fällt uns jedoch etwas auf. Mehrere Gruppen von Teenagern verschwinden im Abstand von ein oder zwei Minuten in der unmarkierten Tür. Sie klingeln nicht, sie benutzen keinen Schlüssel. Sie drücken die Tür einfach auf und gehen hinein. Wir folgen ihnen.
In einem leeren Treppenhaus müssen wir mehrere Stockwerke erklimmen. Mittlerweile ist auch ein Lebenszeichen wahrzunehmen: gedämpfte Musik. Wir erreichen eine offene, wieder unbeschriftete Tür. Dahinter befindet sich ein Raum, der vom Aufbau her an einen Jugendclub erinnert. Es gibt einen Eingangsbereich mit riesigem Schuhregal, mehrere Tische mit Stühlen und eine offene Küche. Doch fehlt es an jeglicher Dekoration. Die Wände sind kahl und es gibt keinerlei Geschirr oder Spielzeug. Viele Teenager stehen oder sitzen in ihren Grüppchen. Sie sind schlicht gekleidet und etwas mehr Mädchen als Jungs. Niemand schenkt uns Beachtung.
Ich spreche ein Mädchen an und frage sie, ob hier heute ein Gottesdienst stattfinden würde. Sie scheint von dieser Frage irritiert zu sein, doch antwortet «Ja, aber jetzt noch nicht.» Doch kurz danach springen alle im Raum auf. Der Reihe nach laufen sie eine wackelige, schmale Wendeltreppe hoch. Wir schliessen uns ihnen an. Im nächsten Stockwerk geht die Menge in einer Schlange durch leere Gewerberäume. Wären wir nicht alle gemeinsam hier, könnte dieser Ort an die Backrooms erinnern. Es folgt eine weitere Wendeltreppe. Nun sind wir in einem leeren Raum des ausgebauten Dachbodens. Endlich kommen wir davon in einen riesigen Raum. Er könnte die Aula einer Schule sein, wenn die Decke nicht so niedrig wäre. Vorne stehen zwei Banner mit der Aufschrift «Willkommen zur Jesus Gefunden Gemeinde» und Lautsprecher. Am Rand steht eine Band inklusive Schlagzeug. Zwar gibt es nur 5 Stuhlreihen, doch der Raum zieht sich sehr in die Breite. Wir setzen uns an den Rand. Hier könnten sicherlich über 100 Menschen Platz nehmen. Und auf diese Anzahl würde ich die Anwesenden auch schätzen. Wieder gibt es eine klare Grüppchenbildung, niemand steht oder sitzt allein da. Bis auf eine Frau mit Baby kann ich im Raum keine Person erkennen, die offensichtlich erwachsen aussieht. Die meisten Anwesenden scheinen zwischen 14 und 18 Jahren alt zu sein. Doch wenige jüngere sind auch dabei. Wir wirken wie die einzigen Neulinge heute. Das spricht dafür, wie diese Gemeinde funktioniert. Vermutlich ist es die Norm, von Freunden eingeladen zu werden.
Lauter Auftakt
Zwei junge Frauen, sicherlich auch erst ungefähr volljährig, begeben sich gegen 14 Uhr nach vorn. Das Licht der Sonne scheint durch ein Dachfenster auf sie herab. Alle erheben sich. Die Fenster sind offen, doch trotzdem bleibt es heiss. Die Band beginnt zu spielen. Der Sound erschreckt einen fast, es herrscht die Lautstärke eines Open-Air-Konzerts. Zur Musik beginnt eine der beiden in ein Mikro zu sprechen: Es seien gerade schwere Zeiten für uns alle. Sie fügt noch hinzu, auch für unsere Gemeinde. Doch gerade deswegen wäre Dankbarkeit jetzt wichtig. Sie leitet den Gottesdienst weiter ein mit einem biblischen Bild von erfolgloser Wassersuche. Das Bild des Wassers wird anschliessend auf den Heiligen Geist übertragen. Das wird heute das zentrale Thema sein: Der Heilige Geist als Fluss, den wir in unser Leben lassen sollen. Sie schliesst die Einleitung ab, indem sie das Publikum aufruft: Wir sollten auch ausserhalb des Gottesdienstes Einfluss nehmen.
Danach kommt die Worship-Musik voll in Gang. Die Band spielt mit einer fast unangenehmen Lautstärke repetitive Muster christlicher Pop-Rock-Musik. Dazu singen drei Frauen mehrstimmig immer wieder die gleichen Phrasen: «You are holy, the earth is full of your glory» Heraus sticht dabei eine besonders begabte Sängerin. Ihre stimmliche Virtuosität und emotionaler Ausdruck sind ehrlich beeindruckend. Sie fleht Jesus an: «Jesus bitte, ich will dich tiefer kennenlernen- bitte Jesus- bitte!» sinkt dabei auf die Knie. Anschliessend geht der Gesang über zu «Tag und Nacht und Nacht und Tag, deine Braut sie wartet». Fast psychedelisch singen wir alle diesen Satz rauf und runter. Eine Person spricht unverständliche Lautfolgen ins Mikrofon. Es wirkt, als würde sie in Zungen sprechen. Dies ist eine bekannte Praxis in pfingstkirchlichen und charismatischen Strömungen weltweit und wird als Wirken des Heiligen Geistes verstanden.
Die meisten Jugendlichen stehen und wippen zur Musik, mit den Armen in der Höhe. Sie singen oder sprechen möglicherweise auch in Zungen. Einige weinen im Sitzen, halten ihren Kopf in den Händen. Andere gehen beim Mitsingen im Raum umher. Wieder andere sinken auf die Knie. Ein Junge steht direkt mit dem Gesicht zur Wand und spricht vor sich hin. Ein Mädchen vor uns umschlingt ihren Oberkörper mit den Armen und wiegt sich nach vorn und zurück. Ihre Freundin ist daneben auf dem Boden zusammengekauert und scheint zu beten. Kurz setzt sie sich auf, greift ihr Handy vom Stuhl und tippt. Gleich danach kauert sie sich wieder hin und betet weiter. In den hinteren Reihen sind einige Handys fast während des gesamten Gottesdiensts draussen.
Opfergabe oder willst du Jesus wirklich kennenlernen?
Nach ungefähr 75 Minuten endet die Worship-Musik-Session. Von der Hitze erschöpft setzen wir uns hin. Eine andere junge Frau tritt nach vorne. Emotional erzählt sie davon, wie wunderbar es sei von «ihm» berührt zu werden. Wir könnten uns das gar nicht vorstellen. Sie schluchzt und Tränen beginnen zu fliessen. So wird die Opfergabe eingeleitet. Dazu wird 2. Korinther 9,7 vorgelesen «Ein jeder, wie er’s sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.» Die junge Frau erklärt weiter: Jesus sei es würdig, alles zu geben. Wir wollen weiterkommen, aber geben nichts an Jesus. Einige Gemeindemitglieder rufen enthusiastisch «Amen!» Alles, was wir seien, käme von Jesus. Seine Herrlichkeit sei hier. Er wolle uns kennenlernen. Er wolle eine Generation, die sich endlich für ihn entscheidet. Diese Opfergabe sei ein Ausdruck dafür, wie sehr wir Jesus lieben. Der Kontostand, fügt sie noch hinzu, sei dabei egal. «Amen!»
Wer opfert, nimmt sein Geld in die Hand und hält es hoch. Die meisten Arme im Raum heben sich. Somit wird erkennbar, wer nichts spendet. Die genaue Geldsumme bleibt bei allen unklar, da die Hände geschlossen gehalten werden. Digitale Zahlungen werden nicht angeboten. Die junge Frau vorne spricht weiter: Nichts sei genug für den Herrn. Wir seien nicht würdig. Er solle uns vergeben, uns reinigen von unserer Korruption. Er soll uns wieder annehmen. Nicht von uns gehen. Wir wollen sein Gefäss sein. Sie schliesst mit den Worten «Heiliger Geist manifestiere dich». Zwei rot-weisse Taschen wandern durch die Reihen und sammeln die Opfergaben ein.
Ein unbeachteter Besuch
Nun stellen sich vorn die «Dancing Stars» auf. Das ist eine grosse Tanzgruppe aus Mitgliedern der Gemeinde. Sie tragen gelbe Caps und weisse T-Shirts mit der Aufschrift «What would Jesus do?» Zu Jubelschreien führen sie eine choreografierte Einlage im Streetdance-Stil auf.
Nachdem die Tanzenden wieder auf ihre Plätze zurückgekehrt sind, wird erneut Lobpreis-Musik angestimmt. Wieder singen wir «Tag und Nacht und Nacht und Tag, deine Braut sie wartet». Der leichte Windzug durch die offenen Fenster macht die Hitze im Dachboden und die Lautstärke der Musik etwas erträglicher. Ich beobachte wie viele Jugendliche sich Luft zu fächern. Plötzlich lugen zwei Polizeibeamte in schusssicheren Westen durch eine Tür. Sie wirken nicht überrascht. Sofort springen mehrere grosse Jungs auf und stellen sich um sie. Sie alle verschwinden daraufhin in der Tür, sprechen scheinbar im Treppenhaus. Die Worship-Musik läuft parallel weiter. Ein Grossteil der Anwesenden scheint die Polizisten gar nicht bemerkt zu haben. Vermutlich waren die Beamten wegen Lärmbelästigung hier. Denn nur wenig später wird die Musik ein wenig leiser gemacht und die Fenster geschlossen. Uns hat vor allem überrascht, wie schnell und selbstverständlich einige der Jugendliche, vermutlich Verantwortliche, auf den Polizeibesuch reagiert haben. Die Beamten verschwanden so schnell wie sie kamen.
Die Predigt
«Seid ihr müde?» «Nein!» So beginnt der Prediger, als er vor die Gemeinde tritt. Wie alle anderen, die bis jetzt dort waren, stellt er sich nicht vor. Er ist eindeutig als Erwachsener zu erkennen, ist aber noch jung genug, um einen Draht zu den Teenagern zu haben. Durch sein freies Sprechen und sympathisches Auftreten erweckt er Vertrauen. In der vergangenen Woche sei das Thema auch schon der Heilige Geist gewesen. Heute wolle er dort anknüpfen. Er vergleicht den Heiligen Geist mit einem Fluss, den wir nicht kontrollieren können. «Let him cook», sagt er, vertrau dem Heiligen Geist dein Leben an. Dazu führt er Johannes 4, 14 an «Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das bis in das ewige Leben quillt.» Alle Bibelstellen werden auf Deutsch und Englisch vorgelesen. Ein Mädchen hat ihre eigene Bibel dabei und schlägt die Stelle nach. Andere benutzen dafür ihr Handy.
Der Prediger arbeitet viel mit bildlichen Vergleichen und persönlichen Anekdoten. Alle paar Sätze rufen Gemeindemitglieder «Amen!» in die Predigt. Manchmal fragt der Prediger auch nach einer besonders tiefen Aussage «Einmal?» in die Runde und sofort wird im Chor geantwortet «Einmal!» Er berichtet nun davon, wie er in Frankfurt gewesen sei. Und dort habe er den Heiligen Geist gebraucht damit es «uns» (die Gemeinde) überall in Deutschland geben könne. Er fragt die Menge: «Warum sind wir hier beim Gottesdienst, obwohl wir Jesus noch nie gesehen haben? Wegen des Heiligen Geistes!» Auch Gemeinschaft und Liebe seien der Heilige Geist. Nun wird die Fluss-Metapher auf unser Umfeld erweitert. Wolle man Angehörige «retten», bräuchte man den Heiligen Geist als Fluss. Die Gemeindemitglieder sollten viel von ihm trinken, um die Erde zu retten, um Deutschland zu retten.
«Dag, unser Vater, er hat getrunken.» Dies ist eine Referenz auf den ghanaischen Prediger Dag Heward-Mills. Der Prediger stellt sicher, dass alle sich angesprochen fühlen, indem er häufig von «wir» und «uns» spricht. Er schreit: «Lasst los!» Ausserdem vertraut der Prediger uns noch an, er hätte Mitleid mit den Ungläubigen. Auch wir sollten Mitleid haben. Doch der Fluss würde Abhilfe schaffen. Dazu führt er die im Kontext der Evangelisation häufig verwendete Bibelstelle Matthäus 9, 36-38 an: «Als er aber die Volksmenge sah, jammerte sie ihn; denn sie waren geängstigt und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist gross, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.» Wie sehr wir dem Fluss vertrauen sollen unterstreicht er mit einer weiteren persönlichen Anekdote: Er hatte erst Angst davor früh zu heiraten, sich zu beschränken. Doch er habe dem Fluss vertraut und nicht versucht ihn zu kontrollieren.
Nun verspricht er uns, wirklich zum letzten Punkt zu kommen. Er legt die biblischen Bilder der «grossen Ernte» und «Menschenfischerei» auf die eigene Gemeinde. Euphorisch verkündet er: «Wir werden Menschenfischer sein!» Doch dafür brauchen wir den Fluss. Und wenn wir ihn erst haben, dann können wir ihn nicht mehr kontrollieren. Die Gemeinde müsse das Schicksal der Stadt Berlin dringend verändern, denn «der Teufel habe einen Plan».
Für ein Zehntel zu Jesus
Nun soll zu ihm treten, wer Jesus sein Leben geben möchte, wer nach Hause kommen will. Ungefähr zehn Personen folgen dem Ruf. Direkt im Anschluss wird erneut Geld eingesammelt, diesmal als «Zehnte» aus der Bibel bezeichnet. Dabei sollen zehn Prozent des Einkommens oder Taschengeldes gegeben werden. In vielen Freikirchen wird davon ausgegangen, dass Gott dieses Geld zustehe und Vorenthaltung Segen blockiere. Es folgt ein Abendmahl direkt vom Platz aus. Alle erhalten einen winzigen Einweg-Medizinbecher mit Traubensaft und eine Oblate. Als danach erneut die «Dancing Stars» angekündigt werden, verlassen wir den Raum. Nach über drei Stunden ist der Gottesdienst noch immer nicht vorbei, doch die Hitze im Dachboden ist seit dem Besuch der Polizei kaum noch zu ertragen. Unser Hinausgehen bleibt unbemerkt. Wir verlaufen uns fast in dem scheinbar verlassenen Gewerbegebäude.
Wer ist die «Jesus Gefunden Gemeinde» eigentlich?
Wer hinter dieser Gemeinde steht, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen. Auf Instagram präsentieren sie sich modern und haben ca. 800 Follower (Stand Juni 2026). Ein nun scheinbar gelöschter TikTok-Kanal mit dem Namen «Erste Liebe Kirche» ist verlinkt. Dieser Name findet sich auch auf Bannern in vergangenen Storys. Klickt man den verlinkten YouTube-Link an, erscheint ein Kanal namens «First Love Center Official» mit 85.800 Abonierten, Videos mit hunderttausenden Aufrufen und berühmten Gästen wie dem Pastor Joseph Prince. Gehostet werden Interviews auf dem Kanal häufig von Joshua Heward-Mills, Sohn des ghanaischen Predigers Dag Heward-Mills. Die Bezeichnung «First Love» verweist auf die internationale charismatische First-Love-Bewegung die letzterer gegründet hat.
Mehrere Beobachtungen während des Gottesdienstes, darunter die Erwähnung eines «Dag» sowie der Name «Dancing Stars» für die hauseigene Tanzgruppe, deuten auf solche Verbindungen hin. Die Berliner Gemeinde hat zudem erst im Februar 2026 ihren Namen von «Erste Liebe Kirche» zu «Jesus Gefunden» geändert. Das Motiv liegt nahe: Wer nach der «Erste Liebe Kirche» googelt, stösst sofort auf kritische Medienberichte und den entsprechenden Lexikoneintrag von Relinfo. Eine solche Namensänderung ist eine bewährte Strategie, um Kritik auszuweichen. Aus Sicht von Relinfo handelt es sich hierbei um ein Merkmal, das häufig in problematischen Gemeinschaften auftritt. Zusätzlich sind mehrere Fälle bekannt, in denen Mitglieder der First-Love-Bewegung in der Schweiz versuchten Teenager direkt vorm Schulgebäude zu missionieren.
Fazit
Mit gemischten Gefühlen kaufen wir uns Eis. Auf der einen Seite ist da Faszination: In der digitalisierten und unruhigen Welt erleben die Jugendlichen in der Gemeinde scheinbar eine Form von Gemeinschaft und Trost. Es war berührend zu sehen, wie vor allem die Sängerin in der Worship-Session ihre Sehnsucht nach Antworten und ihren Hunger auf das Leben ausgeschrien hat. Gefühle, die jeder kennt.
Andererseits wirft die Struktur der «Jesus Gefunden Gemeinde» Fragen auf. Markant war die Verschlossenheit zur Aussenwelt trotz des starken Missionierungsaufrufs und die verschleierte Zugehörigkeit zur First-Love-Bewegung. In der Predigt wurden komplexe Probleme und persönliche Verantwortung mit der Allzweck-Metapher des Flusses weggespült. Der Heilige Geist hat hier als Allheilmittel fungiert, ein typisches Merkmal für problematische Gemeinschaften.
Besonders kritisch ist der subtile Druck zu betrachten. Das Hochhalten des Geldes bei der Opfergabe erzeugt einen sozialen Konformitätsdruck. Aus Sicht von Relinfo tritt hier «Abzocke» als Merkmal problematischer Gemeinschaften auf, da das bei Freikirchen übliche Mass bei weitem überschritten wird. Die Musik, die gemeinsame Euphorie und die Länge des Gottesdienstes machen ihn zu einem hochemotionalen Erfahrungsraum. Fragt sich, ob die Jugendlichen dadurch wirklich einen Halt finden oder sich im Labyrinth verlaufen.
von Marla Engelschalk, Juni 2026