Ein Besuch beim Sukkot Jesus Haus in Richterswil

Sonntagmorgen in Richterswil. Der Zürichsee spiegelt den blauen Himmel. Nur wenige Menschen sind im postkartenreifen Gemeindekern unterwegs. So stellt sich das Ausland wahrscheinlich die Schweiz vor: Alte Häuser in kurvigen Strassen, Blumenkästen, klare Brunnen. Doch eine freikirchliche Gemeinde hier sieht das anders. Laut ihnen muss Richterswil dringend gerettet werden.

Ein warmes Willkommen

In einer dieser ruhigen Gassen stehen gläserne Garagentore offen. Auf einer dezenten Fahne steht «SUKKOT Jesus Haus». Im Inneren der ausgebauten Garage befinden sich um die sieben Stuhlreihen und eine kleine Band. Dahinter wird ein Countdown an die Wand projiziert, der nur noch zwei Minuten hat. Ungefähr 25 Gemeindemitglieder aller Altersgruppen sind schon da und unterhalten sich lebhaft. Ich setze mich unauffällig in die letzte Reihe. Sofort erscheint eine ältere Dame neben mir und reicht mir ihre Hand. Sie fragt nach meinem Namen und erwidert sofort: «Ah, aus Deutschland wie ich höre?». Sie winkt schnell ein junges Pärchen zu sich. «Die sind auch aus Deutschland» Etwas verklemmt schütteln wir uns die Hände. «Willst du dich nicht zu uns setzen?» Ein weiteres Gemeindemitglied schüttelt mir die Hand. Ich bin etwas überrollt und immer neue Menschen reichen sich meine Hand weiter umher bis plötzlich die Band zu spielen beginnt. Der Countdown ist abgelaufen. Zügig werden die Garagentore geschlossen und alle begeben sich auf ihre Plätze.

Wie in vielen Freikirchen beginnt der Gottesdienst mit einer Worship Musik-Session mit mehrstimmigem Gesang. Obwohl die Bandmitglieder dafür eigentlich zu jung sind, erweckt die Musik einen vergessenen Instinkt von 2013: ein Lagerfeuer machen, Holzfällerhemd überwerfen, stampf, klatsch, «Hey!» Es bleibt heute jedoch nur beim Klatschen. Viele im Publikum wiegen sich zur Melodie hin und her, halten ihre Hände in die Höhe. Einige sinken auf die Knie. Die Lyrics wiederholen sich immer wieder, handeln von Jesus, seiner Liebe und seiner Schönheit. Währenddessen fällt auf, wie der Pastor im Raum umherläuft. Immer wieder stellt er sich direkt zwischen Publikum und der Band, also ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dann breitet er die Arme aus und scheint zu beten. Der Worship dauert ungefähr eine halbe Stunde. Dabei wird die Musik zweimal von einem Sprechgesang unterbrochen, der zum Missionieren aufruft. «Denkt an die da Draussen»

Treu in den kleinen Dingen

Nach einem kurzen Applaus geht die Band von der Bühne und setzt sich zum Rest der Gemeinde. Der Pastor Jorge Walters stellt sich einen Stehtisch, Hocker und Laptop für die Predigt nach vorn. Diese hält er auf Englisch, während seine Ehefrau danebensteht und simultan auf Deutsch übersetzt. Genauso haben sie es auch schon bei ihren Predigten für die pfingstliche Equippers Friedenskirche in Zürich gemacht. Equippers ist eine weltweite pfingstliche Bewegung, deren 2011 begründete Züricher Gruppe im Jahr 2013 mit der «BewegungPlus»-Gemeinde Friedenskirche Zürich fusionierte. Dieses Fusionsprodukt gründete 2021 eine Tochtergemeinde in Wädenswil mit dem Namen Equippers Wädenswil, die von Jorge Walters als Pastor betreut wurde. 2025 wurde diese Aussenstation mit der von Horgen zusammengeschlossen. Möglicherweise im Zusammenhang mit diesem Prozess gründete Jorge Walters das Sukkot Jesus Hourse Richterswil.

Er beginnt zu erklären «Als ich jung war, habe ich gelernt treu zu sein in den kleinen Dingen.» Er appelliert an die jungen Leute, sich den Glauben nicht für später aufzuheben. Denn sonst stünde man im Alter vor einer tiefen Leere. Weil wir allesamt ein Zeitkonto hätten, das Gott uns gab, müssten wir dankbar sein für die kleinen Dinge.

Danach springt er schnell durch verschiedene Themen: Gemeinde und Familie seien mit das Wichtigste im Leben. Ohne Gott würde etwas im Leben fehlen, denn «wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die Arbeiter umsonst» (Psalm 127, Vers 1). Im Gebet sollen wir alle stets unser Bestes geben. Wenn wir etwas in unserem Leben verändern, so würde auch Gott etwas in uns verändern, erklärt der Pastor weiter. Das sei sogar durch die Psychologie belegt, da eine Stelle im Gehirn bei neuen Erfahrungen «wachse».

«And it is the same in Spirituality»

«Und auch im Spirituellem ist dem so»

«Nein, das würde ich anders übersetzen», räumt Walters dann manchmal auf Deutsch ein. Seine Frau aber kann die Predigt nicht nur schnell und fehlerfrei übersetzen, sondern schafft es dabei auch noch, die Worte besinnlich zu betonen. So wirkt die Erzählung trotz der Doppelung bedeutungsschwer und weise. Das Ganze wird davon unterstrichen, dass immerzu wiederholt wird, «drum sei treu in den kleinen Dingen».

«Die da Draussen»

«Die da Draussen» würden dem Pastor angeblich seit zwei bis drei Wochen nicht aus dem Kopf gehen. seitdem er mit Leuten in Männedorf gebetet hatte. Dabei hätte er eine Erkenntnis gehabt. Die das Draussen leiden. Alle drei Minuten würde sich jemand das Leben nehmen. Doch wir seien es, die die Hoffnung bringen könnten, denn «wie lieblich sind die Füsse die das Evangelium verkünden» (Jesaja 52, 7). Deswegen sei er einfach auf seinen Nachbarn zugegangen, als dieser im Garten gearbeitet hat. Dabei scheint er in der Predigt den tatsächlichen Vornamen dieses Nachbarn zu verwenden. Ich werde ihn hier deshalb stattdessen als Boris bezeichnen. Der Pastor gibt zu, es sei schwer Leute auf das Christentum anzusprechen. Deswegen empfiehlt er, einfach direkt zu fragen: «Can I pray for you? Darf ich für dich beten?» Passend dazu wird auch offen in die Gemeinde gefragt, ob vielleicht jemand die Telefonnummer von Boris hätte.

Für andere zu beten, würde jedoch nicht immer funktionieren, holt der Pastor weiter aus. Früher hätte er mit seinem damaligen Ministry in Chile mit vielen Kriminellen zusammengearbeitet. Einer davon wäre todkrank gewesen und wollte sich beim Beten weder an der Schulter berühren lassen noch Jesus sein Leben geben. Das man «denen da Draussen» trotzdem helfen müsse, begründet er mit Mattäus 4, 13-17, also wo Jesus begann in Galiläa zu wirken, nachdem ihn der Teufel in der Wüste vor Versuchungen gestellt hat. «Falls ihr mit nach Israel kommt, zeige ich euch, wo Jesus da war.» Da die Menschen in Galiläa Heiden waren, ging Jesus damals auch in die Finsternis. Durch ihn sahen sie ein grosses Licht. Und genau das würde auch passieren, wenn wir missionieren. «When I prayed for Boris, he saw a light»

Danach spricht er eine in Freikirchen weit verbreitete Frage an: «Dürfen wir Leuten sagen, dass sie Sünder sind?» Er rät davon ab, es sei denn der Heilige Geist fordere einen dazu auf. Die meisten Menschen würden von allein merken, dass sie gesündigt haben. Als Pastor würde er selbst niemanden dazu drängen.

Rettet Richterswil!

Nun steigen ruhige Klaviernoten im Hintergrund auf. Der Pastor meint, «I love theology», doch nun müsste er uns noch von einer persönlichen Erfahrung erzählen. In den Neunzigerjahren sei er zum ersten Mal durch den Heiligen Geist auf die Knie gefallen. Er fühlte unbeschreibliche Freude und Freiheit. Ein betrunkener Mann kam neben ihn, um zu beten. Und da habe er den tiefen Schmerz der «Verlorenen» gespürt, den Schmerz von «den da Draussen». Er beginnt zu beten, dass alle in dieser Gemeinde diesen Schmerz auch Spüren lernen und das Licht verbreiten:

«Lord, save my city. Herr, rette meine Stadt.

Save Richterswil. Rette Richterswil.

Save Horgen. Rette Horgen.

Save Männedorf. Rette Männedorf.

Save Zürich. Rette Zürich.

Save Switzerland. Rette die Schweiz.

Save Germany. Rette Deutschland.

Save France. Rette Frankreich.

Save Italy. Rette Italien.

Save Austria. Rette Österreich

Denn Herr du bist keine Religion, du bist Gott.»

Das Gebet wird mit brüchiger Stimme gesprochen, als seien sie den Tränen nahe. Sie laden alle die kommen können nächste Woche zum Beten bei sich zuhause in Rapperswil ein. «Äh… achso und jetzt noch Kollekte». Ein Körbchen mit Twint-Code geht rum. «Bleibt gerne noch zum Lunch, wir haben Sandwiches.» Bevor sich der Gottesdienst richtig abgeschlossen anfühlt, beginnen die ersten schon ihre Stühle an die Wand zu ziehen. Schnell werden Tische aufgebaut und Gespräche begonnen. Eine alte Dame tritt zu mir und erklärt, Pastor, Übersetzerin, Bandmitglieder und einzelne Leute im Publikum seien alle Teil einer Familie. Mir wird noch angeboten mitzuessen.

Fazit

Ich gehe zurück in Richtung Bahnhof und Zürichsee durch die malerischen Gassen. Auch wenn die Menschen in der Gemeinde sehr freundlich waren, wurde der Eindruck einer Notlage vermittelt. Wäre diese Predigt das Erste, was eine Person jemals über Richterswil hört, würde sie sich das hier ganz anders vorstellen. Der familiäre Umgang der Gemeinde steht im Kontrast mit der enormen Dringlichkeit, mit der «die da Draussen» angeblich so schnell wie möglich erreicht werden müssen. Als ich den Bahnhof am See ankomme, sehen alle, die sich dort sonnen, die hier Draussen sind, wenig verloren aus.

von Marla Engelschalk