Ende März, einige Monate nach der Publikation eines Artikels über einen Besuch des City Church Netzwerks in Zürich im Dezember, wurde die Gemeinde aufgelöst – oder, wie Hansjörg Stadelmann, deren Prediger, es beschreibt: «zurück in die Hände Gottes» gelegt. Begründet wird dies in einer Predigt, die auf YouTube zu finden ist.
Hurra, die Welt geht unter!
Ohne weiteren Kontext beginnt Hansjörg im Video mit alarmierenden Aussagen: Das Weltreich werde untergehen, aber das Reich Gottes käme – gleichzeitig – und deswegen sei es jetzt besonders wichtig, «hellwach zu sein». Die Anwesenden sollen 1-2 Monatsgelder in Bargeld abheben, ausserdem Silber aufkaufen (der Preis sei gerade tief, und damit man dem Nachbarn helfen könne) und an Teigwaren aufstocken, wenn die gerade in Aktion seien.
Ein Jünger ist (wie) ein Terrorist
Schnell wechselt er zur Frage der Funktion einer Kirche, und deklariert, deren «DNA» habe nichts zu tun «mit der DNA des Reiches Gottes». Ein Jünger sei viel eher zu vergleichen mit einem Terrornetzwerk, in dem irgendwo die Schläfer, alle mit der gleichen DNA, die alle trainiert seien, und irgendwo unterwegs; dann erhielten sie einen Befehl und würden aktiv – das sei «die Kraft des Evangeliums». Kirchen selbst würden – das sei aus der Kirchengeschichte ersichtlich – immer wieder von Gott erneuert.
Wenn Orban sich taufen lässt, und andere Formen der Multiplikation
Statt also «Gottesdienstbesuchende» will Hansjörg «Jünger». Dafür erklärt er, dass alle Menschen über ein paar Ecken alle Menschen kennen würden, und macht das spannende Beispiel eines Bekannten von ihm, der bei der Weltwoche gearbeitet habe, hin zu Roger Köppel, der beispielsweise – so sagt Hansjörg – mit Victor Orban in Kontakt stehen dürfte. Wenn nun also Köppel für das Evangelium brenne, könne das dazu führen, dass Orban sich taufen liesse, und wiederum bei (Ursula) Von der Leyen «die Tür einschlagen … und das Evangelium bringen» würde. Auch arabische Königshäuser kannten sie «über eine andere Linie», erklärte Hansjörg. Im Rahmen dieser Ausführung bringt Hansjörg den Begriff «disciple maker movement», den er als «theologisch» bezeichnet (wobei der Begriff eher radikal-pfingstlich einzuordnen ist), was eine alternative Bezeichnung für Hansjörgs «Jüngerschafts-DNA» wäre. Als Vorzeigebeispiel nennt er Florian Bärtsch, ein neocharismatischer Gemeindegründer, der stark für einige seiner Lehren kritisiert wird – insbesondere ein intensives Mentoring mit straffer Führung, das stark an den Eindruck erinnert, den die City Church letztes Jahr bei einem Besuch hinterlassen hat. Er betont weiter, dass es reiche, «in einige wenige» zu investieren, eine Methode, die er, die Gemeindemitglieder, und die weitere radikal-charismatische Szene als «Multiplikation» kennen.
Die grösste Sympathie gilt … Muslimen
Auch vor dem Islam macht Hansjörg keinen Halt. So erklärt er: «Wenn ich an die Muslime denke und so… und ich möchte jetzt keine politischen Kommentare machen, ich mache das jetzt extra nicht, aber ich muss sagen, meine Sympathie ist mit den Muslimen». Es ist schwierig vorstellbar, dass eine solche Aussage nicht mit politisch wertbaren Kommentaren einhergeht, und so ist es auch. «Der Muslim ist nichts anderes als ein Produkt von Ablehnung», erklärt Hansjörg. Wer sich mit der Biografie von Mohammed beschäftige, wisse, er sei zu den Juden und zu den Christen gegangen, und habe am Schluss «sein eigenes Ding» gemacht. Dies ist eine sehr selektive Lesart der Begegnung von Mohammed mit anderen abrahamitischen Religionen, welche um einiges vielschichtiger und komplexer war. Hansjörg geht es aber nicht darum, den Islam in irgendeiner Weise darzustellen, sondern viel eher darum, wie «der Moslem» Amerika und Europa wahrnimmt: Wir sollen auf die Knie fallen, und Busse tun, und Gott darum bitten, dass er uns «nicht falsche Werte» in «diese Kulturen hineinbringt», sondern «tatsächlich eine Jesus-Kultur». Ob er mit «diesen Kulturen» die verschiedenen westlichen sowie europäischen Kulturen meint, oder eher Kulturen, die näher mit dem Islam in Verbindung stehen, ist nicht ganz ersichtlich.
Wie es wahrlich weiterging
Ende August erschien ein weiteres Video, das Hansjörg bei einer Predigt zeigt. Dort spricht er über klassisch-pfingstliche Themen: Wer krank sei, soll sich bei seinem Haus, dessen Leiter, oder «der Gemeindeleitung» melden. Inwiefern eine Gemeindeleitung bei der aufgelösten Gemeinde noch existiert, ist nicht ganz klar; es ist davon auszugehen, dass Hansjörg die Leitenden des Netzwerkes – sich selbst inklusive – so nennt. Inhaltlich bleibt er bei den üblichen – hohen – Erwartungen: Ein Jünger sei gehorsam, er gehe «über» das hinaus, was erlaubt oder nicht erlaubt sei; das heisst, er beschäftige sich nicht damit, was genau erlaubt sei und was nicht, sondern sage: «Ah, so ist das. Dann mach ich gleich noch mehr». Es gelte, Zeugnisse abzulegen, und «mit dem Feuer von Jesus» zu rennen. Sie dürften also in der Intensität gleich unterwegs sein wie bis anhin, nur die Gemeinde «City Church (Netzwerk)» wurde als Institution aufgelöst.
Fazit
Klar ist: Die Gemeinde als solche ist aufgelöst, aber Hansjörg dürfte mindestens durch seine «Bejüngerten» und möglicherweise nicht öffentlich angekündigte Netzwerktreffen weiterhin Einfluss haben. Gerade weil die «Jüngerhäuser» in ihren WGs weiterhin zusammenleben dürften, kann davon ausgegangen werden, dass fortlaufend Formen von Einfluss bis hin zu Kontrolle besteht. Inwiefern Hansjörg sich weiter radikalisiert, wird die Zukunft zeigen.
Angela Heldstab, 10.09.2026
Lexikoneintrag City Church Netzwerk