Monatskalender mit deutlicher Agenda
Es ist ein sonniger, aber frischer Sonntagmorgen, die Strassen Kleinbasels sind noch weitestgehend verlassen. Die Kapelle St. Theresia vom Kinde Jesu ist ein unscheinbares Gebäude mit einem kurzen, dunkelgrauen Kirchtürmchen, das 1983 erbaut wurde. Rechts neben der Eingangstür hängt ein Anschlagbrett, auf dem die Kapelle der Priesterbruderschaft St. Pius X. vorgestellt wird: «Wir sind eine römisch-katholische Kapelle in Basel-Klybeck. Sie finden hier den traditionellen katholischen Glauben sowie eine aktive Glaubensgemeinschaft. Die Sakramente werden im traditionellen Ritus der katholischen Kirche gespendet.»
Auch das aktuelle Monatsblatt kann studiert werden: Heute ist der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag und um 9:30 Uhr beginnt das gesungene Hochamt. Neben dem Monatskalender umfasst das Blatt auch eine Seite mit Werbung: «Einladung zur Wallfahrt nach Meltingen», «Vortrag für Alle: ‘Das Leben von Prälat Robert Mäder’», «Ja zum Kind – öffentliches Gebet für Kinder im Mutterschoss und ihre Eltern – Lass dein Kind leben. Abtreibung tötet.» und «Herzliche Einladung zur Jahresversammlung» vom «Verein Mamma – Damit das Leben am Leben bleibt». Im Eingangsbereich der Kapelle ist ein kleiner Shop eingerichtet, in dem verschiedene Bücher, Kerzen, Rosenkränze aber auch DVDs und Postkarten gegen eine Spende gekauft werden können. Die ausgelegten Broschüren und Flyer vertiefen die am Anschlagsbrett genannten Themen und zeichnen ein klares Bild der vertretenen politischen und gesellschaftlichen Gesinnung. Eine Broschüre mit dem Titel «Was ist Wahrheit» behauptet, dass es eine «Schlacht der Ideologien und Gesellschaftssysteme um die Oberhoheit der Begriffe» gibt. Das Denken des «modernen Menschen» werde durch die «Massenmedien» unter dem Kodex «political correctness» «manipuliert». Zur Veranschaulichung ist eine Tabelle mit Beispielen abgedruckt: Von der «liberalen Gesellschaft» verwendete Begriffe wie, «Schwangerschaftsabbruch», «sexuelle Selbstbestimmung», «Zellhaufen», «freie Geschlechtswahl» und «Hilfe zu gutem Sterben» werden als «Begriffsmanipulationen» der Begriffe «Ungeborenenmord», «widernatürliche Sexualität», «Mensch im Frühstadium», «naturgegebenes Geschlecht» und «Tötung alter Menschen» gegenübergestellt. Auch kirchliche Begriffe seien von «Manipulation» betroffen. Begriffe des «christlichen Staates», wie «gottgestiftete Kirche», «Ehebrecher», «falsche Religion», «biblische Lehre der Hölle», «hierarchische Ordnung» und «Wunder» würden nun als «menschlicher Verein», «geschiedener Wiederverheirateter», «anderer Weg zu Gott», «mittelalterliche Drohbotschaft», «demokratische Mitbestimmung» und «erzählende Ausschmückung» bezeichnet werden.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. positioniert sich damit klar gegen körperliche und sexuelle Selbstbestimmung und betont die Hierarchie und das Monopol der monotheistischen, katholischen Kirche. Jegliche anderen Formen von Religion werden dabei als «falsch» abgestempelt. Dies wird in einer weiteren aufliegenden Broschüre besonders deutlich. Ostentativ wird darin die Frage aufgeworfen, ob es eine wahre Religion gibt. Auf knapp 40 Seiten wird Jesus Christus mit anderen Religionsgründern und ihren Lehrern verglichen, um die Einzigartigkeit – und Wahrheit – von Jesus Christus und seiner Lehre aufzuzeigen. Auch wenn im Vorwort steht, dass am Ende «Sie selbst entscheiden» sollen, wird ein Absolutheitsanspruch deutlich. Damit zeigt sich eine Position, die sich von derjenigen der römisch-katholischen Kirche unterscheidet, denn insbesondere seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verfolgt diese einen auf Dialog ausgerichteten Zugang zu anderen Religionen. In der Erklärung «Nostra aetate» von 1965 wird festgehalten, dass die katholische Kirche nichts von alledem ablehnt «was in diesen [genannt werden explizit Hinduismus und Buddhismus] Religionen wahr und heilig ist».
Die brisanten Bischöfe
Vom Shop im Eingangsbereich führen einige Stufen hinauf in den Kirchenraum. Neben der Treppe hängt ein unscheinbares Foto der letzten, vieldiskutierten Bischofsweihe. Die in üppige, zeremonielle Kleidern gehüllten, frisch geweihten Bischöfe stehen aufgereiht da und blicken die Besuchenden aus der ungerahmten, ca. A4 grossen Fotografie beim Erklimmen der Treppenstufen an. Die vier Bischöfe wurden von der Piusbruderschaft St. Pius X. in Écône im Juli dieses Jahres geweiht, obwohl Papst Leo XIV. dies untersagt hatte. Dieser Verstoss gegen das kanonische Recht führte dazu, dass die Geistlichen der Bruderschaft aus der katholischen Kirche exkommuniziert wurden, wie dies im Vorfeld von Papst Leo XIV angekündigt wurde. Mit dieser Exkommunizierung sind die von der Piusbruderschaft erteilten Sakramente nicht mehr anerkannt, auch die Abnahme der Beichte und die Trauung von Paaren ist so aus kirchenrechtlicher Sicht nicht mehr gültig.
Wir setzen uns in eine der hinteren Reihen, gleich vor der Orgel. Die Decke der Kapelle ist niedrig und der Raum ist nur zurückhalten beleuchtet, auch durch die Buntglasfenster, die mit verschiedenen Heiligenfiguren und Kirchenvätern geschmückt sind, dringt nur wenig Licht. Auf dem Altar säumen Kerzen und symmetrisch angerichtete Blumen ein goldenes Kreuz. Links neben dem Altar steht eine Jesus Figur mit ausgebreiteten Armen, rechts eine Maria mit Kind.
Die Kirchenbänke füllen sich langsam mit einem eher älteren Publikum. Vereinzelt sind auch junge Erwachsene anwesend und eine Familie mit kleinen Kindern setzt sich in unsere Nähe. Die Anwesenden sind sonntäglich gekleidet, alle Frauen tragen Röcke und einige bedecken ihr Haupt entweder mit eleganten Hüten oder Spitzenschleiern. Obwohl auch wir Röcke tragen, fühle ich mich mit meinem «Kapuzen Jäckli» etwas «underdressed». Als die Messe beginnt, sind ungefähr 50 Besuchende anwesend.
Ministranten und das lateinische «homo»
Die Gemeinde singt ein Eingangslied während der Priester und drei männliche Ministranten nach vorne treten. Die Piusbruderschaft lehnt die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils und die folgenden kirchenrechtlichen Änderungen ab und bezieht sich auf den Stand der Liturgie von 1962. Die Modernisierung unter Papst Johannes Paul II. im Jahr 1992 auch Ministrantinnen zuzulassen, wird von der Bruderschaft also nicht anerkannt.
Der Priester beginnt mit dem Asperges und spritzt dazu Weihwasser in die Reihen. Es folgt eine traditionelle katholische Messe auf Latein, wobei der Priester nicht zu uns, sondern zum Altar gerichtet spricht. Die Gemeinde macht die Abläufe routiniert mit und scheint genau zu wissen, wann gekniet, gesprochen oder gestanden werden soll. Bei einigen Liedern sammeln sich vereinzelte Frauen neben der Orgel und leiten den Saal im Gesang, sie gehören wohl zum Chor. Da ich kein Latein verstehe, lasse ich meine Aufmerksamkeit durch den Raum schweifen und zähle mehr als zwanzig Kreuze. Die von Gesang gepägte Messe wird dabei auch wiederholt von Phasen der Stille unterbrochen, in denen die Anwesenden still knieend beten. Die Ministranten assistieren dem Priester pflichtbewusst, reichen ihm Gegenstände und halten sein Gewand aus dem Weg.
Nach einiger Zeit treten sie zur Seite und der Priester positioniert sich hinter das Katheder. Wenig überraschend spricht er uns mit dem generischen Maskulinum «liebe Mitchristen» an, wobei die Predigt eher kurz und nüchtern ausfällt. Er beginnt mit der Mitteilung der Woche, die vor allem Ankündigungen der kommenden Veranstaltungen umfasst. Aufgrund des heutigen Feiertages finde zurzeit das Bet- und Busswochenende in Flüeli statt, wo sich heute viele Mitglieder der Bruderschaft versammeln. Er erzählt dies, als wäre es eine Erklärung für die eher geringe Zahl der Anwesenden und ich frage mich, ob der Altersdurchschnitt beim wöchentlichen Gottesdienst wohl üblicherweise tiefer ist als heute. Auch zur bereits auf dem Brett vor dem Eingang erwähnten Wallfahrt in Meltingen werden wir alle eingeladen. Unaufgeregt erklärt er, dass auch er sich einen «Ruck» geben müsse, um dabei zu sein, doch sei die Wallfahrt eine gute Möglichkeit Busse zu tun. Er zitiert das Glaubensbekenntnis und nach dem Satz «homo factus est» stellt er klar, dass hier das lateinische «homo», als «Mensch» gemeint sei. Dies habe nichts mit der griechischen Übersetzung «gleich» als Gegenstück zu «hetero» zu tun. Wie tiefgreifend diese Begriffserklärung gemeint ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, trotzdem erinnert sie stark an die aufgelegten Broschüren mit den vehementen Ausführungen zum Thema Sexualität.
Kommunion und Nationalhymne
Der Priester schliesst die Predigt mit einer vagen Antwort auf die Frage, warum Gott Unheil zulässt. Darauf gäbe es viele Antworten, doch letztendlich bleibe es immer ein Geheimnis. Als Rat gibt er uns auf den Weg demütig zu bleiben und anzuerkennen, dass wir nicht alles verstehen können. Auch wenn wir uns in einer schwierigen Situation befänden, sollen wir mit dem Positiven anfangen und alles andere komme von allein. Wir seien eine Gemeinde, eine Familie Gottes.
Nach erneutem gemeinsamem Singen und Beten folgt die Kommunion. Hostie und Kelch werden zum Altar erhoben, während die Ministranten mit kleinen Glocken läuten und der Raum sich mit dem Duft des Weihrauchs füllt. Die Gottesdienstteilnehmenden erheben sich von den Bänken, um in einer Reihe kniend die Hostie vom Priester entgegenzunehmen. Dabei legt er die Hostie nicht wie in anderen katholischen Gottesdiensten üblich in die Hand, sondern direkt in den Mund.
Beendet wird die Messe durch das gemeinsame Singen der Schweizer Nationalhymne und der Priester verlässt mit den Ministranten den Raum.
Gratis zum Mitnehmen
Der Saal leert sich langsam und auch wir begeben uns erneut in den Eingangsbereich der Kapelle, wo wir in den zum Kauf angebotenen Büchern stöbern. Postkarten mit kleinen Babyhänden und den Slogans «Schütze das menschliche Leben» und «Bei der Befruchtung steht fest, welche Haarfarbe, Augenfarbe, welches Geschlecht und welchen Fingerabdruck das Kind hat. Ob es Links- oder Rechtshändler ist.» liegen kostenlos auf. Wir entscheiden, dass wir für heute genug gesehen haben und treten in die Sonne heraus. Eine ältere Dame verwickelt uns in ein kurzes Gespräch – es sei schön, dass wir heute auch da gewesen sind.
Der Besuch bei der Priesterbruderschaft St. Pius X. zeigt eindrücklich, wie sich die konservativen Werteverständnisse konkret im Gemeindeleben gestalten. Nicht nur die lateinische Messe, sondern insbesondere auch die ausgelegten Broschüren, die Bücher und Filme, die vor Ort gekauft werden können und das Angebot an Veranstaltungen verdeutlichen die konservative Haltung zu Kirche, Gesellschaft und Fragen von Geschlecht und Familie. Was innerhalb der Priesterbruderschaft als Bewahrung von Tradition und Ausübung des wahren (katholischen) Glaubens verstanden wird, macht deutlich, dass es nur wenig Raum für abweichende Lebensentwürfe vorhanden ist.
Alice Seiler & Lou Büchler, 5. Oktober 2026