Thich Nhat Hanh

Thich Nhat Hanh ist zweifellos eine der spirituell bedeutendsten Gestalten der buddhistischen Gegenwart. 1926 in Vietnam geboren, wurde er mit 16 Jahren Mönch in einem Rinzai-Kloster in Zentralvietnam, verzichtete später auf die Würde des Abtes und ging nach Saigon, um dort als Friedensaktivist dem sog. dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu dienen. Er gründete in den frühen 60er Jahren die School of Yooth for Social Service, die lehrt, aus der Meditation die Kraft für das soziale Engagement zu schöpfen, und den buddhistischen Orden des «Einsseins» (Tiep-Hien, heute: Intersein-Sangha). Dieser ruft in der ersten seiner 14 Regeln dazu auf, keine religiöse Lehre oder Wahrheit zu vergötzen, auch die buddhistische nicht, und in der 4. Regel verlangt er, «keine Begegnung mit dem Leiden «zu vermeiden: «Verschliesse deine Augen nicht vor dem Leid.» Die proamerikanische Regierung in Saigon betrachtete ihn zunehmend als verkappten Kommunisten. So stand bald sein Leben und das Leben seiner Schüler in Gefahr.

Mitten hineingeworfen in den vielleicht blutigsten Konflikt seit dem 2. Weltkrieg, lehrte er unbeirrt den Weg des gewaltlosen Dienstes und einen Buddhismus, der keine Feinde und keine politische Zielsetzung kennt. Die erschütternde Erfahrung, dass einzelne seiner Schüler in ihrem Dienst ermordet wurden oder sich aus Protest gegen die unhaltbaren Zustände selber verbrannten, liessen ihn zu jenem Dichter werden, der seither mit phänomenaler Klarsicht das Wissen um die im Moment einzig sichtbare scheinbare Abgründigkeit des menschlichen Wesens verbindet mit dem Wissen um den Buddha in jedem Menschen. Je blutiger die Konlikte wurden, desto mehr engagierte er sich für Harmonie in allen Lebensbereichen, für Ökologie, für das Verständnis unter allen Religionen Vietnams, für das kulturelle buddhistische Erbe Vietnams und für die 1964 gegründete Vereinigte Buddhistische Kirche Vietnams.

Trotz seines Engagements sieht er das Ziel der Vereinigten Buddhistischen Kirche nicht politisch, aber als Auftrag, überall Hass in Verständnis zu verwandeln. Gleichzeitig plädierte er vehement für die Freiheit der buddhistischen Religionsausübung in allen Teilen Vietnams und für die Rückgabe der vom Staat konfiszierten buddhistischen Einrichtungen sowie für das Recht aller Mönche und Nonnen, ins Ausland reisen, internationale Kontakte pflegen und wieder in die Heimat zurückkehren zu dürfen. Gerade dieses letzte Recht konnte er selbst nach 1966 nicht mehr einfordern. Während einer Reise durch die USA und andere Länder musste er angesichts der Morde in Vietnam erkennen, dass auch sein Leben bedroht war.

Nach der kommunistischen Machtübernahme in Saigon änderte sich für ihn die Situation kaum. War er vorher als Kommunist verschrien, so jetzt als Antikommunist, weil er sich immer geweigert hatte, für die kommunistische Seite einseitig Partei zu ergreifen. Unfähig, im Moment noch etwas für den Frieden in seiner Heimat und den Wiederaufbau zu leisten, zog er sich in seine Klause, in das von ihm so genannte Plum Village bei Bergerac, Frankreich, zurück. Aber die Wirkung seiner vielen Bücher und seine persönliche Ausstrahlung – er ist der sanfte Meister par excellence – führten und führen immer mehr Schülerinnen und Schüler zu ihm. Plum Village wuchs, in doppelter Ausführung: ein «Dorf» für Frauen und Ehepaare, ein «Dorf» für Männer entstand. Nicht nur die Zahl der Besucher nimmt stetig zu, auch der Orden Einssein (Intersein Sangha) zählt immer mehr Nonnen und Mönche. Fragt man sich, was denn an Thich Nhat Hanh und seinen Institutionen derart viele Zeitgenossen fasziniert, so ist zuerst auf die überzeugende Verbindung von Spiritualität und sozialem und politischem Engagement hinzuweisen.

Thich Nhat Hanh ist eine Art Martin Luther King des zeitgenössischen Buddhismus – mit Martin Luther King war er übrigens seinerzeit als Friedensaktivist auch bestens bekannt. Im weiteren ist es sicher auch seine poetische Kraft, die ein breites Publikum zu ihm führt. Zuletzt aber, und dieser Grund mag für viele der entscheidende sein, lehrt Thich Nhat Hanh alles andere als ein rigoroses Zen. Die spirituelle Hauptaufgabe im Plum Village ist die Achtsamkeit bei allen Tätigkeiten, eine Übung, die z.B. damit beginnt, dass alle Bewohner bei irgendeinem Läuten (Telefon, Kirchenglocken usw.) sofort ihre Tätigkeit unterbrechen und für Sekunden auf ihren Atem achten.

Im Plum Village ist Buddhismus alles andere als eine asketische, weltferne Erleuchtungssuche. Thich Nhat Hanh vergleicht seine Reden mit einem Regen, der auf die Erde niederrieselt, in den Boden sickert und dort die Wurzeln der Bäume erquickt. In seiner sanften Art will er das Wurzelbewusstsein beleben, die tieferen Schichten des menschlichen Geistes berühren und den Buddha wecken, der in jedem Menschen ruht. Diesen Dharma-Regen sollen die Zuhörenden einfach gedankenlos-aufmerksam in sich aufnehmen: «Denkt nicht zuviel; diskutiert und vergleicht nicht. Mit den Gedanken zu spielen ist, als versuchte man, Regen in Eimern aufzufangen. Erlaubt einfach eurem Bewusst- sein, den Regen zu empfangen und aufzunehmen.» (in: «Aus der Tiefe des Verstehens die Liebe berühren, 1996, S.11). Die sanfte Belehrung des Thich Nhat Hanh – Kritiker sprechen von einem Softice-Buddhismus – darf in ihrer suggestiven Kraft nicht unter- schätzt werden. Sie kann vor allem jene Menschen faszinieren, die die sanfte Erleuchtung und die lächelnde Einsicht suchen und Harmonie für das wichtigste Merkmal religiöser Wahrheit halten. Ob sich aber dieses gedankenlose Hinhören in die erste Regel der Intersein-Sangha fügt, die – wenn wir sie richtig lesen – zu einer kritischen Distanz gegenüber allen Lehren aufruft? Ob der älter werdende Thich Nhat Hanh vielleicht die erste seiner 14 Regeln langsam vergisst? Sein Orden soll und darf keine Lehre verabsolutieren – gilt dieses Verbot aber auch noch im Blick auf den Lehrer? Oder sonnt sich der Meister nicht immer offenkundiger in seiner nie zu hinterfragenden Überlegenheit? Kann eine Bewegung, die nicht die Persönlichkeit des Einzelnen, sondern das «Intersein» aufbaut, überhaupt noch kritische Wahrnehmung erwarten? «Wir sprechen über das Dharma in der letztendlichen Dimension, schauen einander an und lächeln. Du bist ich, siehst du das nicht? Sprechen und Zuhören sind eins.» (a.a.O.S.135) Gerade wo Ich und Du eins sind, entfällt wegen Auflösung des Personseins jede Möglichkeit zur Kritik und jeder Sinn für den unverwechselbar eigenen Weg.

In der Schweiz gibt es diverse Gemeinschaften die sich ab und an mit Thich Nhat Hanh und seinen Lehren beschäftigen. Ein offizielles Kloster gibt es jedoch im deutschsprachigen Raum nur in Deutschland.

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