Neuheidentum

Der Begriff Neuheidentum bezeichnet Gemeinschaften und Strömungen, welche vorchristliche Religionen, z.B. keltische oder germanische Traditionen, im modernen Umfeld wiederbeleben wollen. Der Terminus Neopaganismus wird heute im selben Sinn als Wechselbegriff für Neuheidentum verwendet.

Als Selbstbezeichnung bevorzugen neuheidnische Strömungen meist die Begriffe „Heidentum“, „Paganismus“, „alte Religion“ oder „Naturreligion“. Vertretende des Neuheidentums sind sich heute aber meist dessen bewusst, dass ihr Lehre und Praxis die (rekonstruierte) „alte Religion“ nicht einfach fortsetzt, sondern diese vielfach modernen Bedürfnissen anpasst und damit umformt, sodass der Wortteil „neu“ resp. „neo“ in seiner Legitimation nicht immer bestritten wird.

Der Versuch der Wiederbelebung vorchristlicher Religionen findet sich seit dem 19. Jahrhundert.

Für die Entwicklung des Neuheidentums entscheidend wurde die neopagane Strömung im England des 19. Jahrhunderts um Margaret Alice Murray (1863-1963) und Charles Leland (1824-1903), welche die Rekonstruktion einer vorchristlichen Göttinnen-Religion unternahmen.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert finden sich auf den britischen Inseln und in Frankreich Projekte der Rekonstruktion keltischer Religion, die insbesondere der Figur des Druiden als Eingeweihtem verpflichtet ist.

Aus Elementen des Göttinnen- und des Keltenrevivals entwickelte Gerald B. Gardner (1884-1964) im 20. Jahrhundert die Wicca-Bewegung, welche mit ihrem Dyotheismus von Göttin und Gott die Urreligion Europas und Mutter der europäischen polytheistischen Religionen sein wollte. Auch wenn dieser Anspruch in seiner vorgeschichtlichen Dimension unhaltbar ist, so hat er sich doch in der Entwicklung des Neuheidentums realisiert: die Wicca-Bewegung, ihr Gottesbild, ihre Rituale und  – vor allem – ihre Jahresfeste sind für die unterschiedlichen neuheidnischen Gruppen der Gegenwart vorbildlich geworden, so dass die Wicca-Bewegung als Mutter des Neuheidentums angesprochen werden kann.

Parallel zu den englischen Göttinnen- und Keltenbewegungen entwickelte sich in Deutschland eine neugermanische Szene, die mehr oder minder völkischen Idealen zuneigte, den Nationalsozialismus in manchem vorbereitete, dann von diesem aber weitgehend verboten wurde. Nach dem zweiten Weltkrieg wandte sich ein Grossteil der neugermanischen Szene den nordischen Formen der germanischen Götter zu.

In den letzten Jahrzehnten wurden vermehrt neuheidnische Gemeinschaften gegründet, welche sich nicht auf eine der neuheidnischen Traditionen Wicca, Kelten oder Germanen festlegen sondern einen eklektisches, synkretistisches Neuheidentum pflegen und sich meist mit dem Terminus „Paganismus“, „pagan“ bezeichnen. Historische Korrektheit wird für den so gelebten Glauben meist nicht behauptet, vielmehr werden Elemente historischer Religionen bewusst recht frei als Inspiration für neue spirituelle Formen genutzt.

Gemeinsam ist neuheidnischen Gemeinschaften die Bezugnahme auf traditionelle europäische Religionen und deren Gottheiten. Im Verständnis der Gottheiten bestehen erhebliche Unterschiede, die von einer theistisch-rituellen bis zu einer symbolisch-psychologischen Auffassung reichen.

Weite Verbreitung findet der neuheidnische Geschichtsmythos, der davon ausgeht, dass Volksbräuche in der Regel auf vorschristliche Religionen zurückgehen. Aus dieser Prämisse werden Gottheiten rekonstruiert, welche historisch nicht belegt sind, z.B. die unter Neuheiden beliebte Frühlingsgöttin Ostara.

Neuheidentum als Versuch, vorchristliche Religion zu rekonstruieren, wird von der Fachwelt kritisch gesehen. Die Annahme, in Volksbräuchen vorchristliche Traditionen wiederzufinden, lässt sich für kaum einen konkreten Brauch belegen, meist weist die Quellenlage auf weit jüngere Ursprünge hin.

Das Projekt der Wiederbelebung der Religion der eigenen Vorfahren ist immer in Gefahr, in ethnopluralistische oder gar völkische Denkformen abzugleiten. Manche neuheidnische Gruppen wollen dieser Bedrohung wehren, indem sie Lehren und Praktiken anderer Traditionen in ihr Repertoire aufnehmen, was zu einer Angleichung an esoterisch-synkretistische Settings führen kann.

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