Rodismus
anderer Name: Rodnover
Rodismus ist eine neopagane Religion, welche die vorchristliche Religion der slawischen Völker, insbesondere der Russen, wieder aufleben lassen möchte. «Rod» ist eine vorchristliche süd- und ostslawische Gottheit, die in mittelalterlichen christlichen Chroniken erwähnt wird und nach einem Beichtspiegel aus dem 16. Jahrhundert damals in Russland immer noch verehrt wurde.
Rod gilt als Gott der Familie, der Vorfahren und des Schicksals und war möglicherweise eine Zeitlang höchster Gott des russischen Pantheons, bevor er von Perun und Svarog abgelöst wurde.
Der Name Rodnover ist eine Eindeutschung der russischen Selbstbezeichnung родноверие (rodnoverie). Er wird von Mitgliedern der Bewegung im generischen Maskulinum verwendet.
Von der vorchristlichen Religion der slawischen Völker sind schriftlich nur Aussagen in christlichen Chroniken des Mittelalters überliefert, die vor allem Namen von Gottheiten liefern, welche zum Teil aber in ihrer Authentizität fraglich sind.
Wegen dieses Fehlens ausführlicherer schriftlicher Quellen bezieht sich der Rodismus intensiv auf Volksüberlieferung und Brauchtum, auch wenn dieses historisch gesehen meist eher christlich oder postchristlich ist.
Der synkretistische Rodismus macht darüber hinaus von Quellen anderer polytheistischer Religionen Gebrauch, meist mit der Behauptung, dass diese Kulturen historisch auf dem Rodismus beruhen würden. So wird die nordische Edda ins Rodische «übersetzt», und die vedische Kultur Indiens wird als angeblicher Abkömmling des Rodismus für eigene Zwecke benutzt, was so weit geht, dass hinduistische Götter «rodinisiert» werden, so erscheint Vishnu im Rodismus als Vyshen, und Indra als Intra.
Die puristische Richtung des Rodismus lehnt diese Übernahmen aus anderen Kulturen strikte ab.
Erste Versuche, eine vorchristlich-slawische Religion wiederzubeleben, gab es im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert. In Polen und der Ukraine bildeten sich ab 1930 Gemeinschaften, die ihre Form der urslawischen Religion lebten.
Massive Verbreitung fand der Rodismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion seit Mitte der 1990er Jahre.
In der Schweiz wird der Rodismus seit ca. 1990 von Menschen mit russischen Wurzeln praktiziert, wobei vor allem die Jahresfeste und die Betonung traditioneller Werte eine grosse Rolle spielen.
Für den März 2024 kündigt Urig Stadt Luzern einen Vortrag an, mit einer Vordenkerin des Rodismus im deutschen Sprachraum, welche die problematischen rassistischen Ideen des Rodismus mit vertritt.
Als Versuch einer Rekonstruktion der vorchristlichen Religionen der slawischen Völker bezieht sich der Rodismus auf eine Vielzahl von Göttern, die zum Teil christlichen Chroniken des Mittelalters entstammen, z.T. der Toponomastik, der Ortsnamen-Kunde, zum Teil slawischen Erzählungen und Märchen, z.T. aber auch neu konstruiert sind. Der synkretistische Rodismus nimmt slawisierte Formen von Gottheiten anderer Kulturen dazu.
In seinem Verständnis der Gottheiten teilt sich der Rodismus in drei Richtungen:
– Polytheistischer Rodismus: Die Gottheiten existieren nebeneinander und werden als eigenständige göttliche Wesen verehrt, wobei Mitglieder des Rodismus sich meist persönliche Gottheiten aussuchen, die besondere Verehrung erfahren. Im Lauf des Lebens kann sich das individuelle Set von Gottheiten verändern.
– Monotheistischer Rodismus: Die Vielzahl von Gottheiten repräsentiert die Aspekte des einen Göttlichen, das oft «Rod» genannt wird. Die Verehrung kann ähnlich sein wie beim polytheistischen Rodismus, sodass zwischen polytheistischem und monotheistischem Rodismus Durchlässigkeit besteht.
– Symbolischer Rodismus: Die Gottheiten stehen für Symbole des Lebens und/oder für Seelenanteile des Menschen. Symbolischer Rodismus legt auf die Verehrung der Gottheiten naturgemäss weniger Gewicht und ist nicht selten mit einer atheistischen Weltanschauung verbunden.
Reinkarnation: Über die Vorstellungen der vorchristlichen slawischen Völker zum Leben nach dem Tod ist wenig bekannt. Der Rodismus lehrt meist Reinkarnation in ihrer westlichen, theosophisch-esoterischen Form: Die Seele Verstorbener inkarniert sich ausschliesslich in Menschen und steigt von Inkarnation zu Inkarnation bis zu einer Form der Göttlichkeit auf.
Der Rodismus betont patriarchale Werte mit einer traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau.
Modernes urbanes Leben wird kritisch gesehen.
Der Rodismus teilt sich in eine Vielzahl von Organisationen und Bewegungen. Eine zentrale Autorität gibt es nicht, auch nicht informell.
Der Rodismus lehnt Christentum, Judentum und Islam scharf ab.
Zur Anastasia-Bewegung besteht ein spannungsvolles Verhältnis: In Anastasia-Kreisen werden oft rodistische Feste und Bräuche ausgeübt. Umgekehrt werden die spezifischen Theorien des Anastasia-Gründers Wladimir Megré von Vertretenden des Rodismus kritisch gesehen. So wird Megrés fiktive Figur Anastasia, eine angeblich jahrtausendealte, ewig junge, hübsche, nackte Jungfrau, die sich Megré sogleich hingegeben habe, meist als Traum eines alternden Mannes zurückgewiesen. Die von Megré propagierten Familienlandsitze werden im Rodismus kontrovers diskutiert.
Viele Vordenkende des Rodismus denken nationalistisch und rassistisch, indem die vorchristliche slawische Kultur als anderen Kulturen überlegen gesehen wird. Zudem wird behauptet, dass andere Kulturen von der slawischen Kultur abstammen würden, so die nordische, die indische und die ägyptische. Verbunden wird dies nicht selten mit rassistischen Aussagen über die angebliche Überlegenheit «weisser» Menschen.
Kritisiert wird der Rodismus auch wegen seines patriarchalen Auftretens: Von Ehefrauen wird erwartet, dass sie sich ihrem Mann unterordnen.
Aussagen von Vertretenden des Rodismus zu Christentum, Judentum und Islam sind oft geprägt von Christentumsfeindschaft, Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus.
Der Umgang des synkretistischen Rodismus mit anderen Kulturen wird als kulturelle Aneignung kritisiert.
Im Jahr 2010 wurden in Russland 1,7 Millionen Menschen gezählt, die sich auf traditionelle polytheistische Religionen bezogen. Darunter dürfte ein grosser Teil dem Rodismus zuzurechnen sein.
In der Ukraine wurden im Jahr 2008 die Zahl von 90’000 Personen geschätzt, die dem Rodismus angehören.
In Polen wird für 2020 von rund 10’000 Rodistinnen und Rodisten ausgegangen.
In Deutschland scheint sich der Rodismus wachsender Beliebtheit zu erfreuen, dies auch ausserhalb von Kreisen mit russischen Wurzeln.
In der Schweiz sind die Zahlen der Rodistinnen und Rodisten noch klein, aber die Werbebemühungen ausgeprägt.