Swami Vishwananda

Georg Schmid, 2007

Im Saal des Gemeinschaftszentrums Heuried in Zürich mischen sich am 3. Nov. 2006 unter die etwa 200 ein BesucherInnen etwa dreissig weissgekleidete Schülerinnen und Schüler des jungen Meisters Vishwananda, dessen Darshan sie miterleben möchten. Spirituelle Musik erfüllt den Raum. Kinder turnen noch über die Stufen des im Stil einer kleinen Arena konzipierten Raumes. Der Swami erscheint in wallend langem, feuerrotem Rock. Die langen Haare fallen lose über die Schultern. Ein grosses goldenes Kreuz mit einem Juwel in der Mitte ziert seine Brust und ein freundliches Lächeln macht ihn vielen sofort geheimnisvoll sympathisch. Wer sich in der Welt der indischen Meister schon ein wenig umsah, fühlt sich sofort an Yogananda („Autobiographie eines Yogi“) erinnert: Dasselbe Kleid, dieselbe Frisur, dieselben milden, fast weiblichen Linien, die das Gesicht prägen. Ist Swami Vishwananda vielleicht ein indirekter Schüler von Yogananda, eine Art Yogananda der Gegenwart? Meine spätere Rückfrage bei den Organisatoren des Abends bestätigt eine gewisse lose Geistesverwandschaft. Vishwananda war schon in Los Angeles, im Zentrum der Self-Realization-Fellowship. Aber er war dort als gewöhnlicher Besucher. Eine tiefere greifbare Verbindung zu den Yogananda-Schülern existiert nicht. Hingegen geht unter den Schülern Vishwanandas die Rede, er sei der wiedergeborene Yogananda.

Inzwischen hat sich der Swami auf den tiefroten Sessel gesetzt, neben dem Altar, auf dem ein blumenumranktes und von Kerzen erleuchtetes Bild von Babaji prangt. (Das Violettrot des Sessels und das Feuerrot des Gurugewandes flimmern beinahe in ihrer Gegensätzlichkeit: die beiden äussersten Ränder des Regenbogens prallen hier optisch aufeinander). Babaji, die Meistergestalt aus dem Himalaya mit weiblichen, fast ätherischen Zügen, die seit Urzeiten immer wieder in neuer menschlicher Gestalt inkarniert, soll Vishwananda im Alter von fünf Jahren während eines Spitalaufenthalts in Maurititus erschienen sein. Babaji habe ihn besucht und gesegnet.

Nun stimmt der Chor der SchülerInnen ein Loblied auf den Guru an, währenddessen ein Schüler vor dem Meister kniend Blütenblätter zeremoniell auf den Saum seines Kleides legt. Während eines zweiten Lobgesanges auf den göttlichen Meister zelebriert eine Schülerin mit besonderer Hingabe dieses Opfer an den Meister. Jedes Blütenblatt, das sie vor den Meister legt, führt sie zuerst zu ihrem eigenen Herzen. Die schlichten Melodien und Texte, mit denen Gott nun in immer wieder neuen Namen angerufen wird – Hindus erleben das Göttliche in tausend Formen -, laden zum Mitsingen und Mitschwingen mit. Der halbe Saal klatscht zu den Rhythmen der einfachen Gesänge.

Der ganze Ablauf des Abends entbehrt nicht einer inneren spirituellen Logik: Zuerst wurde das Göttliche im Guru gefeiert, der rot gewandet vor uns sitzt. Dann weitet sich der Blick aus in die unendlich bunte Welt vor allem indischer Göttergestalten. Mit Dutzenden von Namen und Silben wird das Göttliche, das immer schon da ist, und das sich vom Göttlichen im Guru und in uns selbst nur scheinbar unterscheidet, besungen und beschworen. In einer dritten Etappe auf unserem Weg der Annäherung an Gott bespricht Vishwananda in freier Rede – sein Englisch wird satzweise ins Deutsche übersetzt – dass Gott alles in allem und Liebe in unserem eigenen Herzen ist.

Anschliessend an seine Belehrung lässt er uns in einer Meditation zuerst das Kerzenlicht auf dem Altar mit dem Bild Babajis fokussieren. Dann werden wir aufgefordert, dieses Licht hinein zu nehmen zuerst in unser drittes Auge, in den Punkt zwischen den Augenbrauen, dann in unser Herz, worauf wir in unserer Vorstellung dieses Licht dann ausweiten und um uns herum ausdehnen sollen, bis es die ganze Welt erfüllt. Die Meditation geht mit uns im Grunde den ganzen Erleuchtungsweg. Denn was wir uns am Ende der Meditation vorstellen, ist wahre Wirklichkeit: Mit den Augen des Erleuchteten betrachtet ruht und west und lebt alles in Gott. Und der Guru vor uns ist genau wie die vielen anderen Gestalten des Göttlichen nur Hilfe und Fingerzeug auf unserem Weg zum Einzigen und Einen.

Im lange dauernden letzten Teil des Abends können sich alle vom Swami persönlich segnen lassen. Die Segnung Suchenden rutschen in einer langen Kolonne nach vorn, wo der immer noch auf seinem Sessel thronende Swami jedem Einzelnen mit der einen Hand den Punkt zwischen den Augenbrauen und mit der anderen den Nacken berührt. Durch diese Berührungen fliesse – meint der Swami – ein Strom von göttlicher Energie durch unseren Körper, einen Strom, den wir persönlich dann in unserem Körper dorthin lenken könnten, wo diese Energie besonders fehlt.

Wer schon andere Meister getroffen hat, fühlt sich an Amma oder an alle Gurus erinnert, die Shaktipat (Kraftübertragung durch Berührung am dritten Auge) übten. Auf meine Frage hin, ob Vishwananda irgendwie Amma nachahme, meint ein Organisator, Amma umarme, sie berühre nicht das dritte Auge. Das ist zweifellos richtig. Aber das Faktum, dass der Meister alle berührt, die um diese Berührung bitten, ist doch in den Gurubewegungen der Gegenwart offensichtlich ein Trend.

In der kleinen Buch- und Devotionalienausstellung beim Ausgang finde ich zum Schluss noch ein paar Bilder eines goldenen Lingas, eines goldenen Eis, das Vishwananda Ende 2005 materialisiert haben soll. Er habe es aus seinem Mund gezogen, musste das goldene Ei aber nach drei Tagen zurückgeben. Auch dies ist kein Novum in der Welt der Gurus. Satya Sai Baba zieht an Shivaratri, am Shivafest im Februar, regelmässig ein angeblich aus nichts materialisiertes Linga aus seinem Mund. Auch der Umstand, dass göttlich gegebenes Gold nach kurzer Zeit wieder dem Himmel anheim fällt, ist nicht neu. Musste nicht Joseph Smith, der Mormonenprophet, sogar die goldenen Platten wieder zurückgeben, auf denen er den Text des Buches Mormons fand?

Der Abend mit Swami Vishwananda entlässt mich mit der Frage: Will Vishwananda allen alles sein? Yogananda, Amma, Sai Baba? Vielleicht hat er seinen eigenen spirituellen Stil noch nicht richtig gefunden. Er ist – verglichen mit anderen Meistern der Gegenwart – auch noch sehr jung. Geboren am 13. Juni 1978 auf der Insel Mauritius als Visham Komalram, hat er nach Angaben seines Ordens schon als kleines Kind gerne Kirchen, Tempel und Moscheen besucht, weil „ihn die Gegenwart des Göttlichen und Heiligen“ faszinierte. Schon bald erkannte er „das wahre Selbst“ und den „Sinn seiner Inkarnation“. Seine „Erleuchtung“ sei anderen nicht verborgen geblieben. Menschen hätten begonnen, bei ihm Rat zu suchen und sich von ihm als spirituellem Meister auf ihrem Weg zu Gott in ihrem eigenen Herzen begleiten zu lassen.

Doch was braucht es, um das Einzige zu finden, was wahrhaft Sein und Wesen hat, um in das Licht zu tauchen, mit dem verglichen alles andere, was sich in der Welt und in der menschlichen Existenz noch präsentiert, zum grauen Schatten verblasst? Der Swami lehrt bisher keinen besonderen Yogaweg. Er empfiehlt bisher nur in einer kleinen Schrift den Gebrauch von zehn verschiedenen traditionellen Mudras, der verschiedenen Handstellungen und Fingerstellungen, die zusammen mit den ihnen entsprechenden Mantras den Meditierenden während seiner Versenkung näher ans göttliche Geheimnis im eigenen Inneren heran führen. Vor allem empfiehlt er aber die Demut als den hilfreichsten Weg zu Gott. Wer sich bescheiden ein- und unterordnet und wer beispielhaft Hingabe übt, der wird zu Gott in sich finden. Zuvor aber findet er – meint der kritische Betrachter – zu einem noch sehr jungen Guru, der Gott verkörpert, und der darauf angewiesen ist, dass seine Schüler sich ihm demütig nahen. Mit wirklich kritischen diskutierenden Geistern – vermutet der Beobachter – hätte der junge und alles andere als intellektuell wirkende Vishwananda wahrscheinlich seine liebe Mühe.

Auch das Kreuz auf seiner Brust versteht der Swami als Zeichen der Demut, der Liebe und der Hingabe. Der Swami gründete 2005 einen Bhakti-Orden. Die ca. 15 Ordensmitglieder leben als „Nonnen“ und „Mönche“ im Bhakti Marga Ashram, Steffenshof Nr. 6, 56290 Dommershausen-Dorweiler (südlich von Koblenz). Dort bauen sie zur Zeit noch intensiv die Liegenschaft gastfreundlich um und studieren – wie man mir versichert – täglich die Bhagavadgita und das Neue Testament. Ob aber der Meister von Nazaret sich mit seiner Botschaft im Orden des Vishwananda je wirklich Gehör verschaffen kann? Der Altar im Ashram ist voller Götter und Heiligengestalten, hinduistischer und christlicher Provenienz. Bei so viel Om-Gesängen und so viel bunter Göttlichkeit verblasst selbst Jesus zu einer Episode im endlosen göttlichen Spiel mit der Welt, zu einer Spiegelung eines göttlichen Lichts, das – kritisch betrachtet – vielleicht in der mystischen Versenkung alles durchleuchtet, aber im praktischen Alltag fast nichts erhellt.

Obschon Vishwananda erst seit wenigen Jahren Schülerinnen und Schüler um sich schart, erheben Aussteiger aus seiner Gefolgschaft schon heftige Vorwürfe gegen ihn. Er zerstöre Ehen und Familien, indem er einzelne Menschen völlig vereinnahme. Seine Materialisationen erinnerten an Taschenspielertricks. Sein Umfeld werde immer wieder von Intrigen heimgesucht. Wegen seiner Vorliebe für Reliquien, die er zu magischen Zwecken missbrauche, versuche er sich durch Diebstahl Reliquien zu beschaffen. Diese Vorwürfe sind nicht einfach aus der Luft gegriffen. Im Juni 2007 wurde Vishwananda zusammen mit zwei Anhängereinnen vom Baselbieter Strafgericht in Liestal wegen Sachbeschädigung und Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit zu vier Monaten bedingt verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er zusammen mit zwei Anhängerinnen aus mindestens 25 Klöstern und Kirchen Reliquien entwendet hat. Die oben erwähnten Vorwürfe und das Baselbieter Urteil wecken im kritischen Beobachter die Frage, ob nicht Vishwananda als eine Art indischer Zauberlehrling durch die spirituelle Gegenwart reist, Geheimnis und Charme nach allen Seiten verbreitend, und in all dem trübe Geister beschwörend und skurrilen Neigungen sich hingebend? Spiritualität ist heute einer der beliebtesten Tummelfelder für jugendliche und ewig jung gebliebene Selbstinszenierung jeder Couleur. Aber nicht alle, die sich auf diesem Feld herumtummeln, sind noch wirklich Herren ihrer selbst. Manche verkommen zu Sklaven ihrer eigenen Botschaft. Sie verkünden universale Göttlichkeit und müssen dann um jeden Preis Gott sein oder Gott mimen. Ihre Meisterschaft ist ihre Tragik. Sie überfordern zuerst sich und dann alle jene, die sich ihnen hingeben.

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