Die Gefahren von Scientology

Von einem Insider für Insider – Philipp Christen (Name geändert, Person der Regie bekannt) war in Scientology, seit es sie im deutschsprachigen Raum gab und danach auch in der sogenannten „Freien Zone“ (die Aussteiger, die Scientology ausserhalb der Organisation und zu niedrigeren Preisen weiter betreiben). Heute hat er sich von beiden Seiten distanziert.

Die Missstände in Scientology werden von den meisten Unabhängigen auf ein unethisches Management zurückgeführt. Einige sind auch der Ansicht, dass gewisse Charakterzüge von L. Ron Hubbard, sein Machtstreben und seine Geldgier für die Schwierigkeiten und Streitereien, die in mehr oder weniger ausgeprägtem Ausmass eigentlich seit der Gründung von Dianetik immer bestanden, verantwortlich sind. Das Ausmass der Missstände deutet freilich darauf hin, dass nicht nur die Akteure in diesem Spiel eine befleckte Weste haben, sondern die Spielregeln selbst widersprüchlich sind. Mit anderen Worten: Philosophie und Techniken werden nicht nur falsch oder überhaupt nicht angewandt, sondern tragen in sich Fehler und Mängel. Diesen Gefahren wird automatisch jeder ausgesetzt, der Scientology betreibt.

Die folgende Liste von Mängeln und Gefahren ist keineswegs vollständig. Die aufgelisteten Punkte scheinen mir jedoch grundlegender Natur, sodass sie die eine oder andere Schwierigkeit erklären können, mit der man sich als Scientologe konfrontiert sieht.

 

Der vielzitierte Spruch „if it isn’t true for you, it isn’t true“ wird von vielen – inklusive L. Ron Hubbard – offenbar zur Bedeutung uminterpretiert, dass jemand, der einen Grundsatz der Scientology nicht für wahr hält, einfach noch nicht so weit fortgeschritten ist, ihn als wahr zu erkennen. Mit der Zeit würde er dann schon erkennen, dass Scientology recht hat.

Wenn jemand etwas für wahr hält, ist es wahr für ihn und wenn jemand etwas nicht für wahr hält, dann ist es nicht wahr für ihn. Punkt. Dieser Grundsatz ist deshalb so wichtig, weil jedes Individuum seine eigene Wahrheit hat.

Um diesem Grundsatz zu folgen, sollten alle dogmatischen Formulierungen aus der Scientology entfernt und das ganze Gebiet vielmehr als eine Sammlung von Hinweisen präsentiert werden, die schon vielen geholfen haben.

Die eigentliche „Behandlung“ der Vergangenheit als Quelle und Ursache der menschlichen Mühsal scheint mir unter dem Gesichtspunkt, dass der Mensch seine erlebte Wirklichkeit fortlaufend neu erschafft auf die Dauer und in vielen Fällen sehr problematisch zu sein.

Falls Scientology das Individuum wirklich befreien soll, dann muss eindeutig mehr Nachdruck auf die schliesslich zu erreichende Freiheit von Scientology gelegt werden. Bis jetzt ist es so, dass sämtliche entsprechenden Möglichkeiten mit Bedacht verschlossen werden. Entweder, indem sich Scientology als einzige Möglichkeit der Befreiung präsentiert oder die Beschäftigung mit anderen gebrandmarkt wird.

Scientology verbessert mit ihrer technischen Betrachtung der Kommunikation nur die technische Kommunikationsfähigkeit einer Person. Indem sie ihre Anhänger in eine in sich geschlossene Realität einschliesst, reduziert sie die Fähigkeit, andere Ansichten als tatsächliche Wirklichkeiten zu verstehen und nicht nur als „zu behandelnde Irrtümer“.

Der „Auditoren-Blickwinkel“, wenn man dem so sagen kann, verhindert wirklichen Gedankenaustausch zwischen zwei oder mehreren gleichberechtigten Partnern. Als Beweis für die reduzierte Kommunikationsfähigkeit der Scientologen schaue man sich einmal ihre Beziehungen an: Als Einzelpersonen tauschen sie sich vornehmlich untereinander aus und als Gruppe sind sie von der Gesellschaft isoliert.

Die Entwicklungswege der Menschen sind so verschieden, wie es Menschen gibt. Die Idee eines für alle gleichen Weges – eben der „Brücke zur Freiheit“ – ist deshalb eine Illusion. Wenn man an diese Illusion glaubt, funktioniert sie, im Falle der Scientology gar nicht einmal so schlecht. Die kollektive Übereinstimmung, dass diese Illusion Realität ist, ist auch entsprechend hoch. Bei Personen, die diesen Enthusiasmus und damit die Illusion nicht teilen, funktionieren die Techniken auch entsprechend schlecht.

Die Problematik von Illusionen liegt darin, dass sie vor allem dann Gefahren in sich bergen, wenn es nicht die eigenen sind. Die eigenen Träume und Illusionen sind das Baumaterial für die Wirklichkeit, die sich jeder schafft. Mit den Träumen anderer, die man der Einfachheit halber einfach übernimmt, kann man sich keine Wirklichkeit schaffen, die einem selbst entspricht.

Dies sind in meinen Augen die wichtigsten und grundlegendsten Gefahren der Scientology, derer sich jeder bewusst werden sollte, der sich mit dieser Philosophie befasst. Wenn sie Deine Ideen etwas durcheinanderbringen, dann bedenke, dass nur unbekannte Gefahren wirklich gefährlich sind. Und schliesslich gilt auch hier, dass nur wahr ist, was für Dich wahr ist.

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