Ein Besuch bei «Bamboo Lovers», dem Jugendgottesdienst der Mustard Seed Chapel

Mein erster Eindruck der «Bamboo Lovers» war ein guter: Die Jugendlichen waren sehr freundlich, grüssten einen, auch wenn man sich nicht kannte, aber nicht so übertrieben, wie man es vielleicht von anderen Gruppierungen kennt oder erwartet. Manche sprachen untereinander (afrikanisches) Englisch. Der Lärmpegel der Gespräche und die Beleuchtung des Raumes, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte, erinnerten etwas an eine Party.

Eine atypische Einleitung und ein sympathisches Chaos

Im Raum des Gottesdiensts spielten einige Jugendliche «Pantomime» (man musste ein Wort pantomimisch darstellen und die anderen mussten es erraten), während auf den Monitoren abgezählt wurde, wie lange es noch ging bis 19:00. Währenddessen wurden andere Leute in den Raum hinein «gehuscht» von den Jugendlichen, die mitarbeiteten. Als die Zeit abgelaufen war, stand ein Jugendlicher auf der Bühne mit dem Mikrofon hin und sagte, es wäre Zeit zu beten, wir sollen doch alle aufstehen. Wir standen also auf, und bevor das «Beten» begann, hielt er einen kleinen Vortrag: Wir alle wären solche Sünder, dass wir eigentlich den Tod verdient hätten, aber Gott liebte uns so, dass er uns gerettet hat, sodass wir ihm immer für alles dankbar sein sollten, auch, dass wir hier im Gottesdienst sind. Das Schlagzeug untermalte seine Rede, und als er ins Gebet fiel, wurde es etwas lauter, während die anderen Jugendlichen, die ebenfalls ein Mikrofon trugen, gleichzeitig laut in ihr eigenes Gebet einstimmten. Das daraus erfolgende Gebetschaos war für mich neu und ungewohnt, aber dass man nicht ganz so «performativ» betete wie in anderen Gemeinden, in welchen eine Person allein laut betet, und gleichzeitig den restlichen Jugendlichen die Möglichkeit gab, für sich zu beten, fand ich durchaus sympathisch. Schon dort begannen einzelne Jugendliche irgendwann mit «Zungenrede», also eine andere Sprache zu sprechen, die sie nicht gelernt hatten, oder in «Engelszungen», wo es sich nicht um von Menschen gesprochene Sprachen handelt. Ich hörte bei den Zungenreden jedenfalls nichts auf einer anderen Sprache, das ich verstanden hätte, obwohl das Sprachenlernen eines meiner liebsten Hobbies ist.

Ein halbes Konzert: Sport beim Gottesdienst

Nach dem Beten war nicht Zeit zu sitzen, denn jetzt wurde gesungen: Einige Jugendliche, alles Mädchen, nahmen den Jungen die Mikrofone ab und begannen nach einer kurzen Einleitung («Jesus ist in der Mitte von allem!») zu singen. Erst «at the center of it all» (d.h., Jesus ist in der Mitte von allem), dann veränderte sich das Hauptmotiv zu «in your name» (in deinem Namen), dann wechselte es zu «casting crowns, lifting hands, bowing hearts, is all I’ve come to do». Ich war unsicher, ob es sich hier um ein langes eigenes Lied oder um drei nahtlos aneinandergereihte Lieder handelt, allerdings konnte man dank dem Text, der vorne angezeigt wurde, und den häufigen Repetitionen derselben Liedzeilen schnell mitsingen, was vermutlich auch das Ziel war. Ich erwartete, nach dem Singen dann sitzen zu können – ich erwarte bei Gottesdiensten relativ viel zu sitzen, da man das ja meistens auch macht – und wurde komplett überrascht: Stattdessen wurde zum Tanz aufgerufen. Die Jugendlichen gingen nach vorne, und ich folgte ihnen. Wir tanzten also eine gute Weile zu «Worship Music», wobei die Jugendlichen vorne uns «vortanzten» und wir ihnen einfach nachtanzten. Während ich ab und an Angst hatte, jemandem auf den Fuss zu treten (unter anderem bei einem langgezogenen «Praise the lord», bei welchem wir einmal mehrfach nach rechts, dann gleich lange nach links, dann wieder nach rechts und anschliessend nach links hüpften, das alles auf einem Bein), oder komplett in sie hinein zu kollidieren, war es irgendwie schön, einfach in einer Gruppe zu Musik zu tanzen, ohne dass man sich schlecht fühlen musste, wenn man mal einen Schritt falsch machte (solange man natürlich niemandem wirklich auf den Fuss trat). Dass das Tanzen nicht auf sexualisierende Weise körperbetont war, könnte von einem Jugendgottesdienst angenommen werden, ich schreibe es aber sicherheitshalber auch nochmal. Es war wirklich angenehm.

Offerings! Wenn man Jugendliche um Geld bittet

Nach diesem Tanzen gingen wir zurück an unsere Plätze. Es war 19:40, und ich ging spätestens jetzt davon aus, dass dieser Gottesdienst sicherlich zwei Stunden dauern würde – es war nicht ganz klar, aber die Predigt hatte ja noch nicht einmal angefangen – und ich konnte mich endlich setzen (und notieren, was alles gesagt und getan wurde, nicht, dass ich etwas Wichtiges vergesse), und es war «Zeit für offerings!». Erst fragte ich mich, was für Offerings – Christen geben ja keine Opfer, wie es viele andere Religionen tun – bis mir einfiel: Geld. Sie wollen Geld. Dass Jugendliche von Jugendlichen Geld verlangen, oder danach fragen, war auch mal was Neues. Es gab zwar Körbe, um Geld zu sammeln, aber die meisten scannten den QR-Code, der vorne angegeben wurde, und zahlten elektronisch – was von Jugendlichen vermutlich auch erwartet werden dürfte – und ich fühlte mich nicht dazu gedrängt, auch zu twinten oder anderweitig Geld zu spenden, obwohl einer der Jugendlichen dann meinte, wir sollen «unser Offering zeigen» (indem wir unser Handy hochhielten). Er erklärte, wer gibt, der erhält, und bezog sich auf Sprüche 11, in welchem unter anderem steht «Manche sind freigebig und werden dabei immer reicher, andere sind geizig und werden arm dabei» (Vers 24, Hoffnung für alle – die Bibelversion, die sie verwenden).

Tanz und Theater

Nachdem auf der Bühne – ohne uns – getanzt wurde, zu «You’re my first love» (Du bist meine erste Liebe), und «I’ll do what you want me to do» (ich werde tun, was du willst, dass ich tue), gab es einen kurzen Moment der Stille, während die Mitarbeitenden durch den Raum rannten. Dabei fiel mir das Neonkreuz an der Wand, welches schon vorher da war, aber irgendwie nicht so ins Gewicht, oder ins Auge gefallen war, auf. Es hing da und leuchtete geduldig, während sich im Publikum langsam eine gewisse Unruhe breit tat. Kurz darauf war klar, warum es so lange ging: Sie hatten sich für ein Kurztheater vorbereitet. Es handelte von «quiet time», «stiller Zeit», in welcher man die Bibel lesen und zu Gott beten sollte. Im Grunde erklärten zwei Jungs einem Mädchen, dass sie «quiet time» machen sollte, während sie meinte, sie habe keine Zeit dafür – sie müsse sich schminken. Die Jungen beriefen sich auf Johannes 15, 7 (Wenn ihr aber fest mit mir verbunden bleibt und euch meine Worte zu Herzen nehmt, dürft ihr von Gott erbitten, was ihr wollt; ihr werdet es erhalten. Hoffnung für alle), um sie dazu zu überreden, ihre Beziehung mit Gott zu pflegen. Bei einem Gebet, das sie untereinander führten, bat sie also Gott um «mehr Schminke». Sie übertrieb es im Rahmen des Theaterstückes komplett (was sich für ein Theaterstück durchaus gehört). Die Jungs unterbrachen sie, «zeigten» ihr, wie man richtig betet, während sie sie «beleidigten» («mit dem Make-Up siehst du aus wie ein Clown, wofür trägst du es überhaupt»), was bei den Jugendlichen Gelächter auslöste. Mir war dabei etwas unwohl. Als Jugendliche hätte ich es sicherlich um einiges lustiger gefunden, da, wo ich noch andere Frauen für «zu viel Schminke» eher hart verurteilt hatte. Aber jetzt hier zuzuhören? Auch wenn es sich um ein Theaterstück handelte, wenn ein Mädchen in unserer Zeit andauernd hört oder ihr zu verstehen gegeben wird, sie habe gewissen Schönheitsidealen zu entsprechen, und sie diesem Ruf dann folgt, aber anschliessend kritisiert wird, weil sie «es übertreibt», ist das bereits grundsätzlich ein schwieriges Szenario. Wenn dann noch zwei Jungen so mit einem Mädchen sprechen, ist dies noch belastender – auch wenn es «nur» ein Theater ist. Es könnte natürlich auch eine gewisse Erleichterung für die Jugendlichen sein: Du musst dich nicht schminken, Gott liebt dich auch so. Es wäre mir aber lieber gewesen, wenn es nicht zwei Jungs, sondern vielleicht noch ein anderes Mädchen, oder ein etwas älteres Mädchen gesagt hätten. Die Implikation, dass zwei mutmasslich gleichaltrige Jungen es besser wissen als ein Mädchen, und die einzigen anderen Mädchen, die im Stück auftraten, ebenso oberflächlich waren wie jenes erste Mädchen, welches sich dann wegen dem Eingriff der beiden Jungen «verbesserte», lag mir sehr schwer auf dem Magen.

Rejoice! Wer in der Kirche nicht tanzt, ist im Leben traurig; oder: Wie man Depressionen los wird

Nach dem Theater trat ein bisher ungesehener Mann auf, welcher auf Englisch kurz predigte. Ich durfte später herausfinden, dass es sich bei diesem Mann um Reverend Eben Johnson handelte. Eine Jugendliche übersetzte jeden Satz ins Deutsche, wobei er sie nicht immer ausreden liess. Bei dieser Predigt ging es um einen Aufruf, «Rejoice!», «freut euch». Wer in der Kirche nicht glücklich sei und tanze, der sei auch im Leben traurig, und er verwies auf Nehemiah 8, 10 (Und nun geht nach Hause, esst und trinkt! Bereitet euch ein Festmahl zu und feiert! Gebt auch denen etwas, die sich ein solches Mahl nicht leisten können! Dieser Tag gehört unserem Gott. Lasst den Mut nicht sinken, denn die Freude am Herrn gibt euch Kraft! Hoffnung für Alle). Während das ein Ansatz ist, war sein Umkehrschluss nicht optimal: «Wenn du depressiv bist, liegt es daran, dass du dich nicht in Gott freust», und «wenn du dich nicht freust, wirst du depressiv». Eine Mutter habe ihn neulich angerufen, ihre Tochter sei suizidal und wolle sich umbringen. Seine Reaktion? «I laughed», er lachte, denn die Lösung sei Jesus Christus. Er erzählte dann die Geschichte von Paulus und Silas, die im Gefängnis um Mitternacht beteten und Gott lobten, und dann durch ein Erdbeben alle von ihren Ketten befreit wurden. Eben Johnson meinte, «as you are dancing, singing, every chain will be destroyed in Jesus’ name», wer tanzt und singt, von dem wird Jesus alle Ketten zerstören.

Es war also wieder Zeit zu tanzen, und wir gingen wieder nach vorne, zu den Liedern «te amo» (nicht Rihanna, aber die Melodie kam mir bekannt vor, doch der Text war komplett «geistlich»), und «let everything that has a breath praise the lord» (lasst alles, was einen Atem hat, Gott anpreisen). Als wir wieder auf unseren Plätzen waren, war bereits 20:30, und die Predigt hatte immer noch nicht angefangen. Ich hatte durchaus Spass – auch wenn ich mich etwas unsportlich fühlte – aber so langsam machte ich mir Sorgen, wie lange ich noch dort sein würde. Die Bühne wurde gefüllt von Jugendlichen, die in einem Kreis stehend zu singen begannen. Ein anderer Jugendlicher dirigierte, sehr zu meinem Erstaunen (auch wenn ich nicht weiss, wie «professionell» oder «korrekt» er dirigierte). Die Bühne wechselte, ein Mädchen nahm ein Mikrofon entgegen. «Predigt sie?», fragte ich mich kurz. Bisher war ich mit der These gefahren, dass die Jungen eher noch predigten, während die Mädchen eher sangen. Dann begann das Schlagzeug zu spielen, und sie sang «Good master», bzw. um es phonetischer zu schreiben: «good masta», also in afrikanischem Englisch mit der entsprechenden Betonung. Währenddessen wurde der Raum gekühlt (vermutlich waren die beiden Doppeltüren weit offen), was nach dem Tanzen sehr angenehm war.

Supernatural Metamorphosis: Die Depression wegtanzen

Nach diesem Lied begann die lang erwartete Predigt. Eben Johnson nahm das Mikrofon an und begann, auf Englisch zu predigen. Das Thema war «supernatural metamorphosis», und bezog sich primär auf 2. Korinther 5, 17: «Siehe, das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden». Wer in Christus sei, habe ein neues Leben erhalten, aber nur in die Kirche zu gehen, lasse einen nicht «in Christus» sein.

Ist also das alte vergangen, vergeht, wer hätte das nach der ersten Kurzpredigt erwartet, auch die Depression. Spätestens hier begann es sehr repetitiv zu werden: Viele Inhalte, grundsätzliche Aussagen wurden immer wieder wiederholt, manchmal mit einzelnen anderen Wörtern (wie «Don’t be sad! Don’t be morose!», was alles als «bis nöd truurig» übersetzt wurde und bei ihm zu etwas Unverständnis führte). Wer also neugeboren ist, kann nicht gleich wie vorhin sein, was ja bedeuten dürfte, wenn man depressiv ist und das schon vor der Bekehrung war, kann man nicht neugeboren sein. Da depressive Verstimmungen, aber auch klinisch diagnostizierbare Depressionen ausreichend häufig sind, dass mindestens eine Jugendliche, ein Jugendlicher im Raum davon betroffen sein dürfte, und diese noch dazu äusserst beeinflussbar sind, war ich nicht besonders begeistert von den Aussagen des Predigers. Eine Depression wird man nicht einfach «los», indem man zu «Praise the lord» tanzt oder indem man neugeboren ist. Eine depressive Verstimmung könnte vielleicht besser werden, wenn man singt und tanzt, aber bei einer klinischen Depression wird man dadurch nicht plötzlich glücklich und «geheilt», ansonsten gäbe es ja viel weniger depressive Personen. Auch wenn man sonst eigentlich gerne tanzen würde, gehört es zu den Symptomen einer klinischen Depression, dass man an Dingen, an denen man Freude hatte, plötzlich keine Freude mehr empfindet oder empfinden kann. Dann Jugendlichen zu sagen, sie werden sowas durchs Tanzen los? Es tut mir Leid für jene, die eben genau wegen ihrer Depression auch die Freude am Tanzen verloren haben.

Er nannte zwei Verse, welche die Techniker:innen – mutmasslich auch Jugendliche – aufschalten sollten. Es dauerte ihm wohl etwas zu lange, denn er kommentierte die Wartezeit mit einer Variation von «Kommt, beeilt euch». Die beiden Verse waren Jesaja 60, 22, und Galater 4, 19, wobei es bei Jesaja um ein «schnell wachsendes Volk» handelt, denn «Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dies alles ganz schnell tun. Darauf gebe ich, der Herr, mein Wort!», und bei der Stelle im Galaterbrief um das Leiden des Schreibenden geht (Euretwegen, meine lieben Kinder, leide ich noch einmal alle Schmerzen und Ängste, wie sie eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes auszustehen hat – so lange, bis Christus in eurem Leben Gestalt gewonnen hat. Hoffnung für Alle). So ganz konnte ich die Bibelstellen nicht in die Predigt hineinbetten, aber die war sowieso etwas chaotisch, meiner Meinung nach.

Supernatural metamorphosis: von der Fleischlichkeit zur Geistlichkeit

Neben der «Person», die sich ändert (von depressiv zu nicht depressiv, von Lügner zu jemandem, der gar nicht mehr lügt), ändert sich auch die Spiritualität und die «Fleischlichkeit»: Auf die Frage, ob ihr Sohn neugeboren sei, antwortete die Mutter von Bishop (aka Dag Heward-Mills, Gründer der Kirche und natürlich auch ein hochgeschätzter Mann): «Ich weiss nicht, was das bedeutet, aber er ist eine komplett andere Person. Ich erkenne den Jungen, den ich geboren habe, nicht mehr.» Wenn sich dies änderte, erhielten wir auch das Bedürfnis, «Gospel»-Musik statt weltlicher Musik zu hören.

Anschliessend folgte eine Erklärung zur «carnality», Fleischlichkeit, der Jugendlichen, in welchen er sie im Grunde genommen beleidigte. «Du bist 14, schaust einem Jungen hinterher und machst», er hechelte, wie ein Hund, und folgt darauf mit «was bist du, ein Hund?». Etwas besser fand ich sein «du bist 14 und willst einen Freund?». Während ich mit 14 keinen Freund hatte und nicht urteilen kann, ob das jemals langfristig klappen kann oder soll oder tut, würde ich zustimmen, dass das nicht unbedingt notwendig ist für die persönliche Entwicklung, schlimmstenfalls vielleicht auch schaden kann, und höchstwahrscheinlich schon etwas zu früh ist, je nachdem, was man sich von einer solchen Beziehung erwartet. Seine Rede dazu, dass es auch okay ist, die Bibel zu lesen und in Zungen zu sprechen, fand ich nicht besonders verwerflich, aber man könnte ja auch weder die Bibel lesen noch einen Freund haben, und sich einfach auf die eigenen Hobbys fokussieren, die Persönlichkeit unabhängig vom einen oder anderen entwickeln.

Nach «es ist okay, in Zungen zu sprechen!» folgte übrigens ein solches «in Zungen sprechen». Teile davon machte ich als «gogoro gara» aus, was keine mir bekannte Sprache als solches beinhaltet. Das Motiv der Zungen blieb weiterhin, auch im nächsten Beispiel: Statt zu vapen, was mit 12, das von ihm genannte Alter, definitiv zu früh ist, da bin ich ganz auf der Seite von Eben Johnson, soll man also in Zungen sprechen: statt Vape-Dampf kommt dann «Holy Ghost Fire» raus. Die Vorstellung, dass Menschen dann Feuer «spucken», hatte eine gewisse Ästhetik und führte auch zu einem Lachen im Publikum.

Kaum hatte ich mich gefragt, wie viel länger es wohl noch ging, meinte Eben Johnson «We will soon be finished», wir werden bald fertig sein, aber Grund dafür, dass wir alle so entspannt waren, sei, da die Ketten Satans durch das Tanzen gebrochen seien. Wer spirituell sei, bespreche mit einer anderen spirituellen Person auch spirituelle Dinge. Wer «carnal», also fleischlich sei, der bespreche auch mit einer spirituellen Person oberflächliche Dinge, und der sei ein «baby in Christ», der nur Milch vertrage in Referenz zu 1. Korinther 3, 2.

Das Thema der Jugendgottesdienste weltweit: Sex

Dann begann ein Thema, welches Jugendliche in ihrem Hormonchaos sicherlich betrifft: Sex. Hierbei handelt es sich nämlich um etwas, das auch mit Kondom unglücklich macht, denn Sex sei wie eine Droge, die einen zerstört. Mütter, die meinten, solange man ein Kondom verwende, könne man «glücklichen Sex» haben, lägen komplett falsch. Wenn man mal einen treuen christlichen Mann geheiratet hat, würde man ihn andauernd mit den bisherigen Ex-Freunden vergleichen (was erstens nicht sein muss und zweitens wohl schon etwas an einem Ego kratzt). Aber diese «Vergleichsgefahr» scheint nicht der Hauptgrund zu sein: Nein, wer Sex hat, der «wird zu einem Fleisch». Ist also der Sexpartner ein Idiot, wird man selbst auch zum Idioten. Auch Dämonen und Krankheiten können, trotz Kondom, «überschwappen».

Man (oder frau) solle also nicht Angst davor haben, schwanger zu werden, erklärte Reverend Eben Johnson weiter, sondern vor anderen Dingen. Da er selbst früh gerettet wurde (d.h., sich früh bekehrt hat), habe er nicht so viele Fehler gemacht, und entsprechend «weniger Dämonen», wobei ich glaube, dass er mit diesen Dämonen Dinge meint, die er falsch gemacht hat, also Sünden, die ihn «bis heute verfolgen», oder die er austreiben musste. Wer also bei Umarmungen «schlechte» Gedanken habe, der habe die falschen Dinge angeschaut. Eben Johnson sieht nämlich Frauen als Schwestern, Töchter, Mütter (im Glauben) an, nicht Sexobjekte. Dies möchte ich auch gar nicht kritisieren, nur die Implikation, dass Jugendliche, die sowieso in einem riesigen Hormonchaos sind, wegen eines Gedankens, den sie bekanntlich nicht kontrollieren können, automatisch Frauen als «Sexobjekte» ansehen, finde ich etwas übertrieben.

Ein guter Grundsatz, den er ebenfalls im Rahmen seiner Ausführungen aussprach, war: «Complete, not compete!». Hier, bei den Bamboo Lovers, sollen wir einander vervollständigen (wobei das «L» für «Liebe» steht). Wir sollen einander motivieren, die beste Version von uns selbst zu sein, und uns nicht miteinander vergleichen.

Gebet und Nudes: was man (nicht) soll

Der zweite Punkt des Abends war «Gebet», um die spirituelle Metamorphose zu begleiten oder «im Glauben zu wachsen», wie es in anderen Freikirchen heissen würde. Da das Publikum langsam müde war, drohte er anfangs, es nicht mitzuteilen, wenn keine entsprechende Reaktion aus dem Publikum käme («I can keep it to myself», ich kann es auch für mich behalten), was dazu führte, dass eine Jugendliche laut hineinrief, und gleich kicherte, da ihre Stimme laut und hörbar war, aber zumindest hatte sie die notwendige Reaktion erbracht und wir durften mehr über das Gebet hören. Mit langen Ausführungen erklärte uns Eben Johnson, dass wir um 4 oder 5 Uhr morgens aufstehen sollten, um zu beten. «Du kannst die ganze Nacht auf Tik Tok sein und nicht um 4 Uhr aufwachen, um Gott anzubeten?». Nach einigen Wiederholungen der grundsätzlichen «Message» sprach er dann über das Versenden von Nacktfotos. Wer ein Bild seiner Brüste irgendwelchen Fremden schickte, riskierte es, dass dieser es aufzeichnen und herumzeigen würde, oder einen später damit erpressen würde. Ich bin ganz mit ihm, dass das Versenden von Nacktfotos enorm riskant ist und, auch wenn man es über Snapchat macht, immer noch mit mindestens einem zweiten Handy fotografiert werden kann (was zu meinen Jugendzeiten an unserer Schule wohl mal passierte, was ich aber nur am Rande mitbekommen hatte). Ausserdem, aber das dürfte für Jugendliche kein zentrales Thema sein und wurde auch nicht erwähnt, würden sie sich möglicherweise des Vertriebs und/oder Besitz von Kinderpornographie strafbar machen, je nach aktueller Gesetzgebung. Das Thema «Nacktbilder» hatte allerdings weniger mit Gebet zu tun und war an dieser Stelle irgendwie unpassend. Auf jeden Fall sollen wir nie «dem Geist der Entschuldigung» folgen, da dieser unser Leben zerstöre, und wer betet, könne nicht versucht werden. Also: Besser die ganze Zeit beten und nicht in Versuchung kommen als immer wieder sündigen und sich andauernd entschuldigen. Jesus selbst betete drei Stunden, gar die ganze Nacht, während seine Jünger andauernd einschliefen.

(Not) keeping company: Mit wem man (keine) Zeit verbringen soll

Geistlicher Austausch mit anderen Personen sei wichtig, und wer sich um Sündigende zu wohl fühlt, sei selbst nicht genug «spirituell», oder geistlich. Dies führte uns zum dritten und letzten Punkt des Abends – für den vierten hatte er keine Zeit mehr –, nämlich: «Not keeping company with sinners», also nicht die eigene Zeit mit Sündigenden (oder: nicht neugeborenen Personen) verbringen. Mit wem man Zeit verbringe, habe einen Einfluss auf einen selbst, man werde wie die andere Person, deren Gewohnheiten übernehmen, und sich nicht mehr ändern können. Ich bin nicht komplett anderer Meinung: Auch ich habe mich bereits jenen Personen, die ich am häufigsten sehe, angepasst, und der Grundsatz «du bist der Durchschnitt der fünf Personen, die du am häufigsten siehst» ist nahe an diesen Aussagen dran. Kritisch wird es erst, wenn man im Rahmen des am Gottesdienst Gelehrten alte Freund:innen aufgibt, mit der Begründung, dass diese sündig seien. Wenn man so einen sozialen Kreis verliert, verletzt das nicht nur beide Seiten, sondern es macht einen allfälligen Austritt in der Zukunft, wenn sich entweder die Kirche zu etwas ändert, was man nicht unterstützen kann oder will, oder wenn man sich selbst zu stark von der Kirche «weg-ändert», um einiges schwieriger. Im Idealfall bleiben alte Freund:innen dennoch ein wenig in Kontakt, damit man schlimmstenfalls weiss, sie sind noch da für mich, aber besonders Jugendliche, die so ihre Freund:innen verlieren, möchten vermutlich nichts mit der «verlassenden» Person zu tun haben. Das kann ich ihnen auch nicht vorwerfen. Umso wichtiger ist es, dass die Angehörigen in Kontakt bleiben, besonders, wenn sie selbst nicht dabei sind.

Zungenrede: Obligatorisch für Neugeborene

Reverend Eben Johnson fragte nach, wer denn alles noch nicht in Zungen sprechen könnte, und auf die schüchtern erhobenen Hände antwortete er, nächste Woche am Freitag machten sie «holy ghost prayer» und tauften im Heiligen Geist. Dies ist bekannt als «Geistestaufe», wonach gemäss pfingstlicher Auslegung dann jede getaufte Person in Zungen sprechen können müsste als «Beweis» für den Heiligen Geist. Er meinte weiter, dass Tabletten nichts gegen «Geistliches» nützten, dass wir beten müssten, und dass wir so stark genug würden, um dem Mädchen zu sagen «hey, hör auf» (wobei das eher an die Jungen gerichtet war, so meine Annahme). Das war eine angenehme Abwechslung zum üblichen Freikirchenansatz, dass das Mädchen den Jungen stoppen müsse. Ja, auch Jungs dürfen «Nein» sagen. Zur Untermalung der eigenen Geistlichkeit, so kam es mir vor, erzählte Reverend Eben Johnson, dass er am nächsten Tag acht Stunden lange beten würde, was mich zwar überraschte – acht Stunden sind viel, das ist ein ganzer Arbeitstag – allerdings passte es irgendwie zu ihm: Er wirkte sehr gesprächig, auch für einen Prediger. Ich selbst war an diesem Zeitpunkt schon drei Stunden bei «Bamboo Lovers», und vermerkte in meinen Notizen: «Ich bin nicht ausreichend geistlich für drei Stunden Gottesdienst».

Bekennet euch! Und claimt Satan weg.

Es gab einen «Bekehrungsaufruf», dem einige Jugendliche folgten: Sie gingen nach vorne zum Prediger, auch die Reihe vor mir, die mutmasslich schon lange «das erste Mal» (Bekehrung) hinter sich hatte. Mein Sitznachbar, der mutmasslich nicht ganz so motiviert gewesen war, am Gottesdienst teilzunehmen (er hatte einen Grossteil davon am Handy verbracht) wurde von zwei Jungen «bearbeitet», dass auch er nach vorne gehen sollte. Dass er nicht ging, überraschte mich weniger. Eben Johnson betete ihnen ein Gebet vor – ein klassisches Bekehrungsgebet, mit «ich bekenne meine Sünden» und «danke dafür, dass du mich errettet hast» – und sie beteten es alle nach. Etwas spannender war dann der «Zeigefinger», in welchem sie «Satan weg-claimten». Er sprach vor (allerdings auf Englisch): «Satan, du hast hiermit keine Macht über mein Leben mehr!», sowie einige weitere «Befehle», während er mit dem Zeigefinger eine entsprechende befehlerische Haltung einnahm. Diese wurde sowohl von den «Sich-Bekehrenden» als auch von anderen Besuchenden nachgeahmt und nachgesprochen.

«Come! Jesus will be there»

Wir kamen zu den Mitteilungen. An einem kommenden Sonntag stehe der Gottesdienst unter dem Titel «come!», wobei es um die Evangelisation ging. «Jesus will be there», deklarierte Eben Johnson und er wollte mindestens 300 Personen «for a glorious time in Jesus Christ!». Das Ziel ist, Menschen zu Jesus zu bringen. Im November findet wohl ein «Homecoming» in Ghana statt, welches einige Jugendliche besuchen werden. Im August gäbe es eine «powerful conference», und, aber das sei ein Geheimnis: Bishop, also Dag Heward-Mills, käme in die Schweiz, um ein «camp» mit uns zu machen. Die Jugendlichen freuten sich enorm und ich fragte mich, wie stark der Fokus auf «Bishop» hier war. Zwei Bilder vom «Bishop» waren ganz vorne in der Kirche, auf grossen Fahnen, die vermutlich bei «Evangelisationseinsätzen» aufgestellt wurden. Nach dieser Information gab es das zweite Offering – also das zweite Mal, dass die Jugendlichen um Geld für die Kirche gefragt wurden, wieder mit Code und Korb – und durch das Offering würden wir belohnt werden.

Zu guter Letzt gab es noch ein Abendmahl, in welchem ich das Brot, als wir es nehmen hätten sollen, noch nicht hatten, was dazu führte, dass ich den Traubensaft vor dem Brot einnahm. Atypisch war, dass Eben Johnson dies kommentierte mit «bread, that supernaturally transforms into your body as we eat it», also Brot, das sich auf übernatürliche Weise in deinen (Jesu’) Körper verwandelt, wenn wir es essen. Dasselbe sagte er über das Blut bzw. den Traubensaft. Diese Lehre des «Veränderns» statt einem symbolischen Einnehmen der beiden Nahrungsmittel kenne ich nur von der katholischen Kirche, oder Gruppierungen, die sich an der katholischen Kirche orientieren.

Wer das erste Mal kommt…kommt vermutlich wegen Tik Tok

Als das Abendmahl vorbei war, meinte einer der Jugendlichen, wer heute alles zum ersten Mal da sei, soll nach vorne kommen. Ungefähr zwanzig Personen – von den, meiner Schätzung nach, bis zu 120 Besuchenden – kamen nach vorne und wir stellten uns in einer Linie auf. Normalerweise würde man sich hier bereits vorstellen, aber da der Pastor überzogen hatte (es war etwa 22:20), könnten wir dies nicht machen, und würden nun in einen Raum gehen, für einige «weitere Informationen». Zuvor gab es einen Applaus für uns, quasi als Belohnung dafür, dass wir den Weg gefunden hatten (und mutmasslich auch, dass wir es so lange ausgehalten hatten). Beim Weglaufen hörte ich den jugendlichen Moderator noch sagen, dass sie mittwochs jeweils Hauskreise machten. Im Raum angekommen stellten wir uns in einem Kreis auf und eine der Jugendlichen machte ein kurzes «Debriefing»: Wir hätten ja gemerkt, dass dieser Gottesdienst etwas anders war – womit sie komplett richtig lag, ich hatte noch nie an einem Gottesdienst getanzt – und dass sie sich sehr freuten, dass wir gekommen wären. Sie hatten jeweils am Freitag um 19 Uhr und sonntags um 15 Uhr einen Gottesdienst, und sie würden sich freuen, wenn wir wieder kommen. Anschliessend konnten wir uns alle im Kreis vorstellen (Name, warum wir hier waren, und wo wir wohnten), und ein Formular ausfüllen. Auch im Formular wurden wir um den Namen gebeten, und darum, mitzuteilen, wie wir darauf aufmerksam wurden. In Ermangelung einer besseren Alternative kommunizierte ich, von «Georg» eingeladen worden zu sein, was sicherlich etwas kryptisch war. Dass ich auch im Kreis sagte, ich wäre eingeladen worden, erstaunte den Gesichtsausdrücken nach einige Personen, da ich die ganze Zeit mehr oder weniger allein gesessen war. Mich erstaunte, wie viele der Jugendlichen wegen Tik Tok auf den Gottesdienst aufmerksam wurden. Vielleicht die Hälfte der zwanzig Neuen gab an, wegen Tik Tok hier zu sein. Ich musste mich sehr zusammenreissen, um nicht nach den Statistiken der «Tik Tok Anwerbung» zu fragen, aber es scheint, dass es funktioniert. Bevor ich ging, nahm ich noch eines der Teller mit Nachos mit (und verschluckte mich auf dem Nachhauseweg fast). Ich war so müde vom langen Gottesdienst, dass ich zuhause noch nicht einmal erzählte, wie es gelaufen war, wie ich es bisher immer handgehabt hatte. Die Jugendlichen, die noch eine Weile dort plauderten, werden vermutlich ähnlich müde gewesen sein.

Allgemeine Zusammenfassung: The Good and The Bad

Insgesamt gab es viele Ansätze, die ich grundsätzlich unterstütze: mit 14 braucht man keine Beziehung zu haben, mit 12 zu vapen ist sicherlich nicht gesund, Nacktfotos herumzuschicken ist sehr problematisch, vor allem in einem Alter, in dem man noch nicht voll handlungsfähig ist, und noch nicht alle Konsequenzen der eigenen Handlungen ausreichend versteht. Auch einander zu unterstützen statt sich konstant zu vergleichen ist ein guter Ansatz, und singen und tanzen ist am Gottesdienst sicherlich besser als in irgendeiner Disco, besonders auch für Jugendliche. Mit vielen anderen Ansätzen hatte ich Mühe: Tanz und Lobpreis, der Depressionen heilen soll, ein gewisser Druck, in Zungen sprechen zu müssen (oder es zu können), dass man beim Sex mit anderen Menschen deren Dämonen und Eigenschaften (wie «Idiot-Sein») übernimmt, oder dass man keinen Kontakt mit «Sündigenden» pflegen soll.

Problematisch hierbei ist vor allem, dass besonders Jugendliche gute und schlechte Ansätze von derselben Person eher weniger gut als solches unterscheiden können. Sagt er etwas Gutes, mit dem beispielsweise auch ich einverstanden bin, heisst das nicht, dass er gleich danach nichts Schlechtes, welches langfristig schaden kann, sagt. Gefährlich ist es besonders dann, wenn er Jugendlichen ihren mentalen Zustand, wie die Depression, abspricht, oder sie indirekt dafür verantwortlich macht («nicht neugeboren»), oder anderweitig Angst macht. Auch möglich ist es, dass ein:e Jugendliche:r dann gar nichts ernst nimmt, was er sagt, auch wenn die guten Tipps bedenkenlos verfolgt werden können.

Daneben, dass es viel zu lange ging, hatte ich vermutlich noch nie so viel Spass an einem Gottesdienst, und fühlte mich, abgesehen von etwas Übelkeit, besser als vorher. Den Jugendlichen dürfte es ähnlich gehen, und es ist bestimmt ein besserer Zeitvertrieb als freitagabends Alkohol zu trinken, ob an einer Party oder in einer Bar (solange man hineingelassen wird). Wenn es nur die guten Tipps und das Tanzen und Singen wäre, dann würde ich die Kirche unbekümmert weiterempfehlen, allerdings verderben Teile der Lehre, wie beispielsweise die «Dämonen», die Notwendigkeit der Zungenrede, um wirklich neugeboren zu sein, der Gruppendruck, nach vorne zu gehen beim Altarruf, und das doppelte Verlangen nach Geld die «Bamboo Lovers» für mich.

Angela Heldstab, 10.05.2024
Lexikoneintrag Mustard Seed Chapel