Noch immer wie bei Werner Arn: Besuch beim Gottesdienst der Mission-WW

Die Sonne strahlt uns an, als wir auf dem Parkplatz vor dem Hotel-Traube in Ebnat Kappel aus dem Auto steigen. Das Hotel, idyllisch im Toggenburg gelegen, ist Schauplatz des sonntäglichen Gottesdiensts der Mission-WW, auch als Gemeinschaft Adullam bekannt. Die Gruppe zentrierte sich um ihre Gründungsperson Werner Arn, der für seine gesetzliche und rigorose Theologie, sowie für seine apokalyptischen Vorhersagen bekannt war. Nachdem er 2016 verstarb, übernahm sein Sohn seine Nachfolge. Diese hielt aber nur kurz an, denn im April 2022 wurde er zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, wobei er bereits seit 2019 in U-Haft sass und vorzeitigem Strafvollzug verbüsste. Das von ihm veruntreute Geld in Millionenhöhe hat den Ruf von Adullam nicht gerade verbessert. Vielleicht hat sich die Gruppe deshalb von einst festen Grundsätzen Werner Arns abgewendet, als sie sich 2022, entgegen der Aussage Arns, eine offizielle Struktur einer Gemeinschaft führe zur Sektenbildung, als «Verein Mission-WW» neuorganisierte.

Einzig ein Schaukasten

Abgesehen von dieser Änderung ist über das Gemeinschaftsleben von Mission-WW seit 2016 nur wenig bekannt. Um zu erfahren, wann und wo die Gemeinschaft aktiv ist, muss man direkt beim Hotel Traube vorbeisehen. Neben der Tür befindet sich ein Schaukasten, der zusätzlich zur Information, dass jeden Sonntag ein Gottesdienst im Traubensaal stattfindet, Flyer für Jugendveranstaltungen und Termine für Frauenkreise enthält.

Ob die Vereinsgründung als Abwendung von Werner Arn und damit von seinen problematischen Lehren – wie etwa die Verteidigung von Körperstrafen in der Erziehung – gelten kann, wollen wir herausfinden, als wir uns an dem Schaukasten vorbei durch die Tür bewegen.

Himmel oder Feuersee

Wir gehen einen spärlich eingerichteten Flur entlang, wo uns ein buntes Poster ins Auge springt. «Die 1. und 2. Auferstehung» prangt es darauf als Überschrift, bunte Pfeile und Feuerflammen dominieren das Bild. Es geht um das Thema, das bereits Werner Arn in den Bann gezogen hat: Die Apokalypse. Die in mehreren Schritten dargestellte Geschichte, die von der Ankunft Jesu auf der Erde bis zum «Endkampf» und «Endsieg» reicht, schliesst mit einer finalen Sortierung. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Unterschieden wird zwischen den «Erlösten», wie es auf dem Bild heisst, und denjenigen, die in «den FEURIGEN PFUHL», also in den Feuersee, geworfen werden. Das Bild, das je nach Gesinnung drohend oder hoffnungsvoll wirkt, begleitet uns gedanklich, als wir die Treppe hinunter in den Traubensaal gehen.

Verwunderte Begrüssung

Wir setzen uns gespannt hin und lassen unsere Blicke durch den Saal gleiten. Wir bemerken schnell, dass wir nicht die einzigen Beobachtenden im Raum sind, denn wir werden regelrecht angestarrt. Das ist auch wenig verwunderlich, denn wir sind die einzigen Frauen, die keine langen Röcke, sondern Hosen tragen. Die Frauen haben zudem ihre Haare meist lang und hochgesteckt frisiert, während die Männer kurze Haare haben. Insgesamt hat der Saal Platz für knapp 200 Personen und inklusive der vielen Kinder befinden circa 60 Menschen im Raum. Hauptsächlich sind Familien und ältere Damen im Saal. Einige Männer kommen auf uns zu, schütteln uns die Hände und begrüssen uns freundlich und verwundert zugleich. Einer dieser Männer trägt ein auffälliges weisses Hemd mit Goldverzierungen. Es wird sich später herausstellen, dass er den Löwenanteil des Gottesdiensts leitet und Adrian Jud heisst.

Absenzenkontrolle im Gottesdienst

Zunächst tritt allerdings ein junger Mann auf die Bühne, der angibt, Roger Bachmann – den aktuellen Leiter der Gemeinschaft – zu vertreten. Bachmann sei heute aufgrund eines Auslandsaufenthalts verhindert. Interessanterweise macht der Mann nicht nur auf die Abwesenheit Bachmanns aufmerksam, sondern zählt darüber hinaus die anderen fehlenden Gemeindemitglieder auf. Eine Absenzenkontrolle erleben wir in einem Gottesdienst zum ersten Mal, wobei das nicht das einzige an vergangene Schultage erinnernde Element des Gottesdiensts bleiben wird. Der Mann fährt damit fort, über aktuelle Geschehnisse zu berichten: Zuletzt habe man ein Grillfest in Rot am See (Baden-Württemberg) gefeiert und eine Bibelwoche in Annaberg (Österreich) veranstaltet. Ein aktuelles Projekt bestünde im Aufbau einer Vollzeitmission in Addis Abeba in Äthiopien. Auslandmissionen, die schon zu Zeiten Werner Arns fester Bestandteil von Adullam waren, scheinen heute immer noch eine grosse Bedeutung zu haben. Immer wieder ist die Rede von verschiedenen Missionsschulen im Ausland, manche fest etabliert und andere erst im Aufbau.

Filmreifes Gebetsprozedere

Nachdem die aktuellen Geschehnisse vorgestellt worden sind, wird gebetet. Der Mann beugt sich über sein Redepult und legt den Kopf auf seinen gefalteten Händen ab. In diesem Moment wirft sich eine ältere Dame ein weisses Tuch über den Kopf und lässt diesen ebenso sinken. Der Mann auf der Bühne betet für alle Menschen, die in dieser schwierigen Zeit nach Orientierung suchen. Man müsse sich dennoch keine Sorgen machen, denn auf der Welt geschehe nichts zufällig, keine Krise und auch kein Attentat auf Donald Trump. Jesus bestimme ganz genau wann und wie etwas geschieht und habe einen Grund dafür. Als der Mann mit «Amen» abschliesst, beginnt unmittelbar darauf ein weiterer Mann laut zu beten. Er sitzt in der hintersten Reihe und nimmt sich in seinem Gebet ähnliche Inhalte vor. Es wirkt wie einstudiert, als nach seinem Gebet ein neuer Mann, diesmal in den vorderen Reihen, das Wort ergreift. Nach ihm fängt die Dame an zu sprechen, die sich zuvor das Tuch übergeworfen hatte. Sie betet für die Gemeinde und ist die letzte aus dem Publikum, die laut betet. Der Mann auf der Bühne fährt mit der Verlesung von Könige 2 fort, wo die Rede von Elia ist, der als einer der zwei einzigen Figuren in der Bibel von Gott direkt in den Himmel genommen worden sein soll, ohne dafür sterben zu müssen.

Kindernarr Adrian Jud

Danach betritt Adrian Jud die Bühne. Er erklärt zunächst sein weiss-goldenes Hemd: Damit habe er sich optisch auf die Mission in Äthiopien einstimmen wollen. Abgesehen davon erzählt er ein wenig über sich – seine Vergangenheit bei der Pfadi, seine Begeisterung für Kinder und seine dazu passende Rolle bei Mission-WW. Jud ist verantwortlich für das Kinderprogramm der Gemeinschaft, so steht auf dem Flyer für das diesjährige Kinderfreizeitlager sein Kontakt. Jud beobachtet uns genau, als er mit seinem ersten Predigt-Thema beginnt. Ab nun geht es um die Erziehung von Kindern. Jud schildert unsere Welt als einen Ort, an dem Kinder zur Respektlosigkeit erzogen würden. Er fragt sich, woran das liegt, denn Kinder – ihr Wesen – sei nicht anders als noch vor 40, 200 oder 2.000 Jahren. Es müsse also an der Erziehung hapern. Man merkt, wie Jud nach den richtigen Worten sucht. Immer wieder schaut er zu uns nach hinten. Er scheint zu ahnen, dass wir ihm beim Thema Kindererziehung genau zuhören, denn eine der bestehenden Kontroversen von Werner Arn war seine Verteidigung von Körperstrafen in der Erziehung.

Gott fürchten lernen

Jud erklärt, ohne ein konkretes Beispiel zu nennen, dass die Furcht vor Gott für Kinder eine sichere Festung sei. Dabei bezieht er sich auf Sprüche 14 [26]: «Wer den Herrn fürchtet, hat eine sichere Festung, und auch seine Kinder werden beschirmt». Wir fragen uns, wie Kindern diese Gottesfurcht vermittelt werden soll. Jud geht nicht direkt darauf ein, erzählt aber einige Momente später eine Anekdote von einem seiner prägenden Erziehungsmomente. Seine Söhne hätten im Kindergarten etwas gemacht, was er zunächst gar nicht glaube wollte. Seine Kinder? Aber auch das gehöre dazu, betont er, dass die Kinder einen auch im Negativen überraschen. Jedenfalls habe er sich – zusammen mit seiner Frau Laura – überlegen müssen, welche Strafe nun angebracht sei. Schliesslich entschied er sich dazu, den Kindern drei Tage lang zum Abendessen nur Wasser und Brot zu geben. Ironischerweise sei der Schuss zunächst nach hinten losgegangen: Die Kinder hätten sich sogar über das frische Brot gefreut. Als sie dann am dritten Tag nach einem Schulausflug furchtbar hungrig nach Hause gekommen seien, hätten sie die Strafe doch noch bemerkt.

In Werner Arns Schulzimmer

Während Adrian Jud von seinen Vorstellungen von Kindererziehung berichtet, erhalten wir das Gefühl, zurück im Schulunterricht angekommen zu sein. Dazu trägt nicht nur das Whiteboard bei, das Jud hervorzieht und für Zeichnungen benutzt, sondern auch sein Vortragsstil. Immer wieder stellt er rhetorische Fragen an sein Publikum, wie etwa: «Ist ein Kind ein Hindernis oder eine Gabe Gottes?». Dabei macht er nach dem Wort «Hindernis» eine Pause und zieht das Wort in die Länge. Selbst die langsamsten Zuschauenden können erahnen, dass es sich bei der ersten Option um die falsche Antwort handeln muss. Damit nicht genug, präsentiert Jud die Inhalte gerne als verbalen Lückentext, bei dem die Gemeinde zur Vervollständigung aufgerufen wird. Als er auf die Geschichte von Elia zurückkommt, schreibt er gross «Abholbereit!» auf das Whiteboard und kommt in den nächsten Minuten immer wieder darauf zurück: «Was war Elia?» – Abholbereit! Wir leben unser Leben und seien trotzdem … abholbereit! Werner Arn war bekannt für diese Rhetorik, mit der er seine Gemeinschaft immer wieder in die ihm wohlbekannte Rolle seiner Schülerinnen und Schüler versetzte. Doch nicht nur Juds Stil weist auf eine bestehende Verbindung zu Arn und seinen Lehren hin. Werner Arn wird von Jud häufig erwähnt, zum Beispiel wenn er sich an seinen Enthusiasmus für die verschiedenen Missionen erinnert.

Klare Rollenverteilung

Jud geht darüber hinaus auf das Fehlen von Arn ein, nachdem er verstorben war. So habe er für die Trauung mit seiner Frau Laura nach dem Tod Werner Arns nach einem Ersatz für ihn gesucht. Er habe sich verschiedene Möglichkeiten dafür überlegt, wer sie statt Werner trauen soll und sei bei Lauras Bruder, einem der Ältesten, gelandet. Laura hingegen sei von dieser Idee nicht «inspiriert» gewesen, wie Jud sich ausdrückt. Nun hätte er als Mann, sagt Jud, in dieser Situation entscheiden können, dass er bei seiner Wahl bleibt. Aber ihm sei es wichtig gewesen, die Inspiration seiner Frau zu wecken und sei deshalb in die Stille gegangen, ins Gebet. Er habe Gott gebeten, ihm eine Anregung zu schicken, wen er für die Trauung anfragen soll. Schlussendlich habe er die Eingebung erhalten, einen Marcel aus Albanien auszuwählen. Als er Laura von seinem Plan erzählte, habe sie gestrahlt und ihre Inspiration sei nicht mehr zu übersehen gewesen.

Hochzeitsglocken der anderen Art

Gegen Ende des Gottesdiensts, nach gut zwei Stunden, greift Jud das Hochzeitsthema noch einmal auf, allerdings völlig anders als zuvor. Es geht jetzt nicht mehr um eine persönliche Anekdote, sondern um ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium. Jud stellt die Frage in den Raum, ob eine Braut wisse, wann ihre Hochzeit ist. Laut ihm wisse eine normale Braut Bescheid, denn Gott bereite sie darauf vor. «Wir dürfen uns vorbereiten» sagt Jud, «es geht nach Hause». Jetzt wird klar, dass er nicht wirklich von Bräuten und Hochzeiten spricht, sondern das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen (Mt. 25, 1-13) meint.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen

Dieses in endzeitlichen Gemeinschaften beliebte Gleichnis erzählt von zehn Jungfrauen, von denen fünf klug und fünf töricht sind. Alle Jungfrauen sind in der Geschichte mit Lampen ausgestattet, aber nur die Klugen haben daran gedacht, ihre mit Öl zu befüllen. Als der Bräutigam nachts ankommt und von den Jungfrauen in Empfang genommen werden will, können dies nur die klugen Jungfrauen tun, denn die törichten sehen nicht genug. Obwohl die törichten nach Öl fragen, erhalten sie keines und in der Zeit, in der sie nachträglich Öl erwerben, wird die Tür zum Hochzeitssaal verschlossen. Selbst als sie betteln dürfen sie nicht herein und der Bräutigam spricht eine Bannformel aus: «Amen, ich sage euch, ich kenne euch nicht!». Symbolisieren soll diese Geschichte, dass am Tag der Entrückung, dem endzeitliche Gemeinschaften entgegenfiebern, die vorbereiteten, die guten Christen von den unvorbereiteten getrennt werden. Es soll dann keine Möglichkeit mehr geben, in den Himmel zu kommen und mit Gott zu regieren. Nur die Menschen in Habachtstellung sollen belohnt werden. Die Vorstellung dieser scharfen Trennung hatten wir bereits heute vor dem Gottesdienst erkannt, als uns das Poster im Flur deutlich vermittelte: Entweder Himmel oder Feuersee.

Abschied mit Aufruf

Der Gottesdienst wird beendet und wir nutzen die Gelegenheit, uns noch ein wenig im Saal umzusehen. Dabei werden wir von verschiedenen Frauen angesprochen, die uns zum Mittagessen einladen möchten. Wir lehnen dankend ab und bewegen uns langsam in Richtung Ausgang. Direkt neben dem Feuersee-Poster im Gang befindet sich ein Stand mit diversen Informationsblättern, die wir auf Nachfrage hin mitnehmen dürfen. Als wir uns gerade an dem Stand bedienen, kommt eine Frau auf uns zu und spricht uns freundlich, wenn auch bestimmt an. Sie erzählt uns unaufgefordert ihre Geschichte: Sie habe studiert und ein normales Leben gelebt. Drucksend erzählt sie von «Freunden», die sie gehabt habe, was ihr sichtbar unangenehm ist. Aber jetzt sei sie befreit, denn vor ungefähr fünf Jahren sei sie – in Werner Arns Wortwahl ausgedrückt – «auf die Knie gegangen». Sie habe erkannt, dass nur ein Leben mit Gott richtig sei und am Ende jeder seinen gerechten Lohn erhält. Sie wirbt stark für ihren Lebensstil, der bei uns nicht richtig fruchten will.

Das Motto: Stillstand

Dass sogar eine Person, die erst nach Werner Arns Tod zur Mission-WW dazugestossen ist, für ihn typische Formulierungen verwendet, ist aussagekräftig für den Stillstand der Gruppe. Mit der Treue zu ihrem ehemaligen Leiter scheinen es die Mitglieder der Mission-WW insgesamt ernst zu nehmen. Sogar die Flyer, die wir mitgenommen haben, sind sowohl grafisch als auch was die Formulierungen betrifft, überraschend übereinstimmend mit denen von Werner Arn. Vielleicht teilen die Mitglieder der Mission-WW die Einstellung Adrian Juds, der während des Gottesdiensts sagt, für ihn sind drei Dinge fest verankert: Gott, die Ehe und diese Gemeinschaft. Bei der Erinnerung an die vielen leeren Plätze im Saal erscheint die Wirkungskraft dieser Überzeugung fraglich. Man könnte dem entgegen vermuten, dass das Festhalten an Werner Arn bei einigen zum genauen Gegenteil führt. Als wir das Hotel Traube verlassen, wirkt bei uns der dominierende Satz der mitgenommenen Flyer nach: «Menschen ohne richtige Information unterliegen einer Manipulation».

Julia Sulzmann, 16. Juli 2024

Lexikoneintrag Mission-WW