Mit einigen Bekannten, die wie ich allesamt Aussteiger:innen aus christlich-fundamentalistischen Freikirchen sind, fuhr ich nach Dozwil, um die St. Michaelsvereinigung zu besuchen. Während unserer Fahrt an diesem sonst verschlafenen Auffahrtsmorgen stellten wir fest, dass viele andere ebenfalls den Weg auf sich genommen hatten, um 10 Uhr pünktlich dort zu sein.
Erschlagendes Gebet
Als wir dem Chor folgend ins Gebäude traten, fühlte ich mich erst mal erschlagen. Kaum waren wir durch die Tür getreten, vernahmen wir ein monoton, von vermutlich einem Grossteil der Anwesenden, gesprochenes Gebet an Maria, die Muttergottes bzw. die Mutter von Jesus. Daneben gab es in der St. Michaelsvereinigung bis 1988 noch eine weitere Maria, Maria Gallati, was mich im Verlauf des Gottesdiensts manchmal etwas irritierte.
Das erschlagende, monotone Abbeten desselben Gebets von definitiv, aber vermutlich mehr als 500 Personen zu diesem Zeitpunkt, immer wieder wiederholt – angeblich dreimal, aber mir kam es nach mehr vor – wirkte auf mich, als wäre ich gerade in eine «Bilderbuchsekte», wie man sie aus Filmen kennt, eingetreten, besonders, da alle es auswendig konnten. Auf den ersten Blick sah ich auch eine Liste, eine «Gebetsliste», in die man sich eintragen konnte, wohl um frühmorgens bereits hier für den Gottesdienst die Gebete abzubeten.
Knien, Sitzen, Beten
Wir traten in den Saal hinein. Eine vor uns laufende Person kniete an den Rand des Teppichs, richtete sich gegen Jesus, und verneigte sich, quasi mittels Ausfallschrittes. Für mich war das sehr bizarr. Was es aber noch schwieriger machte, war die Tatsache, dass wir Jesus am Kreuz anfangs gar nicht sehen konnten oder gesehen hatten. Die Empore nahm fast den gesamten Teil des eher grossen Saales als «zweiter Stock» ein, und die Säulen, die sie stützten, versperrten uns ebenfalls die Sicht auf das Kreuz. Einer unserer Gruppe kommentierte später, dass hier wohl jede Architektursünde begangen wurde. Auf das Knien verzichteten wir.
Während unserer leise gehaltenen Diskussion, wo wir denn sitzen könnten, stand ein Herr der allerhintersten Reihe, deren Stühle effektiv direkt an der Wand waren, auf und erklärte ebenso leise, in einer für die (Park-)Platzanweisenden reservierten Reihe hätte es noch Platz, diese würden nur einen Teil der Plätze einnehmen. Wir setzten uns also und nahmen die Bücher unter den Stühlen, die dort zur Verfügung gestellt worden waren, hinaus. Bei dem Buch handelte es sich um das «Mess- und Gesangsbuch», in welchem die wichtigsten Gebete drin waren, aber auch die Lieder. Diese standen leider ohne Noten. Trotz nicht-katholischem Hintergrund konnte ich herausfinden, dass die dort vorhandenen Gebete teilweise mit den bekannten katholischen Gebeten übereinstimmten, aber beispielsweise das «Gegrüsset seist du, Maria» ein Addendum hat, in welchem auch Jesus und Josef vorkommen, nämlich mit einer «zentralen Bitte» (gemäss Webseite): «Jesus, Maria, Josef, wir lieben euch, rettet Seelen!» Diese Bitte hörten wir auch bei unserem Besuch, mehrfach, immer wieder während des zweistündigen Gottesdienstes, und während das bereits selbst etwas merkwürdig ist, wird es merkwürdiger, wenn es 1000 Personen gleichzeitig sprechen.
Allgemeine Eindrücke
Mir fiel auch auf, was Personen so anhatten: einige Frauen waren mit langem Rock und hochgesteckten Frisuren, wie beispielsweise einem Dutt, anwesend, aber abgesehen davon, dass alle «gut» angezogen waren, schien es keine Kleiderordnung zu geben. Sogar lange Haare bei Männern schienen kein Grund zu sein, nicht im Chor mitsingen zu dürfen, sodass ich davon ausgehe, dass es allgemein kein Problem ist. Im Rahmen der Kleidung, der Geschlechter und der Alter war die Besucherschaft enorm durchmischt, was mich etwas überraschte.
Zudem tauchten im Gang zwischen unserem «Block» und jenem rechts von uns noch eine Gruppe von Kindern in weissen Gewänden auf. Die anwesenden Kinder, 22 der 24 übrigens Mädchen, bestand etwa zur Hälfte aus rund 11-jährigen, aber viele davon signifikant jünger, die jüngsten vielleicht so 6-jährig. Sie hatten alle eine Kerze in den Händen, und liefen später gemeinsam nach vorne. Zuerst aber erklang ein Glockengeläut – und zwar ein digitales, d.h., es wurde eine Aufnahme eines «Einläutens» abgespielt – und die zwei Priester sowie vier junge Frauen, auf beiden Seiten zwei, verneigten sich in ihren schönen Roben vor Jesus, der am Kreuz hing, und setzten sich auf ihre Plätze, während die Priester bereits an ihren Platz hinter den «Tisch» gingen. Die Orgel spielte «Ode an die Freude», zum Glück nicht als Aufnahme.
Das «Benedicite», das gesagt wurde, verstand ich zuerst als «venedit site», und fragte mich schon, ob ich mein Kleines Latinum bereits komplett vergessen hatte. Wie es scheint, sprechen sie es hier einfach «anders» aus – das heisst, als die Aussprache einmal kritisiert wurde, hiess es «die Engel sprechen es so aus». Irritierend an der lokalen Aussprache ist die Betonung auf dem letzten i, also ein BenedicIte. Altphilolog:innen würden dies benedIcite aussprechen, mit Betonung auf der drittletzten Silbe. Auf jeden Fall wird es in der St. Michaelsvereinigung, zumindest nach Standard der Altphilolog:innen, «falsch» ausgesprochen. Anschliessend sang der Chor, der sich übrigens auf der Empore befand, ein «Halleluja».
Die Anwesenden bekreuzigten sich mehrfach, unter anderem strichen sie über ihre Lippen, malten also sozusagen die «Arme» des Kreuzes auf ihren Mund. Direkt zuvor und direkt danach malten sie sich ein ähnliches Kreuz auf Stirn und Brust.
Das gemeinsame Beichten
Nach diesem Bekreuzigen beteten sie erneut, und zwar bald mal das «St. Michaelsgebet» (gemäss Messebuch), zweimal, die «Heilige Beichte», bei welcher es eine Stille gab, vermutlich, damit die Menschen Gott ihre Sünden beichteten, und dann sprachen sie den «Reue und Vorsatz»-Teil, der im Messebuch vorhanden war. Danach, und davon war ich etwas überrumpelt, knieten sie hin und waren ruhig. Die Priester sprachen ihren Teil, die Sündiger ihr Bussgebet – in dem zweimal das Wort «gebenedeit» in Bezug auf die Mutter Maria vorkam und ich mir sehr fehl am Platz vorkam – und die Priester wechselten dann zu der Lossprechung. Ich fragte mich, ob es zusätzlich zu diesem Ritual eine Art Beichte gab, in der man sich unterhielt und die eigenen Sünden auch «für menschliche Ohren» nennen konnte. Vielleicht ja mittels Briefkastens beim Ausgang.
Fragwürdige Gebetstexte: Nährboden für Verschwörungstheorien?
Wir sangen gemeinsam das Lied «in Jesu Armen», wobei die Orgel etwas schneller spielte, als wir sangen. Anschliessend sang der Chor das «Kyrie eleison», dann das «Gloria». Beides Lieder, die ich aus klassischen Konzerten viel besser kenne als aus der Kirche. Dann beteten wir ein Gebet an den «Hl. Bruder Klaus», in welchem mir besonders zwei Teile sehr auffielen: «Zeige den Verantwortlichen dieses Landes … den Weg zum wahren inneren Frieden und behüte sie vor dem Eidesbruch mit Gott» und «erwecke starke Männer, dass sie dieses Volk aus seinem Schlafe reissen, und führe sie mit den nach Frieden und Sicherheit rufenden Menschen zu neuen Ufern». Der erste Teil, der innere Friede für die Verantwortlichen dieses Landes, kann man sicherlich verstehen als «hilf ihnen», was ich noch als gut gemeinte Fürbitte interpretieren kann. Beim Teil mit dem Eidesbruch hatte ich meine Probleme. Hatten «die Verantwortlichen dieses Landes» denn einen Eid mit Gott? Handelt es sich hierbei um den Bundesrat? Wenn es sich um den Bundesrat handelt, muss ich davon ausgehen, dass der Eid höchstens in der Bundesverfassung, d.h. in der rechtlich nicht bindenden Präambel, vorkommen könnte. Bei den starken Männern kommentierten meine Bekannten sarkastisch, dass es sich natürlich nur um Männer handelt, denn die sind schliesslich stark und müssen beschützen. Für mich hatte diese Strophe einen sehr verschwörungstheoretischen Unterton. «Aus dem Schlafe reissen» impliziert, dass das Volk schläft und geweckt werden muss, und zudem beinhaltet «reissen» ein gewisses Minimum an Gewalt. Es ist kein sanftes Wecken, sondern ein gewaltvolles Reissen. Nur schon an diesem Gebet bemerkt man eine Differenzierung zwischen «wir», die wach sind, und «dem Volk», das wach werden muss. Ich hatte etwas Mühe mit der Formulierung und fragte mich, ob hinter verschlossenen Türen Verschwörungstheorien verbreitet werden. Der Nährboden dürfte da sein.
Nun lasen die Priester aus dem Epheser. Ich hatte meine Bibel offen und blätterte im Epheser, und schon regte ich mich darüber auf, dass ich die genaue Angabe mit Kapitel und Vers selbst wohl nicht gehört hatte, als er dann wechselte und etwas «aus Lukas» las. Diesmal war klar, dass ich die Angabe auch so nicht hören hätte können, da er sie schlicht und ergreifend nicht genannt hatte. Ich war übrigens auch die Einzige im Raum, die danach suchte. An der Stelle im Epheser ging es um Hoffnung, bei Lukas erzählte er die Geschichte der Auffahrt selbst. Beim nächsten Lied spielte die Orgel wieder schneller als die Menschen sangen, und wir beteten erneut das Gebet an den hl. Bruder Klaus.
Endlich: Die Predigt fängt an…
Nach einer halben Stunde Gesang und Gebet, nennenswerterweise auch erst nach dem Sündenbekenntnis, wurden wir endlich angesprochen von den Priestern. Namentlich mit «Liebe Gotteskinder». Der erste Fokus, den wir haben sollten, sei «Liebe und Gnade». Jesus sei nach seinem Kreuzestod und der Auferstehung nicht mehr derselbe gewesen, der er vorher war. Er redete auch darüber, dass Jesus die «Utensilien», die ihn festnagelten, segnete. Wie er gegangen war (in Macht und Herrlichkeit), würde er wieder zurückkommen. Den vollen Zusammenhang dieser Aussagen hatte ich nicht ganz verstanden, zumindest bezüglich der Utensilien. Ich hatte mich gefragt, ob «Werkzeug» nicht ein besseres Wort wäre.
…und es wird langsam merkwürdig
Der Priester erklärte weiter, wir würden heute eine von drei Predigten hören, die «Matthäus» am 24. Mai 2001 erhalten hat. Wer denkt, er hätte sich beim Jahr gerade verlesen: Nein, 2001, das ist 23 Jahre her. Wir hörten also eine Predigt, d.h., eine Aufnahme aus dem Jahr 2001. Bei «Matthäus» handelt es sich übrigens nicht um einen Mann, der bürgerlich so hiess, sondern um Ulrich Aeberhard, der nett gesagt behauptete oder die Meinung vertrat, dass Matthäus, der Matthäus des Matthäusevangeliums, durch ihn sprach, oder eher durch automatisches Schreiben durch ihn sprach. Übersetzt: Ulrich Aeberhard schrieb etwas und erklärte, dass Matthäus durch ihn geschrieben hat. Wer glauben will, darf natürlich, ich habe meine Zweifel und behalte sie. Diese Aufnahme startete mit den Worten: «Wir Werkzeuge begrüssen euch.» Genau, die Werkzeuge Gottes, die uns wohl erneut das Evangelium verkünden sollten, bezeichneten sich selbst sehr aktiv als Werkzeuge und werden auch heute, nach ihrem Tod, noch als Werkzeuge bezeichnet. Aus diesem Grund werden die «Utensilien», die Jesus ans Kreuz nagelten, mit Sicherheit auch nie als «Werkzeuge» beschrieben.
Eine Beschimpfung aus dem Jahr 2001
Mit diesem ungewohnten Anfang ging es weiter. «Matthäus» erklärte 2001, dass nicht alle Gesichter, die hier im Raum waren, freudig schienen. Obwohl sie dies sein sollten, denn Christen sollen sich freuen. Er beschrieb, dass wir diese Worte «30 Jahre lang von Paulus» (Paulus aka Paul Kuhn, ursprünglicher Gründer und ebenfalls «Werkzeug») gehört hatten, und es immer noch nicht schafften. «Wie oft sollen wir’s denn noch sagen?», gehörte zu seinen Lieblingssätzen, auch «Braucht es immer eine Ermahnung?», in einer lauten, aggressiven Stimme. Genau genommen habe ich mich noch nie von einer Aufnahme, und schon lange nicht mehr von einem Menschen, so «beschimpft» gefühlt. Was doppelt so merkwürdig war, da jener, der schimpfte, mich ja nie gesehen hatte. Unser Werkzeug, Priester, «Matthäus», oder einfach Ulrich Aeberhard, erhielt, wie er es erzählte, auch Briefe, in denen keine Freude vorkam, was er stark kritisierte. Dazu setzte er den Satz: «Diese [Briefe] behalte ich natürlich für mich.». Das würde ich für ihn auch hoffen, egal, ob er rechtlich eine Art seelsorgerische Schweigepflicht hat oder nicht.
Sprachgebrauch als Selbstlegitimation?
Bei seinen weiteren Ausführungen dazu, dass wir uns gefälligst zu freuen hatten, verwendete Ulrich Aeberhard eine Mischung aus «biblisch anklingenden» Formulierungen und «modernerem» Vokabular. Ich empfand diese biblisch anklingenden Formulierungen sehr stark als Selbst-Legitimationen, so, als würde er ausreichend häufig in der Bibel lesen, um die entsprechende Formulierung zu treffen, aber nicht häufig genug, um komplett bibeltreu zu sprechen. Was ja alles grundsätzlich nicht negativ ist, aber irgendwas fühlte sich falsch an. Vielleicht war ein grösseres Problem hierbei, dass er auch stark darüber redete, wie Jesus immer wieder versucht hatte, seinen Jüngern gewisse Dinge zu erklären oder beizubringen, und diese es einfach nicht verstanden. Vermutlich war das grössere Problem hierbei, dass er sehr stark implizierte, mit «Paulus» und Jesus auf einer Stufe zu sein.
Fragwürdige Fragen an die Gemeinde
Die nächste Frage, die Ulrich Aeberhard uns (oder der Gemeinde vor über 20 Jahren) stellte, war: «Was wollen wir auf der Erde erreichen?». Eine gute Frage, die ich durchaus sinnvoll finde: Was ist das Ziel? Was will man selbst? Die Antwort war, dass wir in den Himmel wollten. Dass dies nicht «auf der Erde» war, schien schlicht übergangen worden zu sein.
Weitere grossartige Aussagen waren «sind Sie durchdrungen von dieser Freude?», und «ein gläubiger Christ, der hier einen Platz hat, nimmt [das, was in den Gottesdiensten gesagt wird] mit», damit er nicht wieder jede Woche dasselbe sagen müsse. Einen weiteren Verweis auf den (Mutter) Maria-Fokus, von dem ich zwar schon wusste, war die Erklärung, «wir wollen zu Jesus, neben Maria». Das war für mich auf jeden Fall das erste Mal, dass jemand in diesem Kontext auch Maria erwähnte, im Normalfall handelte die Diskussion doch eher davon, dass Jesus zur Rechten Gottes sass, und wir dann ebenfalls irgendwo dort am Tisch. Dies klappt übrigens, so «Matthäus», nur, wenn wir gehorchen, uns unterordnen, nicht immer unseren Willen durchsetzen wollen. Auch hier: Er sagte uns nicht, was genau wir jetzt tun sollten, aber betonte, dass es in erster Linie schon mal nicht das war, was wir machen wollen würden. Was bisher aus der Predigt entnommen werden konnte, war, dass ich mich zu freuen und zu gehorchen hätte.
Grosse Gefahr?
Die nächste zumindest interessante Aussage war «diese Worte hörte ich, als ich in grosser Gefahr war, und ich sage es ohne Filter». Es bezog sich weiterhin auf dieselbe Situation, und ich frage mich immer noch, in was für einer «grossen Gefahr» Ulrich Aeberhard sich befunden haben möchte, als er «diese Worte hörte» – war er zufällig zu schnell auf der Autobahn unterwegs? Oder verbrachte er einen Teil seines Lebens irgendwie in einer Region, in welcher Christen verfolgt würden? In der Schweiz kann ich mir kaum eine solche «grosse Gefahr» vorstellen, aber ich war 2001 auch nicht besonders alt. Oder sprechen wir hier gar nicht über Ulrich Aeberhard, sondern «Matthäus» anno dazumal, als das Evangelium geschrieben wurde, und die Vorstellung Aeberhards davon, was Evangeliums-Matthäus erlebt haben könnte?
Fehlende Kritikfähigkeit? Nein, Kritik ist Sünde
Der Gottesdienst ging weiter, und «Matthäus» sagte: «Meine Körperlichkeit» – also jener Teil von «Matthäus», den Ulrich Aeberhard darstellte – sei «hinten angestellt», nicht besonders wichtig, mit Betonung, dass «auch ich habe meine Schwächen, doch auf diesen soll niemand herumreiten, denn das wäre eine Sünde». Diese Aussage fand ich besonders stark von einem Mann, der gerade vorher auf unseren Schwächen – nicht donnerstagmorgens voller Freude zu sein, oder manchmal nicht so erfreut zu sein – herumgeritten war. Durfte man nur auf seinen Schwächen nicht herumreiten, oder durfte nur er auf Schwächen herumreiten?
Aeberhard «warnte» uns, davor, dass der «Feind» uns ein «Bein stellt» und fragte im Rahmen seiner Ausführungen: «Wollt ihr bei den Verdammten sein? Sicher nicht! Ihr tätet mir Leid.» Interessante Aussage für jemanden, der anscheinend das Gegenteil von dem macht, was er von anderen verlangt.
Ein freudiger Widerspruch
Aeberhard verglich sich weiterhin mit Jesus und sagte, er spräche «aus Herzen, ohne Verstand», und doch glauben es Leute nicht. Er und Jesus hätten «so oft gesagt und ihr glaubt immer noch nicht». Für die, die glauben, hatte er aber noch eine gute Nachricht: Wir würden im Himmel verherrlicht. Erst dann dürfen wir uns so freuen wie noch nie. Zur Erinnerung: Am Anfang der Ausführungen hiess es, dass wir uns mehr freuen sollten. Jetzt heisst es, dass wir uns «erst dann» wie noch nie freuen sollen. Ich bin nicht sicher, wie genau man die eigene Freude so stark messen kann. Die Himmelsfreude sei «durch Schmerzen, Leid und Nöte» verdient worden. Damit bezog er sich nicht auf Jesu Schmerz, Leid, und Nöte, sondern auf jene der Zuhörenden. Wir mussten uns also freuen, aber gleichzeitig leiden, und uns dann erst im Himmel so richtig freuen. Wenn ich anhand dieser Predigt mein Leben anpassen wollen würde, dann würde ich spätestens hier kläglich scheitern.
Eine christliche Wiedergeburt?
Die nächste Aussage war «viele von uns waren mal» (im Bezug auf den Himmel) «und sind zurückgekehrt». Nach meinem Verständnis sind «damalige Zeugen», also verstorbene Christ:innen, auf die Erde zurückgekommen. Wie genau, ob mittels einem «eigenen» Körper oder so, wie es die Michaelsvereinigung von sich behauptet – nämlich indem die «Zeugen» durch jetzt lebende Menschen oder «Werkzeuge» sprechen, war nicht ganz klar, aber ich gehe von letzterem aus. Verwirrend hier war aber die andere Aussage, dass «damalige Zeugen abfallen wegen schwerster Sünden». Mittels «Werkzeug» Sünden zu begehen, stelle ich mir als schwierig vor. Es ist gut möglich, dass sie doch Reinkarnation lehren. Allgemein schwierig fand ich dieses merkwürdige Weltbild, das irgendwie an eine Form der Reinkarnation glaubte und sich als christlich, dann sogar noch katholisch, darstellte oder zu darstellen versucht.
Geistige Sprache: Unverständnis ist selbstverschuldet
Natürlich bietet uns die St. Michaelsvereinigung auch eine Ausrede an, warum beispielsweise ich von diesen Aussagen so verwirrt sein könnte. Es gibt nämlich, so hiess es, die «geistige Sprache», welche wir verstehen, wenn wir «Kinder des Lichts» sind. Diese Sprache spräche Gott. Gleichzeitig kann man diese Aussage auch als Einleitung zum nächsten Teil verstehen, denn dieser war sogar noch wirrer als die bisherige «Predigt», und klang etwas kompliziert. Natürlich versteht man das nur, wenn man den «Kindern des Lichts» zugehört, wer das nicht tut, ist selbst schuld, wenn man das, was Ulrich Aeberhard sagt, nicht versteht. Den nächsten Teil habe ich aber ansatzweise verstanden: Er meinte: «Gott hat die Mutter, Maria, geholt und gab ihr seinen Leib, den sie ihm gab.» Übersetzt: Gott hat eine Frau «rekrutiert», jemand, die einen menschlichen Körper hat, und gesagt «hallo, ich müsste da mal einen menschlichen Körper für mich selbst machen. Ich gebe mich dir, sozusagen als Leib, Embryo, Kind, damit du mich erst in deinem Bauch wachsen lassen kannst, dann gebär mich bitte, damit ich einen Leib habe». Sie gab ihm den Leib (Geburt), den er ihr gegeben hatte (Befruchtung), nachdem Gott die Mutter «geholt» (sozusagen «rekrutiert») hatte.
Als die wirre Erläuterung aus dem Jahr 2001 von «Matthäus»-Ulrich-Aeberhard endete, kommentierte ein Priester, er wäre «froh, Aufzeichnungen von Werkzeugen» zu haben. Ich irgendwie auch – es gibt einen aussagekräftigen Einblick darin, wie diese Gemeinschaft funktioniert – und irgendwie auch nicht: Ich hätte gerne eine aktuellere Predigt gehört, die optimalerweise diese Woche vorbereitet wurde.
Eine alte Eingebung
Eine vergleichbare «Aufnahme einer «Eingebung»», von Maria Gallati, die im Jahr 1988 gestorben war und meistens den Erzengel Michael «channelte», würde als nächstes drankommen. Heisst, der Engel soll sozusagen durch ihren Körper mit ihrer Stimme sprechen. Besser noch: der Prediger sagte, er fände es «gut, sowas zu hören in Momenten der Schwäche». Also liessen sie auch diese Aufnahme laufen.
Direkt auffällig war ihre Stimme. Sie sprach enorm monoton, exakt dieselbe Tonhöhe, zumindest soweit ich das beurteilen kann. Dann, bei der letzten Silbe, oder teils auch dem letzten Wort, fiel die Tonhöhe ab, sie verstummte, verschluckte diese Silbe sehr häufig. Fast, als hätte sie auch einfach keine Luft mehr gehabt. Wer von trance-artigen Gesängen ausgeht, und dann einfach noch eine durchdringende, weibliche Stimme mit dieser Monotonalität und dem Ausbleiben der Luft gegen Ende kombiniert, dürfte eine gute Vorstellung des Klangs haben. Pausen machte sie ebenfalls einige.
Inhaltlich war ihre erste Frage, wie viele Menschen denn heute, an Auffahrt, ihre Kinder aufgeklärt hätten, was heute für ein Tag war, und sagte, dass der erste Gedanke Christus zu gelten habe. «Jesus hat uns geliebt und ist zum Vater zurück». Die Himmelfahrt wäre sein Weg gewesen, um zu zeigen, dass es ein vollständiges, unsterbliches Leben gäbe. Doch die Menschheit erkenne die grosse Liebe des ewigen Vaters nicht. Maria Gallati klingt verzweifelt, ihre letzten Wörter sind kaum hörbar, als wäre die Luft weg.
Mutter Marias Blut am Kreuz
Als wäre dieser Gottesdienst nicht schon ausreichend merkwürdig, zumindest für mich persönlich, kam eine nächste Überlegung, die in erster Linie an die Mütter im Raum – von denen es, gemessen an der Präsenz der Kinder, einige gab – ging: «Ihr Mütter, euer Kind hat euer Blut.» Mit meinen nicht beeindruckenden Biologiekenntnissen könnte ich hier jetzt weder fundiert dafür oder dagegen argumentieren; während die Blutgruppe nicht zwingend dieselbe sein muss, könnte man sicherlich argumentieren, dass für die Entstehung des Kinds das Blut der Mutter irgendwie relevant ist. Ihre Schlussfolgerung war aber um einiges merkwürdiger: Jesus hat (auch) (Mutter) Marias Blut. Das heisst, als am Kreuz Jesu’ Blut vergossen wurde, wurde «auch» Mutter Marias Blut vergossen, denn Jesus war ja ihr Kind. Und wenn er König ist, dann ist Mutter Maria Königin. Sie, d.h. nicht die Mutter Maria, sondern das «Werkzeug» Maria Gallati, sprach dann über die Himmelskönigin, die Mutter Maria, die «uns allen» Mutter ist, wer sie anfleht, werde nie leer ausgehen, denn sie lege Fürbitte bei Jesus ein. Diesen Teil leitete sie ein mit «Ihr wurdet gelehrt». Durch die Mutter Maria würden wir geprüft, ob Menschen in Wahrheit und Liebe lebten oder ob sie Feindschaft im Herzen hätten. Jesus habe gesagt, wer meine Mutter nicht annimmt, dem werde ich sagen, ich habe dich nie gekannt. Meine Schlussfolgerung aus dieser Ausführung war, dass die Verehrung der Mutter Maria wohl gemäss dieser Vereinigung relevant für das persönliche Heil bzw. die eigene Errettung war.
Die Aufnahme endete, Personen bekreuzigten sich «über den Mund». Zur Aufnahme wurde gesagt: «Werkzeug Maria, aus ihr sprach Erzengel Michael». Ein zweizeiliges Gebet an Mutter Maria, nicht im Heftchen vorhanden, dann dreimal das Bussgebet, ein Lied, das Glaubensbekenntnis. Beim Glaubensbekenntnis war spannenderweise der Teil «ich glaube an die heilige katholische Kirche» drin, obwohl es in den 1990er-Jahren zu einer Trennung zwischen der St. Michaelsvereinigung und der römisch-katholischen Kirche kam.
Das Abendmahl: Mundkommunion durch Ministrantinnen
Das letzte war nun die «Darbringung des Brotes», die «Aufopferung des Brotes», bei welcher sie Wein und Wasser mischten. Gemäss ihrem Messbuch war das Mischen so geplant, aber persönlich hatte ich davon das erste Mal gehört. Die beiden Priester, die gar nicht synchron sprachen oder sich irgendwie synchron bewegten, trotz gleicher Aufgabe, «opferten» den «Kelch des Heiles». Sanctus-Gesang untermalte das Vorbereiten des Abendmahls. Beim späteren Sprechen verwendeten die Priester lateinische Formeln – hoc est enim corpus meum (dies ist mein Körper, zum Brot) etc. –, überkreuzten den Kelch mit dem Brot, alles komplett asynchron. Das Vaterunser der Gemeinde beinhaltete die Variante «und führe uns in der Versuchung». Ich nahm am Abendmahl teil, auch wenn das vermutlich nicht besonders gut ankam oder angekommen wäre, und reihte mich in die Linie ein. Vorne, beim Kreuz, an dem Jesus hing, verneigte auch ich mich via Ausfallschritt vor Jesus – das wäre ansonsten sehr aufgefallen, denn das haben alle gemacht – und kniete dann, als ich an der Reihe war, auf eine Art Sitzpolster. Die St. Michaelsvereinigung hat keine besondere Freude an der Handkommunion (dass man das Brot selbst in die Hand nimmt) und verfolgt Mundkommunion. Es gab im grossen Raum insgesamt vier solche Polster, je zwei links und rechts von der Mitte des Altars. Auf beiden Seiten stand je ein Priester und eine ähnliche Menge an Mädchen, die ebenfalls das Abendmahl verabreichten. Ich erhielt also mein Brot, mit gemischtem Wein und Wasser getränkt, indem ein maximal 12-jähriges Mädchen, vielleicht noch jünger, es mir in den Mund legte und dabei «Jesus» flüsterte. Neben ihr stand einer der beiden Priester, der ebenfalls Personen das Brot in den Mund legte, und mich kurz böse anschaute. Zugegeben, ich war auch neugierig stehen geblieben und nicht ganz sicher, was ich als nächstes tun sollte. Nachdem alle rund tausende Menschen gesättigt und zurückgekehrt waren, fand ein Gebet an den heiligen Josef statt, welches ich im Messbuch nirgends finden konnte. In den Mitteilungen hiess es, dass sie an den darauffolgenden Einkehrtagen bereits über 100 Teilnehmende hatten, und dass ein Abendessen im Landhaus für die Angemeldeten stattfinden würde. Die Lehre selbst würde wohl eher an solchen Einkehrtagen diskutiert. Mit dieser Predigt konnte ich persönlich erstaunlich wenig anfangen.
Offene Fragen
Wir verliessen den Saal und ich sammelte noch einzelne aufliegende Flyer ein, in der Hoffnung, irgendwie noch mehr zu ihrer Lehre herauszufinden, ohne an den Einkehrtagen teilnehmen zu müssen. Eines dieser Heftchen gehörte zur Stiftung Sokrates, eine gemeinnützige Organisation, die finanziell unter anderem Bildung basierend auf christlichen Werten unterstützt. Ein anderes Heftchen deklarierte, dass die «SARS-CoV2-Impfungen» beendet werden sollte. Beim Erblicken dieses Heftchens vermutete ich, dass Verschwörungstheorien, die eben auch besonders im Kontext mit Covid19 stehen, hier zirkulieren könnten.
Auf dem Weg zum Parkplatz erkundigte ich mich bei einem älteren Herrn, ob das mit den Aufnahmen denn hier so üblich wäre. Er fragte nach, ob ich «die Aufnahmen der Werkzeuge» meinte, und ich nickte. Das gäbe es nur an speziellen Tagen, beispielsweise an Auffahrt, fünf bis sieben Mal im Jahr. Er selbst sei seit über 50 Jahren dabei, seit er ein kleiner Junge ist. Sein Gesichtsausdruck war, meinem Empfinden nach, etwas verträumt, was sicherlich bei allen älteren Menschen geschieht, wenn sie über ihre Kindheit sprechen. Nur die Art, wie er «Werkzeuge» gesagt hatte, fand ich merkwürdig. Wer also keine Aufnahmen hören möchte, sollte an einem möglichst normalen Sonntag gehen. Gottesdienste haben sie ausreichend viele.
Die grosse Besucherzahl, rund tausend Personen, hatte mich überrascht. Die St. Michaelsvereinigung betrieb rund um den Muttertag 1988 merkbar Panikmache, indem sie deklarierten, dass innert kürzester Zeit UFOs auf die Erde kämen, um die Kinder vor den kommenden Endzeitereignissen zu retten. Damals waren es rund 3000 Mitglieder. Es wäre zu erwarten gewesen, dass sie mehr schrumpfen, und ich frage mich, inwiefern die St. Michaelsvereinigung mit gemeinnützigen Stiftungen arbeitet, die dann finanziell schwache Personen zum Besuch in die Kirche «einlädt». Am Gottesdienst selbst kann es kaum liegen, zumindest nicht, wenn dieser, mit oder ohne Aufnahme, ansatzweise repräsentativ ist. Die Frage, was genau an der St. Michaelsvereinigung so faszinierend ist, dass sie am Wochenende tausend Besuchende, zu guten Teilen aus anderen Kantonen anzieht, bleibt für mich ebenfalls offen.
Angela Heldstab, 18.07.2024
Lexikoneintrag St. Michaelsvereinigung