Ein Besuch beim Sonderkongress der Zeugen Jehovas in Zürich
Glossar:
Das Königreich: Das Königreich Jehovas breitet sich durch die Verkündigung der guten Botschaft, also das Missionieren, aus.
Das neue System: Die Zeugen Jehovas glauben, dass wir aktuell in einem «alten System» («dieses System») sind, in welchem Satan regiert. Jehova wird «bald» alle zerstören und ein Millenium wird anbrechen, in welchem nur die Zeugen auferstehen. Dieses Millenium wird «Das neue System» genannt. Regiert wird es von den 144000 «Geistesgesalbten» unter der Leitung von Gott. Dort soll es keine Krankheiten und Nöte mehr geben.
Einlass
Es war ein sonniger, warmer Samstagvormittag, als ich mich auf den Weg zum Kongress der Zeugen Jehovas machte. Um das Stadion Letzigrund standen einige Männer, die mich an die Zeugen erinnerten: Formell angezogen, alles Männer, beobachteten die umliegenden Ereignisse und überprüften vermutlich den Einlass. Ich lief zu einem der Eingänge und fragte nach, ob ich denn den Kongress besuchen dürfe. Einer der beiden Zeugen, nennen wir ihn R., am Eingang lächelte mich an und erkundigte sich, von welcher Versammlung ich denn sei. Damit meinte er, welche lokale Ortsgemeinde ich denn üblicherweise besuche, und ich schüttelte den Kopf und erklärte ihm, dass ich aus Interesse hier wäre. Ich sei über die Webseite auf sie gestossen und da auch die Medien über sie berichtet haben, dachte ich mir, ich könne sie auch gleich mal besuchen kommen. Technisch gesehen ungelogen – die Zeugen Jehovas, die man vor allem im Kontext ihres Tür-zu-Tür-Gehens kennt, interessieren mich durchaus, auch wenn ich mehr über ihren Glauben weiss und wusste, als ich ihm mitgeteilt habe. R. führte mich zum deutschen Sektor – das Stadion war in drei eingeteilt: Deutsch, Englisch, Italienisch – und erklärte dem Platzanweiser: «Das ist Angela, sie ist interessiert und würde gern teilnehmen.» Ich erhielt einen Platz auf einer Reihe, die noch in der Sonne war; diese sei in 20 Minuten weg. Aufgrund meiner Angst, nicht hineinzukommen, war ich tatsächlich eine Stunde zu früh dort, und hatte ausreichend Zeit, mich umzusehen, und ausserhalb der Sonne zu stehen.
Die Taufe: vollständiges Untertauchen im Letzigrund
Über Samstagmittag fand die Taufe statt. Sie hatten beim englischen Sektor einen grösseren Pool aufgestellt, gefüllt, und rund acht Männer standen darin und warteten auf die Täuflinge. Diese Männer, von Zeugen auch als «Brüder» bezeichnet, trugen alle ein weisses Oberteil und Badehosen. Ein Täufling nach dem anderen kam über eine Treppe in den Pool hinein, wurde von einem der Männer vollständig ins Wasser gelegt, kam zu Publikumsapplaus hinaus, und kletterte danach über die andere Treppe wieder hinaus. Die Täuflinge, sowohl Männer als auch Frauen, trugen neben ihren eher langen Badehosen alle ein farbiges oder schwarzes T-Shirt. R. erklärte mir, dass die Zeugen neben der Taufe auch ein «persönliches» Bekenntnis zu Jehova machen, sozusagen hinter geschlossenen Türen, welches sie «Hingabe» nennen. Nach der Hingabe lassen sie sich öffentlich taufen, um zu bezeugen, dass sie nun offiziell zu den Zeugen Jehovas zählen. R. erklärte mir, dass sich die Zeugen eher als Erwachsene taufen lassen – was natürlich viele Freikirchen machen – und die meisten zwischen 16 und 80 sind. Es sei aber kulturell abhängig, bei manchen, beispielsweise in Lateinamerika, würden auch schon 10- bis 12-jährige getauft. Er persönlich fände das etwas zu früh, und da musste ich ihm zustimmen. Für den lebenslangen Einsatz für Jehova, den man mit der Taufe kommuniziert, ist 10-jährig definitiv zu früh.
Erste Eindrücke
Anderen Zeuginnen wurde ich ebenfalls als «interessiert» vorgestellt, und sie waren sehr nett, haben mich ebenfalls direkt geduzt und mir ebenso schnell angeboten, dass ich mich bei Fragen über die Bibel an sie wenden könne. Sie interessierten sich für den Grund meines Auftauchens, aber auch ganz allgemein mein Leben: was ich mache, woher ich komme, und so weiter. Ich habe mich schnell wohl- und aufgenommen gefühlt, und auch ihre persönlicheren Fragen, die sie mit «also, du musst nicht antworten, wenn du nicht möchtest» begleitet hat, beantwortet.
Wenn Bärte plötzlich erlaubt werden
Die Tatsache, dass ich sehr brav angezogen war, half natürlich darin, dass ich nicht besonders auffiel. Die Kleidung habe ich sehr bewusst gewählt: ein langes Kleid, darunter ein weisses T-Shirt, wenig Schmuck, wenig Haut. Das Riskanteste an meinem Outfit: die Sandalen, die hatten nämlich hohe Absätze. Die meisten Zeuginnen trugen flache Schuhe, wie mir dort auffiel. Alle Frauen, die ich sah, trugen Kleider oder zumindest Röcke, auch wenn wir hier argumentieren können: Mitten an einem heissen Juli-Tag geht auch niemand in langen Hosen ins Stadion Letzigrund, zumindest nicht, wenn stattdessen ein langes Kleid getragen werden kann. Das gilt natürlich nicht für die Männer. Bei denen fiel mir etwas ganz anderes auf. Seit Ende letzten Jahres, anfangs Dezember, dürfen die Männer bei den Zeugen Jehovas wieder einen Bart tragen. Das war vorher lange nicht erlaubt (oder «empfohlen»), mit der Begründung, dass einen Bart zu tragen ungepflegt sei, keinen guten Eindruck mache. Die meisten Männer waren weiterhin glattrasiert, aber ich sah mehrere, die einen Bart tragen. Selbst Tattoos sah ich – aber diese stammten, wie meine Sitznachbarin meinte, vermutlich eher von «vorher». Zeugen würden sich, wenn überhaupt, an unauffälligeren Orten, die man besser verbergen konnte, tätowieren.
Die «geladenen Gäste», 3000 Zeuginnen und Zeugen aus «aller Welt», hatten festliche Gewänder aus ihren jeweiligen Kulturen an. Mit der Vielfalt der Kleidung, und dem Wissen: «Das sind alles Zeugen Jehovas», entstand selbst für mich das Gefühl einer riesigen Einheit, die über alle Welt verteilt «die gute Botschaft» predigt. Wer den geladenen Gästen geholfen hatte, beispielsweise indem sie diese am Flughafen abgeholt und zum Hotel geführt hatte, trug ein grünes Band, sozusagen ein Halsband, an welchem man Schlüssel anhängen konnte, mit einigen Badges, auf denen beispielsweise stand «Welcome to Switzerland».
Hauptthema das Kongresses: Der Predigtdienst.
Der Kongress stand unter dem Titel «Macht die gute Botschaft bekannt», anderweitig auch «Missionieren» genannt. Die Zeugen Jehovas würden es auch als «Verkündigung des Königreichs» beschreiben, oder eben: den Predigtdienst. Beim Predigtdienst handelt es sich um einen Überbegriff, der die Ansätze beschreibt, mittels welchen man anderen Personen, die nicht Zeugen Jehovas sind, von der eigenen Religion erzählt. Beim Predigtdienst einbegriffen sind die Tür-zu-Tür-Dienste, vermehrt als störend empfunden, aber auch das «Predigen auf der Strasse», das heisst, mit ihren kleinen Rollwagen auf die Strasse zu stehen und Traktate oder Magazine zu verteilen, sowie das «Bibelstudium»: Regelmässig zu Personen nach Hause zu gehen und mit ihnen die Bibel lesen, Fragen beantworten, oft bevor diese Personen selbst zu Zeugen werden. Der Ausdruck «die Bibel studieren» wurde übrigens ausschliesslich so verwendet, die Worte «die Bibel lesen» fielen nicht.
Kindliche Predigt
Nach einem ersten Musikvideo, in dem es darum ging, dass die Zeugen Jehovas alle ihren Alltag alleine bestritten, unter konstantem Risiko, von der Polizei kontrolliert zu werden, und sich am Ende gemütlich trafen, begann die Moderation. Der Moderator sprach langsam, deutlich, aber: als wären wir Kinder. Er verwendete die einfachsten Wörter, und die Sprachmelodie war am ehesten vergleichbar damit, wie ich mit kleinen Kindern sprechen würde, um ihnen «ganz schwierige Sachen» möglichst einfach und nachvollziehbar zu erklären. Diesen Eindruck erhielt ich bei mehreren Predigern. Bevor es mit den Kurzpredigten verschiedener Männer losging, sangen wir ein Lied – «dafür bitte aufstehen, wer kann» – und als das Lied endete, blieben alle stehen, bis der Moderator in seinem üblichen Tonfall sagte: «Ihr dürft euch wieder setzen.» Im Verlauf des Nachmittags sagte er stattdessen: «Nach dem Lied und den Bekanntmachungen dürft ihr euch wieder setzen», ehe das Lied begonnen hatte. Eine zweite Anweisung brauchte es dann nicht.
Abfälliges Geschwätz: ein paar gute Tipps
Bei der ersten Predigt ging es um «abfälliges Geschwätz», also das Lästern oder Verbreiten von Lügen. Dass dies «Diener von Jehova» nicht machen sollten, hat er schnell klargestellt, denn hierbei handelt es sich um eine «Erfindung von Satan im Garten Eden», um die Menschen gegen Gott rebellieren zu lassen. Somit sei es eine sehr gefährliche Handlung. Der Prediger, Bühler, erklärte, dass «wir Zeugen» versuchen sollten, das Gespräch in eine positive Richtung zu lenken, und, wenn dies nicht möglich war, uns aus dem Gespräch hinauszuklinken. Wer über einen selbst oder «die Organisation» (gemeint: die Zeugen Jehovas) Schlechtes sagte, den soll man, wie Jesus es tat, durch die eigenen Taten entkräften. Die angenommene Vorbildfunktion von Jesus war stark präsent, die Frage «was hat Jesus getan» prägte auch die folgenden Predigten. Auch bei jeder Predigt gab es ein Video, das inhaltlich das Genannte aus der Predigt entweder ergänzte oder einfach wiederholte. Alle Videos waren zudem auf Schweizerdeutsch synchronisiert. In diesem Video ging es um eine Familie, die «eine Schwester» bei der Geburt verloren hatten. Das Thema Bluttransfusion wurde beiläufig angesprochen; die Verwandten warfen es den Zeugen vor, dass die junge Frau deswegen gestorben sei. Ob dies der Fall war, wurde nicht weiter diskutiert; stattdessen ging es darum, dass sie ruhig bleiben konnten und weiterhin den Predigtdienst machten, am Schluss sogar einige ebendieser Verwandten für den Besuch einer Versammlung gewannen.
Unreine sollen bitte die Klappe halten
In der nächsten Kurzpredigt ging es darum, was zu tun wäre, wenn man zwar bereits die eigenen Sünden bereut habe und Jehova «die Tafel gewischt hat», man aber weiterhin von Gewissensbissen geplagt werde. Wir sollen diese mittels Jesus besiegen. Als Petrus Jesus dreimal nacheinander verleugnete, ehe der Hahn krähte, liess Jesus ihn später dreimal beteuern, dass er ihn liebte. Die «unmoralische Frau», die Jesu Füsse wusch, hörte danach «Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden.» (Lukas 7, 50, Neue-Welt-Übersetzung). Jehova hälfe uns bei der Überwindung unserer Schuld. An diesem Teil interessierte mich eher das gezeigte Video. Eine Frau aus den USA erklärte, dass sie gesündigt und bereut hätte, und sich weiterhin schlecht fühlte. Sie investierte ihre Zeit vermehrt in den Predigtdienst und darin, die Bibel zu studieren. «Als ich dann wieder Kommentare machen durfte», erklärte sie. Ich erkundigte mich später, was genau damit gemeint sei. Die befragte Person war unsicher, sie hatte das Video nicht vollständig mitbekommen, aber es könne sein, wenn jemand unmoralisch gehandelt habe – ich schlug Ehebruch als Beispiel vor – gesagt würde, sie solle sich jetzt gerade etwas zurückhalten, bis die «Situation geregelt» sei. Heisst, wer beispielsweise einem Ältesten gesteht, dass er gesündigt hat, dem wird gesagt, er, oder sie, solle vorläufig dem gemeinsamen Bibelstudium nichts beitragen, da er gerade nicht «mit Jehova im Reinen» sei. Wer unmoralisch handle, sei kein Vorbild mehr und somit auch nicht mehr rein. Und Reinheit sei Jehova wichtig. Der Gesichtsausdruck bei diesem Satz war ernst, im Gegensatz zu vorher, als immer mindestens ein leichtes Lächeln dabei war. Die Reinheit ist Jehova also besonders wichtig. Ich erkundigte mich, ob das auch für den Predigtdienst gilt. «Nein», lautete die Antwort, «um da ausgeschlossen zu werden, muss man etwas ganz Schlimmes gemacht haben – zum Beispiel ein Kind der Versammlung missbraucht haben». Ein unerwartetes Beispiel. Der Vorwurf, dass die Zeugen Jehovas Kinderschänder schützen, besteht bereits lange. Unterdessen dürfen Zeugen aber zur Polizei gehen, wenn so etwas passiert. Zuvor hiess es, dass man «keinen Bruder vor ein weltliches Gericht» ziehen soll, und hat allfällige Disziplinarmassnahmen innerhalb der Gruppe durchgeführt.
Keine Reue für die Sünden zu zeigen oder eine «besonders schwere Sünde» zu begehen, kann Grund eines vollständigen Ausschlusses aus der Organisation sein, wobei man mit letzterem durch das Zeigen von Reue «nur» vom Predigtdienst ausgeschlossen werden könnte. Der Prediger beendete die Rede mit einem: «wichtig sind nicht unsere Fehler, sondern das, was wir daraus machen, wenn die Tafel gewischt ist», und die nächste Predigt begann.
Das Normalste der Welt: Amokläufe an Schulen, auch in der Schweiz
Unter dem Titel «Beunruhigende Nachrichten» ging es weiter. Ein Schweizer Prediger aus Bümpliz predigte auf Schweizerdeutsch. In seiner Einleitung beschrieb er, wie wir beim Essen unseres Frühstücks die Nachrichten schauten, in diesen «mal wieder» über einen Amoklauf an einer Schule berichtet wurde, und uns das erst mal kalt liesse, bis wir den Namen der Schule hörten und vielleicht jemanden kannten, oder Angst um unsere Kinder oder andere Kinder hätten. Der Prediger erzählte das, als wäre es auch für ihn ganz normal, morgens in den Nachrichten von einer Schulschiesserei zu hören, und den Namen der Schule vielleicht sogar zu kennen. Die Zuhörenden verzogen ebenfalls keine Miene. Die Predigten werden zentral produziert und von den Predigern einfach eingeübt, und das wurde bei diesem Beispiel besonders klar. Zwei Wochen später soll in Friedrichshafen übrigens der exakt selbe Kongress stattfinden, mutmasslich auch dort mit diesem Beispiel.
Ein Applaus auf die Vernichtung?
Neben diesen beunruhigenden Nachrichten gäbe es auch eine gute Nachricht, noch bevor «dieses System» ende: Die gute Botschaft würde überall auf der Erde bekanntgemacht werden. Das Königreich im Himmel bringe dann «echten Frieden»: Er erklärte, Jehova würde «jene vernichten, die die Erde zerstören, und was Neues erschaffen». Es entstand ein spontaner Applaus. Der Tonus war einfach: Je schlechter die Nachrichten, desto baldiger kommt das Ende. Dank der Sicherheit durch Jesus können wir, so erklärte er weiter, einen positiven Ausblick auf die Zukunft haben. Das gezeigte Video diskutierte, wie das «Refokussieren der Energie auf Jehova» dabei half, sich nicht von den schlechten Nachrichten in den Bann ziehen zu lassen, auch hier wieder an erster Stelle: der Predigtdienst als erste Alternative. «Unsere Zukunft hängt nicht von den Nachrichten, sondern vom Königreich ab». Wie Jesus sollen wir die gute Botschaft predigen, wie bei Jesus würden auch nicht alle gut reagieren, aber wir sollen nicht aufgeben, uns auf das Positive konzentrieren: was Jehova für uns gemacht habe, mache, und machen würde.
Entmutigung
Die schönste Blume ohne Wasser verdorre – und Jehova sähe jetzt, wenn er in den Letzigrund schaue, einen wunderschönen Blumenstrauss. Damit wir nicht verdorren, sollen wir einander ermutigen, Kraft spenden, wie es Jesus getan hat und tut. Auch sollen wir Initiative zeigen und nicht warten, bis jemand nach Hilfe fragt. Im gezeigten Video wurde genau das erneut thematisiert und zusammengefasst.
«Ich muss dir unbedingt was erzählen»
Die nächste Reihe an Kurzvorträgen begann mit Robert T.: «voller Eifer verkünden» sei nicht nur Aufgabe der Apostel. Er verwendete das Beispiel, jemandem «unbedingt» etwas erzählen zu müssen: «wer hat dir gesagt, dass du es erzählen musst?», und beantwortete es selbst, «niemand», es sei einfach der Wunsch, etwas zu erzählen, und ein Verantwortungsbewusstsein, wie bei Paulus. Jehova möchte, dass wir «die gute Botschaft» überall überbringen, doch das «Verlangen nach allerlei» entziehe diesem Wunsch den Sauerstoff. Subtil mitgeteilt, aber doch klar: Wer zu viel anderes auch noch will, der hat keinen Platz für den Predigtdienst mehr. Darum soll man seine eigenen Wünsche zurückstellen. Dies hat mir eine andere Zeugin im persönlichen Gespräch ebenfalls so bestätigt. In etwa paraphrasiert: «Wenn ich voll bin mit meinen eigenen Sachen, dann habe ich gar keinen Platz für Jehovas Geist». Wer diesen Wunsch des Verkündigens am Leben behalte, dem werde dies als «sehr starker Glaube» angerechnet.
«Glaube ist etwas Persönliches», oder: was man besser nicht denken soll
Das darauffolgende Video, mit «es wird euch gefallen» angekündigt, handelte von einem Paar, das sich etwas schwer damit tat, «Zeugnis abzulegen», also anderen Personen von Jehova zu erzählen. Dieses frisch verheiratete Paar, das noch vermehrt in den anderen Videos auftauchen sollte, traf sich mit einem anderen, erfahreneren Paar und erzählte von dieser Problematik. Sie meinten: «Glaube ist etwas Persönliches», und «ich möchte niemandem Ideen aufzwingen». Das erfahrene Paar empfahl ihnen, sich mehr mit dem Bibelstudium auseinanderzusetzen, in welchem sie merkten «auch wir sind gemeint», an der Seite des verkündigenden Engels aus Offenbarung 14, 6. Sie fühlten sich weniger alleine, und das Video endete damit, dass sie doch noch Zeugnis ablegten.
Dem Predigtdienst «den richtigen Stellenwert geben»
Die nächste Kurzpredigt handelte davon, dass der Predigtdienst nicht einfach eine Aufgabe sei, die man erfüllen soll, sondern stattdessen Teil der Anbetung von Jehova. Das Missionieren soll also den «richtigen» Stellenwert erhalten. Mit demselben Paar, das bereits vorher erwähnt wurde, wiederholte das nächste Video dieses Fazit. Das wichtigste Gebot, Gott mit ganzem Herzen und ganzen Denken zu lieben, wurde genannt, und erklärt, dass Gott auch jetzt die eigene Situation sehe. «Mache ich alles, was ich jetzt gerade kann?», so sollen wir, oder die Zeugen, sich fragen, ob sie mehr Predigtdienst machen könnten. Während Nächstenliebe den Tag durch durchaus erwähnt wurde, liessen sie es hier aussen vor, obwohl direkt nach dem genannten Vers das «gleichwertige» Gebot der Nächstenliebe kommt (Matthäus 22, 37-40)
Gute Vorbereitung: Pfeile im Köcher, um Herzen zu treffen
Im dritten Teil ging es um eine «gute Vorbereitung». Ein römischer Soldat, der seine Sandalen falsch angezogen hatte, fiel beim Rennen um. Das «gute Schuhwerk» helfe nur, wenn man es richtig anzieht. Danach bezog sich die Kurzpredigt auf die «Waffenrüstung» in Epheser 6, hier Vers 15: «und habt die Bereitschaft, die gute Botschaft des Friedens bekannt zu machen, als Schuhe an euren Füßen.» (Neue-Welt-Übersetzung, die von Zeugen Jehovas verwendete Bibelversion) Wer sich gut auf den Predigtdienst vorbereite, sei weniger nervös und entspannter, könne mehr auf andere Personen eingehen, besser zuhören und für die Sorgen anderer da sein. Der Prediger, Simon B., fragte wiederum auf Schweizerdeutsch, ob wir unsere Waffe (nach Epheser die Bibel) griffbereit hätten, ob wir unsere «Toolbox» richtig einsetzen konnten und ob wir unseren «Köcher» mit ausreichend vielen «Pfeilen» gefüllt hatten. Damit gemeint war das wohlbekannte «Mäppchen», mit Traktaten und Flyern gefüllt, das Zeugen Jehovas mindestens beim Predigtdienst auf sich führen. Auch für zufällige Begegnungen soll man ausreichend «Pfeile im Köcher» haben. Es lohne sich, jede Methode auszuprobieren.
«Interesse zeigen»
Besonders betont wurde hier erneut, dass man echtes Interesse an anderen Personen zeigen soll. Das Fazit des Paars im Video war: «Wir haben Menschen schon immer geliebt, wir müssen es ihnen nur zeigen». Im Video wurde eine Szene gezeigt, in welchem sie die Grenzen einer Person, die gerade beschäftigt war, respektierten und selbst zu gehen vorschlugen, als die Person fragte, worum es denn überhaupt ginge. Indem sie «wahres Interesse» zeigten, konnten sie nun ins Gespräch kommen, und «einen Samen für Jehova pflanzen». Inwiefern eine einzelne Person wirklich Interesse hat, kann kaum gesagt werden, aber die Personen, mit denen ich sprach, konnten das Interesse mir gegenüber zeigen. Ich fühlte mich wichtig, wertgeschätzt, und ernst genommen. Dass die Zeugen Jehovas genau das in ihren Versammlungen und anderen Zusammenkünften lernen, erstaunt mich nicht weiter.
Die Schlussfolgerung dieser zweiten Predigtreihe war: Das Verkünden der Botschaft bzw. das Missionieren liegt in der persönlichen Verantwortung eines jeden Christen, Jehova sei dies sehr wichtig, und die Vorbereitung auf den Dienst sei wichtig und mache Freude.
Video 1: Rettung in Italien?
Im nächsten Video ging es um einen älteren Zeugen Jehovas, der trotz Knieprobleme in ein italienisches Städtchen, schwierig zu Fuss begehbar, gesendet wurde, und einen Mann, der aus Ghana nach Italien emigriert war. Der ältere Zeuge Jehovas musste wegen einiger Unfällen später in einen Rollstuhl, der Mann aus Ghana wurde wegen Drogenhandel inhaftiert, und der Zeuge erhielt die Erlaubnis, im Gefängnis Predigtdienst bzw. Seelsorge zu leisten. Die beiden Männer tauschten sich darüber aus, wie dankbar der ghanaische Mann ihm dafür war, ihm von der guten Botschaft erzählt zu haben, und wie nun auch sein Sohn bei den Zeugen war. Das Fazit hier war klar: «Akzeptiere, wo auch immer du hingesendet wirst, auch wenn du meinst, es passt nicht. Jehova hat einen Grund dafür.» und «Verkünde die gute Botschaft, egal wie hoffnungslos es ist, jemand wird dir dankbar sein».
Video 2: Verfolgung in Georgien
Weiter ging es mit einem Video zur Verfolgung in Georgien, eine Regierung, die tatenlos da sass, während eine religiöse Gruppierung die Zeugen Jehovas angriff. Es wurden Aufnahmen gezeigt, erzählt, wie brutal es vonstatten ging, wie Personen sogar Kindern auf den Kopf schlugen, die Tatenlosigkeit der Polizei. Daneben wurde erzählt, wie sie dennoch im Predigtdienst waren, unauffällig, die Traktate im Plastiksack, in Freizeitkleidern, während sie im Dienst von Personen angegriffen wurden, und einander gegenseitig schützten. «Satans Taktik bewirkte das Gegenteil», erzählten sie, und ihre Versammlungen wuchsen mehr und mehr. Das Aushalten einer Gruppierung gegen solche Verfolgung ist, egal, ob man mit deren Glaubenssätzen übereinstimmt, auf jeden Fall beeindruckend, so empfinde es zumindest ich. Dank einem Regierungswechsel konnten sie vor den Europäischen Gerichtshof ziehen und einen klaren Entscheid zu ihren Gunsten erwirken, und als ein Sonderkongress in Georgien stattfand, erzählte man ihnen, die ganze Welt habe für sie gebetet. Ich habe meine Tränen nur mit Mühe zurückhalten können. Das Geld für gute Videos haben sie.
Gute Botschaft: symbolisch lebensrettende Massnahmen / Flexibel wie ein Chamäleon
Zeugen Jehovas, so lautete es in der nächsten Kurzpredigt, haben das Ziel, Leben zu retten, vergleichbar mit jenen, die im Rettungsdienst arbeiten. Beide kämpfen sich durch diverse Schwierigkeiten durch, «irgendwas ist immer», aber wir sollen im Alltäglichen predigen, wo sie gerade sind. Sie träfen auf Widerstand, Gleichgültigkeit, aber jemand, der heute sagt, er habe «kein Interesse», brauche morgen Gott. Sie sollen, wie Jesus, Personen begrüssen, freundlich sein, damit anfangen, womit sie gerade beschäftigt sind, die Gesprächsentwicklung offen lassen. Er erzählte anekdotisch, dass jemand, deren Bruder kürzlich verstorben war, zufällig dreimal an unerwarteten Orten auf Zeugen traf – das erste Mal zwar vor der Haustür, dann in den Ferien, dann bei der Rückkehr im Café. Diese Geschichte vermittelte erneut ein Gefühl der Verbundenheit, Zeugen gibt es «überall». Für den Predigtdienst sollen sie – oder wir –, als «liebe Kinder» angesprochen, sich vier Sachen merken und dazu ein Symbol aufzeichnen: Die Augen offen halten («da malt ihr bitte ein Auge»), gute Beobachter sein («ein Fernglas»), den richtigen Moment erwischen («eine Uhr»), und zu guter Letzt flexibel sein («ein Chamäleon»). Mein Chamäleon sieht nicht besonders realitätsgetreu aus.
Zeugen sollen hingehen, «wo immer Gott uns hinführt». Denn Jehova führe sie zu aufrichtigen Personen, darum sollen sie im Gebet sein und jemanden mit «der richtigen Einstellung erbitten». Wenn ein «Gebiet» mehr Hilfe brauche, sollen sie «Rat in den Publikationen suchen». Ich habe die Hypothese, dass in den Publikationen stark die Idee des Umzugs in ein «Gebiet, das Hilfe braucht» unterstützt und deren Notwendigkeit untermalt wird. Jesus als Haupt der Versammlung führe sie, aber wie bei einem Auto lenkt er erst, wenn sie «in Bewegung» sind. Sie hätten eine Garantie im Leben: Jehova sei immer mit ihnen.
Ein mächtiger Mann tritt auf
Wir warteten, bis wir mit allen Sprachen synchronisiert waren, und der Moderator schlug vor, einen Schluck Wasser zu trinken. Was dann auch alle taten, ich ebenfalls. Beim nächsten Aufsehen entdeckte ich einen Herrn, der mir aus den Videos der Zeugen sehr gut bekannt ist: M. Stephen Lett, eines der aktuell neun Mitglieder der leitenden Körperschaft, das heisst, einer der neun Männer, die in der Organisation die Entscheidungen treffen. Was sie sagen, gilt, egal ob es bisher Gesagtem widerspricht oder nicht, und was sie im Wachtturm schreiben, gilt ebenso, auch wieder unabhängig davon, ob es früher publizierten Wachttürmen widerspricht. Und dieser sass nun auf die Bühne und lächelte ins Publikum. Lett hat ein Lächeln, das auf mich etwas unheimlich wirkt. Die Augen lächeln mit, und gleichzeitig sieht es gezwungen aus. Er strahlt ins Publikum, der Übersetzer nimmt am Tisch neben ihm Platz, und Lett beginnt zu sprechen.
Wir lieben euch.
Lett erklärte anfangs, dass es drei Arten von Personen gibt: «people who make things happen» (Personen, die dafür sorgen, dass etwas passiert), «people who watch things happen» (Personen, die zuschauen), und jene, die fragen: «was ist passiert?». Wir, oder das Publikum, die Zeugen Jehovas, seien in der ersten Kategorie. Er richtete sich dann direkt an «the young ones», die Jungen unter uns. Auch diese gehören zu dieser Gruppe, denn die Jungen lieben Jehova und andere, und «we love you», so Lett, die Ältesten, die Brüder und Schwestern, die leitende Körperschaft, alle lieben die Jungen, und «most importantly, Jehova loves you». Er sprach über die Herausforderungen, die vor uns standen, und die Möglichkeiten, die wir hatten, Bethel – die lokalen Büros, in welchen Zeugen arbeiten können – oder die Schule für Königreichsverkündiger, sozusagen die «Bibelschule», als zwei dieser Optionen. Jehova suche Personen, die «willing to work», gewillt zu arbeiten, sind, und es gäbe «willing people» bei den Zeugen Jehovas. Die Frage, was die Jungen für die gute Botschaft machen wollten, beantwortete er ebenfalls gleich selbst: «Wir wissen», dass die Jungen alles für das Königreich tun wollen.
Was man bei den Zeugen braucht
Zusätzlich zur Bereitwilligkeit bräuchten die «Jungen» drei Fähigkeiten und zwei Qualitäten: Sie sollen lesen und schreiben können, sich mittels irgendeiner Fähigkeit den Lebensunterhalt finanzieren können, um den anderen keine Last zu sein, und gute Kommunikationsfähigkeiten haben. Mit guten Kommunikationsfähigkeiten könnten sie auch wahres Interesse zeigen, was im Predigtdienst, wie bisher klar wurde, besonders wichtig scheint. Beim Lebensunterhalt fügte Lett ebenfalls hinzu, sie müssten weniger arbeiten, wenn sie ein einfacheres Leben führten, und sollten besser sparen, bis sie etwas wirklich brauchen, statt «jetzt kaufen, später zahlen».
Soweit keine schlechten Tipps, wenn es jemandem so gefällt. Dann wurde es schwierig.
Die Jungen, und da fühlte ich mich ebenfalls angesprochen, sollen sich nämlich auch vor «dangerous higher education» in Acht nehmen, die gefährliche höhere Bildung. Auch bei Paulus war seine juristische Bildung für das Verkündigen des Evangeliums irrelevant, er verdiente sein Geld mit dem Zeltbau. Lett verglich die höhere Bildung mit «Abfall», und fragte: «How do you feel about stinky, smelly garbage?», was wir von stinkendem, übelriechendem Abfall hielten. «Bist du traurig darüber, ihn wegzuwerfen? Denkst du den ganzen Tag darüber nach? Nein, tust du nicht, du sagst zum Abfall ‹Ich will dich nie wieder sehen›.» Es ging weiter: Satan wolle, dass wir «in seiner Welt» Karriere machen, damit er uns mitnehmen kann, in den Feuersee, in den er einst geworfen werden soll. Doch unser Ziel sei «die neue Welt», nicht der Feuersee. Er hat also nicht nur impliziert, dass Personen, die Karriere machen, in den Feuersee geworfen, also vernichtet, würden, sondern auch, dass höhere Bildung ein «stinkender, übelriechender Abfall» sei, der weggeworfen werden müsse.
Ausserdem sollen wir demütig und bescheiden sein. Jehova könne uns formen wenn wir demütig sind, und indem wir uns bescheiden kleiden, können wir die Gefühle und Meinungen anderer respektieren. Letzteres richtete er besonders an Frauen: «Wenn ihr euch bescheiden kleidet, respektiert ihr die Gefühle anderer». Übersetzt dürfte das heissen, wer sich nicht provokativ oder «sexy» anzieht, sorgt dafür, dass andere keine entsprechenden Gedanken haben, man schützt also seine Geschwister vor dem Sündigen. Wer ausserdem auffällige Kleidung trage, sei «entweder auf dem Weg zur Wahrheit, oder von der Wahrheit weg».
Was Frauen sollen (und Männer wohl nicht): Finanzen, Gastfreundschaft, und Interesse zeigen
Besonders an die Frauen gerichtet war die Erklärung, dass sie «diligent», gewissenhaft, sein sollen und gut mit Finanzen umgehen sollen. Wenn sie verheiratet seien, sollen sie sich am Beispiel der «guten Hausfrau» in Sprüche 31 orientieren, die im Grunde genommen gut wirtschaftet und alles zuhause regelt. Zudem sollen sie gastfreundlich sein, wie Lydia in der Apostelgeschichte 16, und Interesse zeigen. «Auch euren Bibelstudenten: ihr wollt ihnen wirklich helfen.» An letzter Aussage wiederum spürbar: was «wir» wollen (sollen).
Was die Ehe angeht, sollen sie gut aufpassen: Wird es der Ausbreitung des Königreichs, also der Mission, helfen oder dies verhindern? Ob geheiratet wird oder nicht, soll also daran erkennbar sein, ob dies der Mission hilft oder schadet. Wer eine bestimmte Person im Kopf habe, soll sie «hart mit den Augen Jehovas anschauen», die Qualität der Gebete messen, und beobachten, wie er mit anderen umgehe, denn so würde er mit ihr umgehen. «Wenn ihr auf den ersten Bus geht, der kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, am richtigen Ort anzukommen, viel geringer». Es sei besser, alleine zu sein und heiraten zu wollen, als verheiratet zu sein und single sein zu wollen: Es sei nämlich eine «one-way-street», eine Einbahnstrasse. Heisst: Scheidung gibt’s nicht.
Was Männer sollen (und Frauen wohl nicht): Denken und Ziele setzen, nur nicht zu viel an Geld denken
Männer hingegen sollen ihr Denkvermögen verbessern. Sie sollen die Prinzipien der Bibel anwenden können und sich fragen: Was ist das Prinzip hinter diesem Gesetz?. Ausserdem sollen sie vernünftig sein, wissen, wann sie ernst werden müssen, ein reines Gewissen, und lehren können. Was durchaus Sinn ergibt, wenn man sich daran erinnert, dass Frauen bei den Zeugen nicht lehren dürfen, zumindest nicht, wenn die Belehrten selbst Zeugen sind. Männer sollen treu, gewissenhaft in jeder Verantwortung sein, hart arbeiten und nicht faul sein. Ausserdem sollen sie sich Ziele setzen, denn diese geben eine Richtung vor, und: Wer keine Ziele hat, ist zufrieden mit allem, oder mit gar nichts. Die Beispiele bezogen sich auf den Predigtdienst, eines davon war, sich ein «Bibelstudium» als Ziel zu setzen. Damit gemeint war vermutlich, Personen zuhause regelmässig zu besuchen und mit ihnen die Bibel zu lesen. Männer sollen zudem ein einfaches Leben anstreben, in welchem Geld nicht die höchste Priorität ist, und budgetieren lernen. Bei den Männern schien es eher darum zu gehen, Geld nicht unnötig auszugeben, während Frauen gesagt wurde, sie sollen allgemein den Umgang mit Finanzen lernen («managing finances»). Was genau wer genau tun soll, wurde mir daraus nicht ganz schlüssig. Ausserdem sollen die Männer Teilzeit arbeiten, damit sie mehr Zeit für Jehova hätten, denn man werde «nicht einfach so» Dienstamtgehilfe (eine Person, die technisch oder organisatorisch die Zusammenkünfte unterstützt, häufig später zum Ältesten ernennt wird), sondern müsse ein Vorbild dafür sein. Jehova sähe, ob man schon bereit wäre oder nicht.
Was es zu geben und zu erhalten gibt
Lett führte aus über die Möglichkeiten, welche die «Jungen» hatten, was alles mit dem Pionierdienst beginne. Wenn wir gerne geben, im Ebenbild von Jehova, der ebenfalls gerne gebe, werden wir glücklich. Wer im Bibelstudium ist, mit anderen Zeugen spricht, ist direkt mit den Engeln, die Jehovas Werk leiten, in Verbindung. Er betonte, wir sollen sein wie Jesaja: «Hier bin ich, sende mich», ohne irgendwelche Fragen zu stellen. «Jehova macht den Rest», und wer ihm alles gibt, der erhalte das Hundertfache «in diesem System» zurück. Die erworbenen Fähigkeiten seien ausserdem sehr gefragt im neuen System; wir bräuchten keine Ärzte und Anwälte, sondern Lehrer und Bauarbeiter. Mit einem «wir lieben euch» und erneuter Zusammenfassung, dass wir, falls wir all das machen, ein «zufriedeneres Leben» hätten und «wunderbaren Segen erfahren» würden.
Nach einem letzten Lied machten sich die Zeugen und ich auf den Weg nach Hause. Meine Sitznachbarin und ich redeten noch ein paar Minuten lang, nicht zuletzt über das Thema Glauben. Erstaunlich fand ich, wie stark sie betonte, jede Person habe ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und getroffen, und diese würden respektiert. In bisherigen Freikirchenkreisen kam viel häufiger zurück, dass Gott einem helfe oder Gott dann schon dafür sorge; oder es wird vermehrt versucht, einen zu «überzeugen». Die Kommunikationsfähigkeiten, über die gesprochen wurden, waren auf jeden Fall da, und ich habe mich sehr respektiert – nicht als Autoritätsperson, sondern als gleichwertiger Mitmensch – gefühlt.
Eine Deklaration des Verständnisses
Ich denke, ich verstehe, was die Zeugen attraktiv macht: Es besteht ein ehrliches Interesse an einem als Person, man fühlt sich aufgenommen, als Teil einer riesigen, weltweiten Gruppe, einerseits wird man als Individuum gesehen und andererseits gehört man dazu. Schwierig für mich wird es an dem Punkt, an welchem gesagt wird, vielleicht Druck gemacht wird, man soll die eigenen Interessen zurückstellen, die Freizeit mit dem Predigtdienst verbringen, und keine Karriere machen. Ich persönlich war danach merkwürdig motiviert, anderen Personen von Jehova zu erzählen, auch wenn ich nicht wüsste, was genau; nicht zuletzt, weil ich ihren Glauben nicht teile. Wenn vermehrt so über den Predigtdienst gesprochen wird, verstehe ich den Anreiz, den ganzen Morgen auf offener Strasse zu verbringen und fremde Menschen, die ich gemäss Prediger «liebe», anzulächeln und zu warten, bis jemand zu mir kommt und ich die Möglichkeit habe, «Interesse zu zeigen». Wer diesen Dienst leistet, dem werde das ja, so hiess es an diesem Nachmittag, als «sehr starker Glaube» angerechnet. Damit steigt auch das Ansehen in der Organisation selbst, denn wer eine gewisse Mindestanzahl Stunden im Jahr macht, kann in den «Pionierdienst» gehen, und mit diesem kann man dann auch die Bibelschule besuchen oder anderweitig in der Organisation aufsteigen.
Auch das Abraten von höherer Bildung, als «Abfall» bezeichnet, die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen sowie das «kleidet euch bescheiden, um die Gefühle anderer zu berücksichtigen» kamen bei mir nicht gut an. Mir wurde klar, dass auch hier mehr soziales Ansehen entsteht, wenn man mehr mithilft, was natürlich dazu führt, dass man mehr Zeit braucht, und weniger Zeit für eigene Freizeitaktivitäten oder die Arbeit hat. Wer also bei den Zeugen ist, könnte schnell mal das ganze Leben genau so verändern, dass man eben dieses Ansehen erreicht. Auch fiel mir auf, wie häufig Lett meinte, was «wir» wollen, was «wir» tun. Was, wenn «wir» das nicht wollen? Mit seiner Begründung «because you love Jehova» fragte ich mich, ob weniger Predigtdienst den Umkehrschluss zulassen würde, dass jemand Jehova doch nicht liebt.
Ein letztes, schwieriges Detail: Das Konzept «wir» oder «du», sowohl als einzelner Zeuge oder einzelne Zeugin als auch als Gruppe, wurde immer wieder gleichgesetzt mit der Organisation. Im Gespräch fiel mir dies ebenso auf, denn in der Aussage «Menschen machen Fehler, die Organisation macht Fehler» wurden diese gleichgesetzt. Auch in den Predigten, besonders bei Lett, war die Organisation gleichzusetzen mit der einzelnen Person. «Jehovas Organisation», so beschreibt die leitende Körperschaft die Organisation, die sie führen. Besonders das hinterliess bei mir einen unschönen Nachgeschmack.
Angela Heldstab, 25.07.2024
Lexikoneintrag Zeugen Jehovas