Mein Besuch bei der Christian Fellowship Bern (CF Bern)

Bereits als ich die Stufen zum Kirchengebäude erklimme, in dem der Mittwochsabend-Gottesdienst stattfinden wird, werde ich herzlich begrüsst. Mehrere Menschen stehen neben der Eingangstüre. Als sie mich erblicken, werde ich direkt von ihnen angesprochen: «Bist du das erste Mal hier?» fragt mich eine junge Frau. Nacheinander strecken sie mir ihre Hände entgegen um mich einzeln begrüssen und sich vorstellen zu können. Nach kurzem Smalltalk betrete ich das Kirchengebäude. Es ist eine reformierte Kirche, eher klein, mit holzverkleideten Wänden und einer etwas klobigen Kanzel aus hellem Holz die auf einer Bühne steht. Ich erfahre später von einem Mitglied der Gemeinde, dass der Gottesdienst nur als Zwischenlösung in der reformierten Kirche stattfinden würde. Die Gemeinde plane ein eigenes Gebäude für ihre Gottesdienste und andere Community-Events bauen zu lassen. Es gestalte sich momentan jedoch etwas schwierig mit einer Bewilligung für das Bauvorhaben.

Als ich eintrete, stehen einige Leute schwatzend zwischen den Stühlen, die für den Gottesdienst aufgestellt wurden. Einige heben den Kopf und treten zu mir um mich ebenfalls mit einem Händeschütteln zu begrüssen. Es sind nur wenige Leute da – ich zähle ungefähr 18 Personen. Als einzige unbekannte Person, falle ich auf. Der Altersdurchschnitt ist eher tief, die Meisten schätze ich zwischen 20-35 Jahre. Ich setze mich in die zweithinterste Reihe und frage mich, ob noch mehr Menschen kommen werden.

In der Mitte der Bühne steht ein kleiner Altar, ein junger Mann stellt sich soeben davor und ergreift das Mikrofon. Rechts von ihm bereiten sich zwei Frauen auf ihre musikalische Darbietung während des Gottesdienstes vor. Es werden verschiedene Instrumente aufgestellt, eine Person sitzt bereits am Schlagzeug, während eine andere einige Knöpfe auf den blinkenden Armaturen des Soundsystems drückt. 

«There’s gonna be a revival in the land!»

Ein Mann welcher mich bereits zu Beginn angesprochen hat, hat sich unterdessen neben mich gesetzt. Etwas nach 19:00 beginnt schliesslich der Gottesdienst. Ohne grosse Worte der Begrüssung oder Einleitung beginnen wir zu singen. Der junge Mann, kündigt jeweils das Lied auf Englisch an, worauf die Musik eingespielt und von den Instrumenten sowie den beiden Leadsängerinnen auf der Bühne begleitet wird. Die Menschen wippen und klatschen im Rhythmus der Musik, stehen auf und singen lautstark mit. Auch für mich als Newcomerin ist es möglich mich halbsingend, halbsummend an der musikalischen Einlage zu beteiligen, denn die Liedtexte werden an die Wand projiziert. Zu Beginn singen wir einige englische Lieder wie «There’s gonna be a revival in the land» und gehen dann zu deutschen Songtexten über. Ab und zu wird auch einmal ein «Amen» oder ein «Hallelujah» (beides mit englischer Betonung)  dazwischengerufen. Es herrscht allgemein eine lockere und fröhliche Stimmung.

Nach einer knappen Viertelstunde singen wird letzte Lied zu Ende. Es wird ein QR-Code an die Wand projiziert und ein Körbchen wandert durch die Stuhlreihen – niemand wirft etwas in den Behälter oder scannt den Twint-Code. Dann ist die «Zeit zum Geben» auch schon vorbei und es wird zum Gebet übergegangen. Dieses ist von einem lauten Stimmengewirr begleitet, da alle Person ihre Gebete laut vor sich hinsprechen. Mit dem Ergreifen des Mikrofons beendet der Pastor das Gebet. Er erklärt das bevorstehende Programm und es werden Daten von zukünftigen Gottesdiensten und Auslandreisen eingeblendet. Darunter eine nach Spanien für die «Healing Crusades»und ein weiterer Event der «Memorial Stones» heisst. Es wird kurz auf die Wichtigkeit der Kirche hingewiesen und man gedenkt anderen Gemeinden, im Besonderen der Gemeinde Biel, deren Wachstum man sich wünscht.

Die Errettung der verlorenen Schafe

Nun beginnt die Predigt. Alles was der Pastor sagt, wird von einem jungen Mann, der sein Sohn ist, simultan ins Englische übersetzt. Dadurch ist die Predigt von Lebendigkeit geprägt, zeitweise aber auch etwas sprunghaft. Es wird schnell und intensiv gesprochen, manchmal überlappen sich Sätze des Pastors mit der Übersetzung.

Die Predigt beginnt mit einer persönlichen Geschichte: Er sei kürzlich mit seinem Auto durch die Gegend gefahren und habe eine Herde Schafe gesehen. Diese habe ihn an die Geschichte des «Verlorenen Schafs», des «lost sheep» erinnert (Lukas 15, 1-7). Er erzählt von Jesus der sich mit Sündern und Betrügern abgegeben habe. Wie die «Religiösen» (gemeint sind die Pharisäer und Leviten), Jesus verächtlich gefragt hätten, warum er es zuliesse, dass diese sündigen und betrügenden Menschen seinem Wort lauschen dürfen. Jesus  habe ihnen geantwortet, zitiert der Pastor «Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?» (Lukas 15:4). Immer wieder wird die Predigt unterbrochen, denn die schnelle Simultanübersetzung führt hie und da zu erheiternden Versprechern, die die Besucher*innen zum Lachen bringen. Die Predigt ist locker und dynamisch. Spontane Zwischenrufe tauchen immer wieder auf. Mein Sitznachbar erzählt mir immer wieder Anekdoten aus seinem Leben, sodass es mir manchmal schwer fällt der Predigt zu folgen.

Das Narrativ des verlorenen Schafs und des «Gefundenwerdens» zieht sich durch die ganze Predigt wie ein roter Faden. In der Schweiz seien alle gut gekleidet und lebten im Wohlstand, erzählt der Pastor weiter. Doch wieviele würden in Sünde leben, in Süchten und Abhängigkeiten? Viele dieser Menschen seien verloren und unglücklich? Die Menschen seien wie verlorene Schafe, die durch einen Hirten und den Glauben gerettet werden können. Immer wieder wird betont, dass die Menschen nicht perfekt, nicht ohne Sünden sein müssten, um zu Gott zu kommen. Wenn die verlorenen Menschen von Jesus gefunden werden wollen, würden sie auch gefunden werden. Wenn man jedoch nicht gefunden werden wolle, dann würde Jesus einem auch nicht finden und, man bliebe verloren. Auch das Narrativ der Errettung ist ein Themenfokus des Gottesdienstes. Dazu erzählt der Pastor die Geschichte des Barmherzigen Samariters (Lukas 10:25-37). Wie «die Religiösen» an dem überfallenen und am Boden liegenden Mann, vorbeigingen und statt ihm zu helfen, in die Kirche beten gehen würden. Die Ironie des Gesagten, dass Beten wichtiger sein könnte als jemandem in Not zu helfen, löst ein belustigtes Gelächter aus. Die Herberge, in die der Samariter schliesslich den Mann in Not bringt, sei die Kirche, erklärt er. Diese sei der Ort an dem die Erretteten hingehen können, um zu heilen.

Abschliessend, wird nochmals ein Gebet angekündigt.  Wir senken die Köpfe und hören auf die Worte des Pastors: «Wenn du bist wie ein verlorenes Schaf, wenn du dich fühlst wie ein verlorenes Schaf, und den Weg gehen willst, dann gib mir ein Zeichen. Hebe kurz deine Hand für mich!». Niemand hebt die Hand. Die Worte «Gib mir ein Zeichen», werden mehrmals wiederholt, ohne entsprechende Reaktion. Als auch nach mehrmaliger Aufforderung, niemand die Hand hebt, schliesst er diejenigen in seinen Aufruf mit ein, die bereits ihren Weg gefunden haben, und sich trotzdem manchmal verloren fühlen. Die Besuchenden gehen nun ins individuelle Gebet über. Jemand steht auf, um für musikalische Untermalung der Gebete zu sorgen. Mein Sitznachbar fragt mich ob ich beten möchte. Ich frage nach, was das genau bedeuten würde. Dass ich nicht genau wüsste wie man betet. Er meint er könnte mir vorsprechen, und ich könnte wiederholen was er sagen würde. Ich frage nach wofür wir beten würden: «Für andere Menschen?», frage ich. Er meint, dass es darum ginge, Jesus in mein Herz zu lassen. Daraufhin erkläre ich, dass ich nicht an Jesus Christus als Gottes Sohn glaube und ich daher dieses Gebet lieber nicht machen möchte. Er reagiert gelassen, und meint, dass solche Dinge ihre Zeit bräuchten. Wir widmen uns anderen Gesprächsthemen.

Die Predigt wird kurz darauf beendet und es wird nochmals auf weitere Gottesdienste und Anlässe hingewiesen. Ich bleibe noch etwas sitzen, werde persönlich zu weiteren Gottesdiensten eingeladen und spreche über dies und das. Nach einer halben Stunde wende ich mich dem Gehen zu, und mache mich – nach einer längeren Runde Händeschütteln – auf den Weg nach Hause.

Während dieses Besuchs bei CF Bern habe ich gemerkt, dass das Thema Mission und Konversion stark im Vordergrund steht. Beispielsweise passt das Thema der Predigt des «Verlorenen Schafs» gut zu einem Neuankömmling (wie mir), und der Verdacht liegt nahe, dass sie aufgrund meines Auftauchens spontan angepasst worden ist. Möglicherweise gibt es eine Standart-Predigt, die gehalten wird, wenn jemand Neues in den Gottesdienst kommt. Als ein weiteres Beispiel für die missionarische Tendenz von CF Bern, kann die Aufforderung des Pastors ihm «ein Zeichen» zu geben gedeutet werden. Diese war wahrscheinlich ebenfalls spezifisch an mich persönlich gerichtet. Auch die rasche Einladung zum «Übergabe-Gebet» deutet ebenfalls auf den Konversions-Charakter der Gemeinschaft hin. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Fokus auf die eigene Person durch die Predigt und das Gebet auch als einengend oder etwas bedrückend empfunden werden kann.

Mirjam Steiner, Oktober 2024

Lexikoneintrag Christian Fellowship Ministries Worldwide