Gott ist flauschig – Besuch bei Gottlob in Münchwilen TG

Schon von Weitem höre ich die laute Musik, die durch die Luft vibriert. Der Bass ist so intensiv, dass ich ihn unter dem grauen Teppichboden spüre, noch bevor ich den Eingang der Zukunftsfabrik in Münchwilen TG betrete. Hier findet heute um 16.00 Uhr der Gottesdienst der Glaubensgemeinschaft Gottlob statt. Die Gruppe unter der Leitung von Daniela Eberle ist online in Form einer Website und eines Telegram-Kanals zu finden. Beides ist bunt, blinkt und glitzert. Strahlende Jesus-Bilder springen einem entgegen. Zusätzlich findet man vielfältige Darstellungen der Schweizer Fahne, sogar einen Gottesdienst zum Nationalfeiertag am 01. August hat es gegeben. Entsprechend authentisch wurde dieser mit dem Slogan «Gottes Segä über üsi Schwiz» beworben. Allerdings dominiert auch in der Werbung für andere Gottesdienste und Veranstaltungen verschriftlichte Mundart, so kann man Mittwochs häufig «Chraft tankä» und dabei «Körper und Atemüebigä zum g’sund blübä» machen.

Es weihnachtet sehr

Der heutige Gottesdienst steht allerdings unter dem Motto Advent («Mir gönd zämä id’Wiehnachts-Zyt»). Als ich den Raum betrete, ist das Thema nicht zu übersehen: Hinten im Saal steht ein Buffet mit weihnachtlichen Speisen, vorne neben der Bühne glitzert und glänzt Weihnachtsdekoration vor sich hin. Die Dekoration ist unter einem circa drei Meter hohen Jesus-Bild platziert. Links daneben hängt eine Schweizer Fahne, auf der das Motto des patriotischen Sommergottesdiensts prangt: «Gottes Segä über üsi Schwiz». Die Stimmung im Raum ist ausgelassen. Alle sind für den ersten Song aufgestanden, einige schwingen im Takt mit. Ich begebe mich in die letzte Reihe, wo eine Handvoll Personen in meinem Alter stehen. Die meisten anderen der rund 30 Teilnehmenden des Gottesdiensts sind eher in der zweiten Lebenshälfte angekommen, einige davon im sehr fortgeschrittenen Lebensalter.

Styling für Jesus

Wer an dieser Stelle eine zurückhaltende Anwendung neuer technischer Mittel im Gottesdienst vermutet, liegt weit daneben. Über der Bühne wird in bester Qualität das zu dem christlichen Rock-Song gehörende Musikvideo abgespielt, Sound und Bild sind professionell geregelt. Hinten rechts im Raum befindet sich dafür ein Technik-Pult, hinter dem zwei Männer vollen Einsatz zeigen. Dieser Eindruck wird nicht nur durch die technische Leistung erweckt, sondern auch durch das Styling der beiden. Einer trägt ein T-Shirt, das mit faustgrossen Jesus-Gesichtern gepflastert ist. Jesus ist darauf mit einem amerikanisch anmutenden Million-Dollar-Smile und perfekt gepflegtem Bart dargestellt. Der andere Technik-Verantwortliche trägt einen Hoodie, über den sich ein grosses Jesus-Bild erstreckt. Doch die beiden sind nicht die einzigen, die ihren Glauben deutlich nach aussen tragen. In der ersten Reihe sitzen drei Frauen, wovon zwei ähnlich auffällige Oberteile tragen. Eine hat ein grosses Bild von Jesus auf die Rückseite ihres T-Shirts gedruckt, während das Langarmshirt der anderen vollständig aus einer Jesus-Abbildung zu bestehen scheint. Der plakative Eindruck, den der Online-Auftritt von Gottlob macht, wird demnach zumindest von einigen Mitgliedern gelebt.

TikTok-Esoterik als Wunderbericht

Auch Daniela Eberle scheint sich mit ihrem Styling nicht zurückgehalten zu haben. Als sie nach dem Ende des ersten Lieds die Bühne betritt, funkelt ein grosses, glitzerndes Kreuz um ihren Hals. Eberle spricht in deutlicher Mundart, sie hat eine sanfte, angenehme Stimme. Mit dieser wiegt sie die Anwesenden in den heutigen Gottesdienst. Die Teilnehmenden haben wieder Platz genommen und lauschen gespannt Eberles Worten. Sie beginnt mit einer Anekdote. Sie berichtet, dass sie letztens auf TikTok unterwegs war und dort gehört habe, dass die Zeit bald eine andere Geschwindigkeit annehmen werde. Grund dafür seien nicht die teils stressigen Weihnachtsvorbereitungen, über deren Hektik sich Eberle später noch beschweren wird. In dem Video sei von einem Quantensprung die Rede gewesen, der die Zeit verändert. Blödsinn, habe sich Eberle gedacht. Eine Minute ist doch eine Minute! Aber als sie wenig später zuhause ankam, habe sich unglaubliches ereignet. Ihre zuletzt mit neuer Batterie versehene Armbanduhr ging 10 Minuten nach. Sie wollte sich schon ärgern, entdeckte dann aber, dass die Zeit auf einer anderen Armbanduhr auch genau 10 Minuten nach ging. Eberle macht an dieser Stelle eine Kunstpause, Raunen geht durch den Saal. Für Eberle und die Anwesenden scheint dies zu bedeuten, dass an dem Quantensprung wohl doch was dran sein muss.

«Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber» – Gute Taten für Jesus

Bei diesem Einblick in Eberles Verbindung zu Esoterischem soll es nicht bleiben. Als das zweite Lied, ein Weihnachtsjodler-Beitrag aus dem SRF, abgeklungen ist, erklärt sie, dass liebe Worte eine segensreiche Frequenz erzeugen würden. Das sei keine Meinung, sondern eine Tatsache. Jesus habe zu Lebzeiten selbst das Gesetz der Resonanz demonstriert, Gutes erzeuge Gutes. Dafür brauche es gar nicht viel. Und man müsse sich auch nicht zu sehr verkopfen. Eberle erklärt: «Gott ist ganz lieb» und «Gott ist unkompliziert», wobei sie das Wort «ganz» künstlich in die Länge zieht. Mit einem Lächeln auf den Lippen fügt sie hinzu: «Gott isch flauschig!».

Man brauche also keine Angst davor haben, sich ihm zu widmen. Man könne zum Beispiel einfach einmal pro Stunde das Vater Unser beten oder sich für 30 Dinge bedanken. Für den Fall, dass das den Anwesenden zu wenig konkret ist, verteilt Eberle Zettel mit Anregungen, um Gutes zu tun. Darauf steht zum Beispiel: «Hüt bet ich mit ganzem Herz für öpper wo chrank isch.» oder «Hüt schenk’ich öpperem en Geldbetrag.». Eberle liest die Ideen auf dem Zettel vor. Als sie bei meinem persönlichen Highlight ankommt, lachen die Anwesenden wissend. «Hüt schenk ich öpperem en JESUS-Chläber.», liest Eberle und grinst in die Runde. Passenderweise sitze ich neben einem kleinen Regal, in dem sich diverse Unterlagen befinden. Darunter finde ich auch ausgeschnittene Sticker mit Jesus-Abbildungen. Und so lache auch ich in mich hinein und lasse mich von dem nächsten Song, einem Weihnachtslied von Udo Jürgens, beschallen.

Glitzer gegen Teufelswerk

Jäh werde ich aufgerüttelt, als Daniela Eberle wieder in die Predigt einsteigt. Sie spricht jetzt Gott direkt an. «Du herzallerliäbschtä» sagt sie und bittet Gott darum, unsere Welt vor den bösen Machenschaften des Teufels zu bewahren. Huch, das ging aber schnell. Eben noch war alles so lieb und flauschig und jetzt auf einmal wird vom Teufel gesprochen. Eberle scheint bedrückt von den Kriegen und anderen schlechten Nachrichten auf der Welt. Sie befürchtet, dass bald ein dritter Weltkrieg ausbrechen werde. Besonders in den letzten vier Jahren sei ja nochmals einiges Schlimmes ans Licht getreten, was auf der Welt passiert. Unverkennbar spielt Eberle hier auf vermeintliche Enthüllungen von Menschen an, die sich während und nach Corona Verschwörungsdenken gewidmet haben. Passend zu dieser Vermutung spricht Eberle daraufhin einen weltumspannenden Plan des Teufels an, der von bösen Menschen umgesetzt werden würde. Problematisch seien in diesem Zusammenhang vor allem Andersgläubige und atheistische Menschen, die dem Teufel in die Hände spielen würden. Dementsprechend reiche es als christlicher Mensch nicht aus, einfach nett zu sein. Eberle ruft dazu auf, ganz aktiv andere Menschen zu Gott und Jesus zu führen, damit der Teufel weniger Chancen hat. Mir kommt es so vor, als hätte Eberle sich mit ihrem flauschigen Gott, der immer lieb und immer unkompliziert ist, eine Falle gestellt. Denn wenn so viel schlimmes auf der Welt passiert, muss es ja fast einen bösen Gegenspieler geben. Und wenn ein allmächtiger Gott die Untaten dieses Gegenspielers nicht verhindern kann, dann muss es wohl an den Menschen liegen, die zu wenig glauben. Wirklich überzeugend finde ich diese Argumentation nicht. Für Eberle ist es jedenfalls nur logisch, andere Menschen mit besonderen Methoden zum Glauben zu führen – wie etwa, wenn sie die grosse, silberne Aufschrift ihres Autos nutzt («Jesus Christus erfüllt dich mit Gottes Liebe. Öffne dein Herz!»), um Gespräche anzuregen und sie so zu Christen zu machen.

Fürbitten verschiedener Art

Nach dieser, für meine Begriffe etwas demotivierenden, Predigt wird ein aufmunterndes Lied gespielt. Passend zu dem spürbaren Bedürfnis nach Hoffnung und Frieden wurde das Musikvideo unter der Friedensglocke des Alpenraums gedreht. Im Anschluss wird es Zeit für die Fürbitten. Daniela Eberle beginnt und dankt Jesus und dem lieben Gott für ihr zweites Leben. Im Telegram-Kanal von Gottlob kann man lesen, dass Eberle angibt, von einer unheilbaren Krankheit befreit worden zu sein, nachdem ihr Jesus im Jahr 2006 erschienen sei. Sie gibt das Mikrofon nun an die Teilnehmenden, die es der Reihe nach durchgeben. Ungefähr zwei Drittel der Anwesenden nutzt die Gelegenheit, um etwas zu erbitten oder für etwas zu danken. Dabei unterscheiden sich die Fürbitten stark: Manche bitten um Banales, etwa, dass die Enkelin eine Prüfung besteht. Eine andere Person bittet Gott, ihre Tochter zu heilen, sodass sie nicht mehr im Rollstuhl sitzen muss. Ich frage mich an dieser Stelle, wie Daniela Eberle wohl damit umgeht, dass sie aus ihrer Sicht von Jesus gerettet wurde und andere, sogar Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft, nicht. Und wie muss sich das für die Betroffenen anfühlen? Wie erklären sie sich, dass Eberle geheilt wurde und sie seit Jahren darauf warten?

Als ich noch in diesen Fragen versinke, erregt eine andere Fürbitte meine Aufmerksamkeit. Ein Mann, der mir zuvor durch einen eher extravaganten Tanzstil aufgefallen ist, ergreift das Wort. Er erzählt, dass er im Brüderverein aufgewachsen sei. Dort sei es streng zugegangen und das Lesen der Bibel sei für ihn wie eine Art Zwang gewesen. Ähnlich einschränkend stelle er sich die katholische Kirche vor. Nach einem Gefängnisaufenthalt habe er langsam wieder zur Bibel und so zu Danielas Gemeinschaft gefunden. An dieser Stelle könnte dieser positive Bericht enden. Stattdessen verheddert sich der Mann in Ausführungen zu schlimmen Geschehnissen, die die Bösen dieser Welt bald in die Realität umsetzen und greift damit Eberles Schilderungen zu einem möglichen dritten Weltkrieg wieder auf. Auch an diesem Mann scheinen die Ausführungen Eberles nicht spurlos vorüberzugehen.

Toleranz statt Jesus-Sticker

Als ich mich beim letzten Lied langsam aus dem Raum entferne, lasse ich die vergangene Stunde Revue passieren. Die Menschen im Gottesdienst schienen einander wohlgesinnt. Ich wurde freundlich angeschaut, und obwohl ich als neues Gesicht sicherlich aufgefallen bin, fühlte ich mich nicht bedrängt. Auch um Spenden wurde nicht aktiv gebeten – einzig ein kleiner Kasten mit der Aufschrift «Kollekte» hing unaufdringlich in einer Ecke. Dass die Gemeinschaft Gottlob patriotisch ist und dabei in buntem Glanz erstrahlt, spiegelt offenbar die persönlichen Vorlieben von Daniela Eberle wider. Ein etwas schaler Eindruck bleibt jedoch bei den Ausführungen über dunkle Mächte, die angeblich im Bunde mit dem Teufel stehen, sowie der Handlanger-Rolle, die Andersgläubigen zugeschrieben wird. Vielleicht wäre es die beste «gute Tat», den Wert von Liebe, Verständnis und auch den Glitzer, der die Gemeinschaft prägt, nicht nur untereinander, sondern auch auf Andersdenkende auszudehnen – und sie so an den gemeinsamen Werten teilhaben zu lassen.

Julia Sulzmann, 26. November 2024