Ein neuer Aushandlungsort von Religion
In den letzten Jahren hat sich das religiöse Feld stark verändert. Immer mehr Menschen, die sich als religiös bezeichnen, nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube und Facebook, um ihre Weltanschauung zu verbreiten. Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Religion im 21. Jahrhundert neu verhandelt wird. Ein bemerkenswerter Trend ist die Zunahme sogenannter religiöser Influencer:innen, die sich selbst als «Christfluencer:innen», «Glaubensinfluencer:innen» oder «Sinnfluencer:innen» bezeichnen. Diese Influencer:innen nutzen soziale Medien nicht nur, um ihre Botschaften zu verbreiten, sondern auch, um insbesondere eine jüngere Generation anzusprechen. Besonders auffällig ist die wachsende Zahl mormonischer Influencer:innen, die sich häufig auf Familienthemen konzentrieren. Tatsächlich ist ein Grossteil der sogenannten Family-Influencer:innen mormonischen Glaubens. Diese Influencer:innen erzählen dabei von ihren eigenen Erfahrungen und religiösen Werte, die ihre Erziehung und Lebensweise prägen.
Wer sind die Mormonen?
Der Mormonismus ist eine religiöse Bewegung, die als Neuoffenbarungsbewegung gilt und weltweit etwa 70 verschiedene Gruppierungen mit mehreren Millionen Anhänger:innen umfasst. Als «Mormonen» werden alle Gemeinschaften bezeichnet, die das Buch Mormon als heilige oder zumindest wichtige Schrift anerkennen. Die grösste mormonische Kirche, die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» (LSD), hat ihren Sitz in Salt Lake City, Utah. Seit 2018 möchte die LDS-Kirche und die «Gemeinschaft Christi» nicht mehr als «Mormonen», sondern als «Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» bezeichnet werden. Dennoch konnte sich diese Namensänderung in der breiten Öffentlichkeit noch nicht durchsetzen, was angesichts der Länge des Namens nicht erstaunt. Insbesondere auf Social Media wird der Begriff auch von mormonischen Personen weiterhin genutzt (und wird auch hier so verwendet) und hat dadurch auch neuen Auftrieb erhalten.
Gründungsmythos
Der Mormonismus geht auf Joseph Smiths zurück, der 1805 in Sharon, Vermont, geboren wurde. Er wuchs in einer religiösen Familie auf und soll sich bereits in jungen Jahren für unterschiedliche Religionen interessiert haben. Im Jahr 1820 soll er eine Vision gehabt haben, in der ihm Gott und Jesus Christus erschienen und drei Jahre später eine weitere, in der ihm der Engel namens Moroni erschien. Der Engel erzählte Smith von vergrabenen Goldplatten, auf denen die Geschichte eines alten Volkes aufgeschrieben sei. Smith grub die Platten aus und begann die Inschriften mithilfe von speziellen Geräten, die zunächst als «Peepstones», später als «Urim» und «Thummim» bekannt wurden (Begriffe, die auf alttestamentliche Wurzeln zurückgehen) zu übersetzen. Aus dieser Übersetzung ergab sich das Buch Mormon, das im Jahre 1830 veröffentlicht wurde. Darin ist die Geschichte zweier Völker niedergeschrieben sowie Prophezeiungen über die Wiederkunft von Jesus in den USA. Smith gründete 1830 gründete in Fayette, New York, offiziell die Kirche Jesu Christi, aus der die Gemeinschaft Christi hervorging, die heute rund 250.000 Mitglieder zählt. Smith wurde zum Propheten und Führer der Kirche ernannt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der mormonischen Lehre sind die 133 Offenbarungen, die Smith in seinem Werk «Lehre und Bündnisse» zusammengefasst hat. Dieses Dokument enthält Anweisungen zur Organisation der Kirche, zur Lebensführung (einschliesslich der Praxis der Polygamie), zu Heilslehren, zur Taufe Verstorbener und zu vielen anderen Themen. Der Gründungsmythos ist jedoch nicht unumstritten. Historiker:innen und Kritiker:innen stellen die Existenz der Goldplatten, die Umstände ihrer Entdeckung sowie andere Aspekte rund um Smiths Leben in Frage. Trotz der Kritik spielt der Gründungsmythos noch immer eine zentrale Rolle bei den mormonischen Gemeinschaften.
Mormonen auf Social Media
Mormon:innen sind auf Social Media omnipräsent. Dabei fällt ein Thema ins Auge: das Spannungsverhältnis zwischen modernen Lebensstilen und traditionellen Werten. In Utah, dem Zentrum der mormonischen Gemeinschaft, sind viele Frauen auf Social media aktiv und nutzen diverse Plattformen, um ihren Glauben zu verbreiten und ihr Einkommen zu verbessern. In der mormonischen Kultur ist es üblich, dass die Mitglieder sehr früh heiraten, oft schon mit 16 oder 18 Jahren. Mit der Ehe werden die Frauen zu Ehefrauen, Mütter und Hausfrauen und sind damit mit den familiären Pflichten betraut. Für viele dieser Frauen ermöglichen die sozialen Medien ein zusätzliches Einkommen zu demjenigen ihres Ehemannes, ohne ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter zu gefährden, da sie noch immer zu Hause arbeiten. Bereits in den 2000er Jahren gab es sogenannte «Mommy Blogger», die ihre häuslichen Fähigkeiten wie Backen, Kochen und Haushaltsführung online teilten. Auch heute werden diese Fähigkeiten über die sozialen Medien verbreitet und damit aufgezeigt, dass deren Beherrschung mit Erfolg und Zufriedenheit verbunden werden. Daher erstaunt es nicht, dass das Netz gefüllt ist mit Videos von perfekten, jungen, glücklichen und wohlhabenden mormonischen Familien. Die Kehrseite dieser scheinbar perfekten Ansichtskarten-Familien ist, dass fundamentalistische Familienvorstellungen, die Abtreibung ablehnen, die Ehe zwischen Mann und Frau betonen und die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau idealisieren, romantisiert dargestellt werden.
Mormon:innen sind insbesondere auf TikTok aktiv, um ihre Erfahrungen und ihren Glauben zu teilen. Unter dem Begriff «Mormon Tok» erstellen und verbreiten Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Inhalte, die sich auf ihren Glauben und mormonischen Alltag konzentrieren. Neben dem von der Kirche selbst erstellten Kanal gibt es auch die TikTok-Community #MomTok, die von Taylor Frankie Paul gegründet wurde. Paul nutzt diese Gruppe, um als moderne Frau über die Herausforderungen als Mutter und Frau in der mormonischen Gemeinschaft zu sprechen. Ihr Kanal wurde innerhalb kurzer Zeit bekannt und wurde durch Pauls Rolle in der Serie «Secret Life of Mormon wife» noch befeuert. In den TikTok-Videos trifft sich Paul mit Freundinnen (ebenfalls Mormoninnen) aus Utah und postet gemeinsam mit ihnen Tanzvideos. Es sind alle junge Mütter und Ehefrauen, die auf ihren individuellen Kanälen ebenfalls sehr viele Follower:innen haben und gemeinsam in der Serie «Secret Life of Mormon wife» auftreten.
Die Familie im Zentrum
Ein zentrales Element des mormonischen Glaubens ist die Betonung von Familie und Ehe. Influencer:innen in dieser Gemeinschaft geben häufig Einblicke in ihr Familienleben. Sie erklären ihre Erziehungsstile und posten gemeinsame Familienaktivitäten. Es fällt auf, dass die Darstellung von Familie und Mutterschaft auf diesen Plattformen häufig von stereotypen Rollenbildern geprägt ist, die einen grossen Druck auf die Mitglieder ausübt. Frauen werden häufig als Mütter, Ehe- und Hausfrauen dargestellt, während Männer Väter, Versorger und Entscheidungsträger in der Familie sind. Wohlgemerkt handelt es sich in diesem Familienverständnis um Frau, Mann und Kinder. LGBTQ+-Themen werden abgelehnt. Ein Beispiel einer solchen Influencerin ist Hannah Neeleman (auch bekannt als Ballerinafarm). Sie ist Mutter von acht Kindern und betreibt mit ihrem Mann eine erfolgreiche Farm. Sie postet auf ihrem Kanal «Ballerinafarm» Videos, wie sie zu Hause selbst Nahrungsmittel herstellt, im Stall mitarbeitet, Yoga macht und gleichzeitig ihre acht Kinder in Schach hält. Daneben findet man auch einige Posts von ihr als Schönheitskönigin, da sie regelmässig an Schönheitswettbewerben teilnimmt (und natürlich gewinnt). In anderen Videos tanzt sie bei Sonnenuntergang als Ballerina über den Acker ihrer Farm auf ihren Mann zu (ihr grosser Traum war es Ballerina zu werden). Auch Nara Smith ist eine aufstrebende Influencerin, die durch ihre Inhalte über das Leben als mormonische Frau und Mutter mittlerweile eine grosse Fangemeinde gewonnen hat. Sowohl Neeleman als auch Smith werden als Tradwifes gesehen, da sie beide die traditionelle Häuslichkeit und Weiblichkeit idealisieren.
«Trad Wifes»
Unter Tradwives versteht man eine Bewegung, die in letzter Zeit analog zu den Mormon:innen beliebt wurden. Dabei handelt es sich um eine Abkürzung von «Traditional Wives», die gläubige Frauen beschreibt, welche als Hausfrau, Mutter und Ehefrau leben und dies aus Social Media teilen. Tradwives stehen für eine klare Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau und damit verbundene Rollenzuteilungen ein. Solche Frauen posten Videos, in denen sie erklären, wie man eine gute Ehefrau sein kann und sich für den richtigen Partner entscheidet (da man später ja finanziell von ihm abhängig ist). Tradwives haben auch ein sehr spezifisches Verständnis davon, wie man sich als Frau kleidet und das Haus einrichtet. Die Ästhetik orientiert sich dabei an den 50er und 60er Jahren, wo die Frauen mit Dauerwelle und Kleider in der Küche standen. Die Bewegung wird – wie die meisten fundamentalistisch ausgerichteten Bewegungen allgemein – als Reaktion auf die moderne Gesellschaft gesehen, die für die Gleichstellung der Geschlechter und die Emanzipation der Frauen einsteht. Solche moderne Gegebenheiten werden in diesem Verständnis als Krise wahrgenommen, die nur durch die Rückbesinnung auf traditionelle Werte überwunden werden kann. Neben der offensichtlichen Rückwärtswendung der Frauenrechte steht diese Bewegung, wie auch die mormonischen Influencer:innen wie Ballerinafarm in der Kritik, dass sie ein idealisiertes Bild entwerfen, dem die meisten gar nicht gerecht werden können.
Glaube und Lifestyle
Neben der Familie sprechen die mormonischen Influencer:innen auch über ihren Glauben, teilen Zitate und verknüpfen dies meist auch mit Lifestyle-Inhalten. Sie teilen Rezepte, DIY-Projekte, Mode- und Fitnesstipps. Damit sprechen sie ein breites Publikum an, dass vielleicht nicht primär am Glauben, sondern an familienorientierten Lebensstilen interessiert ist. Beispiele solcher Influencer:innen, die Glaube mit Lifestyle verbinden sind Brooklyn und Bailey McKnight, mormonischen Zwillingsschwestern, die auf Instagram und über 9 Millionen Follower:innen zählen. Sie gründeten ihren Kanal 2013 als Teenager und nutzen ihre Plattform seitdem für Themen wie Mode, Beauty und Familie. «The Bucket List Family» ist ein Beispiel einer Familie, die um die Welt reist und ihre Abenteuer und ihren Glauben auf Social Media teilt und sich ebenfalls über eine hohe Followerzahl erfreut. Megan Smith ist eine bekannte Lifestyle-Bloggerin, die diverse Tipps für die Erziehung, fürs Kochen und den Haushalt gibt und gleichzeitig über ihren Glauben spricht.
Secret Life of Mormon Wives
Im Herbst 2024 ist auf Hulu die Serie «Secret Life of Mormon Wives» erschienen, die sofort hohe Wellen geschlagen und einige Fragen aufgeworfen hat. Die oben beschriebenen acht Frauen aus Utah, die über MomTok bekannt wurden, treffen in dieser Reality-TV-Serie aufeinander und teilen ihr Leben mit der Aussenwelt. Die Frauen sind Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die jungen Frauen, alle mit glänzenden Haaren, perfekt geschminkten Gesichtern und modischer Kleidung, führen immer wieder Diskussionen darüber, ob die konservative Ausrichtung des Mormonentums (in der Keuschheit eine Tugend und Homosexualität eine Sünde und der Vater die Autorität der Familie ist) noch zeitgemäss ist und ob man diese Tradition verändern könnte. In der Serie geht es auch immer um den TikTok-Kanal MomTok, der mit einzelnen Clips viral ging und zur Serie geführt hat. Am Ende jeder Folge stellen sich die Frauen nach den jeweiligen Dramen «Will MomTok survive this?»
Frauen im Kreuzfeuer von Tradition und Moderne
Die Serie soll einen authentischen Einblick in das Leben mormonischer Frauen geben, wird aber von der mormonischen Gemeinschaft kritisch betrachtet, die anmerkt, dass das vermittelte Bild nicht der Realität der mormonischen Frauen in der Kirche entspreche. Trotz der vermeintlich liberalen Lebensweise der mormonischen Influencier:innen aus Utah, lassen sich einige sehr traditionelle, mormonische Aspekte ausmachen. Mormon:innen befolgen strenge Verhaltensregeln, die den Konsum von Koffein, Alkohol, schwarzem Tee, Drogen, Glücksspiel, Pornografie und vorehelichen sexuellen Beziehungen verbieten. Diese Verbote – und die Nichteinhaltung derselben – werden in der Serie immer wieder thematisiert. Ein weiterer Aspekt bildet die spezielle weisse Unterwäsche, die bei den Mormon:innen «Garments» genannt werden. Diese Unterwäsche muss getragen werden, da sie als heilig angesehen wird und an die religiösen Pflichten erinnern soll. Diese vielen Regeln sollen gemäss dem mormonischen Verständnis den Mitgliedern zu einem reinen und gesunden Leben verhelfen. Daher sollte man alles vermeiden, was abhängig machen könnte und damit der Seele schädigt. Während dies in gewissem Masse als gesunder Menschenverstand beschrieben werden kann, so hat ein Verbot einen bitteren Beigeschmack und wird auf nachvollziehbarer Weise kritisiert. Problematisch sind solche Vorgaben besonders, da Mormon:innen glauben, dass sie durch ihre Treue zur Kirche und ihre guten Taten zu Gott werden oder eine höhere Position im Jenseits einnehmen können. Damit sind diese Vorgaben und Verbote mit dem eigenen Seelenheil verbunden und eine Nichteinhaltung hat schwerwiegende Folgen. Bei denjenigen, die den Richtlinien folgen, kommt ausserdem ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber Nichtmitgliedern oder Mitgliedern zum Zuge, die sich nicht an die Regeln halten. Auch in der Serie wird das thematisiert. Die Frauen diskutieren immer wieder darüber, wer von ihnen Gott nähersteht.
Die Crux mit der Sexualität
Taylor Frankie Paul, eine der Protagonistinnen der Serie, sorgte 2022 für Schlagzeilen, als sie enthüllte, dass sie und ihr Freundeskreis «Soft Swinging» praktizieren – eine Aussage, die von anderen Mitglieder der Gemeinschaft bestritten wird. Verschiedene Influencer:innen, die nicht Teil der Serie sind, behaupten heute jedoch, dass es in Utah eine Swinger-Community gibt und erklären sich das damit, weil viele junge Mormon:innen zu früh heiraten und daher bestimmte Erfahrungen nachholen müssen. Eine Schlussfolgerung, die zum Stirnrunzeln einlädt. Taylor Frankie, eine der Influencer:innen der Serie erklärt, dass sie von ihrer Mutter und der Kirche unter Druck gesetzt wurde, gleich nach der High School zu heiraten, da sie bereits sexuell aktiv war. Dass eine der Protagonistinnen Sex-Spielzeuge bewirbt und vertreibt täuscht dabei nicht über die Tatsache hinweg, dass eine fehlende Sexualerziehung typisch ist für die mormonische (und andere konservativere) Gemeinschaf ist. Kindliches Kirchen oder Kreischen von Seiten der Frauen in der Serie zu diesen Themen zeigt dies schön auf. Einige sehen im Skandal um das Soft-Swinging einen Zusammenhang mit der Polygamie, die von Jospeh Smith propagiert und gelebt wurde. Die Praxis der Polygamie war in der frühen Geschichte des Mormonismus weit verbreitet, wurde aber 1890 von der LDS-Kirche aber offiziell verboten. Es gibt jedoch fundamentalistische Gruppen, die weiterhin Polygamie praktizieren und sich von der Hauptgemeinde abgespalten haben. Diese Gruppen glauben, dass die Mehr-Ehe eine göttliche Ordnung und ein Weg zur eigenen Erlösung ist. Dennoch darf an dieser Stelle kritisch angemerkt werden, dass diese Thematik wohl eher weniger mit der aktuellen Serie zu tun hat.
Feminismus auf dem Prüfstand
In «Secret Life of Mormon Wives» wird das Image der «unmormonischen» Influencer:innen immer wieder in Frage gestellt. Die Frauen der Show werden in «saints» und «sinners» (welche die Regeln der Kirche missachten) eingeteilt. Die Frauen trinken Alkohol, kleiden sich freizügig, sprechen offen über ihre vorgenommenen Schönheitsoperationen und feiern gemeinsam eine Botox-Party. Sie präsentieren sich als treusorgende Mütter und Ehefrauen, die gleichzeitig sexy und selbstbewusst sind und sich zu ihrer mormonischen Identität bekennen. Diese Darstellung vermittelt den Eindruck von Frauen, die souverän über ihren eigenen Körper verfügen und durch ihre hohen Einnahmen über Social media in einer patriarchalen Gesellschaft selbstbestimmt agieren. Dies kann durchaus als feministischer Akt interpretiert werden. In der Serie fällt dazu immer das Wort «empowering», was meist an ihrem «skandalösen» Leben festgemacht wird, das eben nicht den mormonischen Vorgaben entspricht. Dennoch kann Feminismus in diesem Zusammenhang als fehlerhaft beschrieben werden. Nicht, weil Frauen, die sich freizügig kleiden und Schönheitsoperationen auf sich nehmen, direkt eine feministische Haltung abgesprochen wird, sondern weil sie ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmtheit nur innerhalb der Grenzen ausleben, die die Gruppe toleriert. Die männlichen Partner der «MomTokers» stehen beispielsweise der selbstbestimmten Rolle der Frauen oft im Weg. Viele der Frauen verdienen durch die Serie und ihre TikTok-Aktivitäten einiges an Geld und sind damit teilweise die Hauptverdienerinnen in ihren Familien. Erfolg – sowohl materielle als auch beruflicher und familiärer – ist bei den Mormonen zentral. Es zeigt, dass man ein gutes, richtiges Leben führt und mit den mindestens drei Kindern die Familie stärkt. Dennoch ist der finanzielle Erfolg in der mormonischen Gemeinschaft auf die Männer beschränkt. In der Serie ergeben sich daher auch oft Diskussionen zwischen den Geschlechtern. In einer Episode wird ein Paar gezeigt, bei dem die Frau die Hauptverdienerin ist, während der Partner eine medizinische Ausbildung absolviert. Es wird immer wieder gezeigt, wie er eifersüchtig ist, während sie versucht, ihre Unabhängigkeit und Karriere mit seinen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Ein Mann droht seiner Frau mit der Scheidung, als sie ihm mitteilt, dass sie mit Freundinnen in Vegas eine Chippendales-Show besuchen möchte, während er im Casino spielen geht was im Mormonentum ebenfalls verboten ist (Doppelmoral vom Feinsten). Schliesslich entscheidet sie sich dafür, MomTok aufzugeben und damit ihre Beziehung zu retten, respektive ihren Mann zu beruhigen. Dieses Beispiel zeigt auf, dass in der scheinbar liberalen Welt der Influencer:innen die patriarchalen Strukturen noch immer überwiegen und die Frauen unter Druck setzten. Die Drohung der Scheidung ist deshalb so gefürchtet, da verheiratete Paare oft als besser angesehen werden, als Alleinstehende. Die Ehe gilt als heilig und wird als ewiger Bund verstanden, der auch im Jenseits fortbesteht. Gemäss mormonischer Vorstellung können verheiratete Mitglieder selbst Gott zu werden, während Unverheiratete als dienende Engel in der Ewigkeit fort existieren. Diese Sichtweise kann zur Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen führen, da die Kirche traditionelle Geschlechterrollen betont (bis 1978 war es zudem schwarzen Mitgliedern nicht möglich, das Priesteramt zu erlangen, was zeigt, dass auch Rassendiskriminierung in der Vergangenheit ein Problem war).
Ein Ausstieg ist schwierig
Auffallend ist, dass die Frauen der Serie die Kirche nicht verlassen haben. Sie nennen sich alle Mormoninnen, unabhängig davon, wie eng sie die Lehre der Kirche befolgen (wir denken an die Dichotomie von Saints und Sinners zurück). Eine der Frauen erklärt in der ersten Folge, dass viele der Mütter die mormonische Basis von Liebe, Familie und Dienst schätzen, es aber nicht schaffen, eine moderne Frau zu sein gleichzeitig und alle Regeln zu befolgen. Dennoch bleiben sie Mitglieder der Kirche, deren Vorgaben sie nicht zwingend akzeptieren. Das liegt darin begründet, dass die meisten in mormonischen Familien aufgewachsen sind und daher befürchten diese familiären Beziehungen zu verlieren, wenn sie austreten. In der mormonischen Gemeinschaft herrscht die Vorstellung vor, dass ein Familienmitglied, welches die Kirche verlässt, im Jenseits nicht wieder mit der Familie vereint sein kann.
Die Reaktion der Kirche Jesu Christi HLT auf die Serie
Schon vor dem Erscheinen der Serie zeigte sich die Kirche Jesu Christi HLT alles andere als begeistert über das anstehende Projekt. Im Oktober 2024 veröffentlichten sie den Kommentar «When Entertainment Media Disorts Faith». Auch wenn die Serie darin nicht namentlich erwähnt wurde, war die Rede von einer Reihe neuer Produktionen, die «depict lifestyles and practices blatantly inconsistent with the teachings of the church.» (Lebensstile und Praktiken offensichtlich im Widerspruch zu den Lehren der Kirche darstellen). Solche kirchlichen Statements scheinen eher selten zu sein und fallen daher umso mehr auf.
Die Attraktivität der religiösen Influencer:innen
Die mormonischen Influencer:innen ist in letzter Zeit immer beliebter geworden. Laut Prof. Dr. Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, bieten religiöse Influencer:innen in Zeiten von Unsicherheit und Kontrollverlust ein Gefühl von Sicherheit, was insbesondere für jüngere Generationen attraktiv wirkt. Umso günstiger, dass die Inhalte auf Social Media Menschen zwischen 20 und 40 Jahren ansprechen. Sie werden mit einem Weltbild konfrontiert, dass klare Regeln und damit Stabilität bietet. Dass es sich dabei um fundamentalistische Grundwerte handelt, scheint dabei in den Hintergrund zu treten. Die Attraktivität der vorgeschlagenen Weltbilder geht mit der Ästhetik einher, die solche Inhalte aufweisen. Insbesondere die Verbindung von Themen wie Familie, Glück und Glaube mit Lifestyle-Themen wirkt auf jüngere Generationen ansprechend, da sie sich dabei an aktuellen Trends orientieren.
Wachsende kritische Szene
Neben den mormonischen Influencer:innen, die als Super-Frauen auftreten, wächst auch die kritische Szene, welche diese Stars und die Mormonengemeinschaft kritisch hinterfragt. Ehemalige Mitglieder nutzen sozialen Medien, um ihre Geschichten zu erzählen und Erfahrungen auszutauschen. Ein Hauptthema dieser Diskussionen stellen die Geschlechterrollen und patriarchalen Strukturen dar, die in der mormonischen Gemeinschaft vorherrschen und selbst bei solch liberalen Mormon:innen wie diejenigen von MomTok noch zentral sind. Ehemalige Mitglieder erzählen davon, dass sie in ihrem Leben eingeschränkt und bevormundet waren und fordern die Mormonen dazu auf, die Traditionen neu zu denken (insbesondere die Rolle der Frau). Auch der Umgang mit LGBTQ+-Themen wird kritisiert. Ehemalige Mitglieder, die sich als queer identifizieren, berichten von der Diskriminierung und dem sozialen Druck, den sie erlebt haben. Es ist bekannt, dass Mormonen zwar Homosexualität als solche nicht mehr verbieten, diejenigen, die nicht heterosexuell sind jedoch keusch leben müssen.
Ehemalige Mormonin klärt auf
Eine prominente Vertreterin dieser kritischen Stimme ist Alyssa Grenfell. Mit Tattoos und Piercings tritt sie selbstbewusst vor die Kamera und gibt einen ungeschminkten Einblick in ihre Erfahrungen als ehemalige Mormonin. Alyssa verliess die Kirche im Alter von 24 oder 25 Jahren und nutzt ihre Social-Media-Kanäle, um über die Mormonen aufzuklären. Ihre Beiträge sind deshalb wertvoll, da sie als langjähriges Mitglied detaillierte Beschreibungen liefern kann. Auf ihrem YouTube-Kanal «Alyssa Grenfell: I Gave Up Eternal Life for Coffee» und in ihrem Buch «How to Leave the Mormon Church: An Exmormon’s Guide to Rebuilding After Religion» diskutiert sie die konservativen Bräuche und Regeln, die ihr in mormonischen Erziehung vermittelt wurden und gibt Tipps, wie man den Ausstieg schafft. Mit zahlreichen Clips aus den Videos der mormonischen Influencer:innen zeigt sie auf, dass das liberale Bild, das solche Influencer:innen vermitteln wollen, meist nicht der Wahrheit entspricht.Ein Thema, das Alyssa Grenfell und andere kritische Stimmen aufgreifen, sind die sogenannten «Garments», die vorgeschriebene weisse Unterwäsche, die grundsätzlich immer getragen werden müssen (ausser beim Duschen oder Baden nicht). Einige Influencer:innen erklären, dass die Regel zum Tragen der Garments in den letzten Jahren etwas gelockert wurden und beispielsweise für Teenager und unverheiratete Frauen nicht mehr obligatorisch ist. Dennoch weist Alyssa Grenfell in Viedos darauf hin, dass bei einigen mormonischen Influencer*innen diese Garments unter der Kleidung sichtbar sind und damit noch immer zentral sind (beispielsweise bei Ballerinafarm, wo bei einer Yogaübung die Gaments sichtbar werden).
Ein zentraler Aspekt ihrer Kritik ist die Romantisierung des Tempels, die von frühester Kindheit an gefördert wird. Alyssa zitiert das Lied «I Love to See the Temple, I’m Going There Some Day, I’ll Covenant with My Father, I’ll Promise to Obey», das Kindern ab vier Jahren beigebracht wird. Sie erklärt, dass dieses Lied eine idealisierte Vorstellung vom Tempel vermittelt, der als der wichtigste Ort auf Erden gilt und auf dessen Besuch sich die Kinder freuen sollen. Alyssa selbst hatte das «Privileg», den Tempel zu betreten und beschreibt die damit verbundenen Erwartungen und den Druck.
In einem Beitrag erklärt sie, dass Kreuze bei den Mormonen verboten sind, da es der Idolatrie gleichkäme und an den Tod von Jesus erinnert. Daher finde man in mormonischen Haushalten auch keine Kruzifixe, sondern typisch mormonische Darstellungen von Jesus, meist kitschige Darstellungen, die ihn unhistorisch als hellhäutigen, blonden Mann zeigen (auch hier macht sich der langjährige Rassismus bemerkbar, bei dem gemäss mormonischer Auffassung die dunkle Hautfarbe eine Strafe Gottes war). In letzter Zeit habe sich das Kreuz als Symbol jedoch stärker durchgesetzt. Grenzfalls Theorie dazu ist, dass dadurch mehr christliche Konvertit:innen gewonnen werden.
Schlusswort und Ausblick
Mormonische Influencer:innen erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit und werden in der digitalisierten Welt wohl auf TikTok und Co. weiterhin an Einfluss gewinnen. Es konnte festgestellt werden, dass sich solche Influencer:innen in einem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne befinden und dabei insbesondere einen Einfluss auf jüngere Generationen haben, die sich Inhalte dieser scheinbar perfekten Familien anschauen. Von Seiten der mormonischen Kirchen werden diese scheinbar liberalen Ansichten meist kritisiert und als unvereinbar mit der mormonischen Tradition gesehen. Während aber Influencer:innen wie Ballerinafarm ein positives Licht auf ihre Tradition wirft, da diese das Bild der perfekten Hausfrau und Mutter abgibt, so werden die Frauen von MomTok als unmormonisch gesehen, was diese Frauen selbst mit der Bezeichnung Sinner betiteln (sich aber immer noch als Mormoninnen sehen). Auffallend und nicht zu sagen etwas besorgniserregend sind die patriarchalen Strukturen, die Geschlechtertrennung und die Rollenverteilung, die in den Inhalten idealisiert werden. Auch wenn diese Haltung als natürliche Gegenbewegung zur liberal-modernen Welt auftritt fragt man sich angesichts der wachsenden Popularität solcher Influencer:innen und Tradwives, welche Herausforderungen sich damit künftig ergeben. Es bleibt wohl nichts anderes übrig als zu hoffen und kritischen Stimmen wie Alyssa Grenfell mehr Raum zu geben.
Bernadette Jacober, 27. Dezember 2024