Christliche Trump Fans in der Schweiz: Wie gewinnt jemand, der Barmherzigkeit ablehnt, die Herzen von Christen und Christinnen?

Unter dem Titel «Das ist Demokratie!» schreibt Monika Hausammann in der evangelikal-fundamentalistischen Zeitschrift factum (Ausgabe 1/25) über den «Hoffnungsträger» und 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump. «Lasset uns beten!», schreibt sie, «Für Israel. Für Trump.» Doch welche Werte repräsentiert Trump, dass auch Christen und Christinnen in der Schweiz ihn befürworten? Es sind nicht die christlichen Werte der Gnade und Barmherzigkeit, um die die Bischöfin der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten, Mariann Edgar Budde, den Präsidenten bei seiner Amtseinführung bittet. Denn ihre Bitte um Gnade und Barmherzigkeit für illegale Migranten und LGBTQ+-Kinder kam beim Präsidenten gar nicht gut an: Sie sei eine radikal linke Trump-Haterin, welche ihre Kirche auf unhöfliche Art und Weise in die Welt der Politik eingebracht habe und zudem noch garstig im Tonfall gewesen sei.

Trumps christliche Kompromisse

Welche christlichen Werte repräsentiert denn Trump, dass er nicht nur in Amerika, sondern auch in der Schweiz christliche Anhänger findet? Trump sei im religiösen Sinn kein «Heilsbringer» aber er sei «Hoffnungsträger». In diesem Kontext meint Hausammann im factum, Hoffnungsträger für den «normalen und wahren Menschen». Die «normalen und wahren Menschen» seien nicht die, die irgendwie Opfer sind, sondern diejenigen, die den Auftrag und das Vermögen zur Freiheit und damit zur Verantwortung für das eigene Leben besitzen. Das sind auch diejenigen, welche laut Hausammann erkannt haben, dass «die alte marxistische Laier nicht zu Frieden und Wohlstand, sondern zu mehr Konflikten führt». Wer also die Verantwortung für das eigene Leben durch aktiven Kampf für mehr gleiche Rechte wahrnimmt, der gehöre zu jenen, die sich «irgendwie als Opfer sehen», und die, die die eigene Verantwortung für den eigenen Wohlstand wahrnehmen, das sind die «normalen und wahren Menschen». In anderen Worten: Minderheiten – «die sich irgendwie als Opfer sehen» – welche für ihre Rechte kämpfen und somit für Konflikte sorgen, gegen die Mehrheitsgesellschaft – «die normalen und wahren Menschen» – welche ja schon alle Rechte haben und somit für Frieden sorgen und sich um den eigenen Wohlstand kümmern können. Nun wird Hausammann konkreter: Nur Dank der vier Jahre, in denen Abtreibungen verherrlicht worden seien, in denen gewaltsamen Black Lives Matter-Proteste vorgekommen seien (obwohl diese ja eigentlich während der ersten Amtszeit Trumps auf dem Höhepunkt waren), in denen Kinder im Rahmen der Transideologie verstümmelt worden seien, die Inflation nicht bekämpft worden und auch die fragwürdige Unterstützung der Ukraine nicht hinterfragt worden sei, konnte Trump überhaupt als Präsidenten in Frage kommen. Denn Trump würde all dies endlich stoppen. Doch dies durch Kompromisse. Darin ist es, wo Frau Hausammann dann auch die Verbindung zu christlichen Werten findet. Denn auch Gott habe mit den Menschen Kompromisse eingehen müssen. Wir sollen als Christen und Christinnen daran denken, dass Gott aus Liebe und Gnade Kompromisse in Gesetz und Evangelium eingegangen sei. Hausammann möchte jedoch nicht Gottes Kompromisse mit den Kompromissen, die nun Trump eingehen muss, vergleichen, doch möchte appellieren, dass auch darin der Glanz Gottes sichtbar sei. Deswegen sollen wird für Trump (und für Israel, wie Israel in ihrer Argumentation Platz findet, wird im Text jedoch nicht offenbart) beten und dafür, «dass alles Leben wieder als die Gabe und Aufgabe des Menschen gesehen wird». Denn Trump werde auch in der Schweiz wirken können.

Hausammann möchte in ihrem factum-Artikel zwar christliche Werte ins Zentrum stellen, indem sie den «wahren Menschen» und das Leben als gottgegebene Gabe und Aufgabe des Menschen als vermeintlich christlich in den Fokus stellt, teilt jedoch hier und da Seitenhiebe aus. Ein Seitenhieb für das Recht auf Abtreibungen, ein Seitenhieb für LGBTQ+-Personen, ein Seitenhieb für die «People of Color» und ein Seitenhieb für die Armen. Minderheiten und «ihre Probleme» werden zu Sündenböcken für alles, was in Amerika schiefgeht. Der christliche Kompromiss erhält dabei einen fahlen Nachgeschmack.

Hyperfokussierung auf die LGBTQ+-Bewegung

Christliche Werte haben sich anscheinend vor allem mit den LGBTQ+-Werten zerstritten. Denn nicht nur werden die Rechte und Forderungen der LGBTQ+-Bewegung im factum abgelehnt, sondern auch in der prophetischen Zeitschrift Mitternachtsruf (Ausgabe Februar 2025) der gleichnamigen evangelikal-fundamentalistischen Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang wird Trump nun ein weiteres Mal von evangelikal-fundamentalistischen Christen:innen in der Schweiz verherrlicht. Leider sei ja die Volksinitiative «Tschüss Genderstern» in Zürich gescheitert, aber unter dem Titel «Wird Trump Generäle, die «woke» sind, feuern?» wird die leise Hoffnung vernommen, dass Trump auch im Militär gegen die LGBTQ+-Mitglieder vorgehen wird. Im Artikel wird sogar Pete Hegseth, Trumps Verteidigungsminister, unkritisch zitiert, als er von einer «Säuberung» des Militärs von «woken» Personen spricht. Was der Mitternachtsruf mit diesem Artikel bezwecken möchte, bleibt offen. Doch den Artikel über die Volksinitiative «Tschüss Genderstern!», deren Scheitern sie eindeutig bedauern, daneben zu platzieren, lässt darauf schliessen, dass Trump auch für den Mitternachtsruf Hoffnungsträger ist, ein Hoffnungsträger, der gegen den «linken LGBTQ+-Irrsinn», wie es von vielen Gegnern genannt wird, vorgeht.

Trump nicht nur «Hoffnungsträger», sondern auch «Heilsbringer»

Trump werde im Geiste Jehus regieren. Marcello Corciulo, Mitbegründer des neocharismatischen Vereins «Adler-Dienst» habe vor elf Monaten geträumt, dass Trump Präsident mit kupfernen Füssen werde. Als «gelehrter Prophet», sei ihm natürlich bewusst gewesen, dass dies ein prophetischer Traum war und habe gedeutet, dass Trump Präsident im bronzenen Zeitalter werde, das, laut Corciulo, jetzt begonnen habe. Während Corciulo Trump vor elf Monaten noch mit nicht-jüdischen Königen des Alten Testaments verglichen hat, so hat er nun in seinen letzten Videos, vor zwei Monaten angefangen, Trump mit jüdischen prophetischen Königen zu vergleichen, vor allem mit dem König Jehu. Denn Jehu wurde von Gott als König gesalbt, um das zu erledigen, was Elia nicht konnte, so Corciulo. In diesem Sinne sei Trump ein Jehu: «Die Salbung Jehus, die vielleicht sagen wird: «Jeder darf sich fühlen, wie er will. Aber wir werden in diesem Land wieder sagen, es gibt Mann und Frau. Wir brauchen kein drittes Geschlecht, wir brauchen kein siebenundzwanzigstes Geschlecht und wie es unterdessen in Irland bereits per Gesetzt festgelegt ist: unendlich viele Geschlechter?!» Das hat ein Ausmass erreicht, dass solche Dinge politisch fixiert werden, hat ein Ausmass erreicht, dass wirklich den Zenit überschritten hat, und da braucht es einen Jehu, der aufräumt

«Aufräumen» und «Säuberung». In christlichen Kreisen, die Trump unterstützen, werden diese Worte in Bezug zu LGBTQ+-Personen nur so dahingeworfen, ohne sich gross über die Konnotation, die diese Wörter beinhalten, Gedanken zu machen. Christliche Werte finde ich in diesen Aussagen keine. Während das factum die Personen, die sich «irgendwie als Opfer sehen» und damit Minderheiten meint, abwertet, sieht Marcello Corciulo sich selbst auch als Opfer. Er meint nämlich: «Dieser Kulturmarxismus, dieser Faschismus, der uns da aufgezwängt/-drängt wird, dass wir jetzt alle an siebenunddreissig, siebenundsiebzig, weiss ich wie viele, Geschlechter glauben müssen und dass wir jetzt alle dafür sein sollen, dass die Drag-Queens in den Kindergarten gehen und dort den Kindern vorlesen, das sollte aufhören.» Corciulo sieht sich als Opfer eines linken Faschismus, der ihm aufdränge, an mehrere Geschlechter zu glauben. Doch wie das factum oder der Mitternachtruf LGBTQ+-Leute abwerten, so geht Corciulo weiter und verteufelt sie. «[Denn] der Geist [hinter der LGBTQ+-Bewegung] möchte Verwirrung, Gott möchte Klarheit. […] Gott möchte Heilung und Identität. Geschlechtliche aber auch auf anderen Ebenen, Satan möchte Verwirrung und wer die Verwirrung fördert, ist natürlich die ganze woke Agenda

Trump werde also im Geiste Jehus regieren und aufräumen. Marcello Corciulo jedoch möchte betonen: «Ich sage nicht, ich sei ein Trump-Fan, ich sage nur, dass er wahrscheinlich in diesem Geiste, im Geiste Jehus regieren wird und dass sich Gott scheinbar nochmal einen modernen Jehu ausgewählt hat.» Und deshalb appelliert auch er, dass man für Trump beten solle. Man solle für ihn beten, dass er Gottes Pläne bewusst oder unbewusst einsetze.

Trump für die «normalen Menschen», «wahren Menschen», «Normaldenkenden»

Wie Hausammann argumentiert nun auch Corciulo, dass Trump sich endlich für die «Normaldenkenden» einsetzen wird. Wer sind denn diese Menschen, die Hausammann als die «normalen und wahren Menschen» und Corciulo als die «Normaldenkenden» bezeichnet? Das wird nicht klar. Doch Corcioulo und die beiden Artikel, einerseits aus dem factum und andererseits aus dem Mitternachtsruf, betonen immer wieder, wer nicht zu den «Normaldenkenden» gehört, und das sind die «linken Freunde», das «linke politische Spektrum» oder in den Worten Corciulos «der Kulturmarxismus und linke Faschismus». Da Corciulo und die Artikel im factums und Mitternachtsruf Trump unterstützen und in ihm nicht nur Hoffnungsträger, sondern zum Teil auch Heilsbringer sehen, könnte man in dieser Argumentation einen Kreis schliessen, der wahrscheinlich zu weit gehen würde. Denn wer sind denn die Linken? Am Anfang dieses Artikels wurden Trumps Worte zu der «radikal linken» Bischöfin Mariann Edgar Budde aufgeführt. So seien die Linken «Trump-Haters», welche es wagen um Gnade und Barmherzigkeit für Migranten und LGBTQ+-Kinder zu bitten. Dies wiederum widerspricht christlichen Werten, welche aber von den Christen und Christinnen, die Trump unterstützen, gar nicht als so wichtig erachtet werden. Da sich Jesus bekanntlich um Personen am Rand der Gesellschaft kümmerte, könnte man sich jedoch fragen, wie christlich die Argumentationen im factum Magazin, im Mitternachtsruf und auch von Corciulo wirklich sind.

Alysejah Huber, 11. Februar 2025