Die Runenmeisterin in Weiss
An einem Stand in der hinteren Ecke der Halle befindet sich ein Tisch, der von Objekten überfüllt ist. Es finden sich Kartenlegesets, Runensteine, Schmuck, Bilder und vieles mehr. Hinter dem Tisch steht eine Frau mit gefalteten Händen, die sie zum Gebet erhoben hat. Ihre Erscheinung sticht selbst auf dieser Esoterikmesse hervor, auf der es so einige spezielle Gestalten gibt. Etwas skeptisch begutachte ich ihre Aufmachung. Sie trägt ein weisses, bodenlanges Plisseekleid und eine weiss-blonde Lockenperücke, die bis zu den Hüften reicht. Ihr Gesicht ist stark geschminkt, sodass es weich wirkt. Auf der Stirn klebt ein Glitzerstein, um den Hals trägt sie helle Ketten, am Finger steckt ein schwarzer Runenring und auf dem Kopf sitzt ein feines Diadem. Ich weiss, dass ich mich hier am Stand von Freya (angeblich ihr Geburtsname) Onassis, der «bekanntesten Runenmeisterin Deutschlands», befinde. Ich bin gespannt was sich hinter ihren Äusseren befindet und werde versuchen auch eine Beratung bei ihr zu buchen.
Wohlstand und Reichtum im Fokus
Interessiert beuge ich mich über die Auslage, betrachte mal dies, mal das und frage, was bestimmte Runen zu bedeuten haben. Freya lächelt freundlich und erklärt mir mit grosser Geduld, was ich wissen will. Eine Rune scheint dabei besonders wichtig zu sein: die Wohlstands- und Geldrune «Fehu». Überall auf den Schmuckstücken und den Steinen oder Amuletten findet sich diese Rune wieder. Klar, Geld ist immer gut, vor allem wenn man es hat und vielleicht meint sie, dass ich das in meiner einfachen Kleidung gut gebrauchen könnte. Wahrscheinlich ist es auch einfach ein cleverer Marketingtrick. Ich weiss, dass viele spirituelle Suchende auch Kurse zur Geldvermehrung besuchen. Freya erklärt, dass die Armketten mit weissen Kristallperlen mit Edelmetallen beschwadet worden seien, was ihren Wert steigere. Ich frage mich, wie das funktionieren soll. Ich kann mich dunkel an den Chemieunterricht erinnern, in dem wir gelernt haben, dass Edelmetalle sehr hohe Siedepunkt haben und dabei erst bei ungefähr 3000 Grad Celsius zu Dampf werden. Vielleicht war Chemie aber auch nicht ihr Lieblingsfach. Freya erklärt, dass man sich allgemein im Leben mit diesen edlen Metallen umgeben sollte, um Wohlstand und Erfolg anzuziehen. Wahrscheinlich ist das auch die Devise, nach der sie lebt. Es könnte zumindest ihr Erscheinungsbild erklären, das an eine Mischung aus Elfe und Prinzessin erinnert und erhaben wirkt. Das Diadem auf dem Kopf erinnert aber eher an ein Kinderkrönchen aus einem Kiosk-Heftchen als an ein Schmuckstück aus edlem Metall. Ich nehme an, dass ihr Kostüm mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt, gemäss der sie mit dem norwegischen Königshaus verwandt ist und in dem es eine Prinzessin gibt, die offiziell ein Medium sei. Irgendwie scheint sie sich als diese zu inszenieren. Neben dem Tisch steht eine Tafel, auf der auch Beratungen ausgeschildert sind. Ich frage, ob ich später so eine Beratung mit Runensteinen buchen kann, worüber sie sich sehr freut. Wir verabreden uns für später, und ich schlendere weiter durch die Stände der Anbietenden.
blond – blauäugig – hellhäutig
Zurück bei Freya führt sie mich sogleich zum Stand nebenan, der durch sein grelles Pink nicht zu übersehen ist. Sie arbeitet also bei Shiva Life TV. Ich bezahle die 70 Franken für die Beratung und werde in eine kleine, weisse Nische geführt, in der sich ein Hochtisch mit kitschigem Gesteck und zwei weissen Lederhochstühlen befinden. Freya bittet mich, Platz zu nehmen, und fragt sogleich, wie denn mein Name sei. Sie erklärt mir, dass es eine heilige Bernadette gäbe und ob ich das wisse. Nun ja, wenn man den Namen Bernadette trägt, dürfte einem wohl die französische Ordensschwester bekannt sein, selbst ohne religiöse Vorbildung. Freya legt einen Kalender auf den Tisch, ein «Geschenk» für mich. Ich bedanke mich höflich und blättere durch die Seiten. Von allen Blättern lächeln mir mit KI erstellte Bilder von Frauen, Mädchen und einzelnen Männern entgegen. Sie alle haben grosse blaue Augen, helle Haut und von zwei rothaarigen Gestalten abgesehen, blonde Haare. «Schön, oder?» fragt sie mich mit strahlendem Lächeln. Schön? Nun ja. Ich muss schmunzeln und hoffe, dass es Freude und nicht meine Belustigung/Bestürzung zeigt. Schönheit liegt ja bekanntlich in den Augen des Betrachters. Diese scheinbar «perfekten» Figuren bieten einen thematischen Einstieg in das, was mich in der Sitzung erwartet. «In welchem Monat hast du denn Geburtstag?» fragt sie mich neugierig und blättert sogleich zum Monat Mai, wo zwei Mädchen abgebildet sind. Erwartungsvoll fragt sie mich, ob ich denn Geschwister habe, und erfreut sich darüber, dass ich zwei Schwestern habe. Was ihre Antwort wohl gewesen wäre, hätte ich gesagt, ich sei ein Einzelkind? Im Verlauf des Gesprächs merke ich, dass Familie und Kinder (Plural) in ihrem Weltbild zentral sind.
Das entscheidende Jahr
Freya fordert mich auf, die Augen zu schliessen und dabei intensiv an meinen Lebensweg zu denken. Ein etwas mulmiges Gefühl beschleicht mich und ich frage mich, was sie wohl über mein Leben erzählen wird. Wird sie etwas zum Thema Liebe, Lebensplan oder Beruf sagen? Wie wird sie vorgehen? Allgemeine Aussagen tätigen und auf meine Antworten hin spezifizieren? Während ich meinen Gedanken nachhänge, klappern die weissen Steine mit goldenen Runen im dicken braunen Ledersäcklein, das sie vom Stand mitgenommen hat. Ich öffne auf ihre Aufforderung die Augen wieder, und sie legt der Reihe nach Steine auf den Tisch. Es kommt eine Engelsrune zum Vorschein, die zeigt, dass ich von Engeln beschützt werde, was sehr wichtig, aber eher selten sei. Würde ich daran glauben, wäre ich jetzt wohl geschmeichelt. Beruflich gesehen liege ein super Jahr vor mir, meint Freya. Beruf also. Nun, es erscheint angesichts meines Alters naheliegend, dieses Thema anzusprechen. Sie fragt mich auch sogleich, wie alt ich denn im Mai werde. Sehr gut sei es, dass ich mich dann im 27. Lebensjahr befinde, denn die Kräfte würden im 28. Lebensjahr stagnieren. Ich kann nicht sagen, ob sie dies spezifisch aus meinem Lebensweg liest oder ob dies eine allgemein gültige Aussage in der Runenwelt ist. Jedenfalls sei dies das Jahr der Veränderung, das ich nutzen sollte.
Religionsgeschwurbel
Sie fragt mich nach meinen beruflichen Plänen, und ich erkläre ihr, dass ich im nächsten Sommer auf eine Festanstellung hoffe und bleibe dabei noch etwas vage. Sie fragt sogleich nach, was ich denn beruflich mache, und reagiert begeistert auf meine Tätigkeit als Religionslehrerin. «Wie gut, dass du Religionslehrerin bist», meint Freya, denn es sei wichtig, dass das Christentum gestärkt werde. Kindern sollten christliche Werte vermittelt werden, da diese in unserer Gesellschaft immer mehr in den Hintergrund rücken. Früher sei das noch anders gewesen, da habe jedes Kind einen Schutzengel gehabt. Ich erkläre ihr, dass ich nicht nur das Christentum behandle, sondern die sogenannten Weltreligionen und andere religiöse Traditionen. Sie übergeht meinen Einwand und betont erneut die Wichtigkeit des christlichen Denkens und Handelns. Denn das Christentum werde immer mehr verdrängt, und dagegen müsse man etwas machen. Sie führt ihre Gedanken weiter aus, und in einer Redepause frage ich dann doch noch nach, warum sie meine, dass das Christentum verdrängt werde und insbesondere von wem. Na ja, zum Beispiel vom Islam, meint sie. In meinem Kopf schrillen die Alarmglocken. Plötzlich bekommt das Ganze einen etwas bitteren Beigeschmack. Nun ja, der Islam verdränge halt das Christentum. Beispielsweise würden in Deutschland Ramadanfeiern stärker staatlich finanziert, während das Christentum immer stärker der Säkularisierung weiche. So werde darüber gesprochen, das Weihnachtsfest Winterfest zu nennen. Ich denke mir: Also doch eher staatliche Säkularisierung als der Islam, der auf dem Vormarsch ist? Ich nehme an, dass sie meiner Mimik die Vorbehalte ansieht. Freya erklärt, dass es in allen Religionen doch um die Liebe gehe – sowohl im Christentum als auch im Hinduismus (im Islam kenne sie sich nicht so aus, aber dort gehe es wahrscheinlich auch darum).
Wie das Christentum und Runen zusammenhängen – oder auch nicht
Ich atme tief durch, lächle und frage sie, was das Christentum denn mit Runen zu tun habe. Runen sind göttliche, heilige Symbole, erklärt Freya und beginnt etwas verschwurbelt darüber zu berichten, dass das Christentum eine Religion der Liebe und auch der heiligen Symbole sei. Hm, na ja. Wahrscheinlich stellt ihr übliches Klientel etwas andere Fragen. Ich belasse es aber dabei und höre ihren Ausführungen weiter zu. Sie schliesst dieses Thema mit den Worten, dass ich dieses Jahr bestimmt meine Festanstellung bekommen werde (obwohl ich ihr gesagt habe, dass dies frühestens im nächsten Sommer der Fall sei).
Die Hochzeitsglocken läuten schon
Als Nächstes spricht sie mit mir über Beziehung und Liebe. Ob ich denn einen Partner (wohlgemerkt männlich) habe. Ich erkläre, dass ich seit mehr als 5 Jahren in einer glücklichen Beziehung bin. Ihre Frage, ob wir verheiratet seien, verneine ich, und sie fragt mich eindringlich, warum denn nicht. Ich bin kurz perplex, fühle mich etwas überrollt, da mich das die wenigsten fragen – allgemein kenne ich wenige, die eine 26-Jährige fragen, warum sie noch nicht verheiratet ist – und erkläre dann mit einem ironischen Unterton, den ich mir nicht verkneifen kann, dass es halt noch nicht so weit sei und es auch nicht eile. Ausserdem gebe es heute auch viele Gründe, die gegen eine Heirat sprechen. Sie erklärt mir, dass es aber wichtig sei und die Ehe heilig sei. Sie selbst habe sich nach sechs Monaten mit ihrem jetzigen Mann verlobt, habe vier Kinder mit ihm und habe ausserdem ein Heim mit ihm zusammen erbaut. Auch hier zeigt sich ihre Wertehaltung, die sich bereits zu Beginn abgezeichnet hat.
Die Rolle der Schwiegermutter
Freya sieht sich die Runensteine noch einmal genauer an – auf die sie übrigens eher wenig Bezug nimmt, sondern frei von der Leber weg erzählt – und pickt einen heraus, der scheinbar eine weibliche Energie zeigt. Dabei soll es sich entweder um meine Mutter oder die Mutter meines Freundes handeln, mit der ich ein wichtiges Gespräch führen muss. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, denn was sie damit andeutet, ist klar. Sie fragt mich sogleich, ob ich es mit meiner Schwiegermutter denn gut habe, was ich bejahe. Freya meint mit Nachdruck, dass ich mich unbedingt einmal mit ihr zusammensetzen und über eine mögliche Hochzeit reden soll. Möglicherweise könne sie (die Mutter meines Freundes) dann auch mal mit meinem Partner sprechen und ihm sagen, dass es vielleicht mal an der Zeit sei zu heiraten. Ich solle dieses wichtige Jahr nutzen, um mich zu verloben und zu heiraten. «Mal schauen» sage ich etwas kühl.
Abschied auf nimmer Wiedersehen
Zum Abschluss wünscht mir Freya alles Gute und umarmt mich, was ich in dieser Situation eher unpassend finde. Sie legt die Handflächen im Gebet aneinander, verbeugt sich und sagt, ich solle ihr doch mal auf Shiva TV anrufen. Wohl eher nicht, denke ich mir, und verabschiede mich. Schmunzelnd denke ich darüber nach, dass ich meinem Freund zu Hause erzählen muss, dass wir dieses Jahr Nägel mit Köpfen machen müsse – und natürlich auch seiner Mutter.
Bernadette Jacober, 04. April 2025