Um 11:15 Uhr begaben wir uns ins Obergeschoss der Umweltarena, in dem sich die Konferenzräume befanden und das Referat «Beziehungslust statt Beziehungsfrust» von Andreas Renz und Veronika Volke stattfinden sollte. Durch Nachfragen im Eingangsbereich der Messe fanden wir knapp vor Beginn den richtigen Raum und wurden sogleich von Veronika Volke freudestrahlend in Empfang genommen und in die erste Reihe gebeten. Es befanden sich bereits ca. 15 Leute (die meisten in der zweiten Reihe) im Saal. Auf der Bühne stand Andreas Renz vor einer immensen Leinwand, die zwar eingeschaltet war, aber während des «Top-Referats» nicht gebraucht wurde. Wir setzten uns hin und tauchten sogleich ins Thema ein. Das Pärchen stand auf der Bühne – er leger in Hose, Shirt und Sneakers und sie in einem roten Kleid und schwarzen Stiefeln – und lächelte uns an. Es folgten nervenaufreibende 105 Minuten, in denen wir nicht umhinkamen, uns genervte Blicke zuzuwerfen und immer mal wieder auf die Uhr zu schielen.
Mit grossen Augen und lieblicher, wenn auch bestimmter Art sprach Veronika zum Publikum. Die Scheinwerfer waren auf sie gerichtet und liessen sie aus der Dunkelheit des Raumes hervortreten. Ihre Stimme war laut und eindringlich, während Andreas eher ruhiger wirkte und ihr oft den Raum zum Sprechen liess. Sie begann mit den Worten, dass sie heute ja auch alleine auf der Bühne stehen könnte, um über Beziehung zu sprechen (sie nannte sich Beziehungsexpertin, während er der Selbstfindungsexperte war). Jedoch hätten sie sich entschieden, dies gemeinsam als Paar zu machen. Nett, dass sie ihren Mann auch dazu eingeladen hatte, dachten wir etwas zynisch.
Esoterische Erfolgsgeschichte
Im «Top-Referat» gaben beide immer wieder Einblicke in ihre Vergangenheit, die sie dahin gebracht hatte, wo sie heute standen. Allgemein hatten wir den Eindruck, dass sie frisch von der Leber weg aus ihrem Leben erzählten und das Thema des Referats «Beziehungslust statt Beziehungsfrust» etwas in den Hintergrund geriet. Beide hatten eine für die Esoterikszene typische Geschichte voller Lebenskrisen, durch die sie zur Spiritualität und damit zueinander fanden. Er erzählte von mangelnder Liebe in der Kindheit und wie dies später in zahllosen Affären und einer Scheidung geendet hatte. Sie erzählte davon, dass sie in der Vergangenheit immer wieder verlassen worden war und sich dies in ihr als Angst festgesetzt hatte. Wenig überraschend erklärten beide, diese Zeiten überwunden zu haben und durch ihre glückliche Beziehung und ihre Spiritualität aufzublühen. Eine Erfolgsgeschichte, die zum Nachmachen anregen sollte.
Banal aber wirksam
Vielem, was sie in ihrem Vortrag als Beziehungsexperten ansprachen, konnte man zustimmen. Jedoch waren es keine Aha-Momente, die wir hier erlebten. So erklärten sie, dass Kommunikation wichtig sei, man gemeinsame Werte in der Beziehung besprechen müsse, man selbst sein solle und sich respektvoll gegenübertreten solle. Ihre Beziehung funktioniere aus diesen Gründen fantastisch. Das freute uns natürlich sehr für sie.
Gleichberechtigung à la carte
Andreas Renz erklärte in seiner ruhigen Art, dass man in den letzten Jahrzehnten der Gleichberechtigung nähergekommen sei, dass man sich heute aber wieder von diesem Ideal wegbewege. Insbesondere die Frauen würden sich heute durch die Gleichberechtigung gezwungen fühlen, Karriere zu machen, «alles zu wollen», womit sie sich auch wieder in eine andere Richtung, in ein anderes «Extrem» bewegten. Wir mussten einmal kurz schlucken. Was war denn das für eine sexistische Aussage, dachten wir uns. Irgendwie schienen sie beide auch klare Vorstellungen von Rollenverteilung zu haben. Sie propagierte ihre Weiblichkeit stark und machte viele Charakterzüge daran fest.
Liebe – etwas zwischen Mann und Frau
Unweigerlich fragten wir uns bei all der Binarität und Polarität, wo denn gleichgeschlechtliche Beziehungen in diesem Weltbild blieben. Eine unserer Mitarbeiterinnen beschrieb den Vortrag als «heteronormatives Ausführen, mit ziemlich grundlegenden Tipps – Werte definieren, kommunizieren, Gefühle fühlen». Es ging für sie darum, was «zwischen Mann und Frau» ablief. «Ein Film ohne Liebe zwischen Mann und Frau ist einfach nicht spannend!», sagte Veronika ganz zu Beginn des Vortrags. Wir jungen Menschen in der ersten Reihe tauschten daraufhin Blicke aus. «Wie sieht’s denn mit gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen aus?», murmelten wir einander zu. Veronika, die uns im Blick hatte, ergänzte schnell: «…oder zwischen Frau und Frau!».
Der Rest des Vortrages galt dann der Beschreibung des Zusammenspiels männlicher und weiblicher Energien. Schliesslich seien wir auch unterschiedlich, «gleichwertig, aber nicht gleichartig». Irgendwie kam uns das aus dem konservativen Christentum bekannt vor: Frauen seien da für die Kinder und den Haushalt, Männer für alles andere, aber angeblich dennoch «gleichwertig» – und so sei es auch in Ordnung, wenn wir nicht gleich «schwingen» (hiess im Esoterik-Speak wohl simplifiziert ausgedrückt, dass man immer etwa dieselbe Laune, Priorität, und so weiter habe, wie der eigene Partner, oder eben die Partnerin).
Wir dürften, so hiess es, auch anders sein als unser Partner, unsere Partnerin. Wir fragten uns, was das für ein gleichgeschlechtliches Paar bedeutete. Die wären dann ja sowohl gleichwertig als auch gleichartig. Würden sie gleich schwingen, so wäre das ganze Beziehungskonzept der beiden im Eimer. Denn laut ihnen mache ja gerade die Unterschiedlichkeit von männlich und weiblich sowie die dahinterstehenden männlichen und weiblichen Felder den eigentlichen Reiz aus. Die Weltanschauung, die Veronika und Andreas präsentierten, funktionierte ausschliesslich bei heterosexuellen Paaren.
Ungeschützter Raum
Wie wir mittlerweile schon häufiger beobachtet hatten, stellte sich bei Vorträgen in der Esoterik-Szene ein gewisser Effekt ein, der durch Angebot und Nachfrage erklärt werden kann. Wer ging zu einem Vortrag über Beziehungen und die Kunst, sie zu meistern? Wahrscheinlich nicht vorrangig glückliche Paare. Unserer Erfahrung nach traf man eher Menschen an, für die Beziehungen ein schwieriges Thema waren, manche, die sogar daran verzweifelten. Dementsprechend fanden Andreas Renz und Veronika Volke aus unserer Sicht ein vorselektiertes Publikum vor, das nach Tipps für erfolgreiche Beziehungen lechzte. Die von den Zuschauenden empfundene Dankbarkeit für die klaren Worte über ihren Beziehungserfolg war während des Vortrags immer wieder spürbar. Spürbar war allerdings auch, dass es immer wieder Menschen gab, für die das Thema schwer belastend war. In der Reihe hinter uns sass eine junge Frau, die fast den ganzen Vortrag hindurch geweint hatte. Besonders wenn es um vergangene leidvolle Erfahrungen ging, hörte man sie laut schluchzen, manchmal musste sie sich ein paar Reihen weiter nach hinten setzen. Es war schwer für uns, die Dame so sich selbst zu überlassen und ihr keinen Beistand leisten zu können. Von Veronika Volke und Andreas Renz war keine Reaktion bemerkbar. Waren sie es schon so gewohnt, dass Menschen während ihren Vorträgen zusammenbrachen und sie ihr Programm einfach weiter durchzogen? Für uns wurde deutlich, dass wir uns in einem ungeschützten Raum befanden, in dem zwar viel über Beziehungen, Zusammenhalt und Liebe gesprochen wurde, aber auf eine aktive Unterstützung lange gewartet werden konnte.
Vergeben und vergessen?
Ungefähr in der Mitte des Vortrags machten wir eine «Übung», ein «Vergebungsritual». Es ging darum, «der kollektiven Männlichkeit» und «der kollektiven Weiblichkeit» zu vergeben – mit geschlossenen Augen und Hand auf dem Herzen. Auch wenn wir dafür noch nicht bereit waren, so sollten wir es dennoch machen. Wir hatten unsere Augen geschlossen. Dann hörten wir hinter uns ein Schluchzen. Die Dame, die zuvor schon durch ihr Weinen aufgefallen war, stand irgendwann auf, um hinauszugehen. Wir drehten uns nicht um und dachten nur, in solchen Fällen benötigten Menschen Psychotherapie, nicht dieses unbegleitete, erzwungene Verarbeiten potenzieller Traumata.
Dieses «Vergeben» sollte übrigens auch anderen Menschen helfen. So erklärte Veronika, wohlgemerkt freudestrahlend, dass eine Frau, die jetzt in diesem Moment gerade vergewaltigt werde, das dann spüre. Eine Frau, die jetzt gerade vergewaltigt werde, solle also ein positives Gefühl erhalten, nur weil wir uns denken, «so, wir vergeben der kollektiven Männlichkeit/Weiblichkeit». Wir wagten zu bezweifeln, dass jemand während einer solchen Erfahrung auch nur ansatzweise an Vergebung interessiert ist. Das schien Veronika aber nicht zu verstehen, oder nicht verstehen zu wollen. So sehr sich die beiden selbst als «Experten» von Menschlichem – ob Selbstfindung oder Beziehung – bezeichneten, so sehr stellten sie sich durch ihre Aussagen bloss; als Personen, die eben doch nicht verstanden, und auch keinen Raum gaben, mit dem eigenen Leiden zu existieren.
Ein Starrwettkampf
Am Ende des Vortrags wurden wir aufgefordert, uns in zwei Reihen aufzustellen. Männer und Frauen sollten sich gegenüberstehen. Wir sollten einander anschauen, vielleicht sei ja jemand dabei, der uns interessiere. Himmelherrgott, das auch noch. Dann ging es allerdings schnell wieder um Vergebung, in diesem Fall ein schon fast erleichternder Themenwechsel. Gemeinsam sollten wir uns vorstellen, dass hinter den Männern die kollektive Männlichkeit stehe und hinter den Frauen die kollektive Weiblichkeit. Der sollte dann das jeweils andere Geschlecht – ebenfalls kollektiv – vergeben. Wir taten uns damit schwer. Nach dem Vortrag besprachen wir unsere Erfahrungen und waren uns einstimmig einig, dass dieses erzwungene Gegenüberstehen das mit Abstand unangenehmste des ganzen Vortrags gewesen war. Eine Mitarbeiterin erzählte, wie einer der Männer eine Art Starrwettkampf mit ihr begonnen hatte. Er konnte ja nicht ahnen, dass unsere Mitarbeiterin tapfer zurückstarrte, wobei sie sagte, dass sie öfter geblinzelt hatte als er und auch ein bis zweimal sein anderes Auge habe anstarren müssen.
Selbstverantwortung als Bürde
Dieses kollektive Vergeben erinnerte uns an ein Grundsymptom der Esoterikszene. Dem oder der Einzelnen wurde im Rahmen der grossen Bewusstheit und Erleuchtung so viel Macht zugesprochen, dass es schon fast beängstigend war. Der gesamten kollektiven Männlichkeit zu vergeben – das musste man erstmal schaffen. Es zeigte aber ebenso, wie viel Verantwortung den Individuen zugemutet wurde: Verantwortlich sein für das eigene Befinden, Symptome, für die spirituelle Reife und sowieso den Aufstieg in die fünfte Dimension. Das konnte ganz schön viel werden. Besonders wenn es um Krankheit und Gesundheit ging – ein Thema, das auf der Lebenskraft wie immer präsent war – konnte es schwierig werden. War man einfach nicht spirituell weit genug, und hatte deshalb eine Krankheit bekommen? Oder wurde man sie deshalb nicht mehr los? Man kam während der Lebenskraft nicht drum herum, sich solche und ähnliche Fragen zu stellen, auch nicht während des Vortrags von Veronika Volke und Andreas Renz. Als wir beim Mittagessen waren, diskutierten wir noch ein wenig weiter. Letztlich einigten wir uns darauf, dass für manche Probleme Vergebungsrituale nicht ausreichen.
13. April 2025, Angela Heldstab, Bernadette Jacober, Mirjam Steiner & Julia Sulzmann