Neulich wurde ich am Bahnhof von einem mir fremden Mann, nennen wir ihn hier Nando, gefragt, ob ich Schmerzen hätte. Grund dafür war, dass ich – aufgrund eines neulichen Fussbruchs – mit Krücken unterwegs war. Ich informierte ihn also höflich, dass der Fuss gebrochen ist, ich aber nicht besonders unter den Schmerzen leide. Daraufhin stellte er mir weitere Fragen zu meinen Schmerzen, beispielsweise wie fest es denn weh täte, auf einer Skala von 1-10. Ich bin kein Fan dieser Frage – es fällt mir leichter, Menschen zu erklären, wie ich mit dem Schmerz umgehen kann (von «es tut weh, lenkt mich aber nicht zu fest ab» zu «ich kann nichts anderes denken oder tun, weil es so weh tut»). Ich erklärte also, dass ich die Frage nicht mochte, es aber aktuell ein gut aushaltbarer Schmerz sei. Ausserdem hätte ich Medikamente, falls es schlimmer werden sollte. In diesem Moment fragte ich mich, ob das Erwähnen von Medikamenten zu deren Verteufelung führen würde. Gleichzeitig fragte ich mich auch, ob er mir Drogen verkaufen wollte, was ich allerdings an einem Montagmorgen am Hauptbahnhof in Zürich schon für einen sehr gewagten Versuch halten würde. Die Frage, auf was genau er aus wollte, behielt mich im Gespräch, das sich viel länger anfühlte als es vermutlich war.
Kurz darauf begann Nando, vielleicht als Versuch, mit mir mitzufühlen, über Ärzte zu monieren: «Die sagen ja, es geht sehr lange, bis es heilt.» Die vier bis acht Wochen, die es dauern sollte, halte ich für ziemlich kurz für einen kaputten Knochen, und teilte ihm entsprechend freudig mit, dass es eben «nur» vier bis acht Wochen seien. Endlich war es soweit: «Du weisst aber schon, dass es auch einen Weg gibt, wie es schneller heilt?» Nando sah mich etwas kritisch an, und während ich die Wortwahl in Kombination mit dem Tonfall und dem Gesichtsausdruck als etwas abwertend empfand, hatte ich mich durch zu viel Gespräch gequält, als es nicht herausfinden zu wollen. Ich war also sehr ehrlich. «Jetzt bin ich aber gespannt.» Entweder esoterisch oder christlich, dachte ich mir.
Christlich, aber mit esoterischem Touch
Nando erklärte mir, dass er mir die Hände – kostenlos! – auflegen könnte, wie es Jesus getan hatte, damit ich so geheilt würde. Das «kostenlos» betonte er tatsächlich. Er sei schon ein paar Mal mit Toby Meyer mitgegangen, welcher, wie Nando erklärte, am See anderen Menschen anbot, ihnen die Hände aufzulegen. Nicht alle Menschen sagten ja, beispielsweise «Muslime, die dürfen ja nicht», wie Nando erklärte. Weiter erkundigte er sich nach meinem Glauben: ob ich denn an Gott glaube. Mit der Entscheidung, nicht einem wildfremden Mann am Bahnhof meine Lebensgeschichte zu erzählen, antwortete ich ehrlich: «Ich habe eine komplizierte Beziehung zu Gott.» Die Rückfrage kam direkt, wenn auch unsicher. «Heisst das, eine schlechte Beziehung?» Ich zögerte. «Kompliziert trifft’s am besten.» Dann kam die nächste Glaubensfrage: «Glaubst du, dass Jesus dich heilen kann?», und wieder zögerte ich. Eigentlich nicht, aber man kann’s versuchen, dachte ich mir. Dass die neutestamentlichen Heilungen nicht mit «Probier’s mal, Jesus, vielleicht klappt’s ja», sondern mit «Ich weiss, dass du es kannst» stattfanden, schien ihm auch nur zur Hälfte präsent zu sein. Er meinte nämlich selbst auch, «ich weiss nicht, ob es hilft», und ich dachte, wenigstens jemand von uns beiden sollte schon daran glauben.
Auf sein Angebot dachte ich mir, «nützt’s nüd, schadt’s nüd», sagte aber nur den letzteren Teil laut, und hielt ihm meine Hand entgegen. Er fasste sie mit beiden Händen und erkundigte sich, ob ich die andere Hand auf meinen Fuss legen könne, denn das könne zum Teil helfen. Ich stand bereits auf nur einem Bein da, das andere konnte – oder sollte, durfte, und natürlich wollte – ich ja nicht belasten, eine meiner Hände umfasst von seinen, die andere an der Krücke, und so versuchte ich kurz, meinen Fuss mit dieser anderen Hand zu erreichen. Ich merkte, dass mir das zu riskant war, und stützte mich wieder auf die Krücke. Nando murmelte «göttliche Heilung» und schloss seine Augen. Dies wirkte auf mich ein wenig esoterisch. Ich kam nicht umhin, mich zu fragen, was genau er sich vorstellte – es war weniger so, als würde er zu Gott beten, und mehr so, als würde er versuchen, «göttliche Heilungsenergien» über meine Hand zu senden.
Langeweile tritt ein
Ich stand eine Weile auf einem Bein da, am Zürich HB bei meinem Gleis, und wusste, der Zug würde noch mindestens 10 Minuten länger nicht eintreffen. Fairerweise hatte Nando mich vorher gefragt, ob ich im Stress sei, und irgendwo hinmüsse, aber ich war bereits genau dort, wo ich sein sollte, und meine «professionelle Neugier» hatte mich dann doch dortbehalten. Mir war ziemlich schnell langweilig, und ich fragte mich, wie lange diese Heilung genau dauern soll. Bald öffnete Nando seine Augen und redete wieder mit mir, notabene während er weiterhin meine Hand hielt.
So erzählte er mir mehr von Toby Meyer. Dieser sage jeweils: «Wenn du jemanden mit Krücken siehst, geh zu ihnen und biete ihnen Heilung an.» Als ich später mehr zu Toby Meyer in Erfahrung brachte, sah ich gewisse Gemeinsamkeiten. Wie für Toby üblich, hatte auch Nando mich nach meinen Schmerzen erkundigt. (Ob das so plötzlich und unvermittelt passieren soll, weiss ich nicht.) Nach der «Heilung» aber hatte er nicht mehr nach einer Zahl gefragt; vielleicht auch, weil ich von Anfang an keine gesagt hatte. Auch das für Toby Meyer typische «Das bringen wir weg» wurde von Nando ausgelassen. Vielleicht, weil er es einfach nicht mehr präsent hatte, oder vielleicht, weil es bei einem gebrochenen Fuss etwas merkwürdig klingt, wenn man es «weg» machen will – da müsste man vielleicht sagen, «das bringen wir zusammen».
Durch Wiedergeburt an Heilungskräfte
Nando erzählte mir weiter, dass er jeweils das ICF Zug besuche, und dass er nicht Teil einer Sekte sei, wie es beispielsweise Zeugen Jehovas wären. Dass ich mich mit Freikirchen gut auskenne, sagte ich ihm zwar, aber ohne die Anmerkung, dass ich auch bei Relinfo arbeite. Seinen Kommentar zu den Zeugen liess ich ebenfalls ohne Diskussion zum Wort «Sekte» stehen. Er meinte weiter, er könne die Heilung durchführen, weil er «wiedergeborener Christ» sei, und erklärte mir, was er darunter verstand: «Das heisst, ich habe den Heiligen Geist empfangen.» Ich erinnerte mich an die Zeit, in der ich mich selbst als wiedergeborene Christin gesehen hatte, und entschied mich dagegen, ihn darüber zu informieren. Dass ich einmal in einer Freikirche war, erzählte ich ihm aber. Nando fragte mich dann, ob ich noch weitere Christen in meinem Bekanntenkreis hätte. Tatsächlich tue ich das, sowohl solche, die sich selbst auch als «wiedergeboren» bezeichnen, als auch jene, die das nicht tun würden. Die meisten glauben allerdings nicht an diese Art der Heilung. Nando aber fand, diese könnten mir allesamt auch die Hände auflegen; ich solle sie darum bitten. Als ich am selben Tag eine christliche Freundin (fairerweise spasseshalber) fragte, meinte sie: «Der weiss aber schon, dass das nicht alle glauben, oder?» Vermutlich weiss er es nicht.
Wenn Gott zum Placebo wird… oder ein Placebo zu Gott
Nach langem Hand-Halten kam dann die nächste Frage: «Spürst du schon etwas?». Mir ist bewusst, dass die menschliche Psyche sehr mächtig ist. Sich vorzustellen, dass man etwas spürt, und dann wirklich etwas zu spüren, ist an und für sich sehr einfach. Aus diesem Grund gibt es ja auch den Placebo-Effekt, der wohl auch hier Anwendung fand, wenn auch ohne Medikamente als solches. Ich würde ausserdem von mir selbst sagen, dass ich auf solche Suggestionen relativ empfindlich reagiere, und mir also schnell mal was einbilde. Ich informierte ihn, dass es vermutlich mehr ein psychologischer Effekt sei, ich aber durchaus etwas spüre. «Ein Kribbeln, vielleicht?» Ich bejahte. Kribbeln traf es vermutlich am besten, aber dass man etwas spürt, wenn man sich so fest darauf konzentriert, war durchaus absehbar. Ich weiss aber nicht, ob ich das Kribbeln gespürt hätte – mir eingebildet hätte – wenn er nicht gefragt hätte, oder er die Hand so lange gehalten hätte. Ausserdem entschied ich mich dagegen, probeweise auf meinen gebrochenen Fuss zu stehen. Nando erfreute meine Antwort sehr. «Siehst du! So schnell wirkt Gott.» Meinen Kommentar zu psychologischen Effekten ignorierte er komplett, und auch meine Hand liess er nicht los. Ich fragte mich, wie lange er sie noch halten wollte. Er plauderte dann noch eine Weile mit mir, erzählte mir von seinem Leben, und ich fragte mich, wofür er eigentlich noch meine Hand hielt – wenn die Heilung klappen sollte, hätte sie das schon lange können – bis er sich dann endlich verabschiedete und sehr glücklich wirkend wieder seines Weges ging.
Fazit
Als ich am nächsten Tag, unabhängig von Nandos Einsatz, beim Arzt ein weiteres Röntgenbild machte, war der Knochen immer noch gebrochen, und sah, zumindest gemäss meinem medizinisch ungebildeten Auge, auch genau gleich gebrochen aus wie vorher. Ob es nun daran liegt, dass ich nicht geglaubt habe, dass Nando nicht so ganz überzeugt schien, oder daran, dass solche Heilungen grundsätzlich zu keinen Verbesserungen bei Knochenbrüchen führen, muss offen bleiben.
Angela Heldstab, 4. Juli 2025