Witchtok – die neue Ära der Hexerei: Spiritualität, Manifestation und ihre Schattenseiten 


Die neuen Hexen

Das Bild der Hexe hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Während wir in unserer Kindheit oft an bucklige Frauen aus den Grimm-Märchen oder an freche Hexen wie Bibi Blocksberg dachten, kennen die heutigen jungen Generationen eine völlig neue Art der Hexe: die selbstfliegende Internethexe, die man auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, YouTube oder TikTok trifft.

Von wem sprechen wir?

Der Begriff Hexe wird meist aus dem Althochdeutschen hagzissa oder hagazussa abgeleitet, was meist mit Zaunreiterin zwischen den Welten übersetzt wird. Ihren Ursprung haben Hexen in heidnischen Fruchtbarkeitsritualen, sowohl in Europa als auch in Ägypten, Babylonien und Assyrien. Auch Göttinnen der griechischen Mythologie wie beispielsweise Hekate sollen mit ihrem Kräuterwissen und ihren magischen Fähigkeiten Hexerei betrieben haben. Eine neue Bedeutung erhielt das Wort Hexe in den sogenannten Hexenprozessen des 15. bis ins 18. Jahrhundert, wo Männer und Frauen wegen angeblicher Hexerei auf Scheiterhaufen verbrannt wurden. Man glaubte, dass diese Menschen mit dem Teufel im Bunde stehen und Krankheiten bei Menschen und Tieren verursachen. Die Hexenbulle von Papst Innozenz VIII galt dabei als Startschuss im Hexenwahn. Heutzutage ist der Begriff «Hexe» positiv konnotiert. Viele der heutigen Hexen sehen die Hexen, die in den historischen Hexenverbrennungen starben, als weise Frauen, die sich mit Heilkräutern auskannten und sich mit vorchristlichen Religionen auseinandersetzten. Daher feiern sie heute noch keltische Feuerfeste, Solarfeste, Mondfeste und Jahreskreisfeste. Dabei vermischen sich neuheidnische Motive mit esoterischen Praktiken. Auffällig ist die Naturverbundenheit, die auf Witchtok und insbesondere bei urbanen Hexen grossgeschrieben wird. Sie sehnen sich nach der Natur, beten die grosse Göttin an und folgen dem Mondkalender.

Witchtok – mehr als ein Trend

Unter dem Begriff #WitchTok (zusammengesetzt aus Witch und TikTok) findet man seit ungefähr 2019 eine Community von modernen Hexen (auch Witchfluencerinnen und Witchfluencer genannt), die kurze Videos und Tutorials zu Zaubersprüchen, Tarotkarten, Heilsteinen und -kräutern, Zaubertränken und Liebeszaubern verbreiten. Sie bezeichnen sich selbst als moderne Hexen, Hexen der neuen Generation oder magisch Praktizierende. Diese «neuen» Hexen versuchen, an die ältere Hexentradition anzuknüpfen und ihre Ansichten über Social Media zu verbreiten. Ihre Community erfreut sich grosser Beliebtheit und ist ein Ort, an dem man sich gegenseitig inspiriert und unterstützt. Diese beschützende Atmosphäre zeigt sich auch darin, dass neue Hexen auf Witchtok als «Baby Witches» bezeichnet werden. Interessierte und angehende Hexen brauchen dazu keinen Guru, keine Mentorin, sie können sich lediglich die Videos ihrer Witchtokerinnen und Witchtokern anschauen und deren Ideen ausprobieren. Jedoch birgt diese Szene auch ihre Gefahren, insbesondere wenn junge Menschen die Inhalte unkritisch konsumieren.

Eine bunte Mischung spiritueller Praktiken

In der Witchtok-Community finden sich diverse Videos, die wenig bis gar nichts mit Spiritualität oder Glauben zu tun haben, sondern vielmehr der Unterhaltung dienen. Jedoch zeigt sich in den Beiträgen auch ein Sammelsurium an unterschiedlichen spirituellen Praktiken: Manifestieren, Ahnenarbeit, Kräuter, Heilsteine, Zaubersprüche, Räucherware, Numerologie, Heilen, Runen, Tarot. Dabei sieht man, wie junge Hexen verschiedene Materialien wie Kräuter, Eierschalen oder Salz in einen Behälter wie einen Mörser geben und damit Unterschiedliches bewirken: den Schwarm dazu bringen, dass er sich in einen verliebt, Gewicht verlieren, beschützt werden oder gute Noten in der Schule bekommen – für alle gibt es etwas. Dabei herrscht oft kein Konsens über die «richtige Art» des Rituals. Uneinigkeit besteht über die wahre Bedeutung gewisser Kräuter oder auch darüber, ob man Liebeszauber wirken soll oder einen Hexenaltar braucht oder nicht. Dennoch kann man beobachten, dass gewisse Normen generiert werden. So teilt «wiccawitch222» ein Video, um zu erkennen, wenn ein Zauber mit dem «Spell Jar» nicht funktioniert hat. «Dylan» fragt, was man mit dem Spell Jar machen soll, nachdem man es gebraucht hat («Throw them in the trash?») und bekommt die Antwort: «Take everything that was in it and bury it in soil to thank Mother Nature, and you can reuse the jar!». Problematisch wird es, wenn magische Praktiken wie Manifestation und Liebenszauber einfache Lösungen für komplexe Probleme bieten. Das kann dazu führen, dass unrealistische Erwartungen entstehen und Menschen ihre Verantwortung für das eigene Handeln abgeben. So könnte man zur Überzeugung kommen, über Nacht den Traumpartner zu finden, oder eine Gehaltserhöhung zu bekommen. Irdische Lösungen haben dabei keine Relevanz mehr, einzig auf die magischen Praktiken muss man vertrauen. Und wenn es mal nicht klappt (wie das in einigen Kommentaren erzählt wird) so finden sich mindestens so viele die über die Wirkung schwärmen und Tipps geben, wie man es anders machen könnte. 

Eine eigene Hexen-Ästhetik

Neben den spirituellen Praktiken und Ritualen spielt auch die Ästhetik eine wichtige Rolle auf Witchtok. Auch wenn nicht alle Hexen dasselbe Erscheinungsbild haben, scheint es dennoch einige verbindende Elemente zu geben. So zeigt sich eine Hexe typischerweise mit dunklen Farben wie Schwarz, Violett oder Dunkelgrün, was oft auch mit mythischen Symbolen und Naturmotiven kombiniert wird. Hinzu kommen Naturfasern wie Leinen oder Baumwolle, Schmuck aus Kristallen oder Federn. Einige stylen sich mit auffälligem Make-up, dunklem Lippenstift und Smokey Eyes, haben farbige lange Fingernägel, farbige Haarsträhnen und Tätowierungen. Andere wirken zurückhaltender und zeigen sich eher in trendy Streetwear. Was auffallend ist, ist, dass sich auf Witchtok eine grosse Anzahl junger Frauen findet, die diese Ästhetik übernehmen. Auch ihre Häuser oder Zimmer werden in dieser Art dekoriert: Kristalle, Räucherstäbchen, Tarotkarten und Altäre sind dabei mindestens so wichtig wie ihre Praxis.

Kommerzialisierung zentral

Viele der modernen Hexen besitzen ein sogenanntes Buch der Schatten. Dieser Name leitet sich vom «Book of Shadows» der Wicca-Bewegung ab, in dem Rituale festgelegt sind. Heute haben viele der Hexen ein eigenes Book of Shadows, das eine Art Bullet Book darstellt und in dem die jungen Hexen alles sammeln, was ihnen für die Hexerei wichtig ist – Zaubersprüche, Rezepte, Bilder oder Gedanken. Viele dieser Bücher kann man auf Etsy, einem Online-Marktplatz, kaufen, der unterschiedliche handgemachte Produkte und Künstlerbedarf verkauft und daher auch bei modernen Hexen beliebt ist. Einige nennen ihr Buch der Schatten auch «Grimorie» (vom altfranzösischen gramaire), was auf ein Zauberbuch mit magischem Wissen zurückgeht, das insbesondere im Spätmittelalter und im 18. Jahrhundert beliebt war, und wieder andere verknüpfen beide Begriffe und versehen ihr Hexenbuch mit den Hashtags grimoire und bookofshadows. Dieses wird als heilig betrachtet und kann nach eigenen Vorlieben gestaltet werden, wobei es keine Regeln gibt, sondern nur die Intuition zählt. Jedoch finden sich einige Tipps. So rät «zelaferaco», dass man nicht perfektionistisch arbeiten, sondern dem Chaos Raum geben soll, da im Chaos die Magie stecke. Ausserdem solle man einen Schutzzauber auf der ersten Seite anbringen, um das Buch vor unerwünschten Blicken zu schützen, und magische (in diesem Fall schwarze) Tinte benützen. Viele Hexen empfehlen zudem, dass man das thebanische Alphabet nutzt, das als Hexenalphabet gilt und oft dazu gebraucht wird, um Texte zu verschlüsseln. An diesen Büchern zeigt sich die starke Kommerzialisierung von magischen Produkten in dieser Szene, die zu einem Konsumzwang führen kann. Dabei kann der Eindruck entstehen, dass man «echte» Kristalle, Kräuter, Mörser, Bücher, Outfits, Pendel und Essenzen braucht, um erfolgreich zaubern zu können. Das fördert nicht nur den Konsum, sondern kann auch zu finanziellen Problemen führen, insbesondere wenn auf den Kanälen noch Angebote wie teure Online-Kurse verlinkt werden. 

Zwei wichtige Playerinnen auf Witchtok

Shisha Rainbow ist ein Beispiel für eine moderne Hexe, die mit ihren 125600 Followerinnen und Followern eine der bekanntesten Hexen im deutschsprachigen Raum ist. Sie hat die Bücher «F*ck the Universe: Wie du die Macht deiner Emotionen nutzt, um alles zu manifestieren, was du je wolltest» und «WitchPower – Entdecke deine magischen Kräfte» veröffentlicht. Im Jahre 2019 begann sie, sich als Hexe auf Social Media zu präsentieren. Auf ihrem TikTok-Kanal findet sich eine Sammlung von Videos, in denen es um Prophezeiungen, Zaubersprüche, Rituale und «echte Hexerei» geht. Sie erklärt in einem Video: «Wenn dir diese Dinge begegnen, solltest du aufpassen!» «3 Krähen, Traum von einer brennenden Kerze, tote Ratte, Insekten in der Wohnung, Schwarze Schatten im Augenwinkel, sich «zeitversetzt» fühlen». Sie vermischt Astrologie mit Manifestation, Liebeszauber, Medialität und anderen spirituellen Praktiken. 
Ein Im englischsprachigen Raum ist «mysticprimrose» eine bekannte Witchtokerin, der 301000 Personen folgen. Sie teilt Videos mit Zaubersprüchen, Tipps und Botschaften. So sieht man in einem Video, wie sie einen Liebeszauber erklärt. Dazu soll man den Namen des Schwarms fünf Mal untereinander auf ein Papier schreiben, das eigene Parfüm darauf sprühen, Salz darüber geben und das Papier danach verbrennen. Dieses Muster wiederholt sich für andere Zauber, die sie wirkt, wobei die Anzahl der Namen, die man schreiben muss, variiert und Honig, Pfeffer oder Chili statt Salz verwendet wird. Im Zentrum steht die Manifestation – egal ob es sich um Geld («Manifest 1000 Dollar right now»), Liebe, Glück, Traumjob oder Selbstsicherheit handelt. Hier zeigt sich, wie vereinnahmend solche Ideen auch sein können. 

Selbstermächtigung auf Kosten anderer?

Bei Witchtok ist das Thema Selbstermächtigung zentral. Die jungen oder älteren Hexen betonen, dass sie selbst darüber bestimmen, was ihnen hilft und wie sie es ausführen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Selbstermächtigung über die Entscheidungsfreiheit anderer Menschen gestellt wird. Das ist insbesondere bei Liebeszauber der Fall, da die Hexen glauben, die Gefühle des Schwarms beeinflussen zu können. Zwar äussern sich einige Hexen kritisch zu diesen Praktiken, dennoch wird es von den meisten Witchtokerinnen und Witchtokern angepriesen. Es stellt sich die Frage, inwiefern solche Liebeszauber moralisch vertretbar sind, da der freie Wille der Personen beeinflusst werden soll, ohne dass diese etwas davon wissen. Der Glaube daran, dass man Zauber wirken kann, führt in der Umkehrung zum Schluss, dass man auch selbst verzaubert werden kann. Gekoppelt mit dem Glauben an «schwarze Magie» kann dies bei einige Personen auch zu Verfolgungsängsten führen. 

Das Problem mit den Heilsversprechen 

Im Kontext von Witchtok wird Wellness oft thematisiert. Es geht darum, dass man sich besser fühlt, Erfolg hat und Wünsche in Erfüllung gehen. Dabei gibt es unterschiedliche Methoden und Hilfsmittel wie Heilsteine oder energetische Heilmethoden. In vielen Videos wird gezeigt, was man als Hexe gegen Depressionen oder Schmerzen tun kann. Oftmals werden dabei schnelle Lösungen für mögliche Gesundheitsprobleme – physischer oder psychischer Natur – präsentiert. Bei unkritischer Konsumation dieser Inhalte kann es dazu kommen, dass professionelle medizinische oder psychologische Hilfe nicht in Anspruch genommen wird, obwohl dies nötig wäre. Besonders bei Menschen, die sich in einer emotional schwierigen Lage befinden oder schwerwiegende gesundheitliche Probleme haben, kann dies durchaus gefährlich sein. Daher sollte trotz Faszination für diese Szene auch stärker auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht werden, insbesondere da es sich beim Zielpublikum um Jugendliche handelt.

Bernadette Jacober, 04. Juli 2025