Hillsong Zürich: Hoffnungsvoll voran

Erste Herausforderungen: Von Tür zu Tür

Wer an der anderen Strassenseite vorbeilief, hörte schon von weitem das überfreundliche «Hey, welcome! Willkommen!», das die beiden an der ersten Tür stehenden Hillsong-Mitglieder allen Besuchenden entgegenbrachten. Einige Personen, die hineingingen, schienen etwas unsicher, und ich fragte mich, ob diese ebenfalls das erste Mal dort waren. Als ich die Tür erreichte, wurde ich ebenfalls überfreundlich begrüsst, mit etwas fragenden Blicken in Richtung meiner Krücken (Fuss gebrochen). Ich grüsste sie ebenfalls und humpelte weiter zur zweiten Tür. Im Eingangsbereich hingen «Happy Birthday»-Ballone, und ein mutmassliches weiteres Gemeindemitglied stand davor und liess sich abbilden. Wie ich später herausfand, handelte es sich bei der Feierlichkeit an diesem Tag um Hillsong Zürichs 9. Geburtstag.

An der zweiten Tür begegnete mir ein weiteres Mitglied des vermuteten Welcome Teams, die mich erstmal fragte, welche Sprache («Deutsch, English?»), und dann folgte, ob ich das erste Mal hier sei. Ich bejahte. Sie erklärte mir also, wo was zu finden war, wobei ich die Hälfte akustisch nicht verstand. Irgendwo im Hintergrund spielte laut Musik, und das zusätzlich zu all den anderen Gesprächen im Raum war es zumindest mir nicht möglich, eine richtige Konversation zu führen. In diesem Raum gab es noch eine Treppe, die ich zum Glück nicht nehmen musste, und einen weiteren durch Glasscheiben getrennten Raum, in welchem sich Personen nach dem Gottesdienst (hier: «Service») treffen, um zu plaudern, oder – für die Neuen – einfach «Fragen zu stellen, die anderen kennenzulernen». Auf einem Tisch lagen Kopfhörer. Diese waren für Personen, welche während des Gottesdiensts, der dieses Mal auf Deutsch stattfand, eine Übersetzung ins Englische benötigten.

Ich wurde zur dritten Tür geführt, hinter welcher ich dann den Raum entdeckte, in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte. Er war voll bestuhlt, die Band spielte bereits, und war wohl auch verantwortlich für den Lärm, den ich draussen gehört hatte. Ich setzte mich hin, hatte aber nach dem Auspacken meines Notizbuchs und dem Hinstellen der Krücken keine Zeit mehr, mich umzusehen. Denn kaum hatte ich mich einigermassen eingerichtet, kam von der Band der Aufruf, aufzustehen und mitzusingen, um so unsere Verehrung von Gott zu zeigen. Ich blieb sitzen, hauptsächlich wegen des Fusses, während alle um mich um aufstanden. Das war auch die richtige Entscheidung, denn die anderen standen noch eine gute Weile länger.

Der Raum war voll – wie ich nach dem Gottesdienst herausfand, mussten einige Spätkommende auf einen Sitzplatz verzichten und bewegten sich stattdessen ins Büro oben. Ich schätze, dass etwa 100 Personen, vielleicht etwas mehr, da waren. Ein Gemeindemitglied gab später lachend zu, dass es etwa die Hälfte der Gemeinde nicht kannte, da sie in letzter Zeit so enorm gewachsen wäre.

Das erste Lied, Englisch, handelte vom Dank gegenüber Gott, beim zweiten, Schweizerdeutsch, ging es um Gottes allgegenwärtige Präsenz. Die drei Bildschirme oberhalb der Bühne zeigten jeweils den deutschen und den englischen Text. Während ich beide Lieder nicht kannte, war ich wohl nicht die einzige: Der Pastor, Simon, meinte später, dass wir (oder sie) als Hillsong Glück hätten, die Lieder als erste zu hören. Hillsong, in der Freikirchenszene insbesondere für die Musik bekannt, die dann von allen anderen modern wirkenden Freikirchen ebenso aufgenommen und an Gottesdiensten gesungen wird, schreibt also wieder neue Lieder.

Ein wenigstens ehrliches Abendmahl

Kurz darauf ging es direkt ins Abendmahl. Simon las vor aus 1. Korinther 11, 23-26, Hoffnung für alle, und ergänzte bei Vers 25 gleich selbst: «Ebenso nahm er nach dem Essen den Kelch mit Wein – Truubesaft – reichte ihn seinen Jüngern und sprach: […]». Wenigstens ehrlich, dachte ich mir, und nahm Brot und Traubensaft. Während das «Teller» weitergereicht wurde, spielte die Band (verhältnismässig) leise im Hintergrund, und ich fragte mich kurz, ob eine Sängerin «in Zungen» sang; ich verstand nämlich kein Wort. Die Band sang «Noone but Jesus», «niemand ausser Jesus», und ein Sänger äusserte sich kurz darauf. «Jesus, nichts ist höher als dein Name! Dein Name ist höher als alles!» und begann sogleich eine Aufzählung, was alles weniger hoch sei. Das Beispiel, das mir besonders auffiel: «Jesus, dein Name ist höher als jede Depression!». Während es zum Glück nicht Teil der Predigt war, fand ich das durchaus grenzwertig. Wenn dies gelehrt wird, und jemand der Gemeinde klinische Depressionen haben, oder entwickeln, sollte, so würde dieser Person wohl oder übel geraten, mehr zu glauben, oder alternativ zu wenig Glaube vorgeworfen. Jesus stünde schliesslich darüber.

Über Errettung und Errettete

Darauf folgte ein Gebet – oder besser gesagt zwei. Zuerst wurden Gebetsanliegen an den drei Bildschirmen gezeigt, wie vorhin die Liedtexte auch auf Deutsch und Englisch. Diese Gebetsanliegen waren im Vorhinein gesammelt worden, und gelistet waren Dinge wie «Neuer Job» oder «Vorstellungsgespräch», aber auch «Errettung von Ehemann». Ein wenig tat mein Herz weh. Diese «Errettung» ist oft sehr zweiseitig. Die glaubende Person hofft, dass Partner:in «zu Jesus findet», gleichzeitig hofft die andere Person, dass die glaubende Person wieder rauskommt. Im Idealfall würden beide die Entscheidung der anderen Person respektieren, aber auch die Hillsong ist hier zu evangelistisch unterwegs – sie wollen ja, dass möglichst viele «zu Jesus» (alternativ: zur Hillsong) finden. Auch das übt sehr viel Druck auf die glaubende Person aus. Eine einfache Lösung gibt es in diesen Fällen nicht, und die Spannung, die da in einer Familie, oder auch nur Partnerschaft, entsteht, ist einfach nur belastend.

Wir beteten also «jeder für sich», implizit mit der Erlaubnis, auch in Zungen zu beten, bis es dann zur nächsten Folie mit «Dank» kam. So sollen wir für die Errettung danken, aber auch für zwei Familien, die wohl neu dazugekommen waren. Beim Vorlesen der verschiedenen Anliegen jubelten einige der Anwesenden den beiden Familien zu. Und wieder betete «jeder für sich». Und ich stellte fest, dass ich konstante Gebetsunterbrüche nicht mag – lieber wäre mir, wir würden einmal «länger» beten, still und andächtig. Dafür ist die Hillsong aber die falsche Kirche. Denn auch während des Gebets spielte die Band, wenn auch leise.

Ein Stilbruch in der Kirche

Der Pastor begrüsste uns offiziell mit einem «welcome home!», willkommen zuhause, und seine Frau – hochschwanger – übersetzte. Aufgrund des neunjährigen Geburtstags von Hillsong Zürich trug ein weiteres Gemeindemitglied einen Kuchen mit brennenden Kerzen auf die Bühne, und wir wurden gebeten zu singen, «erst auf Schweizerdeutsch, dann auf Englisch». Wir sangen also, in der hochmodern wirkenden Hillsong, zumindest was die Musik angeht, «zum Geburtstag viel Glück». Ein richtiger Stilbruch, denn in den Atempausen war es mindestens zu Beginn komplett still im Raum.

Geben, aber möglichst ohne Druck

Bald ging es zum nächsten: «Giving», oder: das Geben von Geld an die Kirche. An den Bildschirmen wurde ein QR-Code gezeigt, und wir wurden auf die Kuverts aufmerksam gemacht, welche vor dem Gottesdienst verteilt auf den Stühlen lagen. Dort konnten wir Bargeld hineinlegen. Wenigstens etwas subtiler als direkt die Noten zu zeigen, wenn das Körbchen unweigerlich kommt. Überrascht wurde ich dann von einer Liste von Dingen, wofür die Kirche Geld brauchte – die Miete, beispielsweise, oder auch die Stellenprozente, die beispielsweise der Pastor angestellt war. Dass dies kostet, ist selbstverständlich, ich schätze es allerdings immer sehr, wenn es dennoch genau kommuniziert wird.

In meinem direkten Umkreis bewegte sich niemand besonders, und ich nahm an, dass sie entweder nicht gaben oder wenn, es nicht in diesem Kontext tun würden. Ich spürte gar keinen Druck, selbst zu geben, und hatte genauso wenig den Eindruck, dass irgendjemand um mich um sich dazu gedrängt fühlte. Währenddessen redete der Pastor weiter, und machte klar, dass es sich um ein Wollen handelte, oder handeln sollte. «Du darfst geben, und wir sagen dir danke», mit Betonung auf «darfst». Er dankte für die Gebenden, und sprach darüber, wie jene, die auf Besuch da waren – ich fühlte mich angesprochen – sich zurücklehnen dürften und sich nicht unter Druck fühlten, auch zu geben. Gleichzeitig sollen jene, die schon eine Weile dabei seien, und für die es langsam an der Zeit sei, auch zu geben, die Stimme Gottes in sich wahrnehmen und auch voller Freude zu geben. Ein wenig subtiler Druck muss anscheinend doch sein, dachte ich.

Während er weiter wohl das Erdenklichste tat, um den Druck möglichst wegzunehmen, frage ich mich, ob es nicht am einfachsten wäre, wenn der ganze «Giving»-Teil rausgestrichen würde, und Menschen ausserhalb des Gottesdienstes geben würden. Allerdings schien sein Ansatz einigermassen zu funktionieren, denn weder ich noch jene um mich schienen sich unter Druck zu fühlen, und ich sah niemanden, der effektiv in diesem Moment Geld spendete.

Auf dem Kuvert selbst steht «Mein Geben in bar», welches man notieren kann, sowie Felder für den Namen und die Adresse. Grund dafür sei, laut Kuvert, damit man so eine Spendenbescheinigung des Vereins in Deutschland erhält. Organisatorisch gehört die Hillsong Zürich nämlich zur Hillsong Church Germany e.V. (eingetragener Verein). Daneben sind allerdings auch «weitere Wege, um digital zu geben» gelistet, nämlich so ziemlich alles Erdenkliche mit Ausnahme von Bitcoin oder anderen Blockchain-Zahlungsmethoden.

Aktives Zuhören, oder aufschreiben

Wir waren nun fast bei der Predigt angelangt. Zuerst aber bat Simon, der Pastor, uns um «aktives Zuhören». Ein anderer Hillsong-Prediger habe neulich gesagt: «Wenn ihr wollt, dass ich gut predige, dann hört aktiv zu. Ruft hinein, wiederholt was ich sage! Wenn ihr wollt, dass ich schlecht predige, dann sitzt still und mit verschränkten Armen da.» So sollen wir ebenso hineinrufen. Ich notierte – ich schreibe leider langsamer als andere Personen reden – und Simon ergänzte seine Liste von «Hineinrufen» und «Mitmachen» mit «oder schreibt auf!». Er betete dann noch kurz darum, dass bei seiner Predigt nicht er, sondern Gott durch ihn rede, und dass alles, was er sage, nach Gottes Wille sei, und dann begann er die Predigt. Ich mag mich irren, aber es fühlte sich für mich neu an, dass der Pastor selbst direkt vor der eigenen Predigt laut betete. Seine Frau war inzwischen zum Platz zurückgegangen, und wer nur Englisch verstand, wurde gebeten, die Kopfhörer wieder einzuschalten.

Eine angekündigte Neuerweckung

Die Predigt handelte, kurz zusammengefasst, von Gottvertrauen, dem Heiligen Geist und dem Obergeschossraum – wobei letzteres uns angekündigt wurde mit «das werdet ihr dann später verstehen». Der Titel der Predigt selbst war «Versprechen und Gegenwart: eine neue Season beginnt». Das Denglisch ist in einer solchen Kirche zu erwarten, auch wenn ich mich fragte, ob ich auf Deutsch eher «eine neue Staffel» oder «eine neue Zeit» sagen würde. Vermutlich «Ära», aber dieses Wort wäre vielleicht zu gross.

Diese «neue Season» begründete Simon darin, dass eine «Neuerweckung der Church» stattfinden würde, mit dem Argument «Gott sagt mir, es geht aufwärts.» Er zeigte sich die gesamte Predigt durch sehr hoffnungsvoll und begeistert. Diese Neuerweckung sollte durch den Heiligen Geist stattfinden. Auch darin, dass «neue prophetische Lieder» geschrieben würden, will Simon ein Zeichen sehen, dass der Heilige Geist neu ausgegossen sein soll.

Der Heilige Geist und der Obergeschossraum

Simon definierte weiter den Heiligen Geist – zu meinem grossen Erstaunen, indem er sich auf die Kirchengeschichte bezog. So hätten die Kirchenväter im Jahr 381 definiert, was der Heilige Geist wäre – unter anderem «Lebensspender», «ist Gott selbst», «geht vom Vater aus», «wird angebetet» – und diese Definition sei heute noch Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses. Die vorangegangenen rund dreihundert Jahre Diskussion, die erst zum heutigen Glaubensbekenntnis führten, liess Simon aussen vor. Stattdessen erklärte er uns, dass der Heilige Geist auch eine Beziehung mit uns wolle, und las dann das erste «Ausgiessen» des Heiligen Geistes, die Pfingstgeschichte, aus Apostelgeschichte 2, 1-4 vor. Zur Referenz, da er sich im Verlauf der Predigt immer wieder darauf bezog, die Stelle, wie sie in Hoffnung für alle steht:

Zum Beginn des jüdischen Pfingstfestes waren alle, die zu Jesus gehörten, wieder beieinander. Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederliess. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, jeder so, wie der Geist es ihm eingab.

Simon erklärte dazu, dass diese sich in einem Obergeschossraum trafen: nicht einer Kirche, sondern einem «Raum der Vorbereitung». Dieser Raum wurde bald in Verbindung mit der eigenen Kirche – Hillsong Zürich – gesetzt. Nämlich ist Hillsong Zürich neu in diese Räumlichkeiten eingezogen, das Büro im 3. Stock sei noch gar nicht bezogen, und «aus einer menschlichen Perspektive» hätte es auch gar keinen Sinn gemacht, hierhin umzuziehen. Doch Simon zeigte sich sicher, dass Hillsong Zürich in diesen Raum hineinwachsen würde. Seine Predigt, und er selbst, sprühten voller Zuversicht, dass es von nun an für Hillsong aufwärts ginge. So schlug er vor, dass die mindestens von ihm erwartete «Erweckung» durch den Heiligen Geist auch in ihrem Büro stattfinden könnte, und fantasierte, wie dann auch Zürich beben würde, wie es nach seiner Interpretation Jerusalem in Apostelgeschichte 2, 1-4 getan haben sollte. «20min» müsse dann darüber berichten: «Es sind zwar nur 100 Leute, aber Wunder passieren, wir müssen berichten!», lautet das sich vorgestellte Zitat. Der Obergeschossraum – vor allem «upper room» genannt, auf Deutsch ist es etwas unhandlich – tauchte in der Predigt immer wieder auf, und symbolisierte für Simon wohl Bereitschaft und Offenheit für den Heiligen Geist. Später sagte er nämlich: «Mach dein Herz zum upper room», und anders kann ich es mir nicht erklären.

Begeisterung: Von Geistlichen und Geistesgaben

Gerade auch im Kontext des Obergeschossraumes meinte Simon, er möchte einen «Raum, in welchem Menschen Gott erleben dürfen». Er zählte auf: «Geistliche, Nicht-Geistliche, Charismatische, weniger Charismatische, Gläubige und Nicht-Gläubige».

Bei Charismatischen handelt es sich wohl um Menschen, die das glauben, was wir als «neocharismatisch» bezeichnen. In dieser Glaubensauffassung glauben Menschen, dass der Heilige Geist einzelnen Personen Geistesgaben geben kann. Zu Geistesgaben gehört beispielsweise das Zungenreden, also das Sprechen einer nie gelernten Sprache wie es eben in der Apostelgeschichte 2, 1-4 auftaucht, Heilung – die Fähigkeit, andere Personen zu heilen – oder auch «Prophetie», also durch Eingabe von Gott Sachen zu äussern, die erst in der Zukunft stattfinden sollen. Dem gegenüber besteht die pfingstliche Bewegung, in welcher jede glaubende Person, früher oder später, die sogenannte «Geistestaufe» erlebt, wobei die Zungenrede den Beweis dafür darstellt. Wer also nicht in Zungen reden kann, hat die Geistestauf» noch nicht erlebt. In pfingstlichen Gemeinden besteht somit, im Vergleich zu charismatischen Gemeinden, ein erhöhter Druck, dies zu können. Ob die Hillsong selbst die Geistestaufe als solche vertritt, lässt sich nicht abschliessend beurteilen, sie glauben aber an die «Notwendigkeit, vom Heiligen Geist erfüllt zu sein», welcher dann auch die Gabe schenkt, in Zungen reden zu können. Langfristig also müsste ein Mitglied früher oder später in Zungen reden können, um «das heilige und fruchtbare Leben zu leben, das Gott für uns vorgesehen hat», wie es auf der Webseite heisst.

Bei dieser Aufzählung komme ich natürlich nicht umhin, mich zu fragen, was genau mit «Geistlichen» gemeint ist. Anfangs dachte ich, das bezöge sich «natürlich» auf Geistliche der Landeskirchen, bis mir einfiel: Freikirchen mögen Wortspiele – meiner Erfahrung nach. Wenn eine pfingstliche Gemeinde sich vor allem am Heiligen Geist orientiert, dann ist es durchaus möglich, dass sie die «geistlich getauften» Personen als «Geistliche» sieht. Dennoch ist es möglich, dass «nur» die üblicherweise als solche bezeichneten «Geistlichen» gemeint waren.

Klarheit und Hoffnung

Simon sprach weiter darüber, dass «wir Schweizer» immer Klarheit wollten – etwas Gelächter aus dem Publikum –, einen klaren Plan, was aber nicht Gott entspräche. Dieser suche nicht «Perfektion», sondern ein «weiches Herz zu hören», aber auch «mutig, gehorsam zu sein». Gott handle dann, wenn wir bereit seien – und wenn es «Zeit ist zu handeln». Heisst übersetzt: Im Grunde genommen haben wir immer bereit zu sein, denn wir wissen nicht, wann es «Zeit ist zu handeln». Dieses «wir sind bereit» kam mir bekannt vor: Einige weitere Freikirchen warten mehr oder weniger sehnlich auf die «Entrückung», das zweite Kommen von Jesu, oder etwas überspitzt ausgedrückt, das Ende der Welt (wie wir sie kennen). Nur dass es hier nicht um das ging, sondern um eine «Erweckung», ein «Ausgiessen des Heiligen Geistes».

Weiter meinte er, dass auch Zwingli eine solche «Erweckungswelle», wie Simon sie zu erwarten schien, verursacht hätte. Über Zwingli selbst sagte er: «Er war bereit. Hat gute Sachen gemacht, weniger gute Sachen gemacht, aber er war mutig.» Etwas überrascht, dass in einer Freikirche gerade Zwingli erwähnt wird, fragte ich mich, wie genau sie zur reformierten Kirche stehen – und überhaupt zu den anderen Kirchen. Offen für deren Mitglieder sind sie auf jeden Fall.

Eine leider nicht überzeugende Liste

Simon erzählte weiter. «Ich glaube, weil!», so habe jemand den eigenen Glauben bezeugt. Ich wurde neugierig: Was wohl für Gründe fallen? Für mich waren sie etwas enttäuschend: «Ich glaube, weil Jesus für mich gestorben ist!». Wer nicht schon sowieso glaubt, dass Jesus für einen gestorben ist, der hat keinen Grund, nur schon das zu glauben. Die Liste ging weiter mit anderen Beispielen, die man entweder sowieso schon glaubt, und einen ansonsten auch nicht überzeugen würden. Als Simon dann begann, uns noch direkter anzusprechen – «eventuell hast du das Feuer nicht!», wurde klar, dass die Predigt langsam endete und zum Altarruf überging – mit Betonung auf «langsam».

So lade Gott uns heute ein, in den engeren Kreis zu treten, der Heilige Geist komme zu denen, die bereit seien. Durch das Ausgiessen des Heiligen Geistes können wir «mehr erleben». Das könnte bereits reichen, um direkt zum Altarruf zu gehen, aber Simon erklärte zuerst, dass es in diesem Raum «Evangelisten» gäbe. Damit meint Simon, wie er erklärt, nicht «Missionare», die in ein anderes Land gingen, sondern solche, die in ihrer Nachbarschaft evangelistisch tätig sind. Ich nehme an, alle sollten sich angesprochen fühlen, wobei der Druck etwas weniger stark ist als ich es in anderen Freikirchen wahrgenommen habe.

Und wir kamen beim Altarruf an. Wer «Jesus annehmen möchte als Herr und Erlöser und Erretter», der solle jetzt, wo alle die Augen schliessen, die Hand hochhalten. Sie hätten ausserdem Bibeln, die sie verschenkten, damit Menschen «auf die Reise gehen» könnten. Das Übergabegebet sprachen allerdings alle Gemeindemitglieder mit.

Während die Predigt selbst etwas chaotisch schien, fiel mir vor allem Simons Vertrauen in, oder Hoffnung auf, Gott auf – so stark, dass ich direkt nach der Predigt den Eindruck hatte, es wäre vor allem darum gegangen.

Konversationen nach der Kirche: Komm wie du bist, aber bleib nicht so?

Ich plauderte noch ein wenig mit meiner Sitznachbarin – sie hatte mir netterweise mit den Krücken geholfen – und sie stellte mir zwei weitere Gemeindemitglieder vor, die bereits etwas länger dabei waren. Alle waren sehr nett, begrüssten mich mit einer Umarmung und stellen sich vor, und fragten natürlich auch, wie ich zur Hillsong komme und ob ich bereits einer anderen Kirche angehöre. Ich hatte auch Fragen. Die Hillsong sagt von sich, «come as you are». Erfahrungsgemäss sagen dies viele Kirchen, wenn dann aber jemand auftaucht und eben weiterhin auf dasselbe Geschlecht steht, oder die Beziehung nicht beendet, gilt das als «sündhaft». Zu möglichen Konsequenzen gehört beispielsweise, dass man bei der Band nicht (mehr) mitspielen darf, nicht predigen darf, oder vielleicht auch einfach mit anderen Augen angeschaut wird – missbilligend oder mitleidig, meistens.

Die Frage taucht für mich also selbstverständlich auf: Wie steht Hillsong Zürich zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen? Ich erzählte den beiden also, wie ich bereits Kirchen besuchte, in welchen Pastoren während der Predigt politische Meinungen kommunizierten – eben beispielsweise zu Schwulen. (Das Beispiel habe ich so gebracht. Für mich als Frau ist es einfacher, über homosexuelle Männer zu reden, damit meine Sexualität nicht zum Thema wird.) Zuerst beantworteten sie meine Frage allgemein – es sollte alles in Liebe geschehen, und eine Kirche sei dann eine Kirche, wenn Jesus im Zentrum stehe, und die Kirche vom Heiligen Geist erfüllt sei. Soweit nachvollziehbar. «Was die Schwulen angeht…», sie überlegte kurz. Ich war überrascht, dass sie auf diesen Teil genauer einging. Sie betonte erneut, dass Christ:innen in der Liebe bleiben sollen und liebevoll mit unseren Mitmenschen umgehen sollen. Gleichzeitig, so erklärte sie, müssten wir «dem Wort treu bleiben und die Sünde hassen». Auch diese Auffassung ist mir bekannt: «Love the sinner, hate the sin», liebe die Sündigen, hasse die Sünden. Dass hier immer noch das Thema «Sünde» an erster Stelle steht, wird gern übersehen – genau wie die Tatsache, dass die «bedingungslose» Liebe, wie ich sie gerade von Christ:innen erwarten würde, hier plötzlich sehr bedingt wird. Übersetzt entspricht die Hillsong also: «Komm wie du bist, aber wehe, du bleibst so».

Die Frau in der Gemeinde: Darf sie sprechen?

Mir war während des Gottesdiensts aufgefallen, dass der Sänger das Publikum ansprach, zum Gebet aufrief, einzelne Meinungen äusserte, die Sängerin aber nicht. Dies müsste noch nichts heissen. Die Predigt selbst wurde von einem Mann gehalten, während der Einleitung und allen anderen Themen übersetzte seine Frau jeweils Satz um Satz (oder nach Teilsätzen) auf Englisch. War das reiner Zufall, oder lag es daran, dass Frauen eben nicht zu predigen hätten, wie gerade konservative Gemeinden 1. Timotheus 2, 12 und 1. Korinther 14, 34 gern interpretieren? (Im Timotheus steht, Frauen dürften nicht lehren, im Korinther, dass sie in Gemeindeversammlungen still sein sollten.) Ich erkundigte mich also, ob sie auch Pastorinnen hätten. Die beiden erklären mir, dass häufig Ehemann und Ehefrau auftreten. Der Mann übernähme natürlich den Lead, predigen würden beide. Ich finde dies zwar besser, als wenn die Perspektive der Frau ganz ausgeblendet wird, aber offensichtlich entspricht es dennoch einer sehr konservativen Auffassung.

ICF vs. Hillsong: Kampf der konservativ-modernen Freikirchen

Was die Musik und das äussere Erscheinungsbild angeht, sind Hillsong Zürich und das ICF sehr ähnlich, und dürften ein ähnliches Publikum ansprechen. Beide wirken modern, sprechen über das Erleben des Heiligen Geistes, haben dieselbe Musik – die zugegebenermassen grösstenteils von Hillsong produziert wurde – und beide scheinen dieselben konservativen Meinungen zu haben: Komm, wie du bist, aber wenn die Besuchenden sich in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft befinden sollten, dann gilt das trotzdem als Sünde und somit langfristig inakzeptabel. Das ICF hat sich meiner Erfahrung nach nur sehr viel expliziter zu diesen Themen geäussert. Es fallen auch einige Unterschiede auf: Das «Geben» ist etwas weniger öffentlich als beim ICF, wenn auch vergleichbar, das Gebet ist chaotischer. Politisch relevante Themen scheinen, wie Gemeindemitglieder meinten, kaum während den Predigten selbst aufzutauchen, wie auch an diesem Tag nicht. Hillsong Zürich ist um einiges kleiner als ICF Zürich, was durchaus manchen besser gefällt, aber dem Anschein nach um einiges internationaler. Dies leuchtet bei einer Kirche, deren deutsche Predigten jeweils zeitgleich auf Englisch übersetzt werden, auch ein. Ein weiterer, wichtiger Unterschied liegt in der Relevanz des Heiligen Geistes. Bei Hillsong ist Zungenrede langfristig eine Notwendigkeit, beim ICF eine Option. Kleingruppen gibt es bei beiden Kirchen.

Angela Heldstab, 11. Juli 2025

Lexikoneintrag Hillsong Zürich