Eingeräuchert zwischen Shiva und dem Appenzeller Bär
Kurz vor 9 Uhr steigen mein Vater und ich an der Haltestelle «St. Niklaus SO» aus dem Postauto. Es ist recht kühl, grau und feucht. Wir sind auf dem Weg zum «7. Zuvuya Peace Gathering», organisiert von Urs José Zuber und Silvia Jäggi. Die beiden folgen der Zeitrechnung der Maya und möchten diese durch ihren «Zuvuya Flow Verlag» weiterverbreiten.
Wir befinden uns in einem wohlhabenden Wohnquartier in der Nähe des Waldrandes. Noch deutet nichts auf unser Ziel hin. Doch nach einem kurzen Fussmarsch durch den «Zauberwald» entdecken wir das orange Zelt der «Chai & Cacao Lounge». Wir haben uns gegen eine frühere Anreise und somit gegen eine Teilnahme an der morgendlichen Meditation und Yogastunde entschieden. Allem Anschein nach, hatten wir den richtigen Riecher: Das Festivalgelände mit den beiden Pfadihäusern scheint noch recht unvorbereitet und verschlafen. Wir werden von den wenigen Frühaufsteher*innen und einer «Cannabis-Duftwolke» nett begrüsst. Der Empfang sei noch nicht besetzt, doch das Frühstück sei schon bereit. Also holen wir uns für 10 Franken einen veganen Porridge mit warmem Getränk und setzen uns zu einer kleinen Gruppe ans Feuer. Ich schaue mich ein bisschen um: Auf der einen Seite des Feuers liegen fellbedeckte Paletten und bilden eine Art Podest, auf welchem eine kleine, in Decken gewickelte Frau aufrecht sitzt und einen Kaffee trinkt. Neben ihr liegen mehrere Kartensets; ich entziffere «Engelsorakel» und «Tarot». Hinter der Frau sind bunte Tücher mit vielfältiger Symbolik aufgespannt. Neben dem hinduistischen Gott Shiva und einem Buddha hängt eine Fahne mit dem Appenzeller Bären drauf. Als ich nachfrage, was der Bär zu bedeuten habe, weiss leider niemand Bescheid, aus welchem Grund sich das patriotische Tier eingeschlichen hat. Auch etwas fehl am Platze wirkt ein grosser, schwarzer Würfel mit den Wurfmöglichkeiten «Blessed» und «Pray». Um das Feuer sind hölzerne Bänke und improvisierte Sitzmöglichkeiten aufgebaut. Die Anwesenden trinken Tee oder Kaffee, rauchen ihre «Guten-Morgen-Joints» und tauschen sich über den Vorabend aus. Als es zu tröpfeln beginnt, rücken wir alle näher unter die gespannte Plache.
Hinter mir steht ein kleiner Klapptisch mit allerlei Produkten, die zum Verkauf stehen. Neben kleinen Dosen mit Kakaobutter liegen unter anderem indische Schmuckstücke, verzierte Messer, diverse Federn und «Grounding Cables» von «Pulsar Terra». Das «Grounding Cable» verspricht die Verbindung des Körpers zur Erde, die Entladung von Elektrosmog und anderen «unharmonischen Vibrationen». Dadurch verbessere sich angeblich die Schlafqualität sowie die Durchblutung, und das Immunsystem werde gestärkt.
In der Zwischenzeit hat ein älterer Mann etwas Asche aus dem Feuer in einen Kelch geschöpft und verbrennt darin Weihrauch. Er schreitet barfuss um das Feuer und wedelt den Anwesenden duftenden Rauch zu, was genüsslich angenommen wird.
Noch ahne ich nicht, wie bezeichnend dieses vielseitige Gemisch aus religiösen sowie kulturellen Symbolen und Praktiken für die gesamte Veranstaltung sein wird.
Das Kalender System der Maya
Der Organisator Urs José Zubler kommt mit breitem Grinsen auf uns zu, stellt sich vor und heisst uns willkommen. Ich schätze den Solothurner auf etwas über 40 Jahre, er trägt eine pinke Strickjacke und hat seine langen Haare zusammengebunden.
Am Empfang werden wir von Keya empfangen, sie rechnet unseren «Maya-Geburts-Kin» aus.
Da sich die Veranstaltung immer wieder auf die Maya beziehen wird, stelle ich das Volk und ihre Errungenschaften kurz vor. Die Maya waren eine mesoamerikanische Zivilisation, die sich um ca. 1500 v.u.Z. zu entwickeln begann. Als klassische Maya-Zeit bezeichnet man heute jedoch die Zeit zwischen 300 und 900 n.Chr. Maya-Städte umfassten mehrere hunderttausend Einwohner, monumentale Architekturen, Fernhandel und Mais-Kultivierung. Ausserdem verfügten die Maya über grosses mathematisches und astronomisches Wissen sowie über eine eigene Schrift. Die Maya haben drei verschiedene zyklische Kalender, die parallel zueinander laufen, entwickelt. Der «Haab-Kalender» diente zivilen, alltäglichen Zwecken. Er orientiert sich, wie unser gregorianischer Kalender, am Sonnenjahr und gleicht somit unserem 365-tägigen Jahr. Der «Haab» unterteilt das Jahr jedoch in 18 Monate mit je 20 Tagen, was 360 Tage ergibt. Um möglichst exakt dem Sonnenjahr mit ca. 365¼ Tagen zu entsprechen, gibt es einen 19. Monat mit nur 5 Tagen. Diese 5 Tage werden jedes Jahr hinzugefügt; es handelt sich also nicht um Schalttage, sondern um «Epagomene».
Der «Tzolkin-Kalender» wiederholt sich in einem Zyklus von 260 Tagen, er diente rituellen Zwecken. Die einzelnen Tage werden durch eine Zahl und eine Schutzgottheit bezeichnet. Weil sich die Kombinationen der beiden Kalenderangaben alle 52 Haab-Jahre wiederholen, gibt es als dritten Maya-Kalender die «Lange Zählung». Aufgrund einer zyklischen Wiederholung der «Langen Zählung» im Jahre 2012 entstand in gewissen Kreisen das «2012-Phänomen», welches den Weltuntergang prophezeite. Die mathematischen Systeme der Maya haben also nicht nur wissenschaftlichen Wert, sondern finden auch in esoterischen Kreisen Anklang.
«Kin» bedeutet bei den Maya «Tag»; mein «Geburts-Kin» war laut Keya, der «Tag des Weissen Solaren Spiegels». Sie reicht mir einen Ansteck-Pin mit einer Abbildung der dazugehörigen Hieroglyphe. Wir stecken die Pins an unsere Regenjacken und betrachten das Programm. Als wir erstaunt einen Vortrag über die Einnahme von Fliegenpilzen entdecken, bemerkt mein Vater, dass dies von der Dosierung her nicht ungefährlich sei. Doch Keya unterbricht ihn und versichert, dies sei überhaupt kein Problem. Sie selbst nehme seit einigen Monaten jeden Morgen eine Mikrodosis zu sich, und ihr Leben habe sich massiv verbessert, da sie viel «gechillter» sei. Wir nehmen diese Aussage hin und sind gespannt auf den besagten Vortrag.
Auf Fliegenpilz durch das Nadelöhr
Mit einiger Verspätung beginnt die offizielle Begrüssung wegen des starken Regens in einem der Pfadihäuser, statt unter freiem Himmel. Im Raum verteilen sich ungefähr 60 Menschen auf Hockern. Die meisten Anwesenden sind schätzungsweise über 40 Jahre alt, ich entdecke aber auch vereinzelt Kinder und jüngere Erwachsene. Das achtköpfige Organisationskomitee stellt sich der Reihe nach vor, danach ergreift Urs José Zuber wieder das Wort. Er drückt seine Freude über unsere Anwesenheit aus und erklärt, dass durch den Regen etwas improvisiert werden müsse. Er freue sich besonders über die Anwesenheit des schwedischen Ehepaars Johan und Marianne, welches einen herausragenden Vortrag über Fliegenpilze halten werde. Er selbst habe in jüngeren Jahren viel mit psychoaktiven Substanzen experimentiert, sei nun aber davon weggekommen. Denn er sei überzeugt, dass wir alle bald durch ein «Nadelöhr» gehen müssen, um eine «bessere Welt» zu erreichen. Um präzise, wie ein Laser-Pointer, direkt beim ersten Versuch durch dieses «Nadelöhr» zu finden, möchte er nüchtern durchs Leben schreiten. Er konsumiere nur noch Fliegenpilz in Mikrodosen, was ihm Ruhe und Klarheit verschaffe. Er sei der Ansicht, dass in den nächsten 5 Jahren alles vernichtet wird oder werden muss, was unsere Welt zerstört. Die «guten, aufgewachten» Menschen würden nach dem Passieren des Nadelöhrs eine friedliche, schöne, blühende Welt vorfinden. Nach seinem Verständnis sei die bessere Welt ein Ort, an dem keine Ökonomie mehr bestehe.
Er stellt uns «sein Lebenswerk» vor: eine Agenda. Sie basiert auf den verschiedenen Maya-Kalendern und soll helfen, sich mit der «heiligen, kosmischen Zeit» zu verbinden. Urs verspricht allen, die sich ernsthaft dafür interessieren, eine Agenda zu schenken. Dies sei ein Schritt in die ökonomielose Welt. Er erhofft sich, dass die mit Agenden ausgerüsteten Menschen durch eine neue Zeit verbunden werden, und gemeinsam «alles, was nicht koscher ist vernichten». Er betont das Angebot diverser Marktstände auf dem Festivalgelände und möchte, dass wir unser Geld hier unter «Gleichgesinnten» ausgeben. So könne verhindert werden, dass das Geld zurück in die «Matrix» fliesse. Zuletzt betont er die Wichtigkeit des heutigen Tages: der 25. Juli. Heute sei der «grüne Tag», der Tag «zwischen der Zeit». Der Haab-Kalender ist gestern zu Ende gegangen, und morgen beginnt ein neues Jahr. Wir sollen diese Zeitlosigkeit geniessen und unsere gemeinsame Verbindung spüren.
Weiber-Experte und allgemeiner Experte David Barfuss
Verschiedene Leute möchten noch das Wort ergreifen, um sich und ihre Angebote vorzustellen. Besonders fällt mir David Barfuss auf, er hat im Raum, in dem wir uns befinden einen Büchertisch aufgestellt. Er stellt seine selbstverfassten Werke und seine äusserst negative Meinung zu «Staat und System» kurz vor. Unsere Demokratie bestehe lediglich aus einer Mehrheit, die die Minderheit «vergewaltige».
Die Titel seiner angepriesenen Bücher sprechen für sich selbst: «Souveränität – Das Handbuch für den gesetzlosen Rebellen», «Wahlen und Abstimmungen – Ein Krimi», «Betreibungswissen», «5G von allen Seiten – Eine Entscheidungshilfe», sowie «Mann ∞ Weib – Heilung und Freude». Zum Schluss bietet er an, einen spontanen «Circle» zum Thema «Mann und Weib» abzuhalten. Mir graut es davor, dass ein Mann, der mit dem Wort «vergewaltigen» in solchem Kontext um sich wirft, zum Thema «Verbindung zwischen Mann und Weib» aufklären möchte.
Beschenk mich!
Durch das unberechenbare Wetter wird der «Circle» zum Thema «Schenkökonomie» mit Sabine vorgezogen. Wir treten in einen angenehm geheizten Raum, eigentlich dient er als Wellness-Oase mit Massage-Angeboten. Wir sitzen in einer zehnköpfigen Gruppe in einem kleinen Kreis, und der Reihe nach wird ein «Talkingstick» weitergegeben. Die Person mit dem «Stick» soll jeweils ihren Namen nennen. Sabine Kaper, die Leiterin des «Circles», stellt sich vor und erwähnt die schamanische Praxis als Hintergrund ihrer Arbeit. Sie sei die Präsidentin des «Mutterland-Vereins», welcher eine Schenkökonomie aufbauen möchte. Sabine habe von einer Privatperson 30’000 Franken für das Jahr 2025 geschenkt bekommen. Ihre Lebenskosten seien sehr tief; sie sei dadurch finanziell abgesichert und könne sich vollkommen der «Schenkökonomie» widmen.
Sie beschreibt uns, wie sie sich anfangs Jahr fast in ein Burnout hineingeschuftet habe, da sie das Gefühl hatte, allen etwas «schenken» zu müssen, da ihre eigene Lebensgrundlage bedingungslos gedeckt sei. Nun habe sie die Balance etwas besser im Griff. Sie ist der Meinung, dass «Schenken» kein System sei, sondern eine Erinnerung an die Art, wie das Leben ursprünglich wirklich gedacht gewesen sei. Sie erzählt, dass ihr früher beim Einkaufen regelrecht übel wurde, weil sie nicht mehr mit sich selbst vereinbaren konnte, dass sie für Essen bezahlen müsse. Doch das «Prinzip des Schenkens» beinhalte nicht nur materielle Werte; auch auf geistiger, emotionaler und seelischer Ebene könne geschenkt werden. Wichtig sei jedoch, dass Schenken mit keiner Gegenerwartung einhergehen könne, sie sei stark gegen eine «Tauschökonomie». Denn in einer Schenkökonomie soll ein Geschenk an eine Einzelperson bedingungslos möglich sein. Auf die beschenkte Person solle dadurch kein Druck des «Zurückgebens» entstehen. Die schenkende Person werde durch das Kollektiv einer Schenkökonomie sowieso durch andere Schenkende zu einer empfangenden Person. So bilde sich ein Gleichgewicht. Die Scham hinter Schenkungen solle überwunden werden. Sabine möchte, dass ohne schlechtes Gewissen direkt nach spezifischen Geschenken gefragt könne.
Die Anwesenden stellen Fragen, und es wird im Kreis diskutiert. Mein Vater fragt, ob er denn einfach seine Bekannten fragen solle, ob sie ihm sein Familienleben finanzieren möchten. Sabine bestätigt dies und betont nochmals, dass die Scham, nach Geschenken zu fragen, überwunden werden müsse.
Für mich wird die Debatte langsam absurd. Der Gedanke des Schenkens gefällt mir grundsätzlich gut, doch eine Schenkökonomie scheint mir in unserem System sehr utopisch. Daraufhin betont Sabine, dass wir uns in einer Übergangszeit befinden. Wir seien dabei, das kapitalistische System und die «Matrix» hinter uns zu lassen und in eine bessere, natürliche Welt zu schreiten.
Dadurch wird mir ein verschwörerischer Nebengeschmack vermittelt. Automatisch geschieht eine Abgrenzung von «uns» und den «Menschen in der Matrix». Es wird impliziert, dass «wir» schlau das System durchschaut haben, während die «Anderen» noch immer blind sind.
Nach einer Stunde des Diskutierens möchte Sabine eine Schenkökonomie in unserem Kreis bilden. Wir alle sollen ein Geschenk auf ein Kärtchen schreiben, woraufhin alle ein Kärtchen ziehen und so beschenkt werden. Ich enthalte mich. Es werden Yogastunden, Klangtherapien, Waldspaziergänge und energetisches Haarschneiden verschenkt und empfangen.
Vergifte deine Persönlichkeit
Es ist mittlerweile kurz vor 14 Uhr. Um unseren Hunger zu stillen, kaufen wir uns zwei Pizzen am Holzofen-Stand. Im unteren Pfadihaus findet der lang ersehnte Vortrag zum Thema «Amanita Muscaria», auf Deutsch «Fliegenpilze», statt. Vor der Leinwand steht das schwedische Ehepaar. Marianne ist in eine farbige Bluse und Jeans gekleidet. Johan trägt einen schwarzen Zylinder mit der Abbildung eines Fliegenpilzes auf Stirnhöhe, dazu einen auffälligen silbernen Mantel. Ein grauer Bart, verbunden mit einem zu Spitzen gedrehten Schnauz, schmückt sein Gesicht. Vor einem Publikum von circa 20 Menschen eröffnen sie ihre Präsentation. Johann spricht auf Englisch, Marianne übersetzt und ergänzt auf Deutsch. Auf der Leinwand erscheint ein Abbild von unzusammenhängenden Punkten; einzelne Punkte werden beispielhaft benannt: «Hier ist Yoga, da ist Hypnose, dort der Sufismus, hier findet ihr Quantenphysik, da das Christentum und dort die Traumatherapie.» So würden sie die Wichtigkeit der Perspektive hervorheben, denn werden die Punkte aus einem anderen Winkel betrachtet, bilden sie das Abbild eines Auges. Sie möchten dadurch zeigen, dass viele verschiedene Weltanschauungen eigentlich zusammenpassen können und aus der richtigen Perspektive kein Konflikt zwischen den Anschauungen entstehe. Alle diese Ansichten seien Teil der «objektiven Wahrheit».
Durch verschiedene Wege seien Menschen an einen Teil der Wahrheit gelangt, hätten darüber ein Buch geschrieben und ihre Wissenslücken mit «Scheisse» gefüllt. Um nicht durch Bücher, sondern selbst möglichst nah an die unverfremdete Wahrheit zu gelangen, stellen die beiden uns den Pilz «Amanita Muscaria» vor. Der Fliegenpilz habe 12 bis 20 Wirkungen auf den Menschen. Unter anderem sei er eine Hilfe, um sich von der eigenen Persönlichkeit zu «desidentifizieren» und mehr zum «inneren Ich» zu finden. Unsere Persönlichkeit sei ein Schutzmechanismus, der durch unser Aufwachsen, unsere Erlebnisse und unsere Traumata aufgebaut worden sei. Die Persönlichkeit sei unsere Überlebensstrategie, sterbe sie, könne unser «inneres Wesen» erfasst werden. Die Persönlichkeit könne nie im «Jetzt» sein und habe Programme oder Vorstellungen unbewusst abgespeichert. So würden Selbstverständnisse, wie: «Ich bin schlecht in Mathe» oder «Ich bin der beste Lover der Welt», bestehen.
Amanita Muscaria wirke sich Hauptsächlich auf unser Nervensystem aus, auf welchem auch die Persönlichkeit basiere. So könnten diese unbewussten Programme angeblich überwunden werden. Auch störe der Fliegenpilz unsere Wahrnehmung der Zeit; nur das «wahre Ich» könne im Moment existieren und so durch sich selbst kreieren, nicht nur reagieren. Auch ohne Einnahme von Substanzen könne in seltenen, spezifischen Situationen die Persönlichkeit überwunden werden, beispielsweise beim Tanzen oder beim Sex, wie Johan grinsend hinzufügt. Als Marianne «Sex» nicht auf Deutsch übersetzt, schaut er sie erwartungsvoll an und meint, er möchte das Wort gerne aus ihrem Mund hören. Die Aussage scheint mir sehr unpassend und auch mein Vater schaut irritiert. Doch Johan fährt gelassen fort. Der Fliegenpilz sei nicht wie die meisten Psychedelika, die eine Verbindung zur Aussenwelt erschaffen würden. Er richte sich nach innen und frage: «Ich bin du; was willst du?»
Fliegenpilzurin und Schamanendosen
Der Pilz sei giftig, ja sogar tödlich … denn er töte die Persönlichkeit.
Es wird eingelenkt, dass der Pilz in grossen Mengen wirklich giftig sei. Man müsse aber 12kg frischen Pilz zu sich nehmen, um zu sterben. Dies sei physisch gar nicht möglich, da man sich durch frischen Pilz sehr schnell übergeben müsse. In kleinen Dosen sei der Fliegenpilz nicht psychodelisch, in grösseren Mengen jedoch halluzinogen, was durchaus riskant sein könne. Man solle also niemals unbeaufsichtigt mehr als 8g getrockneten Pilz zu sich nehmen.
In den meisten Fällen werde der Pilz vor der Einnahme getrocknet; er könne in Form von Kapseln, Cremes, Ölen oder Tinkturen, im Tee oder in anderen Speisen eingenommen werden. Es sei auch möglich, den Pilz zu rauchen. Die Wirkstoffe des Pilzes würden nicht vollständig abgebaut werden und seien im ausgeschiedenen Urin noch immer vorhanden. Man könne den eigenen Urin fünfmal trinken, bevor die Wirkung verloren gehe. Auch diese Einnahmemöglichkeit hätten sie bereits getestet und als durchaus positiv wahrgenommen.
Marianne und Johann empfehlen jedoch für das erste Mal «Microdosing». Dabei würden 0,2 bis 2g getrockneter Pilz eingenommen. Bei dieser Dosierung solle nicht gespürt werden, dass eine Substanz eingenommen wurde, die Veränderungen sollten also nur minimal bemerkbar sein. «Microdosing» verursache oft eine entspanntere, freundlichere Einstellung. Gewisse Menschen könnten auch besser «Nein-Sagen» und würden sich ihrer Grenzen bewusster werden.
«Macrodosing», die Einnahme von 3 bis 8g, wird erst nach Erfahrung mit «Microdosing» empfohlen. Als dritte Stufe gebe es das «Herodosing»; dabei würden 8 bis 18g des getrockneten Pilzes eingenommen. Bei diesen höheren Dosen könne die Kontrolle über das Nervensystem verloren gehen, und Halluzinationen seien möglich. Da es sein könne, dass der Körper plötzlich zusammenbreche, sollten solche «Deepdives» nur mit Betreuung und im Liegen vorgenommen werden. Als letzte Stufe existiere die «Shaman-Dose», sehr erfahrene Pilzkonsument*innen nähmen dabei mehr als 18g des Pilzes zu sich.
Blick durch die geheime Brille
Die Vortragenden erklären, dass sie den dreistündigen Vortrag auf die Hälfte kürzen, und springen zu einem neuen Thema.
Die Wirkung des Pilzes stimme mit den meisten religiösen Überlieferungen überein. Sie glauben deshalb, dass die Religionen auf Erfahrungen mit dem Fliegenpilz basierten. Sie gehen davon aus, dass Pilze als erste Medizin genutzt wurden und ihnen dadurch eine «Heiligkeit» zugesprochen wurde. Viele religiöse Figuren würden sich durch die Überwindung des Todes auszeichnen. Für Johan ist der Fall klar: Durch den Konsum einer hohen Dosis des Pilzes gehe der Puls runter, dies sei als Nahtoderlebnis wahrgenommen worden. Zudem sei die Persönlichkeit gestorben, was als Erleuchtung interpretiert worden sein könne. Er geht sogar so weit, Christus mit dem Fliegenpilz gleichzustellen. Die Aussage «Esst mein Fleisch, trinkt mein Blut» sei als Aufforderung, den Pilz zu konsumieren, zu verstehen.
Um die Aussagen zu untermauern, beschwören Marianne und Johan uns, eine «geheime Brille» aufzusetzen. Sie verteilen pantomimisch Brillen im Publikum und setzen sich selbst ein unsichtbares Brillengestell auf die Nase. Auf der Leinwand erscheinen unzählige historische Bilder von religiösen Kunstwerken. Auf allen Abbildungen sind pilzförmige Gegenstände zu erkennen: über dem Kopf von Buddha, in Jesus’ Suppe, auf Figuren aus dem alten China oder neben Bacchus im Gras. Jesus’ Blick auf den Bildern wirkt oft abwesend oder weggetreten; er sei eindeutig «gechillt und voll drauf». Die katholische Kirche sei ein Pilzkult, und viele der religiösen Rituale seien auf den Amanita Muscaria zurückzuführen. Es sei kein Zufall, dass die Socken, die der Weihnachtsmann befülle, am Kamin aufgehängt würden. Früher habe der, übrigens nicht zufällig rot und weiss gekleidete, «Weihnachtsmann» Fliegenpilze verteilt, die am Kamin getrocknet worden seien.
Mittlerweile hat ein ungefähr zehnjähriges Mädchen den Raum betreten und sich zu seiner Mutter gesellt. Die Mutter lacht plötzlich laut auf und teilt uns mit, dass sie sich vorstelle, was die Lehrpersonen ihrer Tochter wohl dazu sagen würden, wenn das Mädchen in der Schule von ihrem Wochenende erzählt. Die meisten Anwesenden scheinen von dieser Aussage amüsiert. Marianne und Johann stellen klar, dass der Pilz für Erwachsene, nicht für Kinder geeignet sei, und fahren ungestört fort. Das Mädchen bleibt mit ihrer Mutter im Raum.
Ein Vortrag über Fliegenpilz-Konsum ist offensichtlich nicht der richtige Ort für ein Kind. Es irritiert mich sehr, dass niemand interveniert. Es ist möglich, dass dieses Mädchen einem Fliegenpilz in der Natur begegnet. Einen Vortrag anzuhören, bei welchem Aussagen fallen wie: «Der Pilz schmeckt auch angebraten ausgesprochen lecker!», stellt sicher eine Gefährdung für experimentierfreudige Kinder dar.
Zwischen Psychopharmaka und Amavita
Gegen Ende der Präsentation wird der Raum für Fragen geöffnet. Ein Mann erzählt, dass sein Kumpel anstelle von Blutverdünnern, Amanita Muscaria zu sich nehme. Es nehme ihn wunder, ob das Sinn mache. Marianne stellt klar, dass sie kein medizinisches Fachpersonal seien und dies nicht beantworten können. Sie bestätigt aber, dass der Fliegenpilz durchblutungsfördern wirke und bei Impfschäden oder Long-COVID angewendet werden könne. Eine junge Frau erzählt, dass sie Psychopharmaka zu sich nehme, und möchte wissen, ob dies mit Fliegenpilz kombiniert werden könne. Auch hier fällt Mariannes Antwort vorsichtig aus. Sie erzählt von Menschen, die Amanita einsetzen, um langsam Psychopharmaka abzusetzen. Sie kenne jedoch auch eine Ärztin, die von einer Kombination stark abraten würde. Schlussendlich müsse also individuell ein Weg gefunden werden, und die Frage könne nicht allgemein beantwortet werden. Die junge Frau fragt weiter, ob der Schuss auch nach hinten losgehen könne. Damit will sie wissen, ob ein Horrortrip möglich sei, wenn Fliegenpilz in einer Phase von psychischer Instabilität eingenommen werde. Johans Antwort erschreckt mich. Er bestätigt, dass durchaus unangenehme Erfahrungen erlebt werden könnten. Diese negativen Emotionen seien jedoch schon immer ein unbewusster Teil der betroffenen Person gewesen und würden so lediglich ans Licht geholt werden. Durch die Konfrontation mit diesem Teil von sich selbst, lerne man mit sich selbst umzugehen.
Johan impliziert also, dass der Konsum von Amanita Muscaria eine gute Strategie zur Bewältigung psychischer Probleme biete. Dies ist meiner Meinung nach ein extrem gefährlicher Ratschlag, dem ohne ärztliche Betreuung sicher nicht nachgegangen werden sollte.
Weil Johan im Verlauf des Vortrages immer wieder sexuelle Anspielungen gemacht hat, fragt ein Mann nach, was Sex denn mit dem Fliegenpilz zu tun habe. Johann lacht auf und bezeichnet die Frage zwinkernd als «typische Männer-Frage». Sexualität sei unsere Lebensenergie, und Sex gehöre einfach zu Fliegenpilz-Erfahrungen dazu. Früher hätten beispielsweise religiöse Orgien in den Wäldern stattgefunden, denen er heute nachtrauere. Damit ist der Vortag abgeschlossen; warum Johan immer wieder etwas eklige Anspielungen auf Sex machen musste, verstehe ich jedoch noch immer nicht.
Mushroom-Dealers
Bevor wir aus dem Raum strömen, wird auf einen Tisch mit kleinen Briefchen verwiesen. Wer will, kann vor Ort Fliegenpilzpulver erwerben. 3g werden für 10 Franken angeboten, 15g können für 50 Franken gekauft werden. Mehrere Menschen aus dem Publikum schlagen zu.
Ich habe zur rechtlichen Lage in der Schweiz recherchiert. Die Wirkstoffe Muscarin, Ibotensäure und Muscimol des Pilzes fallen nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Konsum ist somit rechtlich gesehen erlaubt, die Behörden raten jedoch aus gesundheitlichen Gründen davon ab. Die Pilze dürfen nicht als Lebensmittel verkauft werden, da sie nicht als Speisepilze eingestuft sind. 2016 verkaufte ein Gärtner Fliegenpilzpulver als Räucherware auf einem Zürcher Markt. Das Bezirksgericht verurteilte den Gärtner zu einer Geldstrafe. Er war damit nicht einverstanden und zog das Verfahren vor das Obergericht. Das Obergericht gab tatsächlich dem Gärtner Recht, da auf den Fläschchen Warnhinweise, die vom Konsum abrieten, angebracht waren. Der Gärtner hatte also nicht gegen das Lebensmittelgesetz verstossen und bekam seine Fläschchen wieder zurück.
Johan und Marianne sind bestimmt mit diesem Fall vertraut; ihre Pulvertütchen sind nämlich als Räucherwerk deklariert. Zudem wird in grossen Buchstaben drauf verwiesen: «Not For Human Consumption».
Culture-Hoppers
Obwohl wir heute schon mit vielen neuen Informationen und Erlebnissen gefüttert worden sind, steht uns das Herzstück des Tages noch bevor. Die Zeit, in der wir auf den Anfang der «Kakao-Zeremonie des grünen Tages» warten, vergeht langsam. Ein Musiker singt mehrere Kinderlieder, doch das Publikum bleibt recht spärlich. Erst beim Auftritt von «Drum & Dance Zürich» erscheint immer mehr Publikum. Zur Trommelmusik wird getanzt, und im Chor wird von weissen Menschen «Africa» geschrien. Mit Ausnahme der Band sind fast alle Besuchenden weiss. Nach dem Auftritt wird ein Bandmitglied von einer Frau, die ihm Datteln schenken möchte, mit «Africa! Africa!» zurückgerufen. Der Mann nimmt die Datteln an und verschwindet. Niemand scheint sich an diesen offen zur Schau getragenen Rassismus zu stören, ganz à la «es war ja nicht böse gemeint».
Dadurch kristallisiert sich mein Hauptproblem mit der Veranstaltung heraus. Das Festival ist ein wilder Mix diverser Praktiken aus meist aussereuropäischen Kulturen und Religionen, die sich von Europäer*innen angeeignet werden. Selbstbezeichnungen, wie «offen», «tolerant», «aus der Matrix ausbrechend» oder einfach «gut», verhindern meiner Meinung nach das kritische Hinterfragen des eigenen Verhaltens. Dass sich das «Peace Gathering» jegliche Kulturen aneignet, scheint den «Peace» der Leute überhaupt nicht zu stören.
Das Festival bildet eine Anlaufstelle für viele Menschen, die nicht zum «Mainstream» gehören wollen. Das Hauptziel des «Zuvuya Gatherings» scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl von Menschen und das Ausbrechen aus der Einsamkeit zu sein. Doch durch die bereits genannten Selbstbezeichnungen, grenzen sich die Menschen, meiner Ansicht nach, von der Bevölkerungsmehrheit ab, isolieren sich selbst und schaden sich und ihren Anliegen so in kontraproduktiver Weise.
Ritueller Höhepunkt
Zu den «Loopsounds» von Micha Sportelli wird die «Spiral-Kakao-Zeremonie» angekündigt. Der Reihe nach dürfen wir mehrere Kakaobohnen und einen Becher mit hochkonzentriertem, zeremoniellem Kakao empfangen und stellen uns in einen grossen Kreis. In unserer Mitte schlängelt sich eine riesige Spirale aus drapierten Ästen, Pilzen und Linsen um ein Feuer. Die Stimmung ist ruhig und bedacht. Urs und ein Schamane aus Peru leiten die Zeremonie. Urs betet nach dem Vorbild von José Argüelles in die sieben Himmelsrichtungen: nach Osten, Süden, Westen, Norden, nach oben, nach unten und ins Zentrum. Nach jeder Richtung darf ein Schluck vom cremigen, bitteren Kakao-Gebräu getrunken werden.
Als Nächstes geht der Kreis der Reihe nach entweder bei Urs oder dem Schamanen vorbei; sie fächern uns mit grossen Papageienfedern Weihrauch zu, in dem wir regelrecht gebadet werden. Jede Person folgt nun individuell der Spirale, bis das Feuer erreicht wird. Hier wird eine Kakaobohne als Symbol eines persönlichen Wunsches ins Feuer geworfen, eine andere Kakaobohne wird gegessen, um sich den Wunsch regelrecht einzuverleiben.
Der Reihe nach treten wir der Spirale entlang wieder aus dem Kreis, als Letzter folgt die imposante Erscheinung des «Healing-Sound»-Musikers «Kailash Kokopelli». Auf seinem Kopf thront ein Leder-Hut, in erdfarbene Gewänder gehüllt und auf einen geschnitzten Spazierstock gestützt, kniet er sich vor das Feuer. In sich gekehrt, verneigt er sich mehrmals vor den Flammen und schreitet andächtig aus dem Mittelpunkt, zurück in die Reihe des Kreises.
Nach einigen abschliessenden Worten von Urs löst sich die Kreis-Formation tröpfelnd auf, und die Klänge von Micha Sportelli erklingen erneut. Nun soll die Party losgehen.
Mein Vater und ich sind uns einig, dass wir für heute genug erlebt haben. Auf dem Weg zur Bushaltestelle diskutieren wir angeregt über die vielen Eindrücke; es war ein sehr intensiver, aber interessanter Tag. Mit ironischem Bedauern meint mein Vater: «Mit etwas Fliegenpilz intus wäre die Heimfahrt um einiges gechillter.»
Lou Büchler, 4. August 2025