Ein Sonntag zwischen Sonnengrüssen und Flughafenshopping – «Surya Kriya» Workshop

«Namaskaram» am Sonntagmorgen

Es ist Sonntagmorgen, ich bin früh unterwegs. Im Zug sind nur wenige Menschen; ich döse in Ruhe vor mich hin und lese schläfrig einige Seiten im Buch «Die Weisheit eines Yogi» von Sadhguru. In Zürich Kloten erwartet mich ein «Surya Kriya» Workshop bei der «Isha Hatha» Yogaschule mit dem Namen «Yogaagma». «Surya Kriya» ist eine Art Sonnengruss und bildet einen Teil der yogischen Praxis nach Sadhguru. Was heute genau auf mich zukommt, weiss ich nicht. Im Voraus musste ich einen recht ausführlichen Fragebogen ausfüllen. Etwas stutzig wurde ich, als nach einem Notfallkontakt gefragt wurde und als ich angeben musste, ob ich in den letzten fünf Jahren in psychotherapeutischer Behandlung war und ob ich mit Suchtproblemen zu kämpfen hatte. Auch durfte ich heute kein Frühstück zu mir nehmen, nur mit Wasser im Bauch soll ich in Kloten auftauchen. 

Im Buch auf meinem Schoss lese ich: «Die Wissenschaft des Yoga ist ganz schlicht die Wissenschaft, in absoluter Harmonie und vollständiger Übereinstimmung mit dem Leben zu sein.» Noch immer habe ich keine genauere Vorstellung, was mich heute erwartet.  

Doch ich finde es schnell heraus: Nach einem kurzen Fussmarsch erreiche ich ein weisses Mehrfamilienhaus und klingle an. Karuneshwari Chellaiyan öffnet mir die Tür, begrüsst mich mit «Namaskaram» und führt mich in ihre Wohnung. In einem Zimmer liegen drei violette Yogamatten bereit, auf einer davon sitzt eine Frau und lächelt mich an. Ich setze mich auf die zweite Matte, und einige Minuten später stosst ein junger Mann dazu. Das intime Setting des Workshops überrascht mich, ich hatte ein Yogastudio mit vielen Teilnehmenden erwartet. 

Karuneshwari nimmt auf einem Stuhl in der vorderen linken Ecke Platz. Gleich neben ihr, frontal vor mir, ist ein kleiner Altar aufgebaut. Auf einem Tischchen steht ein grosses Bild von Sadhguru, hinter welchem zwei Pfauenfedern hervorschauen. Vor dem Bild liegt eine Platte mit zwei sandigen Fussabdrücken. Unter dem Tischchen sind mehrere Gegenstände sorgfältig aufgestellt: eine Öllampe, eine Ganesh-Figur, ein kleines Heiligenbild, Räucherstäbchen und einige für mich nicht identifizierbare Objekte. Vorne rechts in der Ecke steht ein grosser Bildschirm.

Peace, Peace, Peace und Üben

Die Kursleiterin begrüsst uns und fragt kurz nach unseren Erfahrungen mit Isha. Es stellt sich heraus, dass ich die einzige Anfängerin bin. Die anderen beiden haben bereits andere Kurse nach Sadhgurus Vorgaben besucht. Die teilnehmende Frau, die ich auf etwas über vierzig Jahre schätze, hat sogar schon Angebote unserer Kursleiterin besucht. 

Wir beginnen den Workshop mit einem «Chant»:

Asatoma Sadgamaya
Tamasoma Jyotirgamaya
Mrutyorma Amrutangamaya
Aum Shanti Shanti Shantihi

Auf Englisch übersetzt: 
From Untruth to Truth
From Darkness to Light (From Ignorance to Enlightenment)
From Mortality to Immortality
May I be led
Aum Peace, Peace, Peace

Die erfahrene Teilnehmerin wird gebeten, einige Aufwärmübungen vorzuzeigen, währenddessen erklärt Karuneshwari uns die Bewegungen. Wir sollen dabei gut zuhören und unsere Hände, mit den Handflächen nach oben gerichtet, auf die Knie legen. 

Doch bevor wir uns selbst an den Übungen versuchen können, sollen wir die Hände nach unten drehen und uns unseren Körper in der Bewegungsabfolge genau visualisieren. Karuneshwari erklärt, dass wir so dem Körper eine genaue Vorstellung geben, wie die Übung sauber ausgeführt werden solle. Nach dem physischen Ausführen der Übungen wird auf dem grossen Bildschirm ein Video von Sadhguru abgespielt. Er trägt einen Turban auf dem Kopf und ein langer, weisser Bart säumt seinen Mund. Der Guru betont die Wichtigkeit der Sonne und des Sonnengrusses «Surya Kriya». Viel mehr Inhalt scheinen seine Worte nicht zu haben. Daraufhin zeigt uns ein Mann in einem anderen Video den Bewegungsablauf vor. 

Wir visualisieren uns in den ersten sieben Figuren und führen sie danach angeleitet aus. Karuneshwari gibt uns individuelles Feedback und erklärt das Prinzip des «Minimal Movements». Der Übergang zwischen den einzelnen Figuren solle auf möglichst direktem Weg geschehen. Es dürften also keine Zwischenbewegungen, wie ein Verschieben der Hände oder ein Rutschen der Füsse, geben. Ganz wichtig sei es immer die Augen geschlossen zu halten. 

Nach einigen Wiederholungen der Bewegungsabfolge werden uns die nächsten sieben Figuren erklärt. Wir visualisieren, führen aus und präzisieren unter Karuneshwaris scharfen Augen jede Bewegung. Nach einiger Zeit lernen wir eine Übung zum Verschluss des Zwerchfells: Wir gehen in die Hocke, stützen unsere Hände auf die Knie und blasen heftig einen Luftstrom aus. Danach spannen wir den Bauch und die Analmuskeln an, dazu halten wir kurz die Luft an. Als Nächstes wird eingeatmet und wieder durch ein heftiges Blasen ausgeatmet. Die Atem- und Bewegungsabfolge wird dreimal wiederholt, danach legen wir uns entspannt auf den Rücken ins «Shavasana». Ein Video leitet uns durch eine kurze Meditation, bei welcher wir nacheinander 61 Punkte unseres Körpers entspannen sollen. 

Es ist kurz vor Mittag, als wir die erste Kurshälfte beenden. Nochmals «chanten» wir gemeinsam das Mantra, und Karuneshwari gibt uns einige Anweisungen für die Mittagspause. Wir sollen innerhalb einer Stunde ein, wenn möglich vegetarisches, Mittagessen einnehmen und danach nichts mehr essen. Sie empfehle uns den Flughafen als Aufenthaltsort für unsere Mittagspause, dort gebe es Cafés, Einkaufmöglichkeiten und Schutz vor der Sonne. Zudem sollen wir uns nicht «auspowern», sodass wir um 16 Uhr noch genug Energie für die Abend-Session aufbringen können. 

Mittagspause im Flughafen 

Die Sonne hat unsere «Grüsse» erhört und brennt erbarmungslos auf uns nieder, als wir das Haus verlassen. Zu dritt ziehen wir in Richtung Flughafen los. Beide erzählen, dass Isha-Yoga ihr Leben positiv verändert habe. Der junge Mann berichtet, dass er viel weniger «komische Sachen» mache. Was genau er damit meint, verstehe ich nicht, doch es scheint mir unpassend, nachzufragen. Die Frau erzählt, dass sie bald einen Workshop bei Sadhguru persönlich machen möchte. Doch sie müsse zuerst zu einer Probestunde, bei welcher geschaut werde, ob sie dafür schon bereit sei. 

Vor dem Flughafen vereinbaren wir einen gemeinsamen Treffpunkt, um den Rückweg wieder gemeinsam anzutreten. Ich bin froh, endlich etwas essen zu können, und setze mich auf ein Bänkli neben dem Autoverleih. Als entspannend empfinde ich den Aufenthalt im Flughafen nicht, im Vergleich zum ruhigen Morgen wirkt das rege Treiben sehr hektisch. Trotzdem geniesse ich die allgegenwärtige Ferienstimmung und beobachte die vorbeieilenden Menschen. Nach einer Weile verlasse ich meinen Platz und spaziere durch die Shopping-Meile. Ich entdecke eine Sonnenbrille und finde, dass sie thematisch gut zum heutigen Tag passt. Gemeinsam mit meiner neuen Sonnenbrille und mit den Kursteilnehmenden mache ich mich auf den Rückweg. Karuneshwari empfängt uns herzlich und die zweite Session beginnt. 

Richtig Weiteratmen

Erneut singen wir das «Asatoma Sadgamaya» Mantra als Einstieg. Karuneshwari bringt uns die letzten Figuren des «Surya Kriya» bei und führt uns durch unsere Visualisierungen und Ausführungen. Doch nun komme der anspruchsvolle Part: die Atmung. Sie erklärt uns, zwischen welchen Figuren eine Zwischenatmung gemacht werde und wie die Atemzüge gezählt würden. Das Atemmuster ist komplex, und ich verstehe nicht alles auf Anhieb. Wir machen gemeinsam zwei Durchgänge «Surya Kriya», Karuneshwari leitet die Bewegungen und Atemzüge genau an. Beim dritten Durchgang sind wir auf uns allein gestellt. Die Bewegungsabfolge gelingt mir erstaunlich gut, doch mein Atemmuster ist noch immer ziemlich chaotisch. Karuneshwari meint, wir hätten uns gut geschlagen, und kündigt eine weitere 61-Punkte-Meditation an. Zum Abschluss wiederholen wir die drei Runden der Zwerchfellübung mit dem heftigen Ausatmen. Der körperliche Teil des Workshops ist damit abgeschlossen. Karuneshwari verteilt uns ein Blatt, auf dem die genauen Übungen und Atmungen festgehalten sind und wir besprechen den ganzen «Surya Kriya» Ablauf nochmals durch. Die Kursleiterin erklärt uns, dass wir in den folgenden vierzig Tagen mindestens einmal täglich «Surya Kriya» machen sollen. Somit werde «Surya Kriya» richtig in unserem Körper abgespeichert. Danach sei es erlaubt, die Bewegungsabfolge nur noch einige Male pro Woche auszuführen. Sehr wichtig sei es jedoch, mit leerem Magen zu praktizieren. Sie beteuert, dass wir uns bei jeglichen Fragen per E-Mail bei ihr melden dürfen, und verabschiedet uns. 

Viel Zucker nach vielen Anweisungen

Körperlich war der Workshop nicht sehr anstrengend, doch die Präzision der Übungen erforderte viel Konzentration und Energie. Sadhguru ist ein weltbekannter Yogi, der sich grosser Beliebtheit erfreut. Deshalb erstaunt es mich, dass der Isha Yoga Workshop in solch kleinem Rahmen stattgefunden hat. Meiner Meinung nach ist der recht hohe Preis von 300 Franken für den Workshop so jedoch um einiges gerechtfertigter. Der Kurs hat sich angefühlt wie eine Privatstunde.

Auch überrascht hat mich die Genauigkeit der Vorgaben: Schon die kleinste, nicht vorgegebene Bewegung galt als komplett «falsch». Teilweise haben mich diese strikten Richtlinien und das dazugehörige Vokabular irritiert. «Darüber gibt es keine Anweisung», «das dürfen wir nicht», oder «wir müssen es so machen» waren für mich etwas befremdliche Aussagen. 

Langsam etwas erschöpft, trete ich auf dem Weg zur Bushaltestelle wieder in die Sonne und gönne meinem Körper, mit einer Banane und einem Brownie, eine Portion des lang ersehnten Zuckers.

Lou Büchler, 11. August 2025

Isha Yoga Lexikonartikel