Atemübungen, Geschrei und HUH-Rufe – Dynamische Meditation nach OSHO

OSHO – Spiritueller Wegbereiter und Problematischer Sektenführer

Meine Mutter und ich steigen aus dem Tram, wir sind etwas früh dran. Der nächtliche Regen hat die Temperatur abgekühlt. Wir spazieren durch das schöne Hottinger Quartier in Zürich, die Strassen sind leer. Um 9:30 Uhr betreten wir ein dunkles Holzhaus mit der Beschriftung «Yoga Circle». Wir sind für eine «Dynamische Meditation» nach OSHO angemeldet. OSHO, der sich früher «Bhagwan» oder «Rajneesh» nannte, ist ein weltbekannter und sehr umstrittener Guru, der vor allem in den 70er und 80er Jahren grosse Anhänger*innenschaft angezogen hat. Über OSHO wird sehr zweischneidig berichtet: Für viele Menschen war und ist er, auch noch nach seinem Tod, ein charismatisches und spirituelles Vorbild. Seine vielen Bücher werden bis heute gut verkauft und weltweit gibt es noch immer OSHO-Zentren. 

Tatsache ist aber auch, dass er der Führer einer hochproblematischen, internationalen Sekte war. Die Anhänger*innen der «Bhagwan-Bewegung» bezeichneten sich als «Sannyasins» und waren bekannt für ihre rote Kleidung. Um die «Bhagwan-Bewegung» drehten sich unzählige Skandale: von Scheinehen über Wahlmanipulation bis zu Mordkomplotten. Zudem wurde in den Bhagwan-Kommunen die Idee der «Freien Liebe» zu Kindermissbrauch und OSHOs panische Angst vor AIDS wurde zu Homophobie. 

Trotzdem gibt es noch heute ein vielfältiges OSHO-Angebot, dazu gehört auch die «Dynamische Meditation», an der wir heute teilnehmen. 

Ein Pfeil führt uns in den ausgebauten Dachstock des Hauses. In einem grossen, gemütlich eingerichteten Yoga-Raum werden wir vom Kursleiter Sumiran empfangen. Wir sollen uns auf eine Matte vor ihm setzen und er erklärt uns die bevorstehende Meditation. 

Fünf Phasen für Moderne Menschen

Der Kursleiter erklärt uns: Der moderne Mensch sei ein neues Phänomen und unsere Umgebung sei nicht mehr natürlich. Die Gesellschaft und die Lebensbedingungen seien durch die Technik stark verändert worden. Früher habe das Herz das Zentrum des Menschen gebildet, heute sei es das wertende Gehirn. Die traditionellen Meditationsmethoden, seien für den modernen Menschen nicht mehr hilfreich und deshalb habe OSHO eine neue, moderne Form von Meditation entwickelt. Diese neuen Methoden seien eher chaotisch und aktiv, da so das Gehirn überlistet und verstummt werden könne. Die «Dynamische Meditation» sei das Paradebeispiel einer aktiven Meditation und die «heftigste» aller OSHO-Meditationen.

Die «Dynamische Meditation» habe fünf Phasen und dauere eine Stunde. In der ersten zehnminütigen Phase werde möglichst unregelmässig durch die Nase ein- und ausgeatmet. Dadurch solle die Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem aufgebrochen werden und unbewusste oder unterdrückte Emotionen sollten zum Vorschein kommen. Die zweite Phase werde «Katharsis», also Reinigung genannt. Hier sei das Ziel, alle aufkommenden Gefühle rauszulassen, dies könne durch Schreien, Springen, Schütteln, Weinen, Lachen, Tanzen und Toben geschehen. Wichtig sei es jedoch, während der Meditation keine Gewalt gegen sich selbst oder andere Teilnehmenden auszuüben. Ziel dieser Phase sei es, Emotionen gewähren zu lassen, ohne diese an anderen Menschen auszulassen oder sie in sich hineinzufressen. Weiter gehe es mit der zehnminütigen Phase drei: Mit erhobenen Armen solle mit beiden Füssen gleichzeitig in die Luft gesprungen werden. Dazu werde das Mantra «HUH HUH HUH» tief aus dem Bauch herausgerufen. Dadurch bündle sich die freigesetzte chaotische Energie im Körper. Am Anfang der vierten Phase solle der Körper in der bestehenden Position eingefroren werden. Fünfzehn Minuten lang solle der Körper mit erhobenen Armen erstarren. Dabei werde sich das Gehirn einschalten und Erschöpfung melden, doch diese rationale Stimme müsse ignoriert werden. Denn es sei machbar, die Hände oben zu behalten, auch wenn das Gehirn sich weigern möchte. Als Letztes komme die fünfte Phase mit leichter Tanzmusik, dabei solle gefeiert werden, dass man die Meditation geschafft habe. Der Körper solle intuitiv mit der Musik bewegt werden und die gewonnene Energie gespeichert werden. 

Weil es meine erste Erfahrung einer «Dynamischen Meditation» ist, erwähnt Sumiran noch einmal, dass dies ein steiler und intensiver Einstieg in die OSHO-Meditation sei. Er betont, dass es nicht schlimm sei, wenn ich eine der Phasen nicht perfekt ausführe. Falls etwas wäre während der Meditation, solle ich mich einfach bei ihm melden. Zudem zeigt Sumiran auf eine kleine Ganesh-Statue, unter welche wir die 20 Franken Teilnahmegebühren klemmen sollen. 

Mittlerweile haben sich vier ältere Männer im Saal eingefunden. Vom Alter her könnten sie ehemalige «Sannyasins» gewesen sein. Sie scheinen sich untereinander zu kennen und nicken uns freundlich zu. Ich bin überrascht, dass neben meiner Mutter und mir nur Männer anwesend sind. 

Aggressionsbewältigung

Von den grossen Deckenventilatoren und den offenen Fenstern dringt ein angenehmer Lufthauch durch den Raum. Sieben Yogamatten mit dazugehörigen Decken und Kissen liegen im Kreis, für alle ein eigenes Plätzchen. Die Decken und Kissen seien für die zweite Phase. Falls Wut aufkomme, dürfe man auf die weichen Unterlagen einschlagen. 

Musik erklingt, alle schliessen die Augen und fangen mit der unregelmässigen Atmung an. Die erste Phase gelingt mir ziemlich gut, und geht schnell vorbei. Die zweite Phase wird spektakulärer: Die fünf Männer geben Vollgas, vor allem mit ihren Stimmorganen. Mein erster Gedanke gilt den Ohren aller Nachbar*innen, zum Glück hat Sumiran die Fenster geschlossen. Das Geschrei und Gebrüll ist unglaublich laut. Es ist eine recht befremdliche Situation; irgendwie bin ich amüsiert, aber auch eingeschüchtert. Es fühlt sich an, als wäre ich in einer Aggressionsbewältigungsgruppe für Männer. Natürlich lassen die Männer ihre Emotionen nicht an mir aus, trotzdem erscheint mir ein Raum voller fremder, emotionaler, schreiender Männer nicht gerade als «Safe-Space». Das eigene Hervorholen der Emotionen fällt mir durch so viel Ablenkung schwer.

Nach zehn Minuten voller Chaos ist die HUH-Phase dran. Das HUH-rufende Hüpfen mit erhobenen Händen ist anstrengend; nach einigen Minuten läuft mir der Schweiss überall runter. Die zehn Minuten fühlen sich wie zwanzig an. Als die Musik verklingt, verharren wir in der unbequemen Pose. Fünfzehn Minuten sollen die Hände oben bleiben. Als ich die Augen leicht öffne, sehe ich, dass nicht nur ich die Arme etwas schlaff nach oben halte. Völlig verständlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Anwesenden über 60 Jahre alt zu sein scheinen. Nach ewigem «Händehoch», muss ich mich kurz setzen. Mein niedriger Blutdruck macht sich bemerkbar und mir wird etwas schummrig. Doch das Sitzen hilft und schon wird die letzte Phase eingeleitet. Leichte Musik ertönt und wir bewegen uns individuell zu den Klängen. Dieser Teil der Meditation ist für mich angenehm und lockernd, trotzdem erscheint er mir sehr lang. Nach fünfzehn Minuten legen wir uns alle hin und entspannen uns kurz. Damit ist die Meditation abgeschlossen. Die Männer bleiben noch etwas sitzen und Sumiran lädt uns zum gemeinsamen Kaffeetrinken ein. Wir lehnen dankend ab und verabschieden uns. 

Fazit mit Pommes

Wir entscheiden uns gegen das Tram und spazieren zu Fuss Richtung Niederdorf. Grundsätzlich fühlen wir uns nicht schlecht, wir haben eine Stunde Fitness hinter uns. Zudem waren die Anwesenden sehr höflich. Trotzdem war die Erfahrung recht seltsam. Ich denke, dass einem das «Austoben» der zweiten Phase unter fremden Menschen zwar leichter fallen kann, doch die Fremdheit bringt auch eine gewisse Unberechenbarkeit mit sich. Woher soll ich mir sicher sein, dass eine fremde Person mit extremen Emotionen umgehen kann?

Die Männer schienen sich untereinander zu kennen, doch über uns war ihnen nichts bekannt. Natürlich haben wir uns über die «Dynamischen Meditation» informiert und wussten ungefähr, was auf uns zukommt. Trotzdem kann Sumiran im Voraus nicht wissen, wie wir auf solch emotionale Situationen reagieren. Es hätte durchaus sein können, dass lautes Männergeschrei einen Trigger bei uns auslöst oder, dass unser Körper negativ auf die intensive Betätigung reagiert. Eine Nachfrage der Kursleitung zur psychischen und körperlichen Verfassung der Teilnehmenden vor sowie nach der Meditation wäre meiner Meinung nach essenziell, um einen sicheren Rahmen zu schaffen.

Apropos körperlicher Zustand: Nach diesem anstrengenden Workout haben wir langsam, aber sicher Hunger. Mit einem leichten Ziehen in den Unterschenkeln und einem grossen Loch im Bauch spazieren wir zu einem gemütlichen Restaurant und essen eine grosse Portion Pommes.

Lou Büchler, 19. August 2025

Lexikonartikel Osho Rajneesh-Bewegung