Kritische Beobachtungen zum Buch von Yvonne Gaam: «Die Grundlagen des Evangeliums. Von Mose bis Offenbarung. Ein Ratgeber für ein siegreiches Leben», Books on Demand 2024
Yvonne Gaam – Ex-Junkie, Therapeutin, Gemeindeleiterin, Schulleiterin
Im vergangenen Jahr 2024 hat Yvonne Gaam unter dem Titel «Die Grundlagen des Evangeliums» eine Einführung ins Christentum vorgelegt, welche die wesentlichen Lehren der Bibel «Von Mose bis Offenbarung» abbilden und damit «Ein Ratgeber für ein siegreiches Leben» darstellen soll.
Nach eigenen Angaben war Yvonne Gaam in ihrer Jugend heroin- und kokainabhängig. Im Jahr 2003 hat sie sich bekehrt, war aber über Jahre ohne Anschluss an eine Gemeinde. In dieser Zeit machte sie therapeutische Ausbildungen, seit 2013 ist sie als Paar- und Familienberaterin aktiv. Im selben Zeitraum schloss sie sich der Freikirche Hillsong Konstanz an. Seit 2015 ist Gaam auch als Seelsorgerin tätig. Im Jahr 2021 gründete Gaam das «Christ in Us Ministry» als Teil von Hillsong Konstanz. 2024 wurde dieses Ministry zu einer eigenen Gemeinde umgeformt und tritt nun als «Christ in us Church» mit Sitz in Berg TG auf. Seit Sommer 2025 führt Yvonne Gaam zusammen mit ihrem Ehemann die Christliche Schule Berg.
Ein Werk mit Anspruch
Yvonne Gaam sieht sich zu ihrem Buch von Gott beauftragt und geleitet: «Ich muss gestehen, dieses Buch zu schreiben hat mich sehr herausgefordert. Nicht nur, weil ich immer wieder neue Offenbarungen bekam und schon Geschriebenes wieder anpassen musste. Es war auch herausfordernd, jedes Thema nur oberflächlich behandeln zu können. Ich bin jemand, der sehr gerne sehr tief geht. Doch Gott hat mich immer wieder daran (3) erinnert, dass es ein Buch über die Grundlagen des Evangeliums werden soll.» (s. 2f.) Dabei handelt es sich keinesfalls um ein Werk, das vor allem für Yvonne Gaams Gemeindeglieder bestimmt wäre und damit halb-internen Charakter hätte. Vielmehr richtet es sich an alle interessierten Menschen, wie der Klappentext festhält: «Es ist ein Buch für alle Menschen, welche die Bibel verstehen, Gott, Jesus und den Heiligen Geist kennenlernen und dadurch Veränderung erleben wollen.»
Problematik einer Autodidaktin: eigenartige Theorien zur hebräischen Sprache
Ein erstaunliches Faktum im Zusammenhang mit Yvonne Gaams Werk ist die Tatsache, dass hier eine Person eine Einleitung ins Christentum vorlegt, die offenbar keine spezifische Ausbildung gemacht hat, welche sie zu ihrem Unterfangen qualifizieren würde. Yvonne Gaam ist Autodidaktin, sie hat sich ihr Wissen angelesen und ergänzt es durch eigene Offenbarungen und Spekulationen.
Bücher aus solchen Quellen sind in Gefahr, unzutreffende Behauptungen aufzustellen, die durch Fachkenntnis ohne weiteres vermieden werden können. Auch im Werk von Yvonne Gaam finden sich zahlreiche solcher Unzulänglichkeiten, etwa gleich zu Beginn ihres Buches bei ihren Ausführungen zur hebräischen Sprache auf Seite 9.
Yvonne Gaam schreibt hier: «Vor allem die hebräische Sprache ist mit anderen Sprachen nicht zu vergleichen. Ich kann sie leider nicht sprechen, aber ich durfte aus Büchern einiges über diese wundervolle Sprache erfahren. Hinter jedem hebräischen Wort verbirgt sich ein Bild, sogar das Alphabet besteht ursprünglich aus Bildern. Die ersten beiden Buchstaben des hebräischen Alphabets ergeben zum Beispiel das Wort ‹Vater›. Die ganze Sprache ist auf Gott fokussiert und es gibt darin weder Flüche noch Schimpfworte.»
In diesem Abschnitt kumulieren sich die Fehler und Unzulänglichkeiten:
Als semitische Sprache ist das Hebräische mit den anderen semitischen Sprachen, z.B. dem Arabischen, recht eng verwandt und lässt sich mit diesen sehr gut vergleichen. Wer Hebräisch kann, hat fürs Erlernen des Arabischen grosse Vorteile und umgekehrt.
Dass das hebräische Alphabet über das phönizische Alphabet auf Bildzeichen zurückgeht, ist nichts Besonderes. Alle historischen Schriftsysteme gehen auf Bildzeichen zurück.
Säkulare hebräische Texte, sowohl antike als auch moderne, sind keinesfalls in besonderer Weise auf Gott fokussiert. Im Alten Testament rührt dieser Fokus auf Gott nicht von der Sprache her, sondern vom Inhalt.
Dass Gott als Vater erfahren werden kann, ist ein spezifisches Anliegen des (griechischen) Neuen Testaments, nicht des hebräischen Alten Testaments. Dort sind Väter zwar ebenfalls sehr wichtig, aber vor allem in ihrer Funktion als Stammväter und Familienväter.
Geradezu grotesk falsch ist Yvonne Gaams Behauptung, dass es in der hebräischen Sprache keine Flüche oder Schimpfworte gebe. Hier stellt sich die Frage, ob Yvonne Gaam die Bibel wirklich so gut kennt, wie sie das behauptet. Flüche finden sich im Alten Testament ja reichlich, und auch Schimpfworte sind durchaus nicht selten, so werden in 1. Sam 25,22 die Feinde Davids als «Wandpisser» bezeichnet, in Spr 30,12 werden Menschen als «Kotbeschmutzte» tituliert, und in 2. Kön 27 werden die Menschen in Jerusalem vom Gesandten des assyrischen Grosskönigs explizit auf Hebräisch als «Kotesser» und «Urintrinker» beleidigt. Jede Sprache dieser Welt, historisch wie modern, kennt unterschiedliche Sprachschichten von sakral bis vulgär, und das Hebräische macht da keine Ausnahme.
Halsbrecherische Exegese
Gelegentlich finden sich Buch von Yvonne Gaam problematische Deutungen von Bibelstellen, die mehr auf Spekulationen der Autorin als auf seriöser Arbeit mit dem Text der Bibel beruhen. Ein Beispiel steht bei Yvonne Gaams Ausführungen zu den Geistesgaben nach 1. Kor 12, und dort bei ihrer Erklärung zum «Wort der Erkenntnis» aus 1. Kor 12,8 auf s. 131 in ihrem Buch: «Die Bibel benutzt das Wort Erkennen an vielen Stellen als Begriff für miteinander schlafen, also sehr intim sein (z.B. 1. Mose 4,1). Das Wort der Erkenntnis dient dazu, die Menschen in die Intimität mit Jesus zu führen, dass sie ihn wirklich erkennen».
Tatsächlich wird im Alten Testament das Verb jadac = «erkennen» öfter im Sinne von «Geschlechtsverkehr haben» eingesetzt, und im Anschluss daran wird im Neuen Testament auch das griechische Verb ginoskein = «erkennen» zweimal in diesem Sinn verwendet. Davon spricht Paulus in 1. Kor 12,8 aber nicht. Er spricht nicht vom Wort des Erkennens (logos tou ginoskein), sondern vom Wort der Erkenntnis, logos gnoseos, d.h. vom «Wort der Gnosis». Der Begriff Gnosis steht für Erkenntnis, kann auch Geheimwissen oder spirituelle Schau bedeuten, aber niemals Geschlechtsverkehr. Die Fantasien von Yvonne Gaam über «Intimität mit Jesus» sind hier ganz deplatziert und beruhen auf unseriöser Exegese.
Ein Buch voller Teufel
Kritische Anfragende machten Relinfo darauf aufmerksam, dass Yvonne Gaam in ihrer Verkündigung, etwa in YouTube-Videos, recht häufig vom Teufel spricht. Andere freikirchliche Leitungspersonen verzichten bewusst darauf, den Satan öfter zu erwähnen, um sich nicht zu sehr aufs Negative zu fokussieren. In ihrem Buch schliesst sich Yvonne Gaam dieser Haltung an: «Auch ich möchte nicht viel über den Teufel sprechen, er hat es nicht verdient, so oft erwähnt zu werden» (Gaam s. 212).
Nach meiner kursorischen Zählung findet sich das Wort «Teufel» in Yvonne Gaams Buch insgesamt 95-mal, dazu noch 25-mal das Wort «Satan» und elfmal «Luzifer». Das ergibt, ohne dass Formulierungen wie «der Feind» berücksichtigt wurden, insgesamt 131 Erwähnungen des Höllenfürsten, bei insgesamt 221 Seiten des Buches kommt er durchschnittlich alle 1,68 Seiten vor. Für ein Thema, worüber Yvonne Gaam «nicht so viel sprechen» möchte, ist das doch überraschend häufig. Damit kommt der Teufel bei Yvonne Gaam pro Seite viel zahlreicher zur Sprache als in der Bibel selbst.
Wenn diskutiert wird, ob Yvonne Gaam den Teufel in einer ungesunden Häufigkeit an die Wand malt, dann ist ihr Buch jedenfalls nicht geeignet, diesem Eindruck zu wehren.
Offenbarungen aus dem Koran?
Zum Thema Teufel vertritt Yvonne Gaam typische aus dem Koran bekannte Lehren, von denen sie behauptet, dass es ihre eigenen Ideen seien. Die entsprechenden Passagen in Gaams Buch finden sich auf Seite 21 und lesen sich so:
«Satan und seine Engel werden erst dann aus dem Himmel geworfen, wenn die Entrückung (der Zeitpunkt, an dem die Gläubigen, die Braut Jesu, in den Himmel geholt werden) stattgefunden hat».
«Weshalb wurde Luzifer plötzlich stolz und wollte Gott gleich sein? Der Grund dafür ist nirgends in der Bibel zu lesen. Meine logische Erklärung dazu ist folgende: Luzifer wusste, dass Gott den Menschen erschaffen möchte und er hatte keine Lust, diese neue Schöpfung zu ehren.»
Beide Gedanken entsprechen der spezifisch koranischen Sichtweise vom Teufel, siehe Sure 7:
10. «(…) Alsdann sprachen wir (Gott) zu den Engeln: Werfet euch nieder vor Adam! Und nieder warfen sie sich ausser Iblis (dem Teufel), nicht gehörte er zu denen, die sich niederwarfen.»
11. «Er (Gott) sprach (zu Iblis): Was hinderte dich, dich niederzuwerfen, als ich es dich hiess? Er (Iblis) sprach: Ich bin besser als er (Adam). Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber erschufst du aus Ton.»
12. «Er (Gott) sprach: Hinab mit dir aus ihm (dem Himmel). Nicht ist dir erlaubt, hoffärtig in ihm zu sein. Drum hinaus mit dir, siehe, du bist einer der Gedemütigten.»
13. «Er (Iblis) sprach: Gib mir Frist bis zum Tag der Auferweckung.»
14. «Er (Gott) sprach: Siehe, dir ward Frist gegeben».
(Übersetzung von Max Henning, Reclam-Verlag)
Wie diese Parallelen einzuschätzen sind, bleibt offen. Kann es sein, dass Yvonne Gaam durch eigene Spekulationen und Offenbarungen gleich auf zwei der typischen Lehren des Korans zum Teufel kommt? Oder ist vielleicht wahrscheinlicher, dass Yvonne Gaam über die Frage des Wesens des Teufels – die sie offenkundig stark umtreibt – auch mit Musliminnen und Muslimen diskutiert hat, und dass sie das damals Gehörte nun als eigene Idee empfindet?
Kinder krank werden lassen o.k.?
Ein äusserst bedenklicher Gedankengang findet sich in Yvonne Gaams Buch auf s. 53f. Ausgangspunkt ist die Theodizee-Frage, d.h. die Frage, wie ein guter Gott das Übel auf der Welt zulassen kann. Yvonne Gaam antwortet u.a. mit dem folgenden Gleichnis: «Ein Vater geht mit seinem Kind im Regen spazieren. ‹Er sagt dem Kind: Bleibe ganz nah bei mir, dann wirst du nicht nass. Wenn du mir nicht gehorchst und von meinem schützenden Schirm weggehst, dann wirst du nass und weil es kalt ist, würdest du krank werden.› Weil er ein liebender Vater ist, möchte er das Kind nicht zwingen und nicht an sich binden. Er lässt (54) ihm den freien Willen und hofft, dass es sich für das Gute, für seinen Schutz entscheidet. Das Kind hat jedoch keine Lust zu gehorchen und rennt davon, wird nass und am Ende krank. Das Kind kannte die Konsequenz von dem Ungehorsam, weil sein liebender Vater es davor gewarnt hat, aber es hat sich trotzdem so entschieden und muss die Konsequenzen tragen.
Nun meine Frage an dich: Ist es ein ungerechter, liebloser und strafender Vater? Ist es seine Schuld, dass das Kind nass und krank wurde? Nein!»
Doch! Hier kann Yvonne Gaam nur in aller Form widersprochen werden. Der Vater trägt die Verantwortung für die Gesundheit seines Kindes und hat alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um es vor Erkrankung zu bewahren. Selbstverständlich hat er sein Kind in der dargestellten Situation zu zwingen, unter dem Schirm zu bleiben. Gelegenheiten für lehrreiche Konsequenzen des Ignorierens von Warnungen gibt es genügend andere, weniger gefährliche.
Dass es Yvonne Gaam offensichtlich o.k. findet, wenn Eltern ihre Kinder krank werden lassen, um ihnen Gehorsam beizubringen, ist äusserst bedenklich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie jetzt auch als Schulleiterin auftritt.
Andere Religionen – alles Teufelszeug?
Yvonne Gaam äussert sich in ihrem Buch nicht ausführlich zu anderen Religionen. Wo sie trotzdem auf dieses Thema zu sprechen kommt, ist Bedekliches zu lesen, so auf Seite 77.
Möglicherweise aus klassischen Mythen kennt Yvonne Gaam die Situation, dass Götter Menschen bestrafen, wenn diese Opfer unterlassen, so Artemis den Agamemnon oder Poseidon den Odysseus.
Yvonne Gaam verallgemeinert diese Erzählungen und meint zum Thema Opfer: «Diese Handlung ist uns in der heutigen Zeit sehr fremd. Man kennt dieses Ritual nur noch aus anderen Religionen, wo Menschen den Göttern Opfer bringen müssen, damit sie nicht zornig werden. Dies hat aber nichts mit den Opfern der Bibel gemeinsam.»
In Tat und Wahrheit opfern Angehörige von Religionen, welche Opfer kennen, aus denselben Gründen, die Yvonne Gaam für die Opfer in alttestamentlicher Zeit aufzählt: Dank gegenüber der Gottheit, Gehorsam gegenüber der Gottheit, Wiedergutmachung von Sünden. Und auch im Alten Testament müssen Fehler bei Opfern durch neue Opfer behoben werden.
Yvonne Gaam konstruiert hier einen sachlich durch nichts gerechtfertigten Gegensatz, und folgert: «Wie so oft hat der Teufel auch hier etwas Heiliges kopiert, verdreht und die Menschen damit verwirrt und gefangen». Offenkundig hält Yvonne Gaam andere Religionen für satanisch inszeniert und ihre Anhänger für vom Satan geblendet.
Wie will sie als Schulleiterin ihren Schülerinnen und Schülern Respekt vor anderen Religionen beibringen, wenn sie diese für Veranstaltungen des Teufels hält?
Kritik als Lästern gegen den Heiligen Geist
Leitende von umstrittenen Gemeinschaften verwahren sich typischerweise gegen Kritik. Ihre Auslegungen und Offenbarungen sollen geglaubt, aber keinesfalls kritisch hinterfragt werden. Bedenklicherweise finden sich auch bei Yvonne Gaam solche Argumentationen. Sie operiert mit dem Heiligen Geist: «Wenn du andere Gläubige beurteilst oder sogar verurteilst, weil sie Dinge tun und sagen, die dir unbekannt oder komisch vorkommen oder nicht in dein Bibelverständnis passen, so lästerst du den Heiligen Geist.» (s. 144).
Überhaupt sollen, so führt Yvonne Gaam aus, Pastoren, Prediger, Apostel und Propheten nicht kritisiert werden. Zwar muss sie einräumen, dass im Neuen Testament öfter von falschen Propheten, Irrlehrern und falschen Christussen gewarnt wird, aber statt sich dazu Gedanken zu machen, ginge es vielmehr darum, «den richtigen Christus zu suchen und kennenzulernen». (S. 145).
Wer trotzdem Leitende kritisiert, für den gilt: «Tue Busse darüber, nimm die Vergebung an und bitte den Heiligen Geist, dass er die Kontrolle über deine Zunge und deine Gedanken übernehmen soll.»
Damit richtet es sich Yvonne Gaam sehr bequem ein. Ein kritischer Diskurs innerhalb ihrer Gemeinde zu ihren Lehren und Theorien wird unmöglich. Wem auch nur kritische Gedanken kommen, weiss, dass er diese sofort stoppen muss, weil er andernfalls den Heiligen Geist lästert.
Wie es auf einer solchen theologischen Basis möglich sein soll, Kinder zu selbstbestimmten und reflektierten Menschen zu bilden, ist völlig schleierhaft. Mit solchen Argumentationen werden gedankenlose Mitlaufende trainiert, nicht selbständige Persönlichkeiten.
Rückzug von Freundschaften mit Aussenstehenden
Yvonne Gaam warnt in recht schriller Form vor der umgebenden Gesellschaft, deren Menschen und kulturellen Ausdrucksformen.
So schreibt sie zu Freundschaften mit Aussenstehenden: «Wenn du Menschen in deinem Umfeld hast, welche dich eher vom neuen Weg abbringen und dich nicht dabei anfeuern oder unterstützen, dann scheue dich nicht, diese Freundschaften oder Bündnisse (geschäftliche Zusammenarbeit) zu beenden.» (s. 197)
Hier zeigt sich wieder exemplarisch die Radikalität von Yvonne Gaam: Ein Rückzug von Menschen, die den eigenen Glaubensweg kritisieren, wird auch anderswo empfohlen. Yvonne Gaam geht aber noch einen wesentlichen Schritt weiter: Es reicht nicht, wenn sich aussenstehende Freunde der Kritik enthalten, sie müssen die Gemeindeglieder auch noch in ihrem Glauben «anfeuern oder unterstützen», damit die Freundschaft weiter bestehen kann. Menschen, die dem Glauben der Gemeinde neutral gegenüberstehen, weil sie z.B. eine andere Religion oder Weltanschauung vertreten, werden dies nicht tun. Deshalb fallen auch sie als Freunde weg. Es bleiben die Mitglieder der Gemeinde selbst und – vielleicht – Angehörige ähnlicher Gemeinden. Aber auch letztere könnten an die Wirksamkeit von Yvonne Gaam kritische Anfragen haben, was die Freundschaft dann wohl beenden würde.
Drohungen mit Dämonen
Noch radikaler lesen sich Yvonne Gaams Ausführungen zu der umgebenden Kultur. Diese scheint in der Darstellung von Yvonne Gaam durchsetzt von Dämonen, welche die Gläubigen anspringen, wenn sich diese nicht genügend distanzieren.
So meint Yvonne Gaam zum Thema Musik auf s. 197f.: «Wenn du Musik von depressiven Menschen hörst, so wird der Geist der Depression (198) früher oder später auf dich kommen. Dasselbe gilt für Musik von Menschen, die den Teufel anbeten, Drogen konsumieren, in Unzucht leben usw. Wenn du dir solche Musik anhörst, dann werden dich alle diese Geister (Dämonen) beeinflussen».
Was bleibt da noch? Weltliche Musik fällt weg, aber auch mit christlicher Musik gibt es keine Sicherheit, auch nicht mit derjenigen von Hillsong, denn niemand kann ausschliessen, dass eine christliche Sängerin privat an Depressionen leidet oder dass ein Sänger von Hillsong eine heimliche aussereheliche Beziehung führt. Überall könnten die Dämonen lauern.
Auch bei Filmen und Spielen besteht aus Sicht von Yvonne Gaam die Gefahr böser Geister: «Wenn du dich Gewaltszenen aussetzt, sei dies durch Filme oder Videospiele, dann wird der Geist von Hass, Tod, Gewalt und Zerstörung in dein Leben kommen» (s. 200).
Nach dieser Logik würde jeder Bibel-Film dazu führen, dass sich die Zuschauenden Dämonen zuziehen. Was wäre die Alternative: Jesus-Filme ohne Passion und Kreuzigung? Noah ohne Sintflut? David ohne Goliath? Mose ohne Plagen und ohne Untergang der Ägypter im Meer? Da wird Yvonne Gaams Argumentation wirklich absurd.
Radikale Botschaft
Im Anschluss an ihre Tipps zum Umgang mit der umgebenden Kultur meint Yvonne Gaam: «Umkehren vom alten Leben bedeutet auch, all diese Bereiche zu prüfen und Schritt für Schritt hinter dir zu lassen, was nötig ist: also was nicht dazu dient, den Geist zu stärken und Gottes Gesinnung zu bekommen. Dies mag in deinen Ohren radikal klingen.» (s. 202)
Radikalität wird von Yvonne Gaam aber offensichtlich positiv gewertet: «In der Bibel finden wir verschiedene Erzählungen von Menschen und Völkern, die radikal umgekehrt sind» (ebd.).
Insgesamt ergibt sich das Bild eines Glaubens, der sich ganz bewusst am radikalen Rand der Freikirchenszene positioniert, und aufgrund fragwürdiger Spekulationen und Offenbarungen in Gefahr ist, diese Grenze zu überschreiten und zu einer Neuoffenbarungsbewegung zu werden. Die massive Warnung vor Kritik, die scharfe Abgrenzung gegen aussen, die Verteufelung anderer Religionen und die Dämonisierung der umgebenden Kultur wirken hochproblematisch. Wie sich ein solches Weltbild mit dem Führen einer Schule verträgt, bleibt weit offen.
Georg Schmid, 18. August 2025
Lexikoneintrag Christ in us Church