Mein erstes Kartenlesen – Mit vierzig Franken zu mir Selbst

Morgens um 10:15 treffen wir von Relinfo vor der Umweltarena in Spreitenbach ein. Seit zwei Tagen findet der Lebenskraft-Messekongressstatt, und wir sind hier, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Nach einer kurzen Absprache schwärmen wir in die grosse, mit Stimmengewirr angefüllte Halle aus. Ich sehe mich staunend zwischen all den Plakaten, glitzernden Zelten und farbigen Tüchern um. Was ich bisher nur aus Fantasy-Büchern oder Uni-Aufsätzen kannte, wird hier an jedem zweiten Messestand angeboten: Runenlegen, Auraclearing, Kartenlegen, Bodytalk, Handlesen und Face-Reading (etwas Ähnliches wie Handlesen, aber mit der Gesichtsstruktur als Grundlage), Trance- und Healing-Sessions. Welcher Weissagungstechnik sollte ich mich zuerst widmen?

Schliesslich wende ich mich einem Stand zu, bei dem ein grosses Plakat verspricht, dass hier mit der ‘Seelenformel’ gearbeitet werde. Ich nehme die auf einem kleinen Stehtischchen drapierten Flyer näher in Augenschein und lese, dass die Seelenformel-Ausbildung mir helfe, «Klarheit zu gewinnen», um meine «wahre Bestimmung» finden zu können. Es ist ein Stand von Lisa Miller, welche sich selbst als Astropsychologin und Transformationscoach mit einem Hintergrund im Finanzsektor bezeichnet und ihrer Website zufolge «eine der bekanntesten Astrologinnen der Schweiz» ist. Ihre Methoden und Konzepte können einer Strömung, die aus der New-Age-Bewegung in den 1970ern hervorgegangen ist, zugeordnet werden: der psychologischen Astrologie. Diese ist hauptsächlich vom Gedanken geprägt, seine eigenen ‘seelischen Strukturen’, individuelle Verhaltensmuster und Lebenseinstellungen auf der Basis des eigenen Geburtenhoroskops besser kennenzulernen und miteinander in Harmonie zu bringen. Im Unterschied zur ‘klassischen’ Astrologie, die eher deterministische Ansätze verfolgt, wird in der astrologischen Psychologie mit einer Kombination aus astrologischen und psychologischen Konzepten gearbeitet. Sie fokussiert auf die spirituelle, prozessorientierte Deutung psychologischer Aspekte, die der Selbsterkenntnis und persönlicher Weiterentwicklung dienen soll – und nicht einer konkreten Vorhersage der eigenen Zukunft. Das Individuum hat also eine gewisse Handlungsfreiheit im Gestalten bzw. Optimieren seiner selbst. Dabei wird das Geburtenhoroskop als Grundlage zur Orientierung der eigenen Psyche verstanden und die Methoden der psychologischen Astrologie als spirituelle Instrumente, um potentielle Herausforderungen und eigene Persönlichkeitsaspekte zu erkennen und für sich selbst nutzen zu können.

Die psychologische Astrologie wurde massgeblich beeinflusst durch Sigmund Freuds und C. G. Jungs Theorien, und Praktizierende bedienen sich oft deren psychologischer Konzepte. Insbesondere das Verständnis der ‘seelischen Struktur’ in der astrologischen Psychologie basiert auf den tiefenpsychologischen Modellen von Jung: Konzepte wie Archetypen, das kollektive Unbewusste und das Ziel zur Individuation sind ausserordentlich wichtig zum Verständnis der psychologischen Astrologie. In Jungs Theorie stellt das kollektive Unbewusste den überpersönlichen Teil der Psyche dar. Dieses sei allen Menschen von Geburt an gemein. In der psychologischen Astrologie wiederum wird das kollektive Unbewusste oft als verschiedene universelle, spirituelle oder symbolische Kräfte, die in einem Menschen wirken, interpretiert. Archetypen wiederum sind nach Jung universell existierende Muster im Unterbewusstsein der menschlichen Psyche, welche Verhaltens- und Denkschemata strukturieren und sich bspw. in Träumen, Fantasien oder Märchen manifestieren. Jung definierte einige Hauptarchetypen, wie ‘die Persona’ (die eigene soziale Rolle), ‘Anima und Animus’ (die gegengeschlechtlichen Anteile in einem selbst) oder ‘der Schatten’ (verdrängte, unliebsame, ‘dunkle’ Anteile der eigenen Persönlichkeit) – um nur einige davon zu nennen. Die Zahl der verschiedenen Archetypen ist jedoch potenziell unendlich. In psychologisch-astrologischen Deutungen können die Archetypen von Jung u. a. zur Erkennung von Energien und Kräften dienen, um diese zur Selbstverwirklichung nutzen zu können. Das zentralste Konzept in Jungs Tiefenpsychologie ist jedoch die Individuation. Es stellt den Prozess dar, in dem man sich mit den eigenen Archetypen auseinandersetzt und schliesslich zum Werden eines authentischen Selbst führen soll. Dazu müssen alle Persönlichkeitsanteile – bewusste und unbewusste, Schwächen und Stärken, weibliche wie männliche usw. – anerkannt und integriert werden. Die Individuation beschreibt also den Weg der Entwicklung hin zur Selbstwerdung, zur vollen Entfaltung der eigenen Persönlichkeit in ihrer – es auf Millers Website genannt wird – ist ein allgemein verbreiteter Ansatz in der Astropsychologie. So auch bei Lisa Miller, die verspricht, mithilfe der Seelenformel helfen zu können, das eigene «Leben im Einklang mit [der] inneren Wahrheit» finden und gestalten zu können. Sie bietet auch Kurse an, mithilfe derer die berufliche und finanzielle Sicherheit sowie die Entdeckung der eigenen «Seelenaufgabe» ermöglicht werden kann. Ausserdem werden verschiedenste Minikurse und Coachings für Selbständige zur Erlernung der Seelenformel angeboten.

Hinter dem Stehtischchen ist eine Preisliste für die verschiedenen Formen dieser ‘Seelenformel-Lebensberatung’ angebracht. Ich entscheide mich schliesslich fürs Kartenlegen: 20 Minuten à 40.00 CHF.

Die Seelenformel – Eine «neue, exklusive Wissenschaft»

Ich erkundige mich bei einer Frau am Stand zu einer möglichen Sitzung, worauf sie mich prompt hinter den Stand zu zwei Stühlen führt und mir erklärt, dass sie mit der Seelenformel arbeiten würde. Ich erinnere mich: Auf der Website von Lisa Miller wird diese als «neue, exklusive Wissenschaft» beschrieben. Dies wahrscheinlich, weil sie, wie oben erklärt eben mit ‘wissenschaftlich-psychologischen’ Konzepten arbeitet und sich dadurch von anderen astrologischen Strömungen abhebt. Etwas nervös setze ich mich an einen kleinen Tisch, was mir etwas unangenehm ist, da alle Besuchenden mich bei der Legung beobachten können. Die Frau lächelt mich freundlich an und setzt sich mir gegenüber. Etwas umständlich krame ich meine Geldbörse hervor, doch sie winkt ab: «Wir können das auch nach der Legung erledigen», meint sie. Als sie fragt, ob dies meine erste Legung ist, nicke ich zögerlich. Sie lächelt und sagt, sie fühle sich geehrt, die Erste zu sein, die mir die Karten legt. Ich muss einen etwas verunsicherten Eindruck gemacht haben, denn sie erklärt schnell: «Ich kann nur das sehen, was du zulässt.» Ich müsse also keine Angst haben vor der Legung. Ihre Aussage ist typisch für Deutungsmethoden in der psychologischen Astrologie. Denn dabei geht es vor allem um subjektive Interpretationen, wobei beispielsweise während einer Kartenlegung auf die Resonanz der fragenden Person, der Klient*in, fokussiert wird.

Sie erkundigt sich nach meinem Namen und meinem Geburtsdatum, als Grundlage für die bevorstehende Kartenlegung. Ausserdem möchte sie wissen, welche Themen ich in dieser Legung ansprechen möchte. Da ich mich momentan in einer Phase der Jobsuche befinde, entscheide ich mich für die Themen Arbeit, Ausbildung und Finanzierung.

Die erste Legung: Rhetorik und Fragedynamik

Sie beginnt mit der ersten Legung. Die Karten sind bedruckt mit verschiedenen Bildern, Zeichnungen von Bäumen mit tiefen Wurzeln, Häusern an dünnen Bächen oder menschlichen Wesen in Gewändern. Immer wieder stellt sie mir Fragen wie: «Ich denke, du möchtest gerne in dem Ort, in dem du jetzt wohnst, bleiben?» oder: «Der Job, in dem du jetzt bist, gefällt dir, oder?». Mir fällt auf, dass die Satzstellungen der Fragen oft so sind, dass, falls ich sie mit ‘Ja’ beantworte, es den Anschein hat, die Kartenlegerin hätte dies bereits vorher gewusst oder wenigstens geahnt. Wenn ich mit ‘Nein’, Ablehnung oder Unsicherheit auf eine Frage reagiere, schiebt sie oft direkt eine weiterführende Frage nach, die sich meiner vorherigen Reaktion anpasst. Auf diese Weise sind manchmal mehrere Nachfragen nötig, bis die getroffene Aussage bei mir räsoniert und ich zustimmend nickte. Die Kartenlegerin passt sich damit äusserst dynamisch meinen Regungen und Reaktionen an. Manchmal jedoch stellt sie auch sehr offensichtlich naheliegende Fragen, wie zum Beispiel, als wir zu meiner etwas komplizierten Arbeitssuche kommen. Sie schaut mich wissend an und meint etwas bedauernd: «Kann es sein, dass du unter Druck bist? Also, dass du dieses Problem mit dem Job jetzt lösen musst?» – Ich nicke energisch. Es ist eine Frage, die wiederum ein bereits existierendes Wissen über meine Gefühlsregungen suggerieren soll, die meiner Meinung nach jedoch ihrer Offensichtlichkeit wegen misslingt. Denn aus unserem Gespräch, meiner Mimik und meiner bereits angesprochenen Arbeitssituation würde jeder Gesprächspartnerin die etwas angespannte Lebenssituation antizipieren. Die Dringlichkeit zur baldigen Lösung des Problems der Arbeitssuche ergibt sich ausserdem aus meinem zu Beginn der Legung gewählten Thema ‘Finanzen’ – was eine gewisse Prekarität meiner finanziellen Situation nahelegt.

Die zweite Legung: Finanzielle Sicherheit als Ziel

Anschliessend beginnt sie mit der zweiten Legung, bei welcher wir fokussierter auf das Thema Ausbildung eingehen wollen. Konkret geht es darum, ob ich eine Weiterbildung machen soll oder eher nicht. Die Karten – beziehungsweise die Kartenlegerin – empfehlen mir, die Ausbildung unbedingt zu machen. Diesmal stellt sie mir nicht viele Rückfragen, sondern schaut sich die Bilder auf den Karten genau an und erklärt: «Es würde sich auf jeden Fall lohnen», meint sie, denn damit könne ich beispielsweise in einer Bank arbeiten, und da seien die Arbeitsmärkte gut. Dass sie aufgrund dieser Argumentation dazu rät, diese Veränderung in meinem Leben anzugehen, weist auf einen bereits erwähnten Aspekt der psychologischen Astrologie nach Miller hin. Es geht darum, sich weiterzuentwickeln, sich selbst zu finden, aber eben auch ganz besonders um finanzielle Aspekte des eigenen Lebens.
Dies ganz besonders bei Menschen des Sternzeichens Stier, wie ich später im Dokument ‘Spannende Fakten über alle Sternzeichen’, das ich gratis von Millers Website runtergeladen hatte, nachlesen kann. Demnach neigen Stiere dazu, sich an Gewohnheiten und Sicherheiten zu klammern und durch ihre Sturheit Veränderungen nicht zuzulassen.

Ihre Deutung, ich solle mich für die Weiterbildung anmelden, interpretiere ich als Ausdruck ihres Verständnisses, was mich – als Stier – erfüllen bzw. zu meinem Erfolg führen könnte: einen guten – also gutbezahlten – Job in einer arbeitsreichen Branche, den ich mir durch das Absolvieren der Weiterbildung ermöglichen könnte. Sie bewertet die Frage nach der Weiterbildung nicht danach, ob sie mich inhaltlich interessieren oder erfreuen würde, sondern nach ihrem Potential zu monetärem Erfolg und finanzieller Sicherheit. Dies ist insbesondere ein interessanter Aspekt, als dass ich selbst eine einigermassen divergierende Vorstellung davon habe, was Arbeit, Ziele und Wünsche für mein Leben betrifft.

Die dritte Legung: Meine Geldflussblockade

Nun fokussieren wir noch mehr auf finanzielle Fragen, also auf das Thema Geld. In der zweiten Legung hatte ich unter anderem das Problem der Finanzierung der Ausbildung angesprochen, woraufhin sie eine dritte Legung vorgeschlagen hatte. Sie legt wiederum die neugemischten Karten vor uns auf den Tisch. Es sähe nicht gut aus, teilt sie mir etwas besorgt mit. Geld werde immer ein schwieriges Thema bleiben für mich – fügt jedoch sofort an: «Ausser wenn es dir gelingt, deine innere Blockade, deinen inneren Knoten zu lösen.» Wenn ich die Sorge um das Geld loslassen würde, wäre der Geldfluss offen. Diese Transformation würde dazu führen, dass ich keine Geldsorgen mehr hätte. Diese Deutung der dritten Legung trifft ein Kernanliegen Millers Astropsychologie, welches auch in den angebotenen Kursen vermehrt vorkommt: die Lösung von individuellen Blockaden, die einen am finanziellen und persönlichen Erfolg hindern. Diese Blockaden bedürfen individualisierten Lösungen, bei denen eine Kartenlegung, aber auch verschiedene Kurse und Vorträge als hilfreich angepriesen werden. Um zu erlernen, wie Blockaden dieser Art gelöst werden können, wird bspw. der Kurs Astropsychologie – Standard Paket auf der Website angeboten. Er verspricht, «angeborene Blockaden» lösen zu können. Doch das Besuchen dieser Kurse ist kostspielig: Das Standard-Paket ist gerade im Angebot und kostet, statt 3499.00 CHF, ‘nur noch’ 2499.00 CHF. Auch meine Kartenlegerin hat eine Idee, wie ich lernen könnte, meine Geldflussblockade zu lösen – in einer halben Stunde finde der passende Vortrag dazu statt. Gegen Mittag wird Lisa Miller persönlich einen Vortrag zum Thema Löse karmische Blockaden & lebe deine wahre Seelenkraft halten. Sie meint, es sei wichtig für mich, und ich solle unbedingt hingehen. Diese Strategie des ‘Zusatzverkaufs’ kenne ich selber aus meiner Zeit, als ich an Marktständen arbeitete. Es scheint mir, dass die dritte Legung als eine Art Werbefläche für die bevorstehende Präsentation diente. Die Kartenlegerin greift eines meiner Anliegen – das Geld – auf, erklärt das Problem mit einer persönlichen Blockade, die wir nicht lösen können, da die Sitzung gerade beendet ist. So kann sie den Besuch des Vortrags mit einem individuellen Anliegen bzw. Problem verbinden und ihn so bewerben. Ich werde trotzdem nicht hingehen, da mir wahrscheinlich nach meinem ersten Erlebnis bei einer Kartenlegerin einfach die Energie dazu fehlen wird.

Schliesslich – wir haben zeitlich etwas überzogen – ist die Sitzung beendet, und wir stehen auf. Sie fragt mich, ob ich nun etwas mehr Klarheit hätte, und ich bejahe (was auch wirklich ein bisschen stimmt – denn ich habe etwas über das Kartenlegen gelernt). Sie kassiert ab, umarmt mich und meint, ich solle die Hoffnung nicht verlieren. «Es kommt alles gut!», lächelt sie mich an. Bevor ich mich zum Gehen wende, erinnert sie mich noch einmal nachdrücklich an den bevorstehenden Vortrag.

Mirjam Steiner, 05. September 2025