Yesteryear, ein Roman über «Tradwives»

Deutsche Weck-Gläser und Sauerteigbrot auf dem Fensterbrett, darüber weht die Flagge mit 50 Sternen und 13 Streifen. Eine Farm in Idaho, auf der sich die Kinder von selbst beschäftigen. Die Mädchen flechten sich gegenseitig die Haare, eine liest aus der Bibel vor. Die Jungs probieren den Cowboyhut des Vaters an. Es sind die Ursprünge des American Dream, eine romantisierte Vorstellung vom Wilden Westen, von der Pionierzeit, in der eine weisse Familie sich alles selbst in der neuen Welt aufgebaut hat. Dann ist das TikTok vorbei. Die Kinder lassen alles stehen und liegen, trotten zurück in ihren Homeschooling-Raum. Wahrscheinlich wissen sie gar nicht, dass sie durch das Internet weltberühmt sind. Denn sie selbst haben striktes Online-Verbot. Trotzdem leben sie stellvertretend die Fantasie für ihr globales Publikum.

Ein Roman über eine bestimmte Art von Influencer

Früher war alles besser, predigen viele Konservative auf der ganzen Welt. Einige von ihnen gehen so weit, sich im Internet eine Kulisse aufzubauen. Dort verzerren sie die Vergangenheit mit einer Performance von Sicherheit und Freiheit. Das Thema ist hochaktuell und viel diskutiert. Relinfo selbst hat erst vor kurzem einen Workshop über religiöse Influencer konzipiert. In ihrem erst kürzlich erschienenen Debütroman «Yesteryear» befasst sich Caro Claire Burke mit dem Internetphänomen «Tradwives». Eine «Tradwife» soll eine «traditionelle Ehefrau» sein, die nicht arbeiten geht und daheim die Kinder und den Haushalt hütet. Idealerweise sollte sie sich ihrem Ehemann unterordnen und das Leben der Familie so unbeschwert wie möglich machen. Und dies mit der Ausdauer, Grazie und bedingungslosen Liebe eines schweigenden Engels. Dabei ist der Roman bei aller Nähe zur Realität auch eine Satire. Eine Satire richtet sich idealerweise von unten nach oben, also gegen Machthabende, und nutzt dabei Humor und Übertreibung. «Yesteryear» nutzt satirische Zuspitzung, um die Mechanismen hinter der «Tradwife»-Bewegung freizulegen.

Die Protagonistin und «Tradwife» in Yesteryear heisst Natalie. Im fundamentalistischen US-Protestantismus aufgewachsen, vermarktet die Harvard-Abbrecherin ihre wunderschöne Farm auf Instagram. Rechnen tut sich diese von allein kaum. Zum Glück ist sie gesponsert vom reichen Stiefvater aus der Politik. Eine Figur, die Donald Trump zum Verwechseln ähnlich sieht. Seinem Sohn ermöglicht er damit Cowboy zu spielen. Natalies Aufgabe ist es sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit hinguckt und likt. Von den Angestellten auf der Farm, bis hin zur Liveausschnitten einer Hausgeburt, der Roman hat sich reale Influencer wie Ballerina Farm zum Vorbild genommen. Und ist damit verdächtig realistisch. Zumindest bis Natalie eines Morgens tatsächlich in einer Welt, die «Früher» zu sein scheint, aufwacht. Sie beschreibt diese Welt als «böse Schwester von Nostalgie». Fast alles ist gleich, nur der Kontext ist anders. Es wird nun echte Arbeit fürs Überleben und keine Performance für die Kamera verlangt. Natalie fragt sich: Ist dies eine Zeitreise? Reality-TV-Show? Eine Prüfung Gottes? Da der Roman durchaus lesenswert ist, soll das Geheimnis der Anderswelt hier nicht gelüftet werden. Stattdessen werfen wir einen Blick auf die religiösen Mechanismen.

Welche Merkmale problematischer Gemeinschaften im Roman sichtbar werden

Der Roman ist nicht nur hochaktuell, sondern zeigt Merkmale, wenn auch überspitzt, die sich sonst einer problematischen Gemeinschaft zuschreiben lassen, auf eine besondere Weise: Ganz ohne typische Sekte. Kein einziger Gottesdienst findet im Roman statt. Die Restriktion wird allein durch Natalies Gedanken in ihrer Erzählperspektive sichtbar gemacht. Dabei werden Natalies Handlungen und Gedanken von kritischen Lesenden manchmal als übertrieben oder unrealistisch bezeichnet. Doch dies ist in der Fiktion ein legitimes Werkzeug. Der Roman zeigt die Handlung nicht wie sie ist, sondern wie Natalie sie wahrnimmt. Auch wenn die religiösen Merkmale überspitzt dargestellt sind, lohnt sich eine genauere Betrachtung.

So herrscht in ihr eine elitäre «Wir gegen die anderen»-Mentalität, untermalt von ständiger subtiler Diskriminierung. Natalie regt sich über die mexikanischen Farmhelfer auf und befürchtet, dass die «weissen Menschen aussterben». Doch am deutlichsten hervorgehoben wird im Roman ihr Hass auf andere Frauen. Dieser geht so weit, dass keinerlei Freundinnenschaften entwickeln kann. Frauen mit anderen Ansichten sind für sie Feinde, «wütende Weiber». Und sogar die Frauen, die ihr ähnlich sind, werden als Rivalinnen gesehen.

Des Weiteren leben Influencer wie viele problematische Gruppen mit Doppelgesicht: Das perfekte Leben nach Aussen, obwohl die Realität ganz anders aussieht. Im Roman finden sich dafür unzählige Beispiele, wie die Tatsache, dass Nannys die sonst der Mutter zugeschriebenen Aufgaben übernehmen, wenn die Kamera aus ist.

Auch finden wir gefährliche Gesundheitsideen wie das Beharren auf einer Hausgeburt, bei welcher die Kinder zusehen müssen. Zwar wird hier keine wörtliche Empfehlung dafür ausgesprochen und nicht jede Geburt ausserhalb eines Krankenhauses ist zwingend gefährlich. Doch durch das In-Szene-Setzen für Social Media entsteht eine Vereinfachung und Romantisierung des Ereignisses. Zusätzlich sprechen Natalies geheime Accounts, um Kritikern zu antworten auch für einen schlechten Umgang mit den Meinungen Anderer.

Sogar das Merkmal Verfolgungswahn taucht im Text auf. Als Natalie ihre Mutter nach der Geburt ihres ersten Kindes mit ihrer Überforderung konfrontiert, rät diese ihr, sich einfach vorzustellen, permanent von Gott beobachtet zu werden. Von dort an entschuldigt sie sich für den kleinsten unangemessenen Gedanken mit «Sorry Gott». Öfters kreisen Natalies Gedanken obsessiv um gleichaltrige Frauen, die sie von früher kennt, wie miserabel deren Leben im Gegensatz zu ihrem sein müsse. Das Profil ihrer ehemaligen Zimmergenossin vom College, welche sie vorgibt zu hassen, betrachtet sie täglich. Es ist dieses Verhalten, was den Lesenden zeigt: Natalie ist nicht so glücklich wie sie es auf Instagram vorgibt.

Dabei standen ihr mit dem Stipendium an der Elite-Universität alle Türen offen, obwohl sie aus einfachen Verhältnissen kam. Wenn auch unwahrscheinlich im echten Leben, hat kein Pastor hat sie überredet, den erstbesten christlichen jungen Mann zu heiraten und ihr Studium abzubrechen. Es ist ihre eigene Erziehung und Verschlossenheit, die sie in das Leben geführt hat, in dem sie sich nun so gefangen fühlt. Ihre Religion ist für sie ein Schutz vor Haltlosigkeit in einer chaotischen Welt. Im College, ein Ort der Perspektiven eröffnen könnte, ist sie den Gleichaltrigen nicht nähergekommen. Die meisten Mitstudierenden dort stammten aus reichen Familien, was sie schwer nahbar für Natalie gemacht hat. Doch das ist nicht alles. Sie beobachtet diese Menschen ohne Religion mit einem herablassenden Blick. Sie sieht wie verloren sie sich fühlen, welche Fehler sie machen. Doch anstatt die gesellschaftlichen Probleme oder einfach das junge Alter dafür verantwortlich zu machen, schiebt Natalie es auf die liberale Lebensweise ihrer Kollegen. Es ist eine einfache Lösung für komplexe Probleme. Diese Lösung wägt Natalie jedoch nicht gegen andere ab. Ihre Perspektive ist geprägt von einer religiösen Selbstverständlichkeit, die ohne äussere Instanz funktioniert. So kommt Hinterfragen nicht in Frage.

«Yesteryear» macht also die Merkmale sichtbar, die man sonst mit stark abgeschlossenen und problematischen religiösen Gemeinschaften verbindet. Und das, ohne eine solche Gemeinschaft überhaupt zeigen zu müssen. Der reiche Stiefvater von Natalie fungiert zwar als der Patriarch der Familie, doch er hat Natalie keine Ideologie einflössen müssen, die nicht schon vorher in ihr war. Der Roman stellte keine tiefen theologischen Fragen. Aus dem einfachen Grund, dass Burke dies für irrelevant erachtet hat. Natalies religiöse Selbstverständlichkeit könnte in vielen Religionen funktionieren.

Bei vielen evangeikalen Lesenden stösst «Yesteryear» jedoch auf Widerstand. Dies hat nicht immer nur mit der politischen Ausrichtung der Personen zu tun, sondern auch damit, wie der Glaube im Werk dargestellt wird. So fehle in Natalies Perspektive die spirituelle Substanz: Jesus Christus und der Heilige Geist kommen in ihrem Universum nicht vor. Sehr häufig erscheinen dafür Natalies gedankliche Entschuldigen an Gott. Diese wirken eher wie eine prophylaktische Versicherung gegen Schuldgefühle als eine authentische Gottesbeziehung. Es ist diese Leere, die kritisiert wird. Damit wirkt der Glaube im Text auf viele Lesenden nur wie ein Mittel zur Selbstdisziplinierung und Abgrenzung nach aussen.

Darf man denn nicht einfach sein Leben posten? Das Dilemma der religiösen Influencer

Die grössten «Tradwives» des Internets, wie Nara Smith oder Ballerina Farm, sind zwar Mormoninnen, aber erwähnen das kaum. Und genauso ist es auch in «Yesteryear». Natalie ist keine Mormonin und sie befiehlt ihren Followern nie «Werdet Christinnen! Ordnet euch euren Männern unter!» Das Publikum sieht stattdessen Sauerteigbrot, niedliche Kinder, Kühe beim Melken und die tanzende Bäuerin auf dem Feld. Hier wird also nicht offensiv missioniert, aber subtil eine Orientierung gegeben. Es ist überhaupt nicht nötig zu sagen «Seht, unser Leben ist Dank konservativer Werten besser als eures». Es kann einfach gezeigt werden. Beispielsweise wenn schwere Farmarbeit mit einer natürlich wirkenden Ästhetik und Leichtigkeit dargestellt wird.

Performative Selbstdarstellung kann Influencern jeglicher Ideologie vorgeworfen werden. Dies geschieht mittlerweile immer häufiger. Und die meisten Erwachsenen sind sich bewusst, dass Influencer nur sorgfältig kuratierte Lebensausschnitte posten. Doch dieses Bewusstsein schliesst eine Wirkung nicht aus. Natalie muss ihre Follower nicht bekehren. Es genügt, dass ihre Familie, Mutterschaft und Ehe in einem christlich-konservativen Weltbild als funktionierende Einheit erscheinen. Die Ideologie steckt in dem, was nicht erklärt werden muss. Sie ist hübsch und sanft verpackt.

Und dann wäre da noch MAGA

MAGA ist die Abkürzung von Donald Trumps berühmten Wahlslogan «Make America Great Again». Unter der MAGA-Bewegung sind Trumps radikale Anhänger zu verstehen. Ihre Werte sind vor allem konservativ und patriotisch geprägt. Viele von ihnen identifizieren sich als Christen und glauben an Verschwörungstheorien.

Es ist kein Zufall, dass Trump nach seinem zweiten Wahlsieg erst einmal dem Podcaster Joe Rogan gedankt hat. Der Eintritt in die MAGA-Bewegung erfolgt nämlich primär online. Beispielhaft wird das im Roman an Natalies Mann Caleb gezeigt. Natalie stellt ihn zu Beginn ihrer Ehe als «Schwächling» dar. Während einer Phase der Orientierungslosigkeit, in der Caleb gerade zum ersten Mal Vater und gleichzeitig arbeitslos war, begann er immer mehr Zeit in Internetforen zu verbringen. Auch schaute er viele Podcasts, die denen des realen Joe Rogan ähnelten. Wieder spiegelt der Roman unsere Zeit. Doch er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter.

Die Anderswelt

Das ist quasi der Witz von «Yesteryear». Ein wortwörtliches Experiment mit der konservativen Nostalgie: Ein Grossteil der Handlung lebt Natalie womöglich in der Pionierzeit, ohne zu wissen, wie sie dort gelandet ist. Es scheint die Epoche der europäischen Kolonisierung Nordamerikas und der gewaltsamen Verdrängung indigener Bevölkerungen zu sein. Die Epoche, die Konservative am meisten romantisieren: Die ultimative Fantasie von selbstwirksamem Aufbauen des eigenen Lebens, Reichtums und Besitzes. Wo wahre Männer das Land bezwungen und echte Frauen viele Amerikaner geboren haben.

«Yesteryear» stellt diese Fantasie schonungslos auf die Probe. Dabei wird kein Detail ausgelassen, weder die anstrengende Arbeit noch die primitive Medizin. Caleb hat sich in der Anderswelt in einen gewalttätigen Patriarchen verwandelt. Sogar die angebliche Naturverbundenheit entpuppt sich als Besitzdenken, als Natalie bei einem Spaziergang denkt «Dieser Wald hat mir nie gehört». Wie zu erwarten kann Natalie all dies kaum aushalten. Ganz im Gegensatz zu ihren Kindern, die scheinbar völlig abgehärtet sind. Dabei konnten sie sich dieses Leben nicht aussuchen.

Kinder als unwissende Statisten

Auf Instagram sind Natalies Kinder das wichtigste Kapital. Sie sind der Beweis für die funktionierende traditionelle Familie. Dabei leben sie in einem Paradoxon. Um sie vor der modernen Welt zu schützen, besuchen sie keine Schule. Sie wachsen sozial isoliert auf und erhalten ihre Bildung im Homeschooling durch einen ideologischen Filter. An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass Homeschooling, ohne einer konkreten Bewegung anzugehören, unrealistisch ist. Die Kinder selbst dürfen das Internet nicht benutzen, doch ihre Kindheit wird vom Internet als Entertainment genutzt. Bis auf intimste Momente wie die eigene Geburt. Es ist mehr als Arbeit, die nicht gerecht entlohnt wird, und anders als die Kindheit in ideologisch ähnlichen Familien. Es ist das Aufwachsen in einer Performance. Burke beendet den Roman aus der Perspektive der Kinder, um ihnen eine Stimme zu geben, wenn auch nur im fiktionalen Raum. Da die Lesenden das Buch mit ihren Gedanken schliessen, kann die Sensibilisierung intensiver wirken.

Fazit

«Yesteryear» bringt das Internetphänomen «Tradwife» auf den Punkt. Burke verfügt zweifellos über eine präzise Beobachtungsgabe. Durch die konventionelle Sprache liest sich der Roman trotz seiner Länge schnell weg. «Yesteryear» gibt einen Blick hinter die Kulisse der Sauerteig-Idylle, der schon lange überfällig war. Die religiöse und moralische Ungenauigkeit im Werk muss dabei kein Abstrich sein, sondern dient der Darstellung der Instrumentalisierung des Glaubens für konservative Ideologie. Anspruch auf eine realistische Abbildung des evangelischen Fundamentalismus in den USA wird nicht erhoben. Doch anhand der enormen Popularität des Buches ist klar, dass Burks Gedankenexperiment auch so genügend Wirkung hat. Dies ging so weit, dass Nara Smith sich mittlerweile im Podcast «Call her Daddy» von dem Begriff «Tradwife» distanziert hat.

Es wird empfohlen sich vorm Lesen über die Triggerwarnungen zu informieren.

von Marla Engelschalk