Von rassistischen Meistern, Säbelzahntigern und einer angehenden Bischöfin – Lebenskraft 2026

Dieses Jahr fand die Lebenskraftsmesse in Pfäffikon SZ im Seedamm Plaza Hotel statt. Die verschiedenen Stände waren in unterschiedlichen Räumlichkeiten, und ich spazierte umher und sammelte ein, was gratis rumlag. Leider nicht allzu viel. An einer Stelle wurden ätherische Öle – in Sprühform –, welche auf die eine oder andere Art auf die Aura wirken sollen, verkauft. Ich entschloss mich, einen Tester auszuprobieren, und die Dame am Stand meinte, ich könne es «in meine Aura» sprühen. Das war mir dann etwas zu schräg und ich nutzte stattdessen mein Handgelenk, als wäre es ein handelsübliches Parfüm. Abgesehen von einem etwas herben Duft stellte ich keine Änderungen fest. 

Allerdings liess ich meine Aura fotografieren. Der Sohn der Standesinhaberin war gerade allein dort, und er fragte mich, ob es in Ordnung sei, wenn er es mache, oder ob ich die Analyse von seiner Mutter hören wollte. Mir schien, er sei es sich gewöhnt, dass grundsätzlich nach seiner Mutter verlangt wurde, liess ihn aber analysieren. Besonders beeindruckt war ich nicht: Die Seite «nach aussen» war rot, was wohl für Extrovertiertheit steht, die Seite «nach innen» blau, was wohl für Introvertiertheit steht. Wenigstens, so erklärte er mir, sei ein Problem von mir «zur Hälfte aufgelöst».

Über die Hypnose und sonstige Therapie

Ich hatte mir zwei Events vorgenommen, einen, in welchem Hypnose vorgestellt wurde, und einen zur «Erhöhung des spirituellen IQs».

In der Sitzung zur Hypnose wurde uns von zwei Hypnotiker:innen erklärt, dass man in einer solchen Therapie die volle Kontrolle hätte, und alles mitbekommen würde. Das Ziel sei, in den Zustand zu kommen, in dem man sich kurz vor dem Einschlafen bzw. kurz vor dem Aufwachen befand; also einem Halbschlaf-Zustand. Ausserdem müsse man ein bestimmtes Ziel haben; zum Beispiel seine Schlaf- oder Essstörungen heilen können.

Daneben wurde uns erklärt, dass wir die Realität nicht objektiv, sondern mit unseren Emotionen wahrnehmen würden – ansonsten würden ja alle Menschen in der gleichen Situation genau gleich reagieren. Besonders besorgniserregend fand ich die Erklärung, dass eine der beiden primär mit Kindern arbeitete – zwar nicht hypnotisch, sondern spielerisch; aber ohne zu erwähnen, ob sie eine formelle Ausbildung im pädagogischen oder sozialen Rahmen hatte.

Die letzten zehn Minuten verbrachten die beiden Hypnotiker:innen damit, mit uns eine Beispielhypnose zu versuchen. Wir sollten uns an ein gutes Erlebnis erinnern und daran, wie wir uns damals gefühlt hatten, und dabei eine Art Faust ballen. Sie erklärten, das Ziel der Hypnose würde dann sehr stark damit zusammenhängen, die Faust zu ballen, um dieses «Gefühl» abzurufen. Ein vergleichbarer Mechanismus wurde uns anno dazumal vor meiner Aufnahmeprüfung ins Gymnasium empfohlen, um allfällige Prüfungsangst zu bewältigen.

Das heilige «HU»

«Hu» hingegen könnte allerlei sein, aber in diesem Fall ist es «ein heiliger Ton und ein uraltes Mantra», ja ein «Überbringer der Liebe zwischen Gott und der Seele», der «einst geheime, uralte Name für Gott»; übrigens für Menschen jeder Religion anwendbar, da es diese bereichern würde. 

Wir sassen also da und sangen mit der Aufnahme «Hu». Es war etwas schräg, es waren rund 12 Menschen anwesend, alle schienen gewisse Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen zu haben (hatte ich zumindest den Eindruck), und wir hatten an mehreren Stellen Austausch; sowohl in der gesamten als auch in kleineren Dreiergruppen. Eine der Fragen, die wir besprachen, war zum Beispiel, ob und wenn ja, wie wir innere Führung wahrnehmen würden.

Insgesamt würde ich den Workshop als «ganz nett» einschätzen, und wir erhielten ein «Erfahrungstagebuch», in dem gut die Hälfte der Seiten mit Linien zum Beschreiben da waren. Ein Viertel der Seiten war gefüllt mit weiteren Übungen, und die übrigen Seiten waren einfach Bilder. Ob diese mittels Bildbearbeitungsprogrammen editiert wurden oder eher KI-generiert waren, schien nicht final feststellbar. Künstliche Intelligenz im Allgemeinen ist in der esoterischen Szene mindestens umstritten; wenn es um Bilderstellung oder andere Formen «generativer Kunst» (umstrittene Begrifflichkeit) geht, scheint diese Skepsis allerdings zu verschwinden. Auch in einer Session frühmorgens wurde bereits ein Lied mit KI-generierten Bildern untermalt, und bei vielen Flyern kann man sich mindestens unsicher sein.

Von einer rassistischen Reihe von ECK-Meistern

Die Einführung von «HU» ist eine Praxis der «Eckankar»-Bewegung aus dem Jahr 1965; der aktuelle «spirituelle Führer» sei, so hiess es in den Broschüren, Sri Harold Klemp, ein älterer, scheinbar weisser Herr, mit Titel «Mahanta, der Lebende ECK-Meister». Mir wurde erzählt, dass dies seit kurzem nicht mehr ganz aktuell sei, was eine kurze Recherche bestätigt; nun ist es Sri Douglas Kounin. Die Bildreihe der bisherigen Führer scheint aber grundsätzlich wie die beiden auszusehen – weiss, alt und männlich. Auf ihrer Webseite listen sie einige angebliche frühere Führer, welche fast alle männlich sind; allerdings werden die nicht-weissen Personen höchst rassistisch dargestellt. Die einzige Frau wird weiss und blond dargestellt, wobei mir unklar scheint, ob heute eine Frau zur Meisterin werden könnte. Weder die Bilderreihe vor dem Gründer noch die Frage nach dem Geschlecht der Meister wurde von den beiden Damen, die am Stand sassen und die Bewegung vertraten, thematisiert.

Farbige Schutzschichten und goldene Flaschen

An so einigen Ständen konnte man vor allem eins: Geld ausgeben. Eine Dame verkaufte beispielsweise Trinkflaschen für rund CHF 150, welche das Wasser von Chemikalien reinigen sollen. Da es innerlich ebenfalls eine Schutzschicht gäbe, würde das Wasser auch nicht von den Chemikalien der Flascheninnenwände verunreinigt. Hellsichtige Leute, erklärte sie mir, sähen am Eingang der Flasche eine farbige Schicht, welche wohl vor den Chemikalien schützen würde. Ich fragte mich, ob dann die Chemikalien nicht einfach an der Schicht kleben bleiben würden und dann beim Trinken in den Mund kämen. Insgesamt war ich aber überrascht, dass andere Flaschen, notabene einzeln goldfarbig, für über tausend bis zweitausend Franken vertickt wurden. Ob da wohl richtiges Gold mitverarbeitet wurde? Ich wage es zu bezweifeln.

Von Feng Shui und Säbelzahntigern

Passenderweise würde ich bald umziehen – hilfreich also, dass es einen Feng-Shui-Stand gab. Bei Feng Shui handelt es sich um eine Art Lebenseinstellung oder weltanschauliche Einstellung, welche sich zentral mit «Bewegung» der Energien und somit der Planung einer Stadt oder eines bewohnten Bereichs zur optimalen Energiebewegung beschäftigt, und ursprünglich aus China stammt. Ziel ist die Herstellung von Harmonie, um das «Qi» (eine Art Kraft) optimal fliessen zu lassen, und faktisch Glück, Freude und innere Zufriedenheit auszulösen. Dies betraf historisch beispielsweise die Stadtplanung, die nach bestimmten Regeln durchgeführt wurde, um guten «Fluss» zu gewährleisten. Über den Verlauf der Zeit wurde es dann auch innerhalb eines Gebäudes angewendet. Es gibt verschiedene Ausrichtungen und Bewegungen, wobei in Europa vor allem Neo-Feng Shui verbreitet ist. Ziel soll hier sein, den Raum so zu wählen und einzurichten, dass Energien angemessen fliessen – dass die Geld-Ecke nicht im Badezimmer das Klo runtergespült wird, um es etwas provokativ zu formulieren.

Mit entsprechenden Erwartungen setzte ich mich also an den Stand und liess mich hierzu beraten. Ich soll schematisch meine Wohnung darstellen, und der Dame am Stand, Olivia, erklären, wie der Raum aufgebaut war. Allerdings habe ich die Meterangaben nicht im Kopf, und beschrieb es einfach vom Gefühl her. Die Beratung war ernüchternd un-esoterisch: Mehrfach begründete sie eine Herangehensweise, zum Beispiel das Bett schräg gegenüber dem Hauseingang in der «anderen Ecke» der Wohnung zu haben, mit «wegen dem Säbelzahntiger»: Früher hätten wir die Gefahr gehabt, dass beispielsweise ein Säbelzahntiger in unsere Höhle käme, und wollten für das Sicherheitsgefühl möglichst weit vom Eingang weg leben, was sich tief in unsere Wahrnehmung eingenistet habe. Ganz unrecht hat sie womöglich nicht, aber ich hätte doch erwartet, dass sie mit mir darüber redet, wo genau ich beispielsweise einen guten Raum für finanzielle Erträge schaffen sollte. Zum Bett gab sie zumindest den Tipp, es nur dann gegen die Wand zu schieben, wenn ich keine Beziehung wolle – ein Partner bräuchte schliesslich Platz, falls ich einen wollte. Der Begriff «Fluss» fiel nur einmal: Beim Bewegungsablauf von Küche zu Esstisch, und wie dieser durch Tischpositionierung optimiert werden könnte. Während es möglich ist, dass sie die Aufteilung der Wohnung nicht optimal fand (abgesehen vom Schlafzimmer, das fand sie super) und deswegen nichts dazu sagte, habe ich meine Zweifel daran, wie genau ihre Ausbildung überhaupt aussah – den chinesischen Begriff «Feng Shui» sprach sie ganz und gar nicht Chinesisch aus; ja sie versuchte es nicht einmal. Für jedes Coaching, das sich auf Feng Shui bezieht, erwarte ich mindestens das: den Versuch, ein «fremdes» Wort richtig auszusprechen. 

Wenigstens gab sie mir am Ende noch einen Tipp für ein zusammenklappbares IKEA-Möbel. Mit Feng Shui hat das aber herzlich wenig zu tun.

Die schockierend erholende Wirkung eines Nickerchens

An einem Stand gab es die Möglichkeit, sich einer «(Probe-)Farblichttherapie» unterzuziehen. Dabei würde man sich auf eine (sehr bequeme) Liege legen, eine abdunkelnde Brille anziehen, und sich zwanzig Minuten lang von sieben Lichtern mit geschlossenen Augen bestrahlen lassen. Das Gerät nennt sich «Quasar S7», die Firma wohl «Spectrum Light 7 AG». Davor durfte man unterzeichnen, dass man die Risiken dieser Bestrahlung akzeptierte, und wisse, dass die Brille nicht entfernt werden sollte. Die Farblichttherapie soll bei Problemen wie Stress, Unruhe oder Depressionen zur Erholung helfen – gemäss Broschüre notabene nach erfolgter medizinischer Behandlung. Dies kommt in einen Gegensatz zum Eintrag im Handelsregister, in dem der Zweck der Firma mit dem Umgang von medizinischen Geräten und Behandlungen in Verbindung steht. Die Anmerkung, dass es keine Heilungsversprechen gäbe, wird auch nur in der Broschüre explizit gemacht; dort fehlt aber die Erwähnung der Chakren, die am Stand relevanterweise erwähnt wurden.

Mir wurde erzählt, dass diese Behandlung grundsätzlich eine Dreiviertelstunde ginge, und dass viele Menschen vor lauter Entspannung einschliefen. Das überraschte mich herzlich wenig: Ein mittelmässig langes Nickerchen von rund einer halben Stunde, oder etwas mehr, in einem ruhigen Raum mit einer lichtblockierenden Brille dürfte so ziemlich allen Menschen, die viel zu tun haben oder anderweitig etwas gestresst sind, grundsätzlich guttun. Dass die Lampe da mehr als eine Placebo-Wirkung, wenn überhaupt, einnimmt, wage ich zu bezweifeln.

An einem anderen Stand konnte man sich von Engeln, ebenfalls probemässig und kostenlos, dafür aber nur eine Viertelstunde, via «Quantum Engel Heilung» und «Cosmic Recoding» heilen lassen, wie es hiess. Ich setzte mich hinter Susannes Standtisch, mit dem Rücken zum Tisch, und sie legte mir die Hände auf (wobei sie zwischen meine Haut und ihre Hände jeweils ein Tuch legte). Die sonst ganz sympathische Dame begann dann die Heilung, indem sie den Engel Gabriel anrief, ihn um Unterstützung bat, und dann den Rest der Zeit einfach dasass, mit ihren Händen auf meinem Oberkörper. (Ich vermute, dass sie mindestens aus eigener Perspektive irgendetwas tat, aber sie war still.) Ich schloss die Augen, wie angewiesen, und verbrachte die Viertelstunde entspannt auf ihrem Stuhl. Für meine Füsse eine willkommene Abwechslung, aber ansonsten fiel mir nichts auf. 

«Spiritualität ist dir wichtig» – Analyse meines Horoskops

Psychologische Astrologie – ein mindestens interessantes Wort. Man soll sich eintragen und bitte aufschreiben, was man für eine Frage habe. Ungünstigerweise hatte ich gerade keine besondere Frage, die ich irgendwie klären wollte. «Das passt schon», meinte die standhütende Schwester des Astrologen Jahn Koch grinsend. «Dann ist er mal ein wenig herausgefordert.» Ich forderte ihn also heraus und liess ihn mein Horoskop analysieren. Da ich mich für einen bestimmten Zeitpunkt in die Liste eintragen musste, und dies auch mit vollem Namen tat, besteht in der Theorie die Möglichkeit, dass er mich im Internet recherchiert haben könnte. Ob dem so war, kann ich nicht einschätzen. Er erklärte zu Beginn, dass alles entweder im Defizit (also fehlend), in der Kompensation (nach aussen austeilend) oder in der Reife (also gut) wäre, und implizierte, dass er diese Einteilung nicht anhand des Horoskops machen könne. Das führt natürlich dazu, dass er bei jedem Punkt drei Interpretationsmöglichkeiten hat. Hat man eines der Tierzeichen zur Disziplin im ersten Haus wie ich, kann das bedeuten, dass: die Disziplin fehlt (Defizit), die Disziplin nach aussen hingetragen wird (Kompensation, ich also «andere diszipliniere» statt mich selbst), oder die Disziplin ist da (Reife). Es darf naheliegen, dass hier auf jede Person, egal, wo welches Tierzeichen ist, einer dieser drei Punkte zutrifft. Eine besondere wissenschaftliche (oder besonders wissenschaftliche) Feststellung ist das noch lange nicht.

«Spiritualität» sei, laut meinem Horoskop, sehr wichtig für mich. Dass das bei Menschen, die an einer Esoterikmesse eine astrologische Beratung in Anspruch nehmen, wohl oder übel ziemlich immer zutreffen würde, gab er dann auch selbst lachend zu. «Darum sind wir hier.»

Jupiter, der für organisierte Religion stehen soll, stand in der Nähe des Saturns, beide «in meiner Kindheit»; anscheinend eine gute Kombination, da sich die beiden ausgleichen. Was er allerdings nicht erriet, war meine sehr intensive Nähe zu einer sehr stark organisierten Religion in meiner Jugend. Vielleicht ist das auch zu unwahrscheinlich – zu selten der Fall, als dass Jahn gewagt hätte, das zu erraten.

Er war auf jeden Fall ganz gut darin, unauffällig im Rahmen eines lockeren und angenehmen Gesprächs mehr Informationen aus mir herauszulocken, was sich als eine Methode des sogenannten «Cold Reading» kategorisieren lässt. Vielleicht hat er Jupiter auch eine neue Bedeutung zugewiesen: Dass es für «organisierte Religion» stünde, erklärte er mir nämlich, als ich ihn fragte, was mein Horoskop denn zum Pfarrberuf, der mir in letzter Zeit im Bekanntenkreis mehrfach vorgeschlagen wurde, sage. Natürlich sind solche Fragen nicht als «ich möchte gerne/ich möchte nicht» zu formulieren, sondern: «die anderen möchten das». Dann ist die Antwort nämlich: «Die Frage ist, ob es zum Seelenplan passt.» Die Voraussetzungen seien da. «Mit dem Horoskop bleibt es dann aber nicht bei der Pfarrerin. Du wärst Bischöfin oder Kirchenleitung.» Insgesamt war er auch sonst sehr optimistisch, was meine Zukunft anging, was mir durchaus auch ein gutes Gefühl gab. 

Das Gespräch endete mit seiner Empfehlung, statt 700 Dinge nur 7 Dinge gleichzeitig zu tun (ein hilfreicher Hinweis), und einem Flyer zu einem nächsten Event. 

Während des Gesprächs verwies er immer wieder auf C.G. Jung, wie es in der Esoterikszene beliebt ist, zitierte oder paraphrasierte aber einen anderen Autoren, der sich ausführlich mit Jung beschäftigt habe. Manchmal frage ich mich, ob Menschen an der Esoterikmesse oder dieser Szene, die sich «mit Jung beschäftigen», sich wirklich mit den Jungschen Texten hinsetzen, oder ob sie viel eher mit den Texten anderer Menschen, die «über Jung» schreiben, arbeiten. Bei Jahn schien es letzteres zu sein.

Fundamentalismus an der Lebenskraft

Auch dieses Jahr waren wieder ein paar freikirchliche Christen an ihrem Evangelisierungsstand anwesend – notabene sah ich dieses Jahr ausschliesslich Männer – und ich begann, mit einem der Christen zu diskutieren. Ich erwähnte beiläufig, kürzlich ein paar Module der Theologie besucht zu haben, woraufhin ich feststellte, dass der werte Herr vor mir, rund in meinem Alter, Augustin-Fan war, wobei «nicht alles», was der frühchristliche Theologe gesagt habe, stimme. Eine gewagte Aussage, da sie offensichtlich einen Wahrheitsanspruch beinhaltet; und ein besonders schwieriger Ansatz, wenn man sich mit einer Geisteswissenschaft wie Theologie beschäftigt. Er erklärte mir seine Meinung und verwies auf allerlei Bibelverse, woraufhin ich etwas lachen musste, auf eine unserer Professorinnen verwies und sie paraphrasierte: «Mit Bibelversen kann man ziemlich viel begründen.» Er entgegnete mir mit einem Grinsen: «Vielleicht liegt das daran, dass deine Professorin eine Frau ist.» Mir fehlten – wohl wenig überraschend – kurz die Worte. Für fundamentalistische Christ:innen ist klar, dass Frauen nicht zu lehren hätten, und er scheint in die Kategorie zu gehören; auch was formell ausgebildete Universitätsangestellte angeht, solange es um theologische Inhalte geht. Allerdings gab er das Gespräch viel schneller auf als noch die beiden Herren letztes Jahr. Am Ende gab er mir noch ein Heftchen mit: «Was glaubst du, was du glaubst?» und betonte seine Empfehlung, die Bibel zu lesen. Eine Empfehlung, die mich in allen Fällen zum Grinsen bringt, vor allem wenn sie von Menschen kommt, die etwas glauben, das ich in der Zwischenzeit schon länger abgelegt habe.

Trick-Patches

An einem Stand erhielt man probeweise einen Patch. Der sei «wie ein QR-Code für deinen Körper», und würde allerlei auslösen. (Je nachdem, was man für ein Problem hat. Müsste man aber auch einen anderen Patch dafür erhalten.) Die Dame entschied sich also dazu, die Stabilität zu messen, und nutzte dafür zwei Ansätze. Einmal soll man den rechten Arm ausstrecken, linke Hand hinter den Kopf, und das rechte Bein heben. Dann drückte sie auf den Arm, man – hier: ich – verlor das Gleichgewicht, und es ging mit der zweiten Pose weiter, in der man die geballte Faust an der Seite halten sollte, die sie nach oben zog. Nachdem sie mich also zweimal aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, klebte sie mir einen Patch auf den Nacken (ein sehr merkwürdiges Gefühl, so klebrigen Plastik im Nacken zu haben; gerade auch, weil ihr offensichtlich das Vorhandensein einzelner Haarsträhnen zwischen Patch und Haut egal war), um die beiden Positionen nochmals zu versuchen. Als besonders unausgeglichener Mensch, zumindest wenn es um das Gleichgewicht geht, verlor ich dieses nach dem Patch-Aufkleben tatsächlich kurz und musste mich ein wenig auffangen. Wenn das Patch Stabilisierung bringen sollte, braucht es wohl einen Moment zur Kalibrierung; ich falle nämlich meistens nicht um, wenn ich normal irgendwo stehe. Sie probierte die beiden Posen also nochmal, und zu meiner persönlichen Überraschung – ich hatte in aller Selbstverständlichkeit alles genau gleich gemacht – fiel ich nicht um. Dass ein Trick dahinterstehen musste, war klar, nur: welcher? Der Austausch mit den Mitarbeitenden von Relinfo ergab, dass sie an zwei unterschiedlichen Stellen den rechten Arm hinunterdrückte. Indem man eine zweite Position annehmen musste, vergass man schneller – wenn man nicht sehr genau darauf achtete – wo genau sie hingedrückt hatte. So ging es zumindest mir: Ich wusste nicht, worauf ich hier achten sollte, und dieses Moment der Unaufmerksamkeit wurde ausgenutzt. Gelernt habe ich daraus, dass man solche Tricks im Idealfall zu zweit oder aus Entfernung beobachtet. Die anderen Mitarbeitenden erhielten ihr Patch aber nicht «auf den Nacken geklatscht», sondern am Oberarm.

Die Dame erklärte mir, ich soll die Patches über sie bestellen – dann hätte ich Rabatt, ansonsten sei es gar teuer. Für klebrigen Plastik, der im besten Fall wie ein Placebo wirkt, und durch einen so einfachen, ja billigen Trick vermarktet wird, ist allerdings auch der reduzierte Preis zu teuer.

Fazit

Wie auch letztes Jahr waren lauter nette und angenehme Menschen anwesend, die aber gleichzeitig offensichtlich suchend und vermutlich sehr empfänglich für jegliche Formen der Hilfeleistungen, egal wie hilfreich oder teuer, waren. Während viele Menschen mit Sicherheit primär helfen wollten – so hatte ich es beispielsweise bei der Engelheilung empfunden – befanden sich andere an der Grenze zur Böswilligkeit, beispielsweise das Austricksen mit den Patches. Wie sie dies für sich vereinbaren, weiss ich nicht. Auch fiel auf, wie viel Geld an einzelnen Ständen für Alltagsgegenstände oder anderweitig nicht notwendigerweise hilfreiche Utensilien verlangt wurde. Einen allfälligen Besuch würde ich bevorzugt zu zweit empfehlen, und viele der möglichen Lösungsansätze, besonders wenn sie mit Wissenschaft in Verbindung gebracht werden, sehr genau prüfen.

Angela Heldstab, 11. August 2026

Lexikoneintrag Eckankar
Lexikoneintrag Feng Shui