Shisha Rainbow, die – laut sich selbst – bekannteste Expertin zur Hexerei «seit 2019» ist vielfältig aktiv: Sie postet insbesondere auf Instagram und TikTok, wo sie jeweils über 100’000 Followers hat, regelmässig zu Themen der Hexerei, hat bereits drei Bücher dazu geschrieben und bietet noch dazu diverse Kurse an, beispielsweise zur Hexerei, Astrologie, oder zum Thema «Dunkle Künste». Genau diesen Kurs habe ich besucht.
Die Beschreibung des Kurses lässt einem bereits die Nackenhaare zu Berge stehen: Tabuthemen wie Sexual- und Blutmagie, oder magische Wirkungen von Körperflüssigkeiten. Auch die griechische Göttin Hekate wird in einem Atemzug genannt mit Lilith – nach jüdischer Mythologie die erste Frau, die sich aber Adam nicht unterordnete, und die erste Dämonin – und Baphomet (der christliche Dämon, der aber ab und an auch mal mit Satan gleichgestellt wird) – und sie alle werden als «dunkle Entitäten» bezeichnet.
Die jeweiligen Bilder der Kapitel sind alle in einem dunklen Ton gehalten, bei «Sexualmagie – Praktiken» sehen wir auch ein lesbisches Paar, das sich küsst (im Gegensatz zu den gemischten Paaren bei Sexualmagie – Bedeutung und Sexzauber).
Die teilweise unvollständigen Sätze, Tippfehler oder anderweitige Rechtschreibfehler machen gar nicht den Eindruck, dass es sich hier um ein bezahltes Produkt – einen Kurs – handelt. Diese treten bei verschiedenen Artikeln auf. Insgesamt gibt es 44 «schriftliche Lektionen», zwei Videolektionen, die etwa eine Stunde dauern, eine «Live Aufzeichnung», und ein Workbook zum Thema «Knochen werfen».
Shisha versucht sich in der ersten Lektion daran, Karma zu definieren – was sie, meiner Meinung nach, nicht schafft. Sie probiert noch viele weitere Definitionsversuche, bespricht Themen wie Voodoo oder Satanismus, in jedem Fall ohne jegliche Quellenangaben. So behauptet sie, dass der Satanismus vor 2500 Jahren entstanden sei, oder dass die satanische Bibel grossteilig aus einem anderen Buch plagiiert worden sei. Wie sie diese Feststellung tätigt, bleibt unklar; die einzige Indikation, die sie gibt, ist die Entstehung des Buchs «Hiob» vor rund 2500 Jahren, in welchem der Begriff des «Satan» in der jüdischen Tradition erstmalig auftauchte. Auch die Problematik des Sozialdarwinismus in vielen satanistischen Kreisen lässt sie in ihrer siebenteiligen Ausführung zum Thema «Satanismus» links liegen; sie erwähnt es in einem Nebensatz zum Buch, aus welchem plagiiert worden sein soll. Dazu behandelt sie Chaosmagie und Spiegelmagie in je einem Artikel; zwei Themen, die in der Hexerei üblich und verbreitet sind.
Viel wichtiger als ihr Kampf mit diesen vielen Themen ist aber die zentrale Frage nach den Tabu-Themen, welche sie besprechen will. Dazu gehören Sexualmagie und Nutzung der Körperflüssigkeiten dazu, aber auch Fragen nach Todeshexen, Nekromantie, und das Auflösen von Flüchen.
Eins kann bereits gesagt werden: Bei Shisha Rainbow ist der Name hier nicht Programm. Ihre Auseinandersetzung mit dunklen Aspekten, die in grösseren Hexerei-Bewegungen wie im Wicca abgelehnt werden, wirken gar nicht so farbenfroh, wie es bei einem Regenbogen zu erwarten wäre.
Sexualmagie, und was man alles dafür nutzen kann
Das wohl zentralste Thema des Kurses – Sexualmagie – kann für einige Lesende etwas grenzwertig bis grenzüberschreitend werden. Seien Sie gewappnet, und überspringen Sie ruhig Teile, die Ihnen unangenehm sind.
In erster Linie betont Shisha, dass in erster Linie die Zustimmung essenziell sei, und alle Beteiligten «bewusst und freiwillig» teilnehmen und deren Grenzen respektiert werde; also sowohl am Sex als auch an der Sexualmagie. Ihre Beschreibungen von Sexualmagie lesen sich teils wie Empfehlungen für besonders sinnes- oder berührungsorientierten Sex, wobei dadurch «Energien» übertragen würden.
Die sensorischen Funktionen einzelner Körperteile
Dafür geht Shisha verschiedene Körperteile durch und beginnt mit dem Mund. Dabei ginge es um die «Kraft der gesprochenen Worte und den Akt des bewussten Ausdrucks». Beispielsweise das «Pusten von Leben in Gegenstände» sei einer der «Wege, wie der Mund in sexuellen Ritualen genutzt» werden könnte. Der Mund wird hier also mit Selbstausdruck konnotiert.
Als nächstes furchterregendes Element behandelt Shisha die Zunge. Diese sei zur «Energieübertragung» dienlich, und werde häufig darin verwendet, «Symbole oder magische Zeichen auf der Haut des Partners zu zeichnen». Somit ginge dieser «rituelle Gebrauch der Zunge» auch «über das rein Physische» hinaus. Ich bin mir sicher, dass eine sinnliche Verwendung der Zunge auch in eine rein-physisch anmutende Ekstase führen kann. Die Zunge diene hier «als Werkzeug», um «die Energie der Absicht zu kanalisieren». Welche Absicht hier genau gemeint ist, bleibt unklar, aber zumindest erhalten wir den expliziten Tipp, Symbole auf die Haut zu «zeichnen».
Zu erwarten ist in einem solchen Kontext auch das nächste Körperteil: die Brüste. Diese nähmen «eine besondere Stellung» ein, als «symbolisches und physisches Zentrum der Weiblichkeit». Auch sie sollen Energieübertragung zwischen Partnern ermöglichen. Das «Streichen oder Massieren der Brüste» könne aber auch die emotionale Bindung zwischen den Partnern fördern – leuchtet ein. Auch hier wirkt es mehr wie eine Empfehlung für sensorischen Sex als eine explizite Erklärung, wie die Brüste verwendet werden sollen. Allerdings könne durch die Brüste weibliche Energie betont und kanalisiert werden.
Auch vor dem Intimbereich macht Shisha nicht Halt; sie beschreibt Bedeutung und magische Wirkkraft von Penis, Vagina und Anus. Die genaue physische Nutzung lässt sie aber – wenigstens hier – unbeschrieben.
Von BDSM-Praktiken und erotischer Energie
BDSM – ein Überbegriff, welcher diverse sexuelle Praktiken im Rahmen von «Bondage und Disziplin, Dominanz und Unterwerfung, Sadismus und Masochismus» beschreibt – könne gar «als eine einzigartige Möglichkeit betrachtet werden, Lust und Magie miteinander zu verschmelzen». Dies würde wiederum «tiefgreifende spirituelle Erfahrungen» ermöglichen. Sie zählt auf, und erklärt, dass die Dynamik der «Macht und Unterwerfung» gebraucht werden könne, «um eine bewusste Verbindung zu höheren Elementen oder spirituellen Entitäten herzustellen». Ich komme nicht umher mich zu fragen, ob sich dann nicht beide (oder alle) Beteiligten den spirituellen Entitäten unterwerfen müssten. Auch die «Hingabe» könne «als spirituelle Handlungen dienen, um das Ego zu überwinden». Ja, auch die «bewusste Kontrolle über den Schmerz» könne als «Akt der Selbstbeherrschung und spirituellen Disziplin betrachtet werden». Während ich, was die eindeutige Zustimmung an sexuellen Praktiken angeht, Shisha zustimme, so liegt es mir doch schwer auf dem Magen. Es wirkt auf mich, als würde sie BDSM-Praktiken sehr stark spiritualisieren, und ihnen eine Bedeutung geben, während sie dieser Spiritualisierung den Titel «einzigartige Möglichkeit» gibt. Ich bezweifle, dass Menschen sich für diese Praktiken entscheiden, ohne selbst auch ein gewisses Initialinteresse daran zu haben – aber dennoch denke ich mir: Spiritualisieren lässt sich alles, wenn man das will. Ob es jetzt BDSM ist oder nicht.
Eine solche Erfahrung «erzeugt eine beträchtliche Menge an erotischer Energie», findet Shisha. Worum genau es sich bei erotischer Energie im Gegensatz zu anderer Energie handelt, wird nicht weiter ausgeführt, stattdessen lernen wir, dass «diese Energie als kraftvolles Werkzeug genutzt werden» könne, auch wieder, um Absichten zu verstärken.
Bei den «intensiven Zuständen der Lust und Ekstase», welche durch BDSM-Praktiken ausgelöst werden könnten, handle es sich (in der Sexualmagie) um «Pforten zu höheren Bewusstseinsebenen», was gar dazu dienen könne, «den Geist zu erweitern, spirituelle Erkenntnisse zu fördern und eine tiefere Verbindung zur göttlichen Quelle herzustellen». Während ich weiterhin hoffe, dass Lesende sich nicht aufgrund der Empfehlungen einer Hexe für sexuelle Praktiken entscheiden, die sie eigentlich gar nicht durchführen wollen, bloss aufgrund der Spiritualität, so scheint mir doch, dass zumindest alternative Praktiken mit ähnlichen Effekten gelistet werden könnten. Diese wären dann aber vielleicht nicht mehr unter «Dunkle Künste» anzutreffen.
Auch Fetische oder Rituale könnten «als magische Werkzeuge dienen». Mit diesem Punkt endet die Liste, und im letzten Satz wird wieder betont, dass «jede Form von BDSM in der Sexualmagie auf gegenseitigem Einverständnis, Respekt und Achtsamkeit basieren sollte». Da stimmen wir ihr natürlich zu, insbesondere auch ohne den Teil mit der Sexualmagie.
Zu guter Letzt erhalten wir hier in diesem Artikel zur Bedeutung (!) der Sexualmagie auch eine Übung. Diese wirkt sehr unproblematisch: Man soll den eigenen Körper fühlen, sich dann eine «leuchtende Energie» in jedem Körperteil vorstellen, und soll diese von oben nach unten (Kopf bis Fuss) spüren. Dies erinnert sehr an übliche aktuelle Ansätze der Meditation, und so geht es weiter zum nächsten Teil der Sexualmagie.
Übung für die Sexualmagie (Praktischer Teil)
Ehe wir also zur «Praxis» des «Sexualmagie – Praktiken»-betitelten Artikels kommen, führt Shisha über die «Lange Geschichte» aus, im Rahmen welcher die Verbindung zwischen Geist und Körper «besonders in östlichen Religionen und Philosophien» besteht. Bei der Aussage, dass «mentale Zustände den physischen Körper beeinflussen und umgekehrt», stimmen wir ihr zu, besonders, da sie auch schreibt, dass es «Uneinigkeit und Diskussion darüber» gäbe, wie weit dieses gegenseitige Beeinflussen tatsächlich ginge. Diese Uneinigkeit besteht laut ihr aber nicht nur diesbezüglich, sondern auch «darüber, wie Geist und Körper zusammenarbeiten können, um gewünschte Ergebnisse […] zu manifestieren». Gewissermassen nicht überraschend, dass dies in einem Artikel zu Sexmagie steht, und sie präsentiert diese auch gleich als Lösungsansatz. In der «eigentlichen Praxis» müssen wir erst den Geist, den Körper und die Seele «verbinden». Die Differenzierung von Geist und Seele leuchtet mir aus christlicher Perspektive ein – allerdings handelt es sich hier entschieden nicht um einen christlichen Kurs. Wer es ganz biologisch betrachtet, würde vielleicht sogar sagen, das sei sowieso alles im Körper (also im Gehirn).
Wir sollen uns also entspannen – beim Ziel handle es sich nicht um Vergnügen, sondern «spirituelle Kraft», und wir würden «keinen Zauber wirken». Da ich bereits in den folgenden Schritten sehe, dass doch ein Zauber gewirkt wird, wird mir nicht so ganz klar, was sie damit meint. Zumindest bis sie erklärt: «Du wirst ein paar Momente des Vergnügens und Friedens nehmen». Wenn wir berücksichtigen, wie explizit sie verschiedene Körperteile behandelt hat, bin ich doch überrascht über diese euphemistische Wortwahl. So sollen «alle Negativitäten deiner Realität» freigesetzt werden.
Im nächsten Schritt sollen wir Honig auf bestimmte Stellen streichen und unsere Liebe für Verschiedenes deklarieren. Wenn ich auch wollte, würde ich hier scheitern – Allergie auf Honig – und leider listet sie auch keine Alternative dazu, beispielsweise für jene, die vegan leben. Aber vielleicht dient Agavensirup ja auch auf spiritueller Ebene derselben Funktion. Ehe es also weitergeht, wird der Honig rituell abgewaschen, und zwar indem wir entspannt nach oder während des Waschens eine Liste mit Dingen, die wir an uns selbst lieben, aufschreiben. Grundsätzlich sehe ich nichts gegen eine solche Praxis einzuwenden – ich bin mir sicher, dass ein rituelles Entspannen mit einer solchen Liste sowohl auf physischer als auch psychischer Ebene ein gutes Gefühl auslöst. Der Honig kann vermutlich auch ganz weggelassen werden.
«Habe Sex mit deiner Magie um dich herum.»
Weiter muss manifestiert werden – ein Ziel gesetzt, und ein Symbol oder Bild davon gefunden (oder gezeichnet). Hat man dies, «ist es an der Zeit, Sex zu haben»; allerdings reicht das noch nicht für «vollständige Sexmagiezauber». Nein, es gilt, noch weitere Gegenstände und Schriften vorzubereiten, welche dann nackt unter dem Vollmond zu begraben sind, und «wie in einem Lied» gesungen werden. Weiter sollen sie «unter der Matratze, auf der du Sex hast», platziert werden, und «Sexmagie-Amulette» könnten auch durch Masturbation aufgeladen werden. Bei diesen Aufzählungen und Erklärungen lassen sich eine klare Nähe zur bestehenden Tradition der Sexualmagie sehen. Das Aufladen diverser Gegenstände im Mondlicht ist in der Hexerei üblich, und auch der bekannte und einflussreiche Okkultist Aleister Crowley, den Shisha in manchen Lektionen bespricht, empfahl schon das Aufladen von Amuletten mit entsprechenden Körperflüssigkeiten. Auch diese werden von Shisha thematisiert: Beispielsweise «Menstruationsblut und Sperma explodieren vor magischen Kräften»; zu den Funktionen der Körperflüssigkeiten kommen wir später auch noch, im Kapitel «Hexerei – Körperflüssigkeiten». Mit weiteren Ausführungen dazu, wie das eigene Sexleben – Verzeihung, die eigene Sexmagie – noch mehr verbessert werden können, endet der Abschnitt mit einer Definition unseres wahren Selbst: «Und in diesem Moment der orgasmischen Transzendenz werden wir zu unserer wahrsten Selbst – frei von Schmerz, Angst und Urteil.» Eine interessante Definition, und wohl eine vermehrte Tendenz bei Shisha: ohne jegliche Begründungen.
Wie man einen Sexaltar gestaltet
Shisha erklärt uns, wie ein Altar für Sexualmagie zu gestalten sei; vorgeschlagene Gegenstände werden von Shisha empfohlen: «Blumen oder Steine, Haarsträhnen, Fingernägel, Menstruationsblut, herabgefallene Blätter, Kerzenwachs oder gebundene Kräuter». Weiter bespricht sie ausführlich, wie Sexspielzeuge ausgewählt werden sollten, und schlägt uns dann eine weitere Übung vor: Man soll eine Manifestationsabsicht festlegen, dann «sexuelle Handlungen» durchführen, und im «Moment des Höhepunkts» sich «auf die Manifestation [s]einer Absicht» konzentrieren. Netterweise empfiehlt sie uns dann, Altar und Werkzeuge zu reinigen («um ihre Energie zu bewahren und zu verstärken») und zudem «in einem heiligen Raum» gehalten werden sollten. Ich hoffe, dass auch ohne diesen Hinweis niemand einen eigenen Sexaltar in gemeinsamen Wohnbereichen hält, oder Gäste in einem solchen Raum empfängt. Während Blumen und Steine nicht zwingend Fragen aufwerfen müssten, scheint mir das Aufbewahren von Menstruationsblut, wie sie uns empfiehlt, dann doch etwas gar unhygienisch zu sein.
«Sexzauber» und Romantik
Wenn die Theorie und Praxis nicht besonders interessiert, oder bereits gelesen und verstanden wurde, so erhalten wir eine Anleitung für einen «Sexzauber». Dieser dient aber, Achtung, dazu, «eine tiefere Verbindung mit unserem Partner oder unserer Partnerin zu schaffen». Sie beschreibt verschiedene «Zutaten», wie eine Kerze, ätherische Öle, einen Edelstein, aber auch «eine erotische Geschichte oder Gedicht» sowie «deine Fantasie und deine tiefsten Wünsche». Kerzenlicht und ätherische Öle dienen dem Schaffen einer «sinnliche[n] Atmosphäre», und die Energie des Steins wird mit einer Visualisierung abgefangen. Dann soll man sich «in der Energie der Liebe» baden, namentlich indem man den (vorbereiteten) «Tropfen Rosenwasser» auf die eigene Haut träufelt. Das Gedicht soll vorgelesen werden, und anstatt genauer Anweisungen soll dann «gemeinsam in die Welt der Sinnlichkeit und Ekstase» eingetaucht werden, und «eure Fantasien Wirklichkeit» werden. Anschliessend soll man sich noch seine «tiefsten Wünsche und Sehnsüchte» anvertrauen, und die «intimsten Gedanken» teilen. Dass in der hier benötigten, und auch erwähnten, «Atmosphäre des Vertrauens und der Offenheit» auch ohne jegliche Magie die Verbindung mit dem eigenen Partner oder der eigenen Partnerin vertieft wird, erscheint mir vollkommen offensichtlich. Je offener man jemandem gegenüber ist, und je besser dies aufgenommen wird, desto tiefer kann die Verbindung zwischen den beiden Personen werden. Die hier beschriebene, äusserst sinnliche – fast schon «bilderbuch-romantischen» – Szenerie dürfte bei diesem Austausch und der «Sinnlichkeit» des Ganzen sicherlich auch helfen.
Nach dem Sexzauber stehen noch «abschliessende Worte», die selbst so scheinen, als hätten sie den Anspruch, als «Zauberspruch» (oder vielleicht besser «gesprochener Zauber») gesehen zu werden. So läge «die wahre Magie der Liebe in der Verbindung zweier Seelen […], die sich vollkommen hingeben und einander bedingungslos lieben». Fast schon kitschig für einen Kurs zu «Dunklen Künsten».
Über Körperflüssigkeiten und Blutmagie
Auch hier gilt: Es bleibt explizit. Seien Sie, weiterhin, gewappnet.
Wenn einem die Tränen kommen: Körperflüssigkeiten und die grosse Kraft des Periodenblutes
Nach einigen Ausführungen zu anderen Themen entscheidet Shisha sich endlich dazu, Körperflüssigkeiten zu besprechen – ein Ziel, das bereits in der Kursbeschreibung auftaucht. Der Artikel ist entsprechend explizit und zugegebenermassen etwas abschreckend. Er beginnt mit «Blut: Die Essenz des Lebens», betont diese Rolle und die Macht, welche dem Blut zugeschrieben wird, und schliesst den kurzen Abschnitt auch gleich mit einem Hinweis auf ethische Überlegungen und Vorsichtsmassnahmen, welche in diesem Kontext «von größter Bedeutung» seien. Weiter geht es gleich mit «Periodenblut: Die Zyklische Kraft des Weiblichen». Dessen von Shisha zugewiesene Symbolik als Lebenszyklus oder Fruchtbarkeit ist wenig überraschend, ebenso ihre Aussage, dass es in seiner Symbolik als «weibliche Schöpfungskraft» und «Lebenszyklus» als «heilig» betrachtet würde – zumindest in «vielen Kulturen». Sie erklärt, dass «diese Praktiken persönlicher Natur sind», und individuell über deren Verwendung entschieden werden sollte, hört aber nicht damit auf, die möglichen Vorteile der Verwendung von Periodenblut für magische Rituale zu betonen. Zu hygienischen Aspekten fallen keine Worte, auch wenn natürlich die eigene Hygiene zu erhalten die Verantwortung jeder Einzelperson ist.
Als nächstes diskutiert Shisha «Tränen: Emotionale Reinigung», und unterscheidet erstmal zwischen drei Arten von Tränen: jene, die das Auge ständig befeuchten, jene, die als Reaktion auf beispielsweise Staub auftreten, und «emotionale Tränen», «als Antwort auf starke Gefühle». Freudentränen ihrerseits hätten «in der Magie eine besondere Bedeutung» und könnten «positive Energien […] verstärken». Auch hier geht es darum, «die eigenen Emotionen zu ehren», ein Ansatz, der – wenn auch in anderen Kontexten eher als «die eigenen Emotionen zu fühlen» – durchaus vertretbar ist. Wie bei anderen Artikeln ist es auch dieses Mal so, dass normale Prozesse, die auch ohne jegliche Magie hilfreich sind – beispielsweise zu weinen, wenn man starke Gefühle empfindet, da man sich anschliessend üblicherweise besser fühlt – erneut «spiritualisiert» werden, und ihnen eine zusätzliche, magische Funktion zugewiesen wird.
Von Reinigungsmitteln und anderen Körperflüssigkeiten
Wer an eine «reinigende Körperflüssigkeit» denken möchte, darf dieses Mal an Urin denken. Dabei handelt es sich nämlich, zumindest gemäss Shisha, um ein «reinigendes Element» und könne dazu dienen, «negative Energien zu vertreiben und Schutzzauber zu verstärken». Shisha erklärt, dass Urin «auch als Reinigungsmittel» verwendet würde, zumindest in «einigen Kulturen und historischen Kontexten». Genaueres spezifiziert sie nicht, und geht weiter zur «Verwendung von Urin in magischen Praktiken». So soll der Urin beispielsweise «in speziellen Reinigungsritualen verwendet werden», um auf energetischer Ebene zu reinigen. Die physische Reinigung wird hier nicht erwähnt, stattdessen aber erneut die «ethische Überlegung», mit welcher eine solche Praxis umgesetzt werden soll. Ich hoffe, sie meint auch die physische Reinigung.
Mir scheint, als könne jede Funktion von irgendwas in diese Kategorien eingeteilt werden: Reinigung, Übertragung von Energie, Schutz, Selbstreflexion, oder Bindung. Ausserdem auffällig werden bei den Körperflüssigkeiten – mit Ausnahme des Blutes – immer schön drei Sachen aufgezählt, die irgendwie ins Muster passen.
Weitere fünf Körperflüssigkeiten, die Shisha diskutiert, sind Schweiss, Speichel, Sperma, Smegma, und Vaginalsekret. Bei allen werden auch deren körperliche Funktion(en) diskutiert, ebenso ausführlich wie bei den anderen Körperflüssigkeiten.
Hygiene und Selbstschutz
Shisha erklärt zu Ende des Artikels in zwei kurzen Sätzen: «Achte auf Hygiene, um die Gesundheit zu schützen. […] Bei Unsicherheiten oder gesundheitlichen Bedenken solltest du einen Gesundheitsdienstleister konsultieren.» Viel mehr als Gesundheit und Hygiene betont Shisha die ethischen und energetischen Aspekte, die betrachtet werden sollen, sowie die Wichtigkeit des Einhaltens von Grenzen anderer. Während dies nicht unbedingt schlecht ist, so fehlt mir doch die sinnvolle Ausarbeitung sowie Betonung der gesundheitlichen und hygienischen Aspekte. Erneut erhalte ich den Eindruck, dass Shisha in diesem Absatz alles hineingepackt hat, was noch gesagt werden muss, damit sie sich möglichst wenig angreifbar macht – werfe ich ihr vor, dass sie sich zu wenig um die Gesundheit anderer sorgt, so kann sie sagen: Ich habe es erwähnt, in diesem Abschnitt. Die ethischen und energetischen Aspekte hat sie bei den meisten Körperflüssigkeiten explizit betont, nur die gesundheitlichen Aspekte scheinen erst ganz am Schluss aufzutauchen. Ob es ihr wirklich so unwichtig war?
Blutmagie: Den Scheiss werdet ihr nicht so schnell los. Das ist schlimmer als heiraten.
Bei diesen Ausführungen zu Körperflüssigkeiten zu kurz gekommen ist wohl das Wichtigste, das zum Leben dient: Blut. Dafür gibt uns Shisha einen ganzen Artikel zum Thema «Blutmagie».
Blut in der Magie – «durch die mediale Darstellung» sei dies «negativ konnotiert», doch Formen der Gewalt, oder wie sie aufzählt: «schwarze Magie, […] Dämonen, Tieropfer und Gewalt» seien nicht «zwangsweise ein Teil dieser Zutat» (wobei die hier gemeinte Zutat das Blut ist). Auch hier sichert Shisha sich selbst wiederum ab, diesmal aber mit einem selbstironischen Unterton. Sie schreibt nämlich: «Das (sic) man dafür keine Tiere, kleine Kinder oder die rechte Hand des nervigen Nachbars opfern sollte, ist mit gesundem Menschenverstand hoffentlich selbst erdenklich. Notfalls habe ich es ja nun auch erwähnt, just in case, dass du die Axt schon in der Hand hattest.» Eine Warnung folgt darin, dass Blutmagie «sehr, sehr mächtig!» sei, und man sie erst nutzen soll, wenn man sich «[s]einer Praxis sicher» sei.
«Unmagische Fakten» und Autoritätsaufbau
Ehe wir aber zur Blutmagie kommen, führt Shisha thematisch über «Unmagische Fakten», wie sie diesen Abschnitt betitelt, aus. Darin geht es um die Bestandteile des Blutes, die Blutmenge in einem Körper, wie Blutkörperchen entstehen, und weitere Fakten. Die Erklärungen sind einleuchtend und so weit nachvollziehbar, und, was sie insbesondere machen: Sie geben Shisha eine Art «Fundament» oder besser gesagt, «Autorität». Indem sie ihr Wissen zu biologischen, und somit wissenschaftlich erarbeiteten und überprüfbaren, Fakten auf verständliche Weise darstellt, wächst das Vertrauen in ihr Expertentum, gerade auch in Bezug auf ihre selbsternannte Expertise zur Hexerei. Es hält sich zwar hier um einen Fehlschluss – Autorität auf einem Gebiet heisst nicht, dass man vom anderen auch eine Ahnung hat – aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit dazu, dass Lesende sich zum Fehlschluss verleiten lassen. «Hexe deines Vertrauens», so nennt Shisha Rainbow sich selbst, und dieses Vertrauen baut sie eben auch auf, indem sie überprüfbare Fakten in verständlicher Sprache darstellt.
Weitere Empfehlungen: Therapie und (nicht!) SVV
Bei ihrer Definition der Blutmagie halte ich ihre Warnungen für sehr angebracht. Sie empfiehlt, das Blut nicht ohne Zustimmung der lebenden Wesen, zu denen das Blut gehört, zu verwenden, und führt anschliessend über die Risiken einer Blutsbruderschaft (wobei es sich wohl um ein «gutes Beispiel für Blutmagie» handle) aus, da so «ernsthafte Krankheiten übertragen werden» könnten. Auch erklärt sie, dass sie «niemanden zu selbstverletzendem Verhalten anregen möchte», und empfiehlt jenen, die «Probleme damit haben», «A) in Therapie (!!) [zu gehen]» und sich «B)» niemals selbst zu verletzen, um Blut für ein Ritual zu erhalten. Grund: «Das könnte deinen Coping-Mechanismus des SVV wieder triggern oder gar verschlimmern.» Während ich mir kurz überlegen musste, was «SVV» hier ist – «selbstverletzendes Verhalten» – halte ich ihre Warnung für angebracht und auch sehr notwendig. Schliesslich weiss Shisha nicht, wer ihre Kurse macht, und kann sich nicht darauf verlassen, dass ihre Kursteilnehmenden irgendwie wüssten, was sie für offensichtlich halten könnte. Ich wünschte mir, sie würde das noch ausgeprägter tun.
Blut, Schmerz, und weitere Leiden
Shisha schreibt weiter, «Schmerz und Blut bedingen einander so oft», weswegen die beiden quasi als Synonyme füreinander verwendet werden könnten – und den Begriff «Synonym» verwendet sie auch wirklich. Während ihre Referenz zur Menstruation («Die Krämpfe sollen immerhin irgendeinen Vorteil haben») auch diese Verbindung aufzeichnet, ist diese Gleichstellung dann doch etwas überspitzt. Ja, man blutet selten ohne Schmerzen, aber es gibt viele Schmerzen, die nicht mit Blut in Zusammenhang stehen. Später im Text werden auch noch die «magischen Bedeutungen» vom Blut – abhängig davon, aus welchem Körperteil das Blut kommt oder weswegen es entsteht – diskutiert.
Persönliche Aspekte (d.h., Rituale, bei welchen «Haare, Nägel, als auch andere Körperausscheidungen» verwendet werden) in der Magie seien «grundsätzlich stärker». Doch Blut, so Shisha, sei «das heiligste und mächstigste (sic) von allen». Entsprechend warnt Shisha auch, denn «alle Zauber, welche damit gewirkt werden», würden sehr lange halten – «wenn nicht sogar über deinen Tod hinaus». Diese Verbindung könne den «Blutgeber» «bis ins Grab verfolgen, oder je nachdem was für ein Zauber es ist, sogar ins Grab bringen». Diese Warnung dürfte einen gewissen Nährboden für signifikante Ängste bieten – wenn man denn einmal einen Blutzauber wirkt, und irgendwelche negativen Dinge passieren (was nun leider mal zum Leben gehört, und früher oder später auch eintreten wird, egal, ob man denn nun einen Blutzauber gewirkt hat oder nicht), könnte dies zu Ängsten führen, in welchen die Personen sich fragen: Was, wenn ich jetzt wegen meines Zaubers leide, oder sogar sterbe?
Menstruationsblut als Pflanzendünger
Einsetzen darf man Blutmagie aber «für fast alles», so Shisha. Eine Option wäre, «ein bisschen Periodenblut mit einer Menge Wasser zu mischen und die Pflanzen damit zu gießen!» (wobei «die Mischung wirklich gut verdünnt» sein soll). Grundsätzlich könne man es bei allem verwenden, einfach einen Blutstropfen zum Zauber dazu, und schon ist es erledigt. «Es braucht nicht viel Blut […] ansonsten wird es einfach nur unhygienisch.» Da stimme ich ihr zu. Wer «magisch mächtige Symbole nutzen» wolle, soll diese aus Blut schreiben, aber auch hier warnt Shisha: «pass auf, dass die Sachen keiner entdeckt», und bittet die Kursteilnehmenden, sich «vor den negativen Bewertungen, Blicken und Abfälligkeiten anderer so gut es geht» zu schützen.
Tierbehandlung und andere Grenzen
Woher das Blut kommt, das hat einen Einfluss auf dessen Energie. So habe «Blut, welches während eines Kampfes entnommen wird […], die Energie von Wut, Aktion und eventuell Rache» (auch wenn ich nicht wüsste, wann ich persönlich das letzte Mal in einem blutigen Kampf verwickelt war). Auch beim Metzger könne man Tierblut abholen, oder das Blut vom eigenen Haustier aufsammeln, wenn «dein Hund gerade einen Zahn verloren hat und blutet». Aber bitte «kleine Mengen», ansonsten «wird es schnell unappetitlich». Das Blut eines verstorbenen Tieres hat aber wohl nicht dieselbe Verbindung zum Tier selbst, wie wenn ein (menschlicher) Blutgeber stirbt – denn dieses sei «eine solide Darstellung des entsprechenden tierischen Archetyps». Hier hat Shisha sich interessant herausgeredet, denn eigentlich müsste für Tiere ja dasselbe gelten wie für Menschen, das heisst, wer einem Toten Blut entnähme, müsste ebenso «die Eigenschaften des Tieres» (hier: Mensch) übernehmen, und würde sich nicht an den Menschen binden.
Inwieweit Shisha zwischen Menschen und Tieren differenziert, wird nicht ganz klar – denn einen Hund kann man nicht um Zustimmung bitten, ob es denn für ihn in Ordnung gehe, wenn man sein Blut für magische Zwecke verwende. Ich muss gestehen, ich finde es schwierig, auf die Macht der Blutmagie zu pochen, und die Zustimmung als notwendig zu betonen, und beim Haustier dann einfach abzuzwacken. Es zeigt natürlich, dass Lebewesen nicht gleichmässig geschätzt werden. Während ich Tiere ebenfalls in erster Linie als Nutztiere betrachte, so halte ich es für inkompatibel, im Rahmen von Shishas Weltanschauung des «ewigen Bindens», der Betonung auf die Zustimmung (ansonsten sei es schwarze Magie, wie sie stellenweise bei fehlender Zustimmung impliziert), und der Macht des Blutes dann einfach ohne Zustimmung eines Tieres dessen Sein auf ewig zu binden. Natürlich ist mir die Ansicht bekannt, dass Tiere im Gegensatz zu Menschen keine «Ewigkeit» in diesem Sinne vor sich hätten. Ich muss davon ausgehen, dass Shisha diese Ansicht ebenfalls vertritt.
Achtung bei der Blutentnahme
Wenigstens hier beschäftigt sich Shisha mit den besonders wichtigen Aspekten der Hygiene bei der Blutentnahme – es sei «auf absolute Sicherheit zu achten». Sie empfiehlt, Diabetes-Testnadeln zu verwenden. Alternativ sei das «Desinfizieren das A und O», und empfiehlt, knöcherne Bereiche wie «Finger, Hände, Zehen, Ohren» zu nutzen, damit man sich keine Gefässe verletzen kann («was unschön enden könnte»). Es folgt ein Absatz mit dem Titel «Sicherheitshinweis», in welchem Shisha ausführt, wie Blut zu behandeln sei. Die erste Warnung ist eine hygienische: «Behandle Blut immer so, als hätte es eine ansteckende Krankheit». Nach einer kurzen Ausführung dazu, dass man Blut einer anderen Person ausschliesslich an sich nehmen soll, wenn man «zu 100% durch entsprechende Tests (und nicht den gläubigen Worten der anderen Person)» wisse, dass dies keine ansteckenden Krankheiten in sich trage. Während ich die erste Warnung für sehr sinnvoll halte, wäre ein weiterer Sicherheitshinweis, was hygienischen Umgang betrifft, auch bei getestetem Blut durchaus angebracht. Das fällt aber ab. Als nächste Warnung folgt, dass man das eigene Blut (sowie Haare, Nägel, und weiteres) «niemals an andere magisch Praktizierende abgeben» soll (an medizinisches Fachpersonal ginge das). Die nächste Warnung dürfte auch zu einer gewissen Ängstlichkeit bei den Praktizierenden führen: «Aber sollte es in die falschen Hände geraten, na dann, Holla, die Waldfee. Das wird kein Zuckerschlecken.» Spezifischer wird sie allerdings auch nicht.
Dafür kommt die nächste Warnung, und eine Empfehlung, dass man für die «Vereinigung als Blutgeschwister» auch das Blut «in ein Medaillon geben und darin mischen» könne. Die Warnung dafür? «MACH DAS NICHT AUS JUCKS (sic) UND TOLLEREI!», denn «[d]en Scheiß werdet ihr nicht mehr so schnell los. Das ist schlimmer als heiraten». Man hätte dann «eine Direktleitung zu der Person», und umgekehrt. Mit entsprechenden Warnungen, dass man den Rückweg «magisch blockier[en]», und weswegen es «ordentlich auf die Fresse» geben könnte, geht es dann zum nächsten Thema. Wer Blut nicht trocknen lassen wolle, soll es «am besten im Kühlschrank» aufbewahren, und altes Blut sei «definitiv in keiner Form zum Verzehr geeignet». Ja, «wenn überhaupt, würde ich nur zu Eigenblut raten», erklärt Shisha, und ich frage mich, weshalb man überhaupt Blut verzehren soll – gerade auch im Kontext von Zaubern.
Im Abschluss-Abschnitt deklariert Shisha, dass «auch Blutmagie Verantwortung, Respekt und Achtsamkeit» bedinge, und müsste «im Einklang mit den ethischen Prinzipien und persönlichen Grenzen des Praktizierenden stehen». Denn: «die wahre Magie [liegt] nicht im Blut selbst, sondern in der Absicht und im Bewusstsein des Magiers.» Dass man den «magischen» Umgang mit Blut dann auch ganz sein lassen könnte, scheint ihr nicht aufgefallen zu sein.
Fühlen Sie sich verflucht? Lösen Sie ihn auf, oder zahlen Sie dafür
Wie man laut Shisha Flüche auflöst
Das erste Mal mit Shisha Rainbows «Flüche lösen» in Kontakt gekommen bin ich durch ein Reel auf Instagram. Shisha spricht dort darüber, wie man erkennen könne, ob ein Ahnenfluch auf einem laste, und listet, grundsätzlich, einige Symptome, die auch auf eine Depression hinweisen könnten. Die Kommentarspalte ist voller Personen, die von sich selbst erklären, dass sie wohl betroffen wären, und Shishas Hilfe bräuchten.
Ziel ihres Artikels sei, sich zu verteidigen und Flüche zu erkennen. Wer einen Fluch nicht rechtzeitig erkenne, da können die «Auswirkungen ernsthaft», ja «sogar lebensbedrohlich» («in den schlimmsten Fällen») sein. Es fällt mir schwer, das Ganze nicht einfach als panikstiftend zu kategorisieren. Wer sowieso eine Tendenz zu Paranoia hat, und dann solche Inputs erhält, der wird wohl nun den gesamten Tag damit verbringen, Flüche überall zu suchen – und vermutlich auch zu finden.
Zuerst unterscheidet Shisha zwischen drei Arten der «Schadensmagie». Als Überbegriff ist er selbsterklärend – wie sie schreibt – und kann «von kleinen Missgeschicken bis hin zu ernsthaften Problemen» reichen, «und in extremen Fällen sogar tödlich enden». Die drei Formen sind Verwünschung (Jinx), temporäre und «relativ harmlos», Verhexung (Hex), temporär, aber mit ernsteren Auswirkungen, oft Gesundheitsprobleme oder Übelkeit, und Fluch (Curse): dauerhaft, schwerwiegende Auswirkungen, und könne «das Leben des Betroffenen zur Hölle machen». Auflösen könne man einen Fluch «nur mit einem Gegenzauber oder durch komplexe energetische Arbeit». Diese Gegenzauber und komplexe energetische Arbeit werden wir, so nehme ich an, in diesem Artikel lernen.
Unerklärliche Symptome und mögliche Vermeidung von Verantwortung
Nun also geht es weiter zu den Symptomen. Gesundheitliche Symptome träten oft auf, weswegen «unerklärliche Symptome als mögliche Anzeichen» betrachtet werden sollten. Bereits hier merke ich, dass Shisha darin geübt ist, sich negativer Presse entgegenzustellen. Hätte sie nämlich geschrieben: «Diese Symptome treten oft in Zusammenhang mit Flüchen auf», so hätte ich sie hart dafür verurteilt, Panik unter den Lesenden zu stiften. Sie schreibt aber, dass «unerklärliche» Symptome – also jene, bei denen man noch keinen Grund kennt – nur «mögliche» Anzeichen sein könnten. Sie weist alle Verantwortung an die Lesenden ab.
Die Symptome sind in mild, mittelmässig, und schwerwiegend eingeteilt. Bei milden Symptomen – beispielsweise häufigem Gähnen, innerer Unruhe, Einsamkeit, dem Absterben von Pflanzen, oder Motivationsproblemen – ist möglicherweise ab fünf oder mehr Symptomen «ein Jinx im Spiel». Die Lösung ist simpel: «Reinige dein Zuhause und dich selbst täglich für mindestens zwei Wochen». Ich gehe stark davon aus, dass «beide» Arten des Reinigens gemeint sind; das physische und das spirituelle Reinigen. Explizit schreibt Shisha dies aber nirgends.
Mittelmässige Symptome betreffen «kleine Unannehmlichkeiten und Hautunreinheiten, aber auch Probleme in der Karriere, Geldverlust, leichte Unfälle, und Träume von einem Fluch oder Tod. Dass jemand von einem Fluch träumt, wenn man sich den ganzen Tag damit beschäftigt hat, ist nicht ganz unrealistisch. In der Liste stehen zehn Symptome, und wer «10 oder mehr» solche Symptome bemerke, könnte von einem Hex betroffen sein. Auch hier soll man das Zuhause reinigen – diesmal «gründlich» – und Schutzzauber anwenden. Eine Dauer des Reinigens wird aber nicht empfohlen.
Dass man bei gewissen physischen Symptomen möglicherweise auch davon profitiert, das eigene Zuhause und sich selbst «physisch» zu reinigen, leuchtet ein. Es ist nicht ganz unrealistisch, dass Personen dies dann doch auf eine spirituelle Ebene heben. Solche Symptome sollte man nicht ignorieren und angemessen handeln, zum Selbstschutz. Und im schlimmsten Fall: «professionelle Hilfe bei erfahrenen Hexen oder anderen spirituellen Praktizierenden» suchen.
Dämonische Besessenheit und andere Symptome
Nun kommen wir zu den schwerwiegenden Symptomen. Dazu gehören einige heftige Schicksalsschläge, ob im Umfeld oder im eigenen Leben, aber auch zahlenbasierte Phänomene: Schreie von draussen um Mitternacht oder drei Uhr morgens, sowie das konstante Auftauchen der Zahl 666, das Erblicken von 13 Vögeln (insbesondere Elstern). Schwierig für mich einzuschätzen sind die «dämonische Besessenheit» oder die «Besessenheit von Personen oder Gegenständen». Schwierig sind sie darum, weil ich nicht weiss, ab wann Shisha sagen würde, dass jemand «dämonisch besessen» sei. Andere Beispiele fühlen sich an wie klassische «Tropes» aus Horrorfilmen (oder was ich in Horrorfilmen erwarten würde, ich schaue nämlich keine): Schutztalismane oder Kreuze fallen von der Wand, unbekannte Gegenstände wie Puppen, Messer oder Glasscherben werden gefunden, oder auch spirituelle Gegenstände, die kaputt gehen.
Heikel sind besonders die gefühlsbasierten Symptome. Ein Gefühl von spiritueller Unterdrückung, den Eindruck, von negativen Gefühlen verfolgt zu sein, Depression oder den Eindruck, sich wie gesteuert zu fühlen, auch eine Abwärtsspirale oder Selbstmordgedanken – dies sind alles ernstzunehmende psychische Symptome, die in erster Linie (möglicherweise dringende) therapeutische Unterstützung erfordern. Während Shisha auf ihren Social-Media-Profilen oder auch im Rahmen ihrer Medienauftritte immer wieder darauf aufmerksam macht, dass sie immer auch «weltliche» Unterstützung durch Therapie oder ausgebildete Ärzte empfiehlt, so entnehme ich dies den Artikeln nur geringfügig.
Fluchaustreibung und andere Formen der Reinigung
Wer «allein und ohne nötige Vorerfahrung» sei, könnte «bei der Austreibung dieses Fluches an [s]eine Grenzen» stossen. Auch hier soll man sich «spirituelle Hilfe von einer erfahrenen Hexe oder einem Glaubensführer» suchen, «stark zu bleiben» versuchen und sich selbst, das Umfeld, und die eigenen Besitztümer «gründlich» reinigen. Seltsame Dinge in der eigenen Umgebung soll man «sofort» wegwerfen, oder besser zuerst reinigen und dann weit wegbringen oder vergraben. Was man nicht entfernen könne, soll man zumindest «cleanse[n] und segne[n]».
Auch hier ist Shisha vorsichtig. Nur wenn «einige dieser schwerwiegenden Symptome plötzlich und ohne logische Vorankündigung» auftreten, dann «könnte» es sich um «eine[n] ernsthaften Fluch» handeln. Wenn hingegen «nur vereinzelte Symptome» zuträfen, dann könnte man sich «einfach auf einem sehr dunklen Abschnitt [s]eines Lebensweges» befinden. Zumindest lässt sie es sich nicht aus, etwas motivierende Worte zu sprechen: «Versuche stark zu bleiben und dein Heim spirituell auf Vordermann zu bringen.» Tatsächlich könnte es mental sehr helfen, in einem sauberen Heim zu leben, aber ich bin mir weiterhin nicht sicher, ob Shisha bisher die «Reinigung» immer in doppelter Bedeutung meint, oder ausschliesslich auf spiritueller Ebene. «Putz mal deine Wohnung» ist dann aber auch nicht zwingend eine weltbewegende Idee.
Befreien könne man sich ebenso. In erster Linie empfiehlt Shisha «Cleansing», «eine der Grundpraktiken der Hexerei und die Standardlösung für die meisten Probleme»; einfach mal putzen, waschen, und neustarten. Das löst tatsächlich einige Probleme. Wie genau dieses Cleansing stattfinden soll, beschreibt Shisha nicht weiter – man könne «das Cleansing [s]einer Wahl anwenden» und dies über einen längeren Zeitraum täglich ausgiebig durchführen. Auch ein Salzbad dürfte helfen.
Durch Prävention könne man sich ebenfalls schützen, nämlich indem man regelmässig «Schutz- und Bannzauber» für sich und das eigene Umfeld durchführt. So könne man, erklärt Shisha, sicherstellen, «dass nichts Schlechtes oder Unerwünschtes eindringen kann». Wie die Zauber durchzuführen sind, gehört nach Shishas Einschätzung wohl zum Grundwissen jeder Hexe, und wird hier nicht weiter erklärt. Ob die in der Hexenbewegung durchaus bekannten Bannzauber dann aber auch für einen Fluch reichen, lässt sich nicht beantworten.
«Erfahrene Hexen» allerdings könnten auch «Zaubersprüche wirken lassen, um sich zu schützen, Schadensmagie zu entfernen und sie an den Absender zurückzuschicken». Da dies durchaus kompliziert sein könne und «bei Fehlern sich auch schlecht auswirken» könne, sollte man den Rat einer «vertrauten, erfahrenen Hexe einholen» und den Zauber mit ihr durchführen (wenn sie denn möchte).
Vielleicht doch besser zum Arzt (pro forma)
Im letzten Absatz erklärt Shisha uns, dass wir uns «nicht von der Existenz der Schadensmagie verrückt machen» lassen sollten – bei «gewissen Symptomen» sollte als «erster Ansatz ein Termin mit einem Arzt» gemacht werden. Bei welchen Symptomen, nach einer Liste, die durchaus schwerwiegende Symptome wie Selbstmordgedanken oder den Eindruck, dämonisch besessen zu sein, der Arzt aufgesucht werden sollte, bleibt unklar. Diese Warnung müsste Shisha bei den Symptomen selbst auflisten. Gerade bei einer solchen Liste, die nach Intensität sortiert ist, dürfe ein zweites Sortieren nach Notwendigkeit einer medizinischen Fachperson einfach sein. Stattdessen werden alltägliche Phänomene gleichgesetzt mit ernstzunehmenden Gefährdungen.
Im letzten Teil des letzten Abschnittes gibt Shisha zu, dass viele sich «verrückt» machen. Eine «Session bei der Hexe deines Vertrauens» könne einem auch «Klarheit bringen, ob da wirklich was ist», oder ob man sich hineinsteigere und «das Problem sozusagen von innen heraus» beschwöre. Ich finde es gut, dass sie die Lesenden auch darauf aufmerksam macht – es könnte sein, dass jemand sich in etwas hineinsteigert, und dass eine Zweitmeinung helfen kann, auf jeden Fall bei den Symptomen, die nicht gesundheitlicher Natur sind. Ob die Zweitmeinung dann auch einen Besuch beim Arzt empfiehlt, ist wohl von Fall zu Fall unterschiedlich. Mir fällt aber auch auf, dass sie «Hexe deines Vertrauens» schreibt – genau die Wortwahl, mit welcher sie sich selbst auf ihrer Webseite bezeichnet. Ein wenig Cross-Selling in einem Kurs, der sowieso schon kostet? Ihre Sessions sind auf jeden Fall ausgebucht, man kann zurzeit auch keine weiteren buchen. In ihrem Schlusssatz erklärt sie, dass ein echter, gut gemachter Fluch, der wirkt und auch hält, viel seltener sei, als dass sich jemand darin hineinsteigere, verflucht zu sein.
Und so endet dieser äusserst problematische Artikel dazu, wie man Flüche löst. Besonders viel gelernt habe ich nicht; grundsätzlich scheint alles auf der Skala unangenehm bis kaum auszuhalten ein mögliches Zeichen von Schadensmagie und das spirituelle und vielleicht auch das physische Reinigen löst einiges davon. Wer aber wirklich einen Zauber durchführen will, der soll sich doch bitte an eine vertraute und erfahrene Hexe wenden, welche ihre Dienstleistungen mit Sicherheit gut vergütet wissen möchte.
Über moralische Vorstellungen und schwarzmagische Rituale
«Moral und Doppelmoral» mit Relinfo-Psychologin
Shisha versucht sich auch daran, «Moral» zu definieren, und bleibt verhältnismässig oberflächlich, denn das Thema ist, wie sie auch zugibt, sehr komplex und facettenreich. Dabei kommt dabei schnell zum Thema «Psychische Erkrankungen für Doppelmoral», ein Bereich, in welchem sie keine Expertise hat. Aus diesem Grund wurde dieser kurze Teil in Zusammenarbeit mit unserer Psychologin erstellt.
Shisha gibt zuerst zu, dass psychische Erkrankungen «eine breite Palette von Symptomen und Auswirkungen haben». Sie bespricht, wie manche Störungen auch dazu führen könnten, dass «das Verhalten anderer zu verstehen» ihnen Schwierigkeiten bereitet. «In extremen Fällen» würde auch «zwischen richtig und falsch» nicht unterschieden werden können. Genau dieses «richtig und falsch» im moralischen Sinne aber gibt es nicht – was der Text auch zugibt, wenn er sagt «Was ist moralisch? Eine Frage, die jeder Mensch für sich selbst beantworten muss, basierend auf seinen persönlichen Überzeugungen und Werten.» Auch «Extremfälle» dürften eher Psychosen sein, die aber viel mehr eine Realitätsverzerrung sind, welche mit neurobiologischen Systemen in Zusammenhang steht. Mit Moral hat das herzlich wenig zu tun.
Shisha erklärt weiter, dass «u.A. bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen» oftmals «schlechtes, verletzendes und schädliches Verhalten» auftreten würde. Hierbei handelt es sich um eine stigmatisierende Deklaration. Narzisstische Personen handeln nicht per se unmoralisch, sondern priorisieren anders. Gewisse psychische Erkrankungen können sogar moralisches Handeln fördern, da emotionale Faktoren ausgelassen werden. Auch dies hängt stark davon ab, was «moralisch» ist.
Bei der Antisozialen Persönlichkeitsstörung erklärt Shisha, diese könnten Schwierigkeiten damit haben, «Empathie für andere zu empfinden und die moralischen oder gesetzlichen Grenzen zu erkennen und einzuhalten». Sie differenziert offensichtlich kaum bis gar nicht zwischen fehlender moralischer Einsicht, und abweichendem moralischen Verhalten. Nur weil ich weiss, dass etwas moralisch fragwürdig ist, heisst das noch lange nicht, dass ich es deswegen nicht tue.
Shisha erklärt, «nicht alle Menschen mit psychischen Erkrankungen [sind] nicht in der Lage, Moral zu verstehen oder zu praktizieren». Weder differenziert sie hier noch schätzt sie die Individualität moralischer Vorstellungen.
Wie oben erwähnt ist die moralische Urteilsfähigkeit multifaktoriell geprägt: durch soziale, kulturelle, neurobiologische und emotionale Prozesse, nicht allein durch «eine Störung». Einen ganzen Abschnitt für psychische Erkrankungen zu schreiben, scheint mir etwas zu viel für dieses Thema. Die Implikation, mindestens manche psychischen Erkrankungen würden zu unmoralischen Verhaltensweisen führen, ist vollumfänglich unangebracht.
Fehlende Hexereikonzepte
Interessant ist Shishas vollumfängliches Nicht-Erwähnen der Wiccan Rede – eine grundlegende Deklaration, ursprünglich aus der Wicca-Szene, die heute auch gerne im breiteren Kontext der Hexenbewegung mindestens referenziert wird. Zentral dabei ist der Grundsatz «An ye harm none, do what ye will», was übersetzt ungefähr so viel bedeutet wie «Solange es niemandem schadet, mach, was du willst!». Dass ein so zentrales Konzept in der Hexenbewegung bei Shisha nicht mal in einem Nebensatz erwähnt wird, wenn es darum geht, in die Schadensmagie einzuführen, überrascht, zeigt aber deutlich auf, dass Shisha entweder nicht davon weiss, oder sich entschieden nicht für diese Regeln interessiert. Überhaupt die Beschäftigung mit «Schwarzer Magie» gehört nicht zum Wicca, und Shisha ist somit entschieden nicht als Wicca-Hexe zu sehen.
Von schwarzer und weisser Magie
Shisha erklärt in ihrem Artikel zu «Moral und Doppelmoral», dass es «wichtig» sei, «die schwarze Magie» auch «zu verstehen, um sich besser schützen zu können». Sie erklärt in diesem Abschnitt ausführlich, warum sie es für legitim hält, schwarze Magie zu lehren, dass «Waffen […] nicht nur dafür da [sind], um benutzt zu werden, sondern auch, um zu verteidigen», und dass die «Verantwortung […] letztendlich komplett bei dir» läge. Wie üblich weiss Shisha, dass sie als lehrende Person für ihre Lehren kritisiert werden kann, und weist hier alle Verantwortung ab; notabene nach einer sehr ausführlichen Diskussion über Moral. Es fühlt sich ein wenig gar so an, als suchte sie einfach nach ausreichend Worten, um ihren Standpunkt festzustellen. Im Stil von: Je mehr ich rede, desto sicherer stehe ich. Sie deklariert, dass «dies» (gemeint ist die schwarze Magie) «zu einer umfassenden Ausbildung zur Hexe dazu[gehört]». Weiter schreibt sie: «Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, Weiße und Schwarze Magie – sie sind alle Aspekte des gleichen Universums und Teile des gleichen Pfades.» Hier hat Shisha interessanterweise die Grossschreibung der «Weissen» versus der «Schwarzen» Magie gewählt, wenn es vorher noch klein geschrieben war. Die Grossschreibung von Wörtern wie «Schwarz» kann schnell politisch gewertet werden, als gewählte Selbstbezeichnung von Schwarzen Personen. Die implizite Gleichsetzung der «unethischen», «unmoralischen» schwarzen Magie mit der politischen Bezeichnung «Schwarz» dürfte bereits ein Thema sein, scheint Shisha aber vollumfänglich unbewusst zu sein.
Zu guter Letzt entzieht sich Shisha in ihrem Schlusswort dieser «Einführung», oder besser: moralischen Selbstverteidigung, erneut der Verantwortung, mit dem Verweis, dass der «dunkle Aspekt» nun eben mal dazugehöre. Dieses Mal schreibt sie wieder schwarze Magie – rein adjektivisch statt potenziell politisch.
In der weiteren Hexenszene gibt es zudem das Konzept der «Rule of Three», eine Auffassung, nach welcher jeder Zauber dreifach zurückkehrt. Wer dieser Regel folgt, spricht üblicherweise keine Schadenszauber, da jeder Schaden dreifach zurückkommen würde. Auch dieses Konzept, wenn auch nicht universell akzeptiert, wird von Shisha in keiner Weise angesprochen. Sie erwähnt später durchaus, «was wir aussenden, kommt zu uns zurück», doch dieses Konzept wird von ihr nicht erwähnt. Auch hier zeigt sich deutlich, dass Shisha diese Regel entweder nicht kennt, oder sich aktiv dagegen entscheidet.
Von energetischen Ausgleichen und Narzissmus
Wenn es nun um die Umsetzung schwarzer Magie geht, erklärt Shisha ausführlich «energetischen Ausgleich». Hier: Das Beispiel einer Person, welche jemanden ausspannen möchte, aber dann dafür sorgt, dass die nun-verlassene Person «jemand Neuen kennenlernt» – ein Beispiel, bei dem man darauf achten solle, sich selbst nichts schönzureden. Der «energetische Ausgleich» nähme schliesslich keine Rücksicht auf die eigenen Gefühle. Und wieder macht Shisha ein problematisches Beispiel. Sie redet über einen «echte[n] Narzisst[en]», der sich selbst «i.d.R. im absoluten Recht sehen» würde. Sie erklärt, wie dieser zwar verständlicherweise von allen in seinem Umfeld verlassen würde, auch wenn er sich «weiterhin für den geilsten Hecht» halte, und er sich so «immer weiter hineinbegeben» müsse, damit die «Konsequenzen […] in seiner Scheinwelt Sinn ergeben». Wie genau sie «echten Narzissmus» definiert, bleibt offen. Spricht sie über die Krankheit – die mit einem Leidensdruck einher gehen dürfte – oder meint sie etwas anderes?
Mit diesem Beispiel, findet sie, zeige sie «gut» auf, dass «Belügen dir mehr Probleme macht, als es dir am Anfang bewusst sein wird». Auch «Schadenszauber» aufgrund von «Notwehr», wenn man also ständig von jemandem schlechtgemacht würde, würden durchgeführt. Shisha erklärt, dass es in solchen Fällen besser wäre, «einen weicheren Zauber zu sprechen», um sich selbst «mehr Schutz» zu wünschen.
Graberde und andere Zaubermittel
Als nächstes beschreibt Shisha diverse verschiedene Rituale, bei denen unterschiedliche Ziele erreicht werden sollten. Eines davon soll beispielsweise dazu dienen, mit dem eigenen Ex wieder zusammenzukommen («Rückkehr»), andere sollen jemanden «energetisch» negativ beeinflussen – beispielsweise das «spirituelle Bewusstsein eines Invididuums zu manipulieren und zu beeinträchtigen», ein Zauber, den Shisha «Finstere Versiegelung nennt». Auch eine Option ist es, in einem Ritual auf einem «Konkurrenten» (bzw. etwas, das diesen symbolisiert) «herumzutrampeln». Ein weiteres Ritual verwendet Graberde, ein «Mittel zur Manifestation und Verstärkung dunkler Energien». Shisha schreibt hier nicht, woher die Graberde kommen soll. Ich bin unsicher, ob sie damit daran denkt, dass jemand einfach auf einem Friedhof etwas Erde entnehmen soll. Sie erwähnt auch nicht, ob die Leiche innerhalb des Grabes eine Relevanz haben sollen – beispielsweise, ob man sich erst erkundigen sollte, ob man das nehmen darf, wie es andere neuheidnische Gruppen oder Einzelpersonen handhaben würden. Auch der Zauber, bei welcher Shisha die Verwendung von Tierknochen erwähnt, könnte «dunkle Mächte herbeiruf[en], die jenseits des Verständnisses liegen». Ein Ritual unter dem Namen «Blutband» ist in etwa genau das: ein Ritual zum Schaffen einer «untrennbare[n] Bindung», indem man Blutlinien vereinige. Shisha kommentiert dazu, dass dadurch «der Zaubernde und das Opfer in eine Abhängigkeitsschleife geführt» würden. Allerdings findet sie auch, dass man das «Gefäß mit dem vereinten Blut an einem sicheren Ort auf[bewahren]» sollte, und «das Blutband regelmäßig aktiv» halten sollte – wie genau, schreibt sie nicht. Ob es neue Bluttropfen braucht, lässt sie offen.
Auch ein Ritual zur «Rache», «Schweigen» (damit jemand nichts Negatives mehr sagt), «Trennung» (um ein Paar zu trennen), «Schaden» oder «Fluch» werden angeboten. Notabene: Es wird «nur» detailliert beschrieben, was genau man machen sollte. Ausführen, und somit verantwortlich, soll und sei man selbst.
Beispielritual Schwarze Magie: Blutband
In ihren Artikeln beschreibt Shisha unter anderem, wie genau ein Blutband hergestellt werden könne. Lesende seien sich bewusst, dass das Ritual keine wissenschaftliche Grundlage hat, und im besten Fall unhygienisch, im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Bitte probieren Sie dies nicht zuhause (oder anderswo) aus.
Im finsteren Bereich der schwarzen Magie gibt es Rituale, die darauf abzielen, eine untrennbare Bindung zwischen zwei Individuen zu schaffen, indem ihre Blutlinien miteinander verschmelzen. Das Blutband der Verschmelzung ist ein solcher düsterer Zauber, der das Blut des Zaubernden und des Opfers vereint, um eine starke und unzerbrechliche Verbindung zu schaffen. Durch die Vermischung der Blutlinien können der Zaubernde und das Opfer in eine Abhängigkeitsschleife geführt werden, aus der es nur schwer entkommen kann. Dieser Artikel wird den Ablauf und die Schritte dieses schwarzen Zaubers detailliert beschreiben.
Ziel:
Das Ziel dieses Zaubers ist es, eine untrennbare Bindung zwischen dem Zaubernden und dem Opfer zu schaffen, indem ihre Blutlinien miteinander verschmelzen. Durch die Vereinigung ihrer Blutlinien können der Zaubernde und das Opfer in eine enge Abhängigkeit geraten, die ihre Handlungen und Gefühle beeinflusst.
Benötigt:
- Eigenes Blut des Zaubernden: Um die Basis für das Blutband zu schaffen.
- Blut des Opfers: Um die Blutlinien zu vereinen und die Bindung zu verstärken.
- Schwarze Kerzen und Räucherwerk: Um die dunklen Energien zu verstärken und den Zauber zu aktivieren.
- Ein Symbol des Opfers: Ein Foto, ein persönlicher Gegenstand oder ein Symbol, das das Opfer repräsentiert.
- Ein Symbol des Zaubernden: Ein persönlicher Gegenstand oder ein Symbol, das den Zaubernden repräsentiert.
- Ein ruhiger Ort: Um den Zauber ungestört durchführen zu können.
Ablauf mit Zauberspruch:
Schritt 1: Vorbereitung
Begib dich an einen ruhigen Ort, an dem du ungestört bist, und errichte einen Altar. Entzünde die schwarzen Kerzen und das Räucherwerk, um eine düstere Atmosphäre zu schaffen. Platziere die Symbole des Opfers und des Zaubernden auf dem Altar.
Schritt 2: Vorbereitung des Blutbands
Entnehme dir selbst eine kleine Menge Blut und entnehme dem Opfer eine ebenso kleine Menge. Sammle beide Blutmengen in einem Gefäß und vermische sie gründlich miteinander. Visualisiere dabei deine Absicht, eine untrennbare Bindung zwischen dir und dem Opfer zu schaffen.
Schritt 3: Beschwörung des Blutbands
Konzentriere dich auf das Gefäß mit dem vereinten Blut und rezitiere den Zauberspruch, während du deine Absicht verstärkst, das Blutband zu erschaffen:
“Durch Finsternis und Macht vereint,
Wird unser Blut zu einem Band geweiht.
Zwei Seelen, eins in Dunkelheit,
Gebunden durch dieses Blut, für die Ewigkeit.
Mit dieser Vereinigung, so sei es beschworen,
Unsere Schicksale sind für immer verloren.
Blutband der Verschmelzung, so sei es gewebt,
Durch die Macht, die uns vereint, so stark und erhebt.”
Schritt 4: Aktivierung des Blutbands
Stelle dir vor, wie das Blutband zwischen dir und dem Opfer entsteht und sich festigt. Visualisiere, wie eure Blutlinien miteinander verschmelzen und eine unzerbrechliche Bindung erschaffen.
Abschluss:
Nachdem der Zauber vollendet ist, bedanke dich bei den dunklen Mächten und schließe die Zeremonie. Bewahre das Gefäß mit dem vereinten Blut an einem sicheren Ort auf und halte das Blutband regelmäßig aktiv, um die Bindung aufrechtzuerhalten. Sei dir bewusst, dass die Anwendung solcher dunklen Magie mit äußerster Vorsicht und Bedacht erfolgen sollte, da sie weitreichende und schwerwiegende Folgen haben kann.
Unter jedem Ritual schreibt Shisha mal, dass dieses Ritual «sehr mächtig» sei, oder auch, dass «schwarze Magie ernste Konsequenzen haben kann». Sie warnt jedes Mal davor, dass «negative Energien auch auf dich zurückfallen» könne, auch wenn sie alle paar Rituale wieder eine etwas andere Formulierung wählt. Dunkle Magie soll nämlich «mit äußerster Vorsicht und Bedacht erfolgen», man solle aber auch respektvoll und dankbar gegenüber den dunklen Mächten sein.
Sie empfiehlt auch bei mehreren Ritualen, den Ort des Zaubers zu verlassen, während die «Kerzen langsam verbrennen». Allfällige Feuerrisiken erwähnt sie nicht. Selbstverständlich sollte jede Person sich einem Feuerrisiko bewusst sein, und doch heisst die offizielle Empfehlung, ein Feuer nie unbeaufsichtigt zu lassen – eine Anweisung, die wohl oder übel in direkter Opposition zu Shishas Ritualbeschreibung steht.
Nekromantie und (Energie-)Vampirismus
Todeshexerei und Leichendivination
Nekromantie – ein Begriff, der auch in der Hexenbewegung doch eher unüblich ist und selten auftritt. Wenig überraschend spricht Shisha erst mal darüber, dass es einen «gewissen Totenkult […] wohl schon lange [gibt]», und führt Begriffe wie «Deathwitches, also die Todeshexen» ein. Dass es sich bei dem Begriff «ganz und gar nicht» um etwas Düsteres oder Böses handle, stellt Shisha auch gleich klar. Stattdessen befasse sich eine solche Hexe «mit der Ehrung der Verstorbenen», und kümmere sich «gerne um Friedhöfe und Gräber», oder helfe «Geistern bei ihrem Übergang». Entsprechend dürften sich solche Todeshexen oft in Berufen finden, in welchen sie damit zu tun hätten.
Shisha erklärt, in einer Formulierung, die sich für ein erwachsenes Publikum fehl am Platz anfühlt, «du siehst, unsere Gesellschaft braucht Leute, die sich mit dem Tod […] befasst (sic!)», und erklärt uns, dass «der negative Eindruck […] vollkommen fehl am Platz» sei.
Einmal mehr erklärt uns Shisha, dass der Begriff der «Nekromantie» heutzutage «ein wenig wirr geworden» sei. Bereits mehrfach konnte ich beobachten, wie sie ein gängiges Konzept aufgreift und darin ihren Ansatz vorstellt, der natürlich richtig zu sein hat. Bei der Nekromantie, die sie wörtlich zu «Divination durch Leichen» übersetzt, und gleich auch kommentiert «klingt jetzt aber sehr makaber», ginge es darum, mit den Toten in Kontakt zu kommen. Shishas Ausführungen zur Nekromantie, und der «Nekyomantie», bei welcher es um die Wiederauferweckung bereits verstorbener Personen gehen sollen, ähneln den entsprechenden Abschnitten auf Wikipedia sehr stark, sodass ich mich frage, ob sie sich vielleicht davon inspirieren lassen hat. Bei anderen Texten hatte ich den Eindruck, dass sie bereits mehr dazu recherchiert hatte.
Eine «gute» Todeshexe – von Shisha nach der ersten Übersetzung konsequent als «Death Witch» bezeichnet, womöglich nach der Logik, dass dasselbe Wort auf Englisch an Intensität verliert, zumindest für Deutsch-Muttersprachler:innen – übt Nekromantie also als Praxis aus. Die Übergänge zwischen Nekromantie und dem Befassen mit dem Tod seien mehr oder weniger fliessend. Zum Schluss stehen einige Fragen – «Wie befasst du dich denn mit dem Tod?» – und die Empfehlung, sich von niemandem vorschreiben zu lassen, «wie und wie oft» man sich mit dem Thema befasse. Mir gefällt der gesamte Tonus des Artikels nicht – es erscheint mir fast, als würde Shisha mir so ziemlich alles, was ihr irgendwie möglich ist, «vorschreiben», auch die Empfehlung, mir nichts vorschreiben zu lassen.
Zu guter Letzt erklärt sie, wer es sich aber zutraue, der würde «bestimmt [s]einen Sinn darin finden.» Einmal mehr ist es überraschend diffus und unklar gehalten. Zur Ergänzung spricht sie auch eine ganze Stunde mit einer selbstbezeichnenden Todeshexe über deren Arbeit, was als aufgenommener Video-Call Teil des Kurses ist.
Energievampire und psychologische Feinheiten
Und weiter geht es mit den «Energievampiren». Shisha unterscheidet erst zwischen Energievampir («[ernährt] sich von der Lebenskraft anderer Lebewesen»), Psychovampir («wurde […] von Anton LaVey und seiner ‘Church of Satan’ populär gemacht», welcher anderen Menschen Lebensenergie entziehe), und Emotionsvampir. Ich möchte hier insbesondere auf den Begriff des «Emotionsvampir» eingehen, denn auch wenn Shisha diese drei Arten einander gleichstellt, ist es insbesondere die Geschichte dieses Begriffes, welche die immense Problematik bereits in sich hält – auch wenn Shisha es in ihren Ausführungen nicht besser macht.
Von Shisha zitiert wird die ausgebildete Psychologin Judith Orloff, welche ebenso den Begriff «emotional vampire» verwendete. Die Psychologin erklärt, ihre erste übernatürliche Erfahrung mit neun Jahren gemacht zu haben, und bezeichnet sich als «a clairvoyant», Hellseherin. Sie hat verschiedene Bücher publiziert. Eines davon wurde als «verantwortungslose, unwissenschaftliche Arbeit» kritisiert. Shisha paraphrasiert aus «ihrem Buch» und definiert nicht, um welches es sich handelt, sodass unklar ist, ob es aus einem wissenschaftlich anerkannten, oder als unwissenschaftlich kritisierten Buch ist. Durch Orloffs Bildung als Psychologin stellt Shisha diese als Autorität für die Thematik auf, und lässt es aus, sich kritisch damit auseinanderzusetzen.
Weiter erklärt Shisha, Orloff habe den Begriff «emotional vampire» ebenso genutzt und dabei «dabei auf psychologischer Ebene vier verschiedene Arten, welche je mit einer psychischen Störung verbunden sein sollen [beschrieben]». Dazu gehören «der Narzisst (narzisstische Persönlichkeitsstörung), das Opfer (abhängige Persönlichkeitstörung), der Controller (Zwanghafte Persönlichkeitstörung), der Splitter (Borderline-Persönlichkeitstörung)», wie Shisha aufzählt. Diese Auflistung lässt sie vollkommen unkommentiert. Dass jemand, der unter einer Persönlichkeitsstörung leidet, mit solchen Begriffen bezeichnet werden sollte, auch wenn es komplett unabhängig vom Kontext des «Energievampirs» wäre, ist nicht akzeptierbar – wer so leidet, soll nicht auf das eigene Leid reduziert werden. Genau das zu tun scheint Orloff, zumindest so, wie Shisha sie darstellt – und das, ohne jeglichen Konter oder weiterführenden Kommentar von Shisha selbst.
Zumindest kann aber, nach Shisha zumindest, «jeder ein emotionaler Vampir sein und ist es von Zeit zu Zeit auch». Besonders betont sie hier aber, «dass der Begriff ‘Energievampir’ auch metaphorisch verwendet wird», und zwar um zu beschreiben, dass durch «Einfluss» einiger Menschen «eine Person erschöpft, unkonzentriert und depressiv» zurückgelassen werde. Interaktionen mit Menschen, nach welchen wir uns erschöpfter fühlen als zuvor, haben wir alle wohl immer wieder; manchmal gerade auch bei Recherchearbeit für Relinfo. Diese aber als «Energievampire» zu bezeichnen, ginge uns dann doch etwas zu weit.
Die Natur ist die Welt, und anderes über die Aura
Shisha unterscheidet weiter «Energieverbindungen», als Grundlage dafür, inwiefern wir alle Energievampire sein könnten. Sie beschreibt die «Aura eines Durchschnittsmenschen», welcher seinerseits «Energien aus [seiner] Umgebung ziehen» könne, da die Verbindung «zum kollektiven Sein» nicht besonders ausgeprägt sei. Hier verwendet sie in der Esoterik übliche Begrifflichkeiten wie jene der «feinstofflichen Energien», zu welchen wir, wie sie auch explizit erwähnt, «in den Industrieländern» üblicherweise keinen besonders starken Bezug haben – im implizierten Gegensatz zu den Ländern, in welchen man «mit der Natur» aufwachse. Während ich als Bergdorfkind dann doch Mühe habe, wenn ich den Eindruck erhalte, jemand spreche mir die Nähe zur Natur, die ich in meiner Kindheit erlebte – wie viele andere, insbesondere Dorfkinder, mit Sicherheit auch – so fällt es mir auch auf weiteren Ebenen schwer: Das Verständnis, wir hätten die Verbindung «zum Kosmos» verloren, nur weil wir industrialisiert sind, scheint mir die Vergangenheit unverhältnismässig zu idealisieren. Auch die Implikation, dass «der Kosmos», übersetzt «die Welt», sich bloss in der Natur befände, scheint mir unzulässig. Ein Betongebäude ist mit Sicherheit weniger schön als die Natur, aber es gehört nun mal doch zu unserer Realität und somit auch zu unserer «Welt».
Natürlich gibt es auch «die Aura eines gesunden Menschen», also jemand, welcher sich «spirituelle (sic!) mit der Welt auseinandersetzt». Jemand, der oder die also «mit den göttlichen Energien verbunden» sei, habe auch eine «geerdete und entspannte Ausstrahlung». Wer den Kurs macht und somit sowieso schon ein spirituelles Interesse hat, dürfte sich in dieser Beschreibung erkennen wollen.
Doppelte Pathologisierung: Die Aura der Traumatisierten
Wo gesund, kann auch krank sein, und Shisha erklärt uns, worum es sich bei einer krankhaften Energieverbindung handle – die «krankhafte Aura eines Menschen», ob «durch eine psychische Erkrankung», «Vernachlässigung» oder «Trauma im Allgemeinen». Mir fällt es sehr schwer, dass sie hier die «psychische Erkrankung» gleich auch noch auf spiritueller Ebene so klar ins Negative zieht – wer psychisch erkrankt ist, benötigt in den allermeisten Fällen Therapie und Unterstützung wo möglich, und nicht noch eine weitere Bezeichnung wie: «krankhafte Aura». Das einzig Gute: Sie erklärt nicht, dass ausnahmslos alle, die an einer psychischen Erkrankung leiden, eine krankhafte Aura hätten, sondern nur, dass es von dort kommen könnte. Besser macht es ihre Argumentation aber nicht. Shisha sagt weiter, «Wie du sehen kannst, ist die Verbindung zum Kosmos komplett gekappt», ohne irgendwie darzustellen oder zu erklären, woran wir dies sehen könnten.
Solche Menschen – mit einer krankhaften Aura – also würden ihre Energie «komplett aus ihrem Umfeld» ziehen – weil sie wegen dieser fehlenden Verbindung eben «keinerlei Energie aus dem kollektiven Energievorrat» zögen. Wer sich dem nun bewusst wäre, impliziert Shisha, würde sich «in die Natur zu einem Baum setzten (sic) und es dort abzwacken», aber «in aller Regel» sei dies nicht der Fall. «Wie auch psychische Erkrankungen» gäbe es aber auch hier ein Spektrum, und es könne allen passieren, dass sie sich zum Energievampir entwickeln. Besser macht das ihre bisherigen Aussagen nicht, denn weiterhin gilt: Wer eine psychische Krankheit oder unschöne Vergangenheit hat und deswegen eine «krankhafte Aura» habe, könnte möglicherweise sein gesamtes Umfeld belasten, noch dazu, weil diese Person angeblich nicht ausreichend reflektiert sei, stattdessen einen Baum aufzusuchen.
Als letzte Aura nennt Shisha «Aura eines hypersensiblen Menschen». Diese sähe ähnlich aus wie jene eines Energievampirs, «unterscheiden (sic) sich aber massiv in ihrer Wirkweise». Mehr dazu schreibt sie nicht, und ich frage mich, woran genau sie dabei dachte.
«Anzeichen» eines solchen Energievampirs listet Shisha ebenfalls: ein «Mangel an Verantwortlichkeit», «Empathielosigkeit», «Ausnutzung», oder auch «Niedergeschlagenheit» gehören zu ihrer Liste. So sei ein Energievampir «gut darin die Fakten zu verdrehen», oder auch «ganz schön hinterhältig», wenn es denn darum geht, «diejenigen, die mitfühlend und auch sensibel sind», eben auszunutzen. Während es durchaus einige Personen gibt, welche «Grenzen kaum akzeptieren», halte ich diese Zuschreibung auf spiritueller Ebene für unzutreffend und schädlich. Nicht zuletzt, da Shisha erklärt, Energievampire entstünden durch «psychische Erkrankung», «Vernachlässigung», oder «Trauma im Allgemeinen». Es geschieht eine zusätzliche spirituelle Pathologisierung, zusätzlich zu einer möglicherweise bereits bestehenden wissenschaftlich basierten Pathologisierung. Helfen dürfte dies niemandem.
Shisha unterstellt also allen, die eine «krankhafte Aura» hätten, dass sie verantwortungslos, selbstsüchtig, ganz einfach bösartig handeln könnten – oder, wenn man dann doch keine solchen Verhaltensweisen hat, ist man zumindest jemand, der sich «immer und immer wieder» ausheule, oder «einfach nur stumm da[sitzt]», aber «auch nicht alleine sein» wolle. Dass man manchmal «stumm» da sitzt und einfach nur Gesellschaft will, ohne sich zu beteiligen, scheint mir einleuchtend. Solche Wünsche können in der eigenen Freundesgruppe auch einfach kommuniziert werden. Für Shishas Freundesgruppe scheint das nicht zu gelten; stattdessen wird einem wohl «Krankhaftigkeit» zugeschrieben.
Shisha macht weiter mit «typische[n] Charaktereigenschaften», betreffend jene, die «schon tief, tief im Rabbit Hole versunken» seien. Manipulativ, tyrannisierend, negativ – sie impliziert bei allen Bösartigkeit.
Hilfeleistungen gegen Energievampirismus: Wegrennen oder Magie
Wer selbst nicht bösartig werden möchte, der soll sich um sich selbst sorgen. Hier nennt Shisha Therapie als Option, neben Magie und täglichen Affirmationen. Die «professionelle Ergänzung» des Therapeuten könne Shisha «wärmstens empfehlen», und sie spricht weiter über die Vorteile der Therapie. Ich stimme ihr da natürlich zu. Gut, schreibt sie zumindest hier darüber, dass Therapie besonders sinnvoll ist; an anderen Stellen hat sie dies ja fast schon unterlassen. Sie empfiehlt, sich zurückzunehmen, wenn man «energieraubende Tendenz» feststelle, und besonders, dass man dann magische Arbeit ausübe – denn das sei «der perfekte Gegenspieler des Energievampirs».
Um sich vor Energievampiren zu schützen, gibt es simple Anweisungen: «Renn weg», «Grenzen setzen», «Erwartungen anpassen». Sie erklärt, dass das Lösen von Problemen anderer nicht in der Verantwortung der Lesenden liegt. Auch «empathische und liebevolle Personen» seien «oft geradezu gefangen in einer Beziehung zu einem Energievampir». Hilfreicherweise erklärt uns Shisha auch, dass niemand unsere Energie nehmen kann, wenn wir es denn nicht erlauben – Ängste, Liebe, Abhängigkeit, das alles binde einen an einen Energievampir. In gewisser Weise sehe ich ihre Punkte: Wer jemanden ausnutzt, ob es nun um eine toxische Beziehung oder eine einseitige Freundschaft geht, bei dem ist es sicherlich sinnvoll, Grenzen zu setzen oder aufhören ihnen zu helfen versuchen, sofern sie einem dabei schaden. Ich sehe auch ein, dass man manchen Menschen als einzelne Person nicht helfen kann – oft ist auch hier Therapie sinnvoll, in manchen Fällen auch ein neues Umfeld. Erneut: Die spirituelle Pathologisierung einer menschlichen Erfahrung erscheint mir äusserst unpassend. Während ihre Tipps zur Distanzierung vielleicht sogar Menschen in schwierigen Beziehungen helfen könnten, bleibt die vorgegebene Grundlage – der angebliche spirituelle Aspekt einer solchen Situation – problematisch.
Den Artikel endet sie mit einer Übung, in welcher das eigene Beziehungsnetz sowie die Interaktionen darin und das eigene Empfingen analysiert werden sollen. Ich halte die Übung im Grunde genommen für sinnvoll, mit Ausnahme davon, dass es hier weiterhin um Energievampire geht. Es dürfte manchen leichter fallen, Personen, die man nicht mag, als Energievampire abzustempeln, anstatt sich einfach einzugestehen, dass man die Person eben nicht mag.
Über Vampirhexen und dem Einverständnis des Energie-Diebstahls
Neben Energievampiren, die Shisha diskutiert, gäbe es auch «Vampirhexen», also Hexen, welche «die einzigartige Fähigkeit» hätten, «Energie von Gegenständen, Orten und sogar von anderen Menschen zu ziehen». Ein alternativer Begriff: «Feinstoffhexen». Diese arbeiten, so Shisha, ausschliesslich mit Energien. Sie listet verschiedene «Techniken und Praktiken» des Energieziehens, beispielsweise mittels Berührung oder auch Atemtechniken, Meditation, das Singen von Mantren oder Visualisierung. Bis auf den wenig aussagekräftigen Punkt «Verbindung mit dem Kosmos» scheinen mir alle gelisteten «Techniken» sehr üblich als spirituelle Praktiken. Auch die Anwendungsbereiche «Zauber und Rituale», «Divination und Wahrsagerei» sowie «Schutz und Reinigung» wirken weniger revolutionär. Einzig auffallend ist wohl die «Energieheilung», bei welchen solche Vampirhexen «Heilungsarbeiten durchführen» könnten. Die Beschreibung davon erinnert daran, wie wir mit Wasser umgehen – kanalisieren, umleiten.
Shisha diskutiert als nächstes «Ethik und Verantwortung» der «Fähigkeit, Energie von lebenden Wesen zu ziehen». Denn: Energie von Lebewesen wegzunehmen, birgt wohl «ethische Bedenken und Herausforderungen». Wer also die Energie einer anderen Person «ziehen» will, der sollte «stets sicherstellen», dass diese ihr Einverständnis gegeben hat. Ich schätze es auf jeden Fall, dass Shisha ethische Implikationen auf einer spirituellen Ebene ebenso ernst diskutiert wie sie auf materieller Ebene diskutiert werden sollten – wer aufrichtig an das Fliessen der Energien glaubt, dem dürfte dies auch einleuchten.
Ein Risiko, das solche Praktizierende auf sich ziehen, ist, gemäss Shisha, «z.B. Karma oder karmische Lasten». Wer also ohne Erlaubnis anderer Energie abzieht, der könnte sein Karma «verschlechtern» – ein Wort, das ich Shisha in den Mund lege, da ihre Ausführungen dazu, was Karma sein sollte, mir weiterhin nicht schlüssig sind.
Praktizierende sollen also eine strenge Selbstregulierung und Ethik waren, sowie Schutzmechanismen etablieren. Mir scheint, als wären Vampirhexen eigentlich vergleichbar mit Energievampiren, nur ganz anders bewertet – plötzlich ist dasselbe Konzept eine «faszinierende und kraftvolle Praxis». Ich würde mir gerne einbilden, dass dies am Einverständnis liegt – eine ethisch verantwortungsvolle Vampirhexe würde natürlich das Einverständnis der Personen, deren Energie sie nimmt, einholen. In diesem Fall würde es natürlich bedeuten, wer sich des eigenen Energievampirismus bewusst ist, könnte sich erkundigen «Darf ich von deiner Energie nehmen?», und dann bei einem «Ja» weiter «abzwacken». Aber vielleicht ist das auch nur erlaubt, wenn man es dann für magische Praxis verwendet. Ich frage mich, ob der Zweck – die magische Praxis – das Konzept des Energie-Nehmens in gewisser Weise, zumindest aus Shishas Perspektive, legitimiert.
Wie man übernatürlichen Wesensheiten opfert: Von Lilith und Hekate über Schlangenhautopfer bis hin zu Egregoren
Lilith als «dunkle Göttin», und wie man mit ihr arbeitet
Shisha bespricht die Figur der «Lilith» ausführlich – nicht zuletzt im Artikel «Lilith – Ursprung. Ihre Ausführungen zum Ursprung der Figur in der sumerischen Entwicklung, Entstehung als «erste Frau» von Adam, sowie die aufkommende Stilisierung zu einer Dämonin, sind offensichtlich gut recherchiert. Gleichzeitig bespricht sie Lilith als «Symbol für eine dunkle Göttin». Auch eine kurze Anmerkung zur Ansicht von Lilith in luciferischen Kontexten taucht auf, Lilith als «Gefährtin von Samael». Aber auch luciferische Hexerei müsse man nicht praktizieren, um mit Lilith zu arbeiten (oder von ihr dazu aufgefordert werden). Nein, mit Lilith könne «man arbeiten, um seine weibliche Sexualität neu zu erwecken, seine Lebensfreude zu heilen, seine persönliche Macht zurückzufordern, wenn man sich klein fühlt oder die Welt als erdrückend empfindet».
Für wen das zu unspezifisch ist, listet Shisha eine Reihe spezifischer Ziele. Zum Beispiel «Kampf gegen das Patriarchat» oder «Sexmagie (weibliche Dominanz)», aber auch schwierigere Themen wie «Heilung sexueller Traumata», hier ohne Hinweis, dass da auch eine Therapie sinnvoll wäre. Auch beim Punkt «Erforschung und/oder Erweckung deiner Sexualität (besonders bei geringem sexuellen Verlangen)» finde ich den Zusatz fragwürdig. Wer ein «geringes sexuelles Verlangen» hat, darf das ja auch haben – manche Menschen wollen eben einfach nicht. Wenn es pathologisch ist oder sich negativ auf die Lebensqualität auswirkt, wäre auch an dieser Stelle eine Therapie an erste Stelle zu setzen. Auch «Probleme des weiblichen Fortpflanzungssystems» oder «Umgang mit oder Bewältigung von prämenstruellem Syndrom, perimenopausalen oder menopausalen Symptomen» sollten in erster Linie mit einer medizinischen Fachkraft besprochen werden – eine Anmerkung, die auch hier keine Erwähnung findet.
Dieses Mal listet Shisha neben den Kräutern, die Lilith entsprechen sollen, auch auf, welche giftig sind – es steht also beispielsweise «Tollkirsche (Vorsicht: giftig)» in der Liste der Kräuter. Tatsächlich sind drei der sieben Kräuter als giftig gelistet. Zusätzlich zu den vielen «Entsprechungen» bei Kristallen, Kräutern und Farben sowie Tieren und Lebensmitteln («Nahrung / Getränke») kommen auch noch «Beste Zeiten», zum Beispiel Mittwoch oder Neumond. Für ein «Lilith Ritual» braucht man neben Räucherwerken wie «Weihrauch oder Myrrhe» auch «Weihwasser oder ein anderer Reinigungsritus», sowie natürlich eine rote oder schwarze Kerze, Tücher in solchen Farben, und zu meiner Überraschung ein Tagebuch und Stift. Dieses ist anscheinend zu gebrauchen, um Fragen oder Anliegen an Lilith darin zu notieren. Das Ritual selbst ist für die moderne Hexerei nichts Überraschendes. Nach einer Reinigung («physisch und energetisch») ist bald mal die Kerze anzuzünden, dann soll man sich vorstellen, dass Lilith in den Raum trete, und das Räucherwerk verbrennen. Während den jeweiligen Aktionen soll man auch etwas sagen, beispielsweise «“Lilith, Königin der Dunkelheit, du bist frei und kraftvoll. Ich bewundere deine Unabhängigkeit und deinen Mut.”». Am Ende gilt es, sich zu bedanken und die Kerze zu löschen. Das Ritual selbst könne man aber «nach [s]einen persönlichen Überzeugungen und Bedürfnissen an[passen]», und «die Kraft und Weisheit, die von dieser mächtigen Göttin ausgeht», erleben.
Opfergabe: Schlangenhaut zur Traumaüberwindung
Lilith ist nicht die einzige Gottheit, die verehrt werden dürfte. Medusa dürfte man beispielsweise Schlangenhaut opfern. Da Schlangen ihre Haut periodisch «abwerfen», müsste für dieses Opfer auch kein Tier verletzt werden oder sterben. Andere Opfer sind Blumen oder «ätherische Öle», sowie «Schmuck mit Schlangenmotiven». Ob dieser weiterhin getragen werden darf, spezifiziert Shisha nicht.
Helfen könne Medusa gerade dabei, Trauma zu überwinden, Schutz vor «negativen Einflüssen» zu erlangen, oder sogar Symbol für die «Auseinandersetzung mit unseren eigenen Schattenseiten und negativen Emotionen» werden. Dieses Mal erwähnt Shisha nicht explizit, dass bei der Überwindung von Traumata eine parallele therapeutisch-professionelle Unterstützung durchaus sinnvoll und empfehlenswert wäre. Auch das Werten der eigenen Emotionen als teilweise «negativ» ist problematisch, da es die Grundhaltung impliziert, dass es so etwas wie «gute» und «schlechte» Emotionen, die man haben oder nicht haben sollte, gäbe; im Gegensatz zur in der Psychologie üblichen Ansicht, dass Emotionen grundsätzlich wertfrei sind.
Hekate: Die Dreifaltige Göttin
Auch vor Hekate macht Shisha nicht Halt. Das ist wenig überraschend – gerade in der Hexenbewegung spielt Hekate, Göttin der Hexerei und Magie, eine grosse Rolle.
Die «Dreifaltigkeit» der Hekate teilt sich in Jungfrau, Mutter, und Weise. Während auch im Wicca und in anderen Formen des Neuheidentums die Dreifaltige Göttin bekannt ist und verehrt wird, so ist die Bezeichnung dieser Göttin als «Hekate» nicht allgemein üblich. Diese Gleichsetzung weist erneut auf, dass Shisha nicht zum Wicca zu zählen ist.
Die dieser Liste entsprechende Betonung der «Weiblichkeit», aber auch die übliche neuheidnische Ansicht der Hekate als Göttin der «Grenzen und Kreuzwege», wird von Shisha extensiv ausgeführt. Was aber in der gesamten Diskussion über diese Göttin fehlt, ist eine Einschätzung der Figur der Hekate in der griechischen Antike – mit Ausnahme der Erwähnung, dass sie in der antiken Literatur oft als Göttin der Hexerei und Magie dargestellt wurde. So erwähnt Shisha weder, dass es nach heutigem Wissenstand nur wenige Tempel der Hekate gab, noch, dass sie oft vor dem Haus aufgestellt wurde – damit sie nur «Gutes» ins Haus lasse und das «Böse/Schlechte» passieren lasse, was bei einer Göttin der «Kreuzwege», die noch dazu zwischen verschiedenen «Welten» steht, durchaus einleuchtet.
Hekate für Nekromantie!
Nutzbringend sei die «Zusammenarbeit» mit Hekate – interessanterweise ist es hier «Zusammen-arbeit», und nicht nur «Arbeit» – für fünf Punkte: Erweiterung der magischen Fähigkeiten, spirituelle Führung, persönliche Transformation, Schutz, und Stärkung der weiblichen Macht. Die spirituelle Führung sei gerade auch für jene hilfreich, «die an Geisterkommunikation oder Ahnenverehrung interessiert sind». Dieses Thema des «Todes» ist auch in ihrem aufgezeichneten Live-Gespräch mit Adele Anderswelt wieder sehr präsent.
Shisha schreibt weiter, dass Hekate «dafür bekannt» sei, «verschiedene Symbole und Zeichen» zu verwenden, damit sie so «ihre Anwesenheit signalisieren oder Botschaften […] zu senden». Hier handelt es sich um eine sehr undifferenzierte Sichtweise auf diese Gottheit. Shisha trifft eine Feststellung über eine Entität, deren Existenz sie als wahr annimmt – besonders parallel zur vorsichtigen Formulierung der «mythologischen Figur» der Medusa stösst diese Differenz auf – und weist ihr sowohl eine Handlung als auch Bedeutungen dieser Handlung zu. Die Liste selbst beinhaltet 13 «Symbole und Zeichen», wovon einige eine lange Tradition haben (beispielsweise Hunde oder Schlüssel, sowie Fackeln), und andere dann doch eher etwas unspezifisch sind (Rad oder Kreis, Geister und Seelen). Wie genau sich Geister und Seelen als «Symbole und Zeichen» dieser Göttin äussern sollen, spezifiziert Shisha in keiner Weise. Stattdessen erklärt sie, wie die verschiedenen Aspekte der Hekate sie «in enger Verbindung mit der Nekromantie» erscheinen lässt, und die Wichtigkeit der Göttin für «Nekromanten».
Wie – und was – geopfert werden kann (und soll)
Mögliche Opfergaben, gemäss Shisha, sind Nahrung, Weihrauch, Fackeln oder Kerzen. Auch Tiere sollen Hekate geopfert worden sein, «insbesondere Hunde». Dies würde, so Shisha, heute «metaphorisch interpretiert». Auch Pflanzen, Symbole oder Bilder könnten als Opfergaben dienen.
Innerhalb der neuheidnischen Strömungen gibt es verschiedene Ansichten, wie Opfergaben gemacht werden sollten. Einige vertreten die Ansicht, dass die «alten» Traditionen möglichst genau recherchiert und durchgeführt werden sollten, während andere finden, die innere Haltung der Verehrenden sei wichtiger. Shisha vertritt hier klar letzteres: «Die Aufrichtigkeit und Respekt (sic), mit denen die Opfergabe dargebracht wird, sind oft wichtiger als die spezifische Form der Opfergabe selbst». Gleichzeitig erwähnt sie auch beiläufig, dass «viele[…] Faktoren» für eine solche Opfergabe wichtig seien, beispielsweise eben «die kulturellen oder spirituellen Traditionen, denen sie folgen». Die Verwendung des Wortes «Tradition» ist hier womöglich etwas fragwürdig: Neuheidnische Strömungen, wie wir sie mindestens in Westeuropa kennen, haben keine fortgesetzte «Tradition», auf die sie sich beziehen können – es besteht ein klarer Bruch oder Schnitt zu einer prächristlichen religiösen Tradition, und so ist jenes, was heute praktiziert wird, grundsätzlich eine «Rekonstruktion» (wenn auch dieser Begriff in einigen neuheidnischen Kreisen umstritten ist) von dem, was über die «alten» Religionen herausgefunden werden kann oder bisher wurde, und bietet entsprechend viel Interpretationsspielraum. Dieser Anspruch des Neuheidentums, die Diversität und Komplexität, die in dieser dann doch sehr kleinen Szene besteht, wird von Shisha nicht weiter thematisiert. Stattdessen bleibt sie präskriptiv in der Erklärung dessen, dass es verschiedene Ansätze gibt, ohne aber weiter darauf einzugehen.
Abschliessend erklärt Shisha Hekate als «facettenreiche und mystische Göttin», und repetiert einmal mehr zusammenfassend ihre Einschätzungen der Funktion und möglichen Hilfeleistungen bzw. die «Fülle von Vorteilen und Einsichten», die man durch die «Zusammenarbeit mit ihr» erhalten könne, und erhebt sie final zu einer «dauerhaft faszinierenden und mächtigen spirituellen Verbündeten». Insgesamt liest es sich weniger wie ein begeisterter Bericht über die persönliche Verehrung einer Gottheit, und mehr wie eine Werbung für unnütze Objekte, die jemand unbedingt verkaufen möchte.
Götterzauber – grundlegende Anweisungen für grosse Themen
In Shishas letzter schriftlicher Lektion bespricht sie verschiedene Möglichkeiten, einen «Götterzauber» zu wirken – mit Aphrodite, Njörd, Lilith, Hekate, Hermes, Nephthys, Medusa, Demeter; Gottheiten und mythologische Figuren aus verschiedensten Pantheons. Ein Altar brauche man, wo die Dankesgaben nach Zauber und ein zweites Mal im Falle von Erfolg platziert werden sollten, und zwar für 3-7 Tage. Zudem erklärt Shisha, «Speisen und Getränke» würden üblicherweise nicht verzehrt – dies entspricht vielen neuheidnischen Ansichten, dass ein Opfer auch wirklich ein Opfer und somit ein Aufgeben einer Sache sein muss. In diesem Fall vermute ich, dass sie mindestens dies gut recherchiert hat. Wie genau sie sich die «Absprache» mit der Gottheit vorstellt, nach welcher man es doch essen könnte, ist mir nicht klar.
Der wohl kürzeste Zauber ist der Liebeszauber mit Aphrodite. Der sieht aus wie folgt:
Wichtig: Wenn du deinen Schutzkreis errichtest, nutzt du dabei Rosenblätter, als Opfergabe für Aphrodite bietest du ihr eine Schale Honig mit einem Rosenkopf darin und stellst es am Ende des Rituals auf deinen Altar.
Bereite dir eine Tasse vor, kochendes Wasser und ungespritzte Rosenblätter, welche auch zum Verzehr oder direkt zum Brühen eines Tees geeignet sind. Füge dem ganzen Honig hinzu, rühre dreimal in Richtung des Uhrzeigersinns und spreche:
„Geliebte Aphrodite,
lass Liebe auch in mein Leben treten und mich fähig sein,
diese zu erkenn und zu erwidern.“
Dann trinkst du den kleinen Liebestrank und löst das Ritual sachgemäß auf. Die Opfergabe wird nun platziert. Lasse diese 3-7 Tage stehen. Sei aufmerksam und offen neuen Möglichkeiten gegenüber, die nun in dein Leben treten werden.
Dieser Zauber liest sich ganz klassisch für diese Szene. Wer entschieden «offen neuen Möglichkeiten» gegenüber ist, dürfte auch eher mal jemanden mit ähnlichen Interessen kennenlernen – ganz ohne Aphrodite.
Über pflegeintensive spirituelle Haustiere (Egregore)
Shisha beschreibt die im Okkultismus verbreitete Idee der «Egregore» als «eine faszinierende Praxis in der Hochmagie», durch welche spirituelle Entitäten geschaffen und genutzt werden könnten. Funktionen dieser «Egregore» sind «Schutz, Führung oder Manifestation», letzteres, indem sie «die kollektive Energie und Intention der Gruppe verstärken», aber auch Heilung – sie könnten für körperliche, emotionale oder spirituelle Gesundheit, so der Artikel, eingesetzt werden.
Geschaffen werde ein solcher Egregor durch «energetische Arbeit», ob dies nun Rituale, Meditationen oder Gebete sind, und erfordert eine Gruppe: Denn der Egregor entsteht «durch die Konzentration und Bündelung von Energie und Absichten einer Gruppe von Menschen». Somit soll man eine Gruppe von Personen sammeln, die mitarbeiten, eine klare Absicht setzen sowie «die gewünschten Eigenschaften und Merkmale» des Egregors «deutlich» definieren, die energetische Arbeit dann durchführen und «eine klare Kommunikation mit dem Egregor» etablieren, sowie die «Regeln und Grenzen seiner Interaktion mit der Gruppe» definieren. Die Erschaffung steht also sehr offen, und die Funktionsweise auch; ganz im Gegensatz zu allen anderen Haustieren. Shisha grenzt dies nicht weiter ein.
Um den Egregor selbst muss man sich aber auch kümmern. Durch «regelmässige Pflege und Interaktion» könne dieser «genährt und gestärkt» werden, natürlich durch das Zusenden von Energie und Absichten. Das heisst: Keine Opfergaben im klassischen Sinn. Das macht die Tierhaltung günstiger. Der Egregor müsse auch gelenkt und geführt werden, damit er «im Einklang mit den Zielen und Absichten der Gruppe arbeitet». Natürlich ist man auch dafür verantwortlich – man müsse ihn «mit Respekt, Fürsorge und Verantwortung» behandeln. Wer den eigenen Egregor vernachlässigt, kann unerwünschte Folgen erleben. Wenn man aber natürlich einfach keinen Nutzen mehr für den Egregor hat – oder er bereits nicht mehr brav handelt, also «unerwünschte Auswirkungen hat», kann er wieder «aufgelöst und freigesetzt» werden; durch Danksagung und Verabschiedung. Bei einem richtigen Tier würde man hoffentlich nicht den ersten Gang zur Beendigung dessen Lebens treten, wenn es sich mal unerwartet verhält. Wenn doch, würde ich vom Tierbesitz abraten.
Für ein solches metaphysisches Wesen brauchen die Praktizierenden «ein hohes Mass an ethischem Bewusstsein und Verantwortung». Ich frage mich, welche der Personen, die diesen Kurs machen, sich hier denken: «Ich bin verantwortungslos und handle unethisch, darum mache ich das hier besser nicht».
Dieser Artikel endet mit einer Übungsaufgabe. Die Egregore-Arbeit soll weiter erforscht und ein Egregor selbst geschaffen werden. Zur Weiterforschung werden leider keine Quellen angegeben, wo man denn weiterforschen könnte. Aber vielleicht muss hier «innerlich» geforscht werden.
Insgesamt wirkt ein Egregor auf mich wie ein pflegeintensives spirituelles Haustier, dessen Funktion ich selbst bestimmen kann. Nur wie ich es erschaffe, bleibt unklar: welche Rituale oder «energetischen Praktiken» ich verwenden möchte, muss ich selbst entscheiden. Auch wie ich mit ihm kommunizieren kann, erschliesst sich mir nicht. Somit würde ich persönlich mich dagegen entscheiden.
Shisha Rainbow und der Satanismus
Zu Beginn diskutiert Shisha die Geschichte des Satanismus – sowohl dessen Entstehung aus dem Christentum als auch seine Entwicklung über die letzten zwei Jahrtausende hinweg. Ihre Ausführungen zur Entstehungsgeschichte des Satans in christlichen Gemeinschaften ist nicht vollständig – es fehlt die Hintergrundgeschichte des Konzeptes «Satan» aus dem Judentum; das heisst, es fehlt jegliche Erwähnung, welche Rolle diese Figur in jüdischer Tradition angenommen hat.
In ihrer Abhandlung des Satanismus stellt sie die Behauptung auf, dass die Geschichte des Satanismus «mindestens 2500 Jahre zurück» reiche. Während mir weder Argumente dafür noch dagegen bekannt sind, liefert sie in der Einleitung keine weiteren Belege dafür. Erst gegen Ende des relevanten Abschnittes diskutiert sie Satan als «gegnerische Figur» im Buch Hiob, welche erst später «zur Verkörperung des Bösen» geworden sei. Möglicherweise meint Shisha also, dass Satanismus spätestens mit der Entstehung der Hiobsgeschichte, die auf das 6. Jahrhundert vor Christus datiert wird, beginnt. Dies wird nicht weiter diskutiert.
Wo Satanismus naht, ist Sozialdarwinismus… ein Nebensatz?
Aleister Crowley, der bekannte Okkultist, dessen Biografie und Weltanschauung eine ganze Reihe von problematischen Aspekten vorweisen kann (nicht zuletzt wegen seiner Sexualmagie, seiner Misogynie, oder auch seinem Rassismus, gekoppelt mit einer Faszination des «Fremden»), wird von Shisha als «legendäre[r] Okkultist» bezeichnet. Auch die Church of Satan wird als ursprünglich «diskussionsbasiert», im Verlauf der Zeit «ritualbasiert» beschrieben. Was auffällig fehlt, ist das Anmerken der Nähe zum Sozialdarwinismus, die insbesondere bei der Church of Satan auch heute noch sehr präsent ist.
Kritik wird von Shisha weder an Crowley noch an der Church of Satan (oder Anton LaVey, der Künstlername des Gründers) geübt, auch wenn diese Aspekte bei einer sachlichen Diskussion zum Thema «Satanismus» auf keinen Fall fehlen dürften. Auch beim Luziferianismus (ebenfalls sozialdarwinistisch) und dem Satanischen Tempel (sehr politisch engagiert, von der Church of Satan betont nicht als «satanistisch» akzeptiert) kommt die Komplexität und die Einordnung in die «Szene» viel zu kurz. Besonders das Auslassen des im Satanismus vorherrschenden Sozialdarwinismus betrachte ich als sehr problematisch.
Später spricht Shisha, wenn auch eher oberflächlich, kurz über Sozialdarwinismus. Allerdings müsste er bereits hier, bei den einführenden Worten, erwähnt werden. Nicht zuletzt, weil es sich um ein zentrales Thema in verschiedenen satanistischen Gruppierungen handelt.
Wenn Kritik Bewunderung offenbart
Stattdessen untersuche sie «das Charisma und das Leben von Anton LaVey», und wie dieser «eine religiöse Bewegung» geschaffen habe, welche «die christliche Moral und die systematische Macht herausforderte». Sie betont, dass diese Gegenüberstellung im ursprünglichen Sinne auch LaVeys Intention gewesen sei, und dass es ihm darum gegangen wäre, «sich gegen ein unterdrückendes System aufzulehnen».
Shisha gesteht ihm einerseits zu, dass er «ein Marketinggenie» gewesen sei, während sie erklärt, dass er «weder die literarischen Talente noch die Tiefe seiner philosophischen Vorgänger» gehabt hätte. Solange sie über LaVeys Leben spricht, diskutiert sie auch gewisse Aspekte der Kritik, wie beispielsweise, dass er gegenüber seinen Biografen einige Details seines Lebens «aufgebauscht» haben soll. Sie lässt also eine gewisse Kritik zu, allerdings habe ich auch hier den Eindruck, dass kein aufrichtiges Interesse an einer gründlichen Auseinandersetzung herrscht. Dies wird insbesondere klar dadurch, dass sie nur sehr schwache Kritik nennt – wie eben, dass er gegenüber einiger Biografen sein Leben «aufgebauscht» habe, oder auch, dass er sich im Laufe der Zeit «mehr für Materialismus und die Ablehnung des Übernatürlichen» interessiere. Kritik, die sich nicht zentral mit seiner Haltung oder seinen Ideen auseinandersetzt, wie es eigentlich zu erwarten wäre.
Nietzsche und der Satanismus
«LaVeys größter intellektueller Einfluss» sei Friedrich Nietzsche gewesen, der desübrigen «[ä]hnlich wie LaVey […] wenig Respekt vor dem Christentum [hatte]». Nach einer Erklärung, dass Nietzsche den griechischen Gott Dionysos bewundert haben soll, erklärt Shisha, dass Satan und Dionysos «ähnliche Attribute» teilten – es sei aus diesem Grund, dass die «Philosophien von LeVay (sic) und Nietzsche eine Reihe von Parallelen» hätten. Anstatt also Nietzsche konsequent als Einfluss oder Inspiration von LaVey zu nennen, stellt Shisha durch ihre Wortwahl die beiden als gleichwertige Philosophen dar, die einfach zum selben Schluss kamen. Zum Beispiel, indem sie schreibt: «Nach Nietzche (sic), aber auch LaVey, ist der menschliche Instinkt auf Dominanz ausgerichtet, aber die christliche Moral versucht, diesen Instinkt zu unterdrücken.» Dass LaVey, der einige Jahrzehnte nach Nietzsches Tod erst geboren wurde, sich möglicherweise einfach von Nietzsche inspirieren liess, scheint mir die naheliegendste Interpretation davon, dass er dieselbe Meinung vertrat. Die Meinung selbst wird in keiner Weise eingeordnet: Weder Implikationen noch Kritik an einer Ansicht des «auf Dominanz ausgerichteten menschlichen Instinkts» wird erwähnt.
Might Is Right – Plagiate eines höchstproblematischen Buchs
Im Verlauf des Artikels wird nun doch endlich Sozialdarwinismus erwähnt. Zwar nicht im Kontext einer Lehre, die LaVey vertrat, sondern: Er hat mit seiner satanischen Bibel auch aus einem Buch («Might is Right», von einem Autor unter dem Pseudonym «Ragnar Redbeard») plagiiert, in dem Sozialdarwinismus vertreten wurde. Das ist eine übliche Auffassung, wobei notabene nur ein Teil der satanischen Bibel aus diesem Buch plagiiert wurde.
«Might is Right» wird von Shisha verurteilt, es habe «starke klassistische und rassistische Untertöne», sie schreibt auch, dass der Autor behaupte «dass die Sklaverei wieder eingeführt werden sollte, weil minderwertige Rassen sich nicht selbst regieren können (sic)» (den fehlenden Konjunktiv bei «können» hier schiebe ich mal auf einen Tippfehler, die Shishas Artikel durchziehen). Ich war beim Lesen schon fast erleichtert, dann folgte der nächste Satz: «Zu seinem Verdienst hat LaVey jedoch einige der beleidigenderen Passagen entfernt und es gibt keine rassistischen Untertöne in der satanischen Bibel.» Während es durchaus keine rassistischen Untertöne darin gibt, scheint mir ihr Lob doch etwas übertrieben.
Die LaVeyanischen Seligpreisungen und elf Gebote
Seinen Sozialdarwinismus im Rahmen einer «Seligpreisung» stellt LaVey zur Schau, indem er, in Referenz auf die Seligpreisungen in der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium, Folgendes schreibt – wie Shisha zitiert, und zwar unkommentiert: «“Selig sind die Starken, denn sie werden die Erde besitzen – Verflucht sind die Schwachen, denn sie werden das Joch erben!… Selig sind die mit eiserner Hand, denn die Unfitten werden vor ihnen fliehen – Verflucht sind die Armen im Geiste, denn sie werden angespuckt!”». Mit diesem Zitat endet der Abschnitt. Shishas Implikation scheint zu sein, dass diese Auflistung ausschliesslich als Verspottung der christlichen Schrift zu lesen sei. Sie führt nicht aus, dass, wenn diese Ausführung LaVeys Meinung entsprechen, dies sozialdarwinistisch wäre, oder inwiefern eine solche Weltanschauung anderweitig problematisch sein dürfte. Mir scheint es fast so, als versuche sie, LaVey so positiv wie möglich darzustellen – die Kritik ist gering und insignifikant, das Lob ausführlich und wertschätzend.
Shisha listet auch die «11 Gebote», die LaVey anstelle der Zehn Gebote vorschlug. Einige davon sind mindestens teilweise bis ganz vertretbar, zum Beispiel «Unternimm keinen sexuellen Vorstoß, solange du nicht entsprechende Signale bekommen hast», oder «Füge Kindern keinen Schaden zu». Andere Gebote halte ich für problematisch: «Wenn dich ein Gast in deinem Heim belästigt, behandele ihn grausam und ohne Gnade» ist dann beispielsweise doch extrem. Shisha bezeichnet die «Verhaltensregeln» als «vernünftig, insbesondere für einen vorgeschlagenen Satanisten». Ich frage mich, ob sie jene, die nicht ganz so vernünftig sind, einfach ausblendet. Aus ihrer Sicht verdiene der «Zusammenhang von LaVeys Ideologie mit dem Existenzialismus», welcher, wie sie schreibt, selten von Historikern erforscht wurde, «sicherlich weitere Forschung». Ich wage zu vermuten, dass dies eher darin liegen dürfte, dass LaVeys Philosophie möglicherweise einfach «weder die literarischen Talente noch die Tiefe seiner philosophischen Vorgänger» (wie sie ihn selbst beschreibt) hatte.
Shisha listet weitere Autor:innen, die LaVey beeinflussten, zum Beispiel Ayn Rand oder Jack London, und diskutiert zudem seine «magischen Praktiken». Beispielsweise bestand er darauf, dass durch seine «Anwendung von Magie» der Tod des Partners einer Geliebten von LaVey beschleunigt worden wäre, wie Shisha schreibt. Gleichzeitig «schien [LaVey] mehr an dem therapeutischen Zweck der Magie interessiert» gewesen.
Insgesamt scheint Shisha Rainbow LaVeys Lehren zu schätzen, da sie, gemäss Shisha «die Tür zu einer neuen, weit verbreiteten religiösen Bewegung öffneten, die christliche Ideologien und systematische Macht herausforderte.» Es fällt schwer, ihre gesamten Ausführungen zu LaVey als ernsthafte Auseinandersetzung zu lesen. Während sie durchaus die philosophischen Ansichten präsentiert, findet von ihrer Seite aus keine weitere inhaltliche Auseinandersetzung damit statt.
Sexualität im satanistischen Sinne – nach Shisha
Shisha diskutiert die Diversität der Meinungen zur Sexualität im «modernen Satanismus» sowie «die bewusste sexuelle Provokation, die einige Anhänger praktizieren», wenn auch eher oberflächlich. Sie erklärt, dass «nicht alle Anhänger» dies unterstützten, und dass es «[w]ie in jeder Glaubensgemeinschaft […] auch hier radikale und problematische Individuen, die aber nicht die Mehrheit der Anhänger repräsentieren» gäbe. Die Stellungnahme, welche die Church of Satan zum Thema Sexualität gemacht hat, wird von Shisha übersetzt, aber kommentarlos abgebildet. Hierbei ist zu erwähnen, dass die Church of Satan laut eigener Stellungnahme «alle Formen menschlicher sexueller Ausdrucksweisen» vollumfänglich akzeptiert, gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet sowie trans Personen akzeptiert.
Im Kontext der Sexualität listet Shisha fünf Bereiche, welche genauer betrachtet werden könnten: Selbstverwirklichung und sexuelle Freiheit, Symbolik und rituelle Sexualität, Kunst und Provokation, Einfluss von Popkultur und Medien, sowie Grenzüberschreitungen und Extremismus. Bei letzterem betont Shisha, dass «extremistische Gruppen nur eine kleine Minderheit darstellen», und dass die «meisten Anhänger […] ihren Glauben auf friedliche und legale Weise» praktizierten. Gleichzeitig dürften, so Shisha Rainbow, die Popkultur «zu einem verfälschten Verständnis […] des modernen Satanismus beitragen».
Im Fazit betont Shisha, dass auch diese Religion «differenziert zu betrachten und nicht pauschal zu verurteilen» sei – eine Grundeinstellung, der wir uns anschliessen, wenn auch eine differenzierte Betrachtung bedeutet, dass auch Kritik zugelassen werden muss, gerade zum Sozialdarwinismus, und weitere satanistische Gruppen neben der Church of Satan genannt und behandelt werden müssen.
Satanische Hexen und warum man sich schön herausputzen sollte
Nach diesem Exkurs zum Thema Satanismus geht es wieder zurück zur Magie – zurück zur Hexe, diesmal die satanische. Anfangs geht es um LaVeys Buch «die satanische Hexe», welches, wie Shisha zutreffend schreibt, «von vielen als sexistisch und manipulativ angesehen» würde. Die Praktiken werden dann auch gleich beschrieben, mit der Warnung: «Beachten Sie bitte, dass diese Praktiken von einigen Menschen als manipulativ und unethisch angesehen werden könnten.» Die Inkonsistenz des Duzens oder Siezens zieht sich durch den Kurs.
So soll eine Frau die «eigene Macht» erkennen und nutzen, eine Macht, die in «Intelligenz, Charme, Humor, Kreativität» oder anderem liegen könne. Auch nennt Shisha, LaVey zusammenfassend, Selbsterkenntnis – zu wissen, was die «eigenen Stärken und Schwächen» seien – als eines der relevanten Elemente. Soweit vertretbar – die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen und zum Erreichen eigener Ziele einzusetzen, ist grundsätzlich nichts Verwerfliches.
Auch «Ästhetik und Image», das eigene Aussehen so zu gestalten, dass es dem Erreichen eigener Ziele hilft, halte ich für sinnvoll (Beispiel: Bewerbungsgespräch). Allerdings soll es, ob von LaVey selbst oder spätestens von Shisha so formuliert, die «persönliche Macht und Attraktivität maximier[en]», und vielleicht «bestimmte Verhaltensweisen anzunehmen, die als attraktiv oder mächtig angesehen werden». Der Inhalt hat seinen Mehrwert, und doch ist die Betonung auf «Macht» sehr fragwürdig.
Während ich an «Ritualen und Zeremonien» nichts auszusetzen habe – je nach Gestaltung, die nicht weiter diskutiert wird – so sind die letzten beiden Aspekte grenzwertig. «Sexualität» sei ein «mächtiges Werkzeug der Verführung und Manipulation», welches «als Mittel» genutzt werden könne, damit Frauen «Macht über Männer» erlangen könnten. So soll LaVey auch «Tipps und Techniken» geben, um «Männer sexuell anzuziehen». Auch «Manipulation» wird genannt – das «strategische Spielen auf den Wünschen und Schwächen anderer, insbesondere von Männern, um Ziele zu erreichen». Beispielsweise könne dies beinhalten, so Shisha «seine Ängste und Unsicherheiten auszunutzen, um ihn emotional zu kontrollieren». Eine genauere Anleitung dazu nennt Shisha – in gewisser Weise dankenswerterweise – nicht. Dennoch halte ich es für problematisch, dass sie diese Idee nicht sofort kritisiert, sondern einfach mal darstellt.
Magie, die «nicht auf übernatürlichen Kräften» beruht
Für LaVey, so stellt Shisha es dar, war «Hexerei und Magie […] eine Kombination von psychologischen Techniken und symbolischen Ritualen, die darauf abzielen, Veränderungen im Selbst oder in der Umgebung zu bewirken». Laut Shisha also basierte sein Ansatz «nicht auf übernatürlichen Kräften». Wie genau dies vereinbar ist mit seiner Überzeugung, den Tod des Partners einer Geliebten durch Magie herbeigeführt zu haben, wird nicht weiter ausgeführt, und ist entsprechend schleierhaft. Das «psychodramatische Ritual» also sei dazu da, «die Teilnehmer emotional und psychologisch zu beeinflussen». Bei «Lesser Magic» (kleinere Magie) handle es sich um «manipulative oder situative Magie»: den «Einsatz von Psychologie, Persuasion, Verführung und Charisma». Bei «Greater Magic» (grössere Magie) handle es sich um rituelle oder zeremonielle Handlungen, «eine Art psychodramatisches Werkzeug», deren Ziel «Selbstexploration und -ausdruck» seien.
Insgesamt stellt Shisha die «satanische Hexe» nach LaVey dar, ohne sie in irgendeiner Weise weiter einzuordnen. Nur die Kritik oder der Vorwurf des Sexismus und der Manipulation werden erwähnt, der Rest des Artikels beinhaltet eine reine Darstellung der Ansichten von LaVey. Entsprechend fehlen auch andere möglicherweise bestehende Ansätze zu einer «satanischen Hexe» ausserhalb des LaVeyanischen Weltbildes, beispielsweise in anderen satanischen Bewegungen und Gruppierungen.
Wenn Baphomet Zeichen sendet
Shisha merkt an, dass LaVey selbst nicht an übernatürliche Wesen oder Gottheiten glaubte, sondern viel eher Satan als Symbol betrachtete. Es gilt anzumerken, dass diese Beschreibung explizit nicht auf Shisha zutrifft. Sie selbst vertritt, zumindest in ihrer öffentlichen Arbeit oder ihren publizierten Büchern, die Auffassung, dass es solche Wesen durchaus gibt. Ob «Satan» selbst für sie existiert oder nur die relevanten Dämonen – die «sieben Fürsten aus der Hölle» aus dem «Grimoire ‘Dictionnaire Infernal’», die sie in einem einzelnen Kapitel bespricht, und Baphomet – ist nicht klar. Für die sieben Fürsten bespricht sie deren mutmassliche Entstehung oder deren Auftauchen, sowie deren Bedeutungen. Für «Mammon» nennt sie beispielsweise auch das Auftauchen des Begriffs im Neuen Testament.
Der letzte Teil zum Satanismus handelt von Baphomet, laut Shisha ein «komplexes und vielschichtes Symbol». Sie betont, dass Baphomet insbesondere als Symbol betrachtet würde, gerade auch in satanistischen Gruppen. Weiter nennt sie drei mögliche Ursprünge des Namens selbst – ein Anagramm zur Verdeckung der Verehrung einer Göttin «Sophia», eine «Verballhornung des Namens Mohammed», oder eine «kabbalistische Formel» mit «tiefe[r] mystischer Bedeutung».
Sie listet zehn Symbole, nach Éliphas Lévis Darstellung von Baphomet, mit einer dazugehörigen Bedeutung. Ob die Bedeutung von Shisha zugewiesen wurde oder von Lévi übernommen wurde, ist mir nicht klar. Unter der Frage «Welche Zeichen sendet Baphomet?» listet Shisha sechs «Zeichen». Dabei merkt sie an, dass es «keine festen oder universellen Zeichen» gäbe. Die gelisteten sechs dürften aber «als mögliche ‘Zeichen’ oder ‘Botschaften’ von Baphomet interpretiert werden». Dazu gehören Ziegen, der Mond, Schatten, Feuer, Hörner und das Pentagramm. Zu jedem der Zeichen nennt Shisha die entsprechende Bedeutung – beispielsweise die Hörner als Hinweis, dass die «eigene Stärke oder Autorität» anerkannt werden sollte, oder man «sich mehr mit dem Göttlichen oder Spirituellen verbinden» müsse. Die Besprechung solcher Zeichen übt sie sonst vor allem bei Gottheiten. Welche exakte Rolle Baphomet in Shishas Weltanschauung oder Verehrungspraktiken einnimmt, bleibt unklar – allerdings muss ihre Nähe zum Satanismus spätestens jetzt evident sein.
Angela Heldstab, 28. August 2026
Lexikoneintrag Shisha Rainbow