Heide Göttner-Abendroth live – Eine Analyse der Dynamiken an der matriarchalen Tagung zu «Sex sells – kills – heals» im Oktober 2024 in Bozen

Bei unserer Ankunft im Four Points Hotel in Bozen werden wir von einem Schwall asiatischer Touristengruppen begrüsst. Die Ungeduld, die sich in der letzten Stunde langsam bemerkbar gemacht hat, scheint beim Anblick des vollen Foyers des Hotels schier aus mir herauszuplatzen. Wir sind schon 15 Minuten zu spät. Eigentlich wäre diese Informationsveranstaltung zu den Basics des Matriarchats für mich nicht unbedingt nötig gewesen, aber für meine Schwester, die ich absichtlich in Unwissenheit gelassen habe, schon. Meine Schwester, meine Begleitung für die morgige Tagung «Sex Sells – Kills – Heals», soll mit ungetrübtem Ohr und unvoreingenommen an der Veranstaltung teilnehmen. Ich selbst bin zu diesem Zeitpunkt schon zu tief in die Materie eingetaucht und habe mir schon zu viele Gedanken über das Matriarchat nach Heide Göttner-Abendroth gemacht, um die Tagung völlig neutral anzugehen. Nun sind wir zu spät. Die Reise, die uns das Navi als fünfeinhalb Stunden angezeigt hat, hat doch über eine Stunde länger gedauert.

Nachdem wir mühselig eingecheckt und unser Gepäck in unser Zimmer gebracht haben, eilen wir wieder hinunter ins Foyer. Ich versuche herauszufinden, in welchem Raum die Einführungsveranstaltung stattfindet, kann aber nichts finden. Auch im Foyer nicht. Als wir bei der netten Dame, die uns zuvor bedient hat, nachfragen, deutet sie auf eine Treppe im hinteren Teil des Hotels. So hasten wir weiter die Treppe hoch und befinden uns schliesslich im ersten Stock, wo zwei Frauen, ihre Arme mit farbigen Stoffen beladen, den Gang arrangieren. Auf Nachfrage hin zeigt uns eine der beiden gerne die richtige Tür. Fünfundvierzig Minuten nachdem die Einführung begonnen hat, gesellen wir uns schliesslich mit vor Anspannung klopfenden Herzen in den Kreis der Neulinge des Matriarchats.

Danke Matriarchat

Wir bekommen noch knapp die letzten fünf Minuten der Präsentation mit, bevor die Fragerunde beginnt. Die Einführung wird von zwei Gründerinnen des Matriforums gehalten. Eine davon, Simone, habe ich bereits beim Herbstfest über Zoom Ende September kennengelernt. Da die Präsentation um die 45 Minuten gedauert hat, nehme ich an, dass sie etwa das gleiche zum Matriarchat erklärt haben wie beim Herbstfest. Die letzte Folie, die jetzt als Hintergrund für die Fragerunde fungiert, zeigt ein Zitat von Heide Göttner-Abendroth und die italienische Übersetzung dazu: «Das Matriarchat zeigt uns eine ausgeglichene, gleichberechtigte und friedliche Gesellschaft ohne Krieg und dem Gesetz der Herrschaft. Ich bin überzeugt, dass das Matriarchat für eine humane Gesellschaft gebraucht wird

Die Fragen, die an jenem Abend gestellt werden, zeigen bei den meisten eine Dankbarkeit für die Existenz von Matriarchaten aber auch eine kritische Auseinandersetzung zur Realität auf. Eine Frau fragt zum Beispiel, wie matriarchale Gesellschaften umgesetzt werden können, es sei doch utopisch. Dies entwickelt sich zu einer Leitfrage, die nicht nur meine Schwester und ich uns an dieser Tagung stellen, sondern auch von vielen anderen Besuchenden in verschiedensten Formulierungen aufgeworfen wird. Die Antwort, die an diesem Abend geliefert wird, meint, dass wir nach dem Prinzip «Kairos» gehen sollten: Der günstige Augenblick kommt, wenn der der Zeitpunkt stimmt. Obwohl die Frage nach der Utopie so eigentlich nicht beantwortet wird, wird sie genutzt, um auf die negativen Aspekte des Patriarchates, indem wir leben, nochmal aufmerksam zu machen: In unserer Gesellschaft, im Patriarchat, werde das Ego gefeiert. Im Gegensatz dazu gebe es sogar Matriarchate, in denen es kein Wort für «ich» gebe. Diese Gegenüberstellung soll aufzeigen, dass in Matriarchaten anders als in Patriarchaten die Gemeinschaft im Vordergrund stehe und nicht das Individuum.

150 Europäer*innen für das Matriarchat

Am Vorabend haben circa vierzig Leute, davon etwa zehn Männer teilgenommen. Nun, einen Tag später, um 9.00 Uhr, stehen wir in einem grossen Saal, der für etwa hundertfünfzig Leute bestuhlt wurde. Meine Schwester und ich sind eine halbe Stunde zu früh. Doch wie bei den meinsten meiner Besuchen in Gemeinschaften werden wir auch hier herzlich begrüsst und mit ehrlichem Interesse begutachtet. Als wir den Saal betreten, müssen wir feststellen, dass er noch leer ist. Schnell wollen wir ihn wieder verlassen und uns um die leeren Apérotische im Gang stellen, um nicht zu verloren auszusehen, als schon eine Frau – die andere Gründerin des Matriforums, die wir gestern gesehen haben – auf uns zukommt. Andrea stellt sich uns vor und fragt, woher wir angereist sind. Als wir sagen, dass wir aus der Schweiz kommen, führt sie uns zu einer mit Plastikfächern überzogenen Pinnwand. Diese Pinnwand, so erklärt sie, soll uns bei der Vernetzung mit anderen Menschen aus der Umgebung helfen. Wir können unsere Visitenkarten, Fragen, Anliegen, Organisationen und so weiter in das Fach bei der Schweiz einwerfen und wenn jemand ähnliche Interessen habe, so könne sich diese Person bei uns melden. Nun stehen wir also höflich lächelnd vor der noch leeren Pinnwand, bis wir Andrea schließlich zu verstehen gaben, dass wir noch schnell Bargeld für das nicht inklusive Mittagessen abheben müssen.

Pünktlich um 9.30 Uhr setzen wir uns in eine der hinteren Reihen auf unsere Plätze. Der Saal hat sich inzwischen gefüllt und fast alle hundertfünfzig Stühle sind besetzt. Ich sehe etwa dreissig Männer, zehn eher jüngere Personen zwischen zwanzig und dreissig Jahren und keine anderen «People of Color». Meine Schwester und ich scheinen die einzigen Personen zu sein, die noch einen anderen als europäischen Hintergrund aufweisen.  Auch wenn das im Moment nicht wichtig erscheinen mag, ist es dennoch eindrücklich. Darauf werde ich am Ende des Berichts kurz eingehen.

Nach den Begrüssungsworten des Teams des Matriforums wird Sigrid (Sissi) Prader vom Frauenmuseum Meran auf die Bühne gebeten. Frau Prader will darauf aufmerksam machen, dass es sich das Museum zur Aufgabe gemacht hat, historische Erzählungen, die marginalisiert sind, so wie die der Frauen, zu erweitern. Brigitte Hofer, welche als nächstes auf die Bühne gebeten wird, ist Gleichstellungsrätin im Südtirol und setzt sich für Menschen ein, die am Arbeitsplatz aufgrund ihres Geschlechts Diskriminierung erfahren. Mit den einleitenden Worten: «Wir werden ein Tabu brechen und über Sexualität sprechen» zeigt sie unweigerlich auf, dass in vielen Kreisen immer noch ein Tabu zum Thema Sexualität herrscht und gibt uns damit das Gefühl, dass unsere schiere Anwesenheit hier schon ein Akt des Widerstands oder der Offenheit ist, der den stummen Regeln der Gesellschaft entgegenwirkt. In ihrer Arbeit sei ihr aufgefallen, dass obwohl Frauen NIE Schuld an Übergriffen an ihnen sind, sie dennoch immer mit den Gefühlen von Schuld und Scham zu kämpfen haben. Der Grund dafür liege eindeutig in unserer Kultur: «Seit Adam und Eva werden Frauen die Schuld gegeben.» Wie eine Umkehrung davon aussehen könnte, zeigt nun diese Tagung auf.

Sex kills und Sex sells

Der Morgen ist ganz dem Thema «Sex sells – kills – heals» gewidmet. Bis zum Mittag gibt es drei Präsentation von Frauen, welche sich mit dem Thema auseinandersetzen. Den ersten Vortrag zum Teilbereich «Sex kills» hält Dr.in Monika Hauser. Sie ist eine Ärztin und reist in Kriegsgebiete, um Hilfezentren für Frauen zu gründet, die kriegerische sexualisierte Gewalt erlebt haben. Diese Arbeit ist wertvoll und, wie ich sagen würde, heldenhaft. Medica mondial ist heute eine Organisation, die weltweit für Frauenrechte kämpft und gegen Gewalt an Frauen eintritt. Dr.in Hauser hat ein reichhaltiges Wissen und vermittelt aus erster Hand, was Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und sexualisierte Gewalt für Auswirkungen auf die Opfer haben. Medica mondial kämpft tagtäglich mit den realen Folgen von Vergewaltigungen. Vergewaltigungen, so Hauser, seien ein strukturelles Problem. Dabei spielen patriarchale Geschlechterstrukturen eine grosse Rolle.
Diese patriarchalen Geschlechterstrukturen werden auch im nächsten Vortrag von Dott.ssa Daniela Danna nochmal aufgegriffen. Dieses Mal unter dem Teilbereich «Sex sells». Prostitution und Pornographie, so Danna, beeinflussten die Überzeugungen des männlichen Geschlechts über Frauen. Da Pornographie der Weg sei, wie sich junge Menschen mit Sexualität auseinandersetzen, würden pornographische Vorstellungen bei Männern wie auch bei Frauen sozialisiert. Pornographische Darstellungen machten Frauen zum Objekten der Begierde für Männer und vermittelten Frauen das Gefühl, dies gehöre beim Geschlechtsverkehr dazu. Diese Entwürdigung der Frau geschehe auch in der Prostitution. Pornographie und Prostitution seien somit sowohl Ursachen als auch Antrieb für die patriarchalen Geschlechterstrukturen.

Von der Pastorin bis zur Hexe

Nach diesen beiden schweren Themen werden wir in die Pause geführt, wo Kaffee und Kuchen uns erwarten. Im Gang vor dem Saal stehen Puppen in traditionellen Gewändern von verschiedenen Matriarchaten oder höheren Frauenrollen auf der Welt. Sie stehen quasi Spalier beim Treppenhaus. Diese Puppen werden auch beschrieben. Bei einer gelb angezogenen Puppe steht zum Beispiel:  

«In Juchitàn, einer Stadt im Süden Mexikos existieren bis heute jahrhundertealte matriarchale Strukturen. Die Frauen bestimmen über das wirtschaftliche Geschehen, den Handel, insbesondere den grossen Markt und sie haben als Heilerinnen spirituelle Macht. Das Wertesystem und die ökonomische Struktur basierten auf sozialem Miteinander. Die Töchter sind Erbinnen. Die Menschen leben einen offenen Umgang mit Geschlechterrollen. Akzeptiert sind ‹Musche› Männer, die sich als Frau fühlen, kleiden und in Frauenberufen arbeiten. ‹Marimachas› Frauen, die sich als Männer fühlen und als solche leben sind anerkannt. – Kleidung: gelbes Originalkleid mit gestickten Blumen aus Mexiko.»

Ich schaue mir weitere Frauenkleider an. Neben der «Mexikanerin» steht eine in schwarz gekleidete «evangelische Pastorin». Der Text zu Pastorin erklärt, dass es in Deutschland erst seit 1958 evangelische Pastorinnen gebe, und bis 1974 für sie die Ehelosigkeit gegolten habe. In der Schweiz wurden die zwei ersten evangelisch-reformierten Pfarrerinnen bereits im Jahr 1918 in Zürich ordiniert. Ehelosigkeit wurde von ihnen nicht verlangt. Allerdings wurden sie wegen des Widerstands des Zürcher Kantonsrates und sogar des Bundesgerichts ihren männlichen Kollegen erst in den 1960er Jahren völlig gleichgestellt. Auf der anderen Seite des Ganges steht eine «Businessfrau» in einer schwarz-weiss gestreiften Hose und Bluse mit Stehkragen und eines schwarzen Jacketts mit rotem Reisverschluss. Im Jackett steckt eine Ansteckblume aus roter Spitze. Dazu trägt sie rote Schuhe und einen schwarzen Hut. Ich schaue mir noch eine «Mosuo», eine «Kihnu Frau» und eine «Minangkabau» an, bevor ich mich zu meiner Schwester geselle, die in ein Gespräch mit einer Frau an einem der Bücherstände vertieft ist.

Als ich an den Bücherstand stehe, fragt mich die Verkäufern, ob ich gerne mit Edelstein Essenz eingesprüht werden möchte. Verblüfft bejahe ich und werde sogleich in eine nach Kräutern riechende Wolke eingelullt. Der Duftspray mit dem Namen «Göttin Entfessle deine Macht» und der Beschreibung «Engelalm Edelstein Essenzen für die Aura» ist online für knappe 19 Franken erhältlich. Neben diesem Spray kann man bei ihr auch Räuchermischungen für je 12.90 Euro kaufen mit Namen wie «Königin der Alpen», «Stille Nacht», «Hüterin der Wiese» oder «Meisterin des Waldes», sowie Räucherzubehör und verschiedenste Bücher. Die Hauptautorin, die sie vorstellen möchte, scheint Christa Mulack zu sein. Die von ihr dargebotenen Büchern beleuchten Frauen der Bibel aus einer matriarchalen Perspektive und weisen ihnen die Rolle der Göttin zu. Der Bücherstand wirbt zudem für verschiedene Veranstaltungen, darunter matriarchale und Hexen-Anlässe. Die Ähnlichkeiten der Hexenbewegung und der Matriarchatsforschung sind mir schon vorher aufgefallen, dieser Stand hat mir jedoch bestätigt, dass es da Verbindungen gibt. Die Hexenbewegung wurde ums Jahr 1950 von Gerald B. Gardner in England begründet und in den 1960er Jahren von Alex Sanders populär gemacht. Um 1971 begründete die in die USA emigrierte Ungarin Zsuzsanna Budapest den feministischen Zweig der Hexenbewegung, der mit der Matriarchatsbewegung noch heute eng verbunden ist.

Endlich Heide Göttner-Abendroth

Als es weiter geht, wird Heide Göttner-Abendroth begrüsst und auf die Bühne gebeten. Dabei versäumen die Matriforum-Gründerinnen, die zugleich auch ihre ehemaligen Schülerinnen sind, nicht zu erwähnen, dass Göttner-Abendroth gleich zwei Nominierungen für den Friedensnobelpreis innehabe. Schon vorher fällt mir das auf, doch jetzt wo Heide Göttner-Abendroth wirklich zu Wort kommen soll, ist es nicht mehr zu leugnen, dass unter einigen Teilnehmenden – wahrscheinlich  den erfahrenen Matriarchatsforscherinnen in diesem Saal – fast schon eine Verehrung von Heide Göttner-Abendroth stattfindet. Frau Göttner-Abendroth, ganz in Orange gekleidet, betritt die Bühne langsam und stellt sich hinter das Stehpult. Sie ist nun über 80 Jahre alt und forscht seit knapp 40 Jahren zu Matriarchaten. Natürlich steht ihr die Aufgabe zu, unter dem Teilbereich «Sex heals» zu referieren. Heide Göttner-Abendroth beginnt mit den vier Punkten des Patriarchats: 1. Männliche Repression, 2. Weibliche Schuld, 3. Prostitution und 4. Libertären Sex (damit meint sie Sexkommunen). Die ersten zwei Punkte würden der Erkennung der Vaterlinie dienen. Die Mutterlinie sei ja klar. Da die Männer Söhne für ihre Kriege wollten, Söhne, die sozusagen ihre Doppelten waren, mussten sie ihre Frauen kontrollieren. So, meint Göttner-Abendroth, beruhe die Vaterlinie also auf Gewalt. Die Punkte drei und vier dienen nicht der Vaterlinie, sondern der männlichen Lust. Dazu meint sie auch, dass «Sex» oder «Sexualität» ein patriarchaler Begriff sei. In Matriarchaten gehe es mehr um «Erotik» und es gäbe keine Vergewaltigungen. Vergewaltigungen seien in Matriarchaten schlichtweg nicht bekannt. In Matriarchaten sei die soziale Lebensform der Mutterclan. Darin lebten alle Verwandten derselben Mutterlinie. In diesen Gesellschaften werde die Besuchsehe praktiziert. So, meint Heide Göttner-Abendroth, seien die Frauen freier. Durch die Besuchsehe könnten sie ihre Liebe ausleben, wie sie möchten, blieben jedoch in der Geborgenheit des Mutterclans sicher. Erotik sei somit losgelöst von Prestige, Moral, Pflichten und Beziehungen – es gehe nur um Gefühle. Dies sei möglich, weil die Sicherheit vom Mutterclan gewährleistet werde. In Patriarchaten hingegen werde erwartet, dass zwei Personen unter dem Konzept der romantischen Liebe alles alleine regeln. Die Realität spreche jedoch eine andere Sprache als die Vorstellung. Wie realistisch diese Erwartungen sind, so Göttner-Abendroth, zeige die Scheidungsrate deutlich auf. Wie Vergewaltigungen gebe es in matriarchalen Gesellschaften auch keine Eifersucht. Frauen würden sich nicht um einen Mann streiten und bei Männern spiele Eifersucht auch keine Rolle, weil ja die Frau den Partner wählen würde.

Hier sehe ich eine Kritik an Heide Göttner-Abendroth. Denn obwohl sie hinterfragt, wie realistisch gewisse Konzepte in Patriarchaten wirklich sein können, übt sie nicht dieselbe Kritik an matriarchalen Konzepten. Die Behauptung zum Beispiel, dass Vergewaltigungen und Eifersucht in Matriarchaten nicht bekannt seien, wird sehr unhinterfragt wiedergegeben und hat mich und meine Schwester sogleich aufhorchen lassen. Viele dieser Ideale des Matriarchats werden von Matriarchatsanhängerinnen im weiteren Verlauf des Morgens und auch am Nachmittag immer wieder unhinterfragt akzeptiert.

Schwarz-Weiss ist nicht gleich Grau

Als Heide Göttner-Abendroth geendet hat, werden Dr.in Monika Hauser und Dr.in Daniela Danna für die nun folgende Podiumsdiskussion wieder auf die Bühne gebeten. Für die 40-minütige Podiumsdiskussion werden Fragen gestellt, die vorher gesammelt worden sind. Was mir bei dieser Podiumsdiskussion am meisten auffällt, ist, dass Heide Göttner-Abendroth dazu tendiert, auf Fragen mit «einfachen» Lösungen oder eindeutigen Schwarz-Weiss-Konzepten zu antworten, wobei das Patriarchat als gesetzt und immer als das Negativbeispiel und das Matriarchat als Positivbeispiel fungiert. Danna scheint bei den Antworten auf einer ähnlichen Schiene zu fahren wie Göttner-Abendroth, drückt sich jedoch vorsichtiger aus und bestimmt das Patriarchat eher als potenzielle Ursache neben anderen. Hauser dagegen liefert sehr differenzierte Antworten und ist darauf aus, dabei nicht ein Schwarz-Weiss-Denken zu vermitteln. Ein Beispiel dafür liefert gleich die erste Frage: «Wie selbstbestimmt leben Frauen in unsere Gesellschaft? Auf einer Skala von 1-10.» Hauser sollte die Frage als erstes beantworten. Diese Frage könne man so nicht homogen beantworten, meint sie. «Sagen wir, Frauen in Afghanistan wären bei der Skala bei 1, so gibt es auch in Europa, in unserer Gesellschaft Frauen, die relativ tief, ca. bei drei sind, aber natürlich auch Frauen, die bei 7 sind und sehr selbstbestimmt leben können.» Daraufhin erwidert Göttner-Abendroth jedoch eilig, dass Frauen in unserer Gesellschaft schon selbstbestimmt sein mögen, aber dass sie innerhalb eines Patriarchats selbstbestimmt seien, was die ganze Skala runterbringe. Sie schätzt deshalb ein, dass die Frauen hier höchstens auf der Stufe 3 sein könnten. Nehmen wir nun noch die Frauen in unserer Gesellschaft hinzu, die weniger selbstbestimmt leben können, wären wir auf der Skala zwischen 0 bis 3.  Danna meint dann, dass sie nicht so weit gehen würde, aber die Selbstbestimmtheit von Frauen zwischen 3 und 4 legen würde. Dabei möchte sie jedoch betonen, dass wir heute eher auf einem Rückschritt sind.

Die Sicht eines matriarchalen Mannes

Etwa eine Stunde später begeben meine Schwester und ich uns zum Hotelrestaurant, wo wir am Morgen schon gefrühstückt haben. Den grossen Strom der hungrigen Teilnehmenden haben wir dank unserer kurzen Notdurft gerade verpasst und so können wir gemütlich und ohne Anstehen unsere Teller mit dem Kürbisauflauf und dem Salat füllen. Meine Schwester führt uns an einen der einzigen Tische, wo noch zwei Plätze frei sind. Am Tisch sitzen zwei weitere eher jüngere Frauen und ein Ehepaar aus der Schweiz. Sobald wir uns vorgestellt haben und merken, dass das Ehepaar auch aus der Schweiz angereist ist, wechseln wir fröhlich in unsere natürlichere Sprache. Smalltalk bleibt dabei ein kurzer Lückenfüller, bevor wir uns dem ernsteren Thema – dem Matriarchat für Männer – widmen. Da der Ehemann einer der wenigen Männer an dieser Tagung ist, muss er wohl oder übel als Repräsentant für seine ganze Geschlechtsgruppe fungieren. Doch als meine Schwester ihn gerade hinaus fragt, wie es für ihn als Mann ist, in diesem Milieu über Männer als Sündenböcke zu hören, werden wir von seiner wohlüberlegten Antwort überrascht, die zeigt, dass er nicht nur schon länger in dieser Szene unterwegs ist, sondern auch sehr reflektiert und mit viel Güte mit dem Thema umgeht. Dies, so meint er jedoch, habe er sich über Jahre anlernen müssen: Anfangs sei es ihm natürlich schwergefallen, als Mann, der als kollektiven Teil des Problems angeschaut wurde, nicht alles persönlich zu nehmen. Er musste lernen, sich von dem Mann zu distanzieren. Nicht er persönlich war schuld, sondern die Rolle des Mannes und die patriarchalen Geschlechtervorstellungen von Mann und Frau. Davon, so wendet seine Ehefrau ein, seien ja auch Männer selbst Opfer. Patriarchale Vorstellungen vom Mann belasteten Männer mit immensen Druck. Dies zeige sich unter anderem in der hohen Selbstmordrate unter Männern sowie dem Anteil an Männern, die eine Alkoholsucht entwickelten.

Das Gespräch mit dem Ehepaar leuchtet mir ein und ich bin froh, dass die Teilnehmenden die Matriarchatstheorien sehr kritisch angehen und nicht für bares Gold hinnehmen. Das Patriarchat wird von den Matriarchatsforscherinnen zwar immer als Sündenbock hingestellt, was das Patriarchat jedoch ist, hier gehen die Gefühle und persönlichen Meinungen auseinander. Für die Matriarchatsforscherinnen ist unsere Gesellschaft als ganzes ein Patriarchat. Da unsere Gesellschaft aus Institutionen aufgebaut ist und Institutionen inhärent patriarchal sind, ist unsere Gesellschaft ein Patriarchat. Aus Gesprächen mit mehreren Teilnehmenden, auch vom Nachmittag, schließe ich, dass bei den meisten nicht die Gesellschaft als Patriarchat als Sündenbock dient. Vielmehr sind es vor allem veraltete Vorstellungen von Geschlechterrollen, die in unserer Gesellschaft – sei es bewusst oder unbewusst – nach wie vor vorherrschen.

Heide Göttner-Abendroth über das Matriarchat im Patriarchat

Am Nachmittag gibt es offene Diskussionsworkshops, deren Themen von uns selbst gewählt werden. Heide Göttner-Abendroth bietet auch einen an, den ich natürlich nutze. In den Diskussionen in der kleinen Runde merke ich, dass Heide Göttner-Abendroth nicht immer solch ein Schwarz-Weiss-Denken aufweist, wie sie es in ihren Büchern und bei ihren Vorträgen meistens tut. Im kleinen Rahmen erkennt man bald, dass viele Teilnehmende mit der Vorstellung einer Umsetzung der Matriarchate Mühe haben. Göttner-Abendroth scheint das auch wahrzunehmen und erklärt, dass es in der Realität halt so sei, dass wir in einem Patriarchat leben, aber das wir versuchen können, unsere eigenen kleinen Matriarchate zu gründen. Dabei nennt sie ein Beispiel, bei welchem mehrere alleinerziehende Mütter sich zusammengeschlossen haben – zu einem Matriclan sozusagen – um die Kindererziehung zusammen zu meistern. Sie meint, damit könne man bewusst matriarchale Muster ins Patriarchat einführen. Ein weiteres Beispiel sei die Spiritualität der Matriarchate, die man gut in das eigene Leben einführen könne. Die Göttin, welche als Repräsentantin der Macht der Frauen dient, werde von Matriarchaten in verschiedenen Formen verehrt. Dabei solle man den Zyklus der Frau, des Lebens und der Natur bewusster angehen. Denn dadurch sei man auch im Reinen und in der Balance mit sich selbst. Diese Umsetzung wurde auch am Vorabend von einigen Anhängerinnen schon vorgestellt. Die Frage nach der Realisierbarkeit scheint hier geklärt zu sein. In diesem Workshop enthüllt uns Heide Göttner-Abendroth jedoch noch eine weitere spannende Einsicht. Die Frage, die dieser vorausging, bezog sich auf die Entscheidungsfreiheit der Frauen, Mütter zu werden, da in Matriarchaten mütterliche Werte betont werden. Heide Göttner-Abendroth meint dabei, dass die Entscheidungsfreiheit ganz bei den Frauen liege. Und obwohl es keine Verhütungsmittel gebe, könnten die Frauen dennoch selbst entscheiden, ob sie ein Kind austragen wollten oder nicht. Die Methoden dazu könne sie uns jedoch nicht erklären, da sie es selbst nicht wisse. Das seien Frauengeheimnisse, die nicht mit Fremden geteilt würden.

Kann das Matriarchat mit aktuellen politischen Themen mithalten?

Schon den ganzen Tag über ist mir und meiner Schwester aufgefallen, dass LGBTQ+ Themen gemieden werden. Da jedoch freie Workshopwahl herrscht, können wir dieses Diskussionsthema ungehindert anbieten. Meine Schwester war zuvor mutig genug, dieses Thema vorzuschlagen und an die Pinnwand zu hängen. Zu unserer Überraschung jedoch finden sich viele bei uns ein. Auch alle eher jüngeren Leute haben sich entschieden, diesen Workshop zu besuchen. Unsere Frage zielte ursprünglich darauf ab, herauszufinden, wie queere Menschen in Matriarchaten erfahren werden. Wir merken jedoch schnell, dass dieses Thema für viele heisse Köpfe sorgt und kein Konsens erreicht werden kann, was gar nicht den matriarchalen Prinzipien entspricht. Die erste Frau, welche ihre Stimme erhebt, bedankt sich bei meiner Schwester und meint, dass es genau aus diesen Gründen junge Personen bei den Matriarchatsthemen brauche. Sie sei zum Teil schockiert und bis auf die Knochen erschüttert über gewisse Aussagen, die sie zum Beispiel auf Facebook von anderen Matriarchatsanhängerinnen zu diesem Thema lese. Die LGBTQ+ Thematik, dabei vor allem der Transgender-Aspekt, werde von radikalen Matriarchatsanhängerinnen abgelehnt. Die Argumentation sei dabei anscheinend, dass Transgenderfrauen keine Kinder kriegen können und deswegen die mütterlichen Werte der Frauen untergrüben und so gegen Matriarchate seien. Andere Matriarchatsanhängerinnen betonen, dass Matriarchate dieses Konzept gar nicht kennten. Dort würde es das gar nicht geben. Die letzte Aussage sorgt für einen Aufschrei vor allem bei den jüngeren Teilnehmenden. Nur weil etwas versteckt sei, heisse das nicht, dass es nicht existiere. Dieses Streitgespräch entwickelte sich jedoch bald zu einer Diskussion um die Terminologie «LGBTQ+». Die einen meinen, dass LGBTQ+ eine westliche Bewegung sei, die es in Matriarchaten nicht gebe. Wodurch die Jüngeren bald erklären müssen, dass es bei dieser Frage nicht um die Terminologie, sondern um das Konzept des sozialen Geschlechts gehe: «Wie gehen Matriarchate mit Menschen um, welche sich nicht mit der Rolle ihres biologischen Geschlechts identifizieren können, welche ein anderes soziales Geschlecht aufweisen?» Da hier vor allem jüngere gegen ältere diskutieren, verlieren wir auch viel Zeit für die Aufklärung.  Am Ende meint jemand, dass es Matriarchate gibt, wie die in Juchitàn, die mehrere Geschlechter zählen. Dies dient als differenzierte Aussage, dass es auch in Matriarchaten keine einheitliche Struktur gäbe, was mir die Augen öffnete, da Matriarchatsanhängerinnen meistens von dem Matriarchat sprechen, so wie sie von dem Patriarchat sprechen.

Der nächste Workshop, den wir besuchen, sollte darauf abzielen, wie Matriarchate in aktuellen politischen Themen einen Mehrwert geben können. Dieses Thema wurde auch von einer jüngeren Person vorgeschlagen. Doch bei diesem Thema scheinen schnell eher die älteren erfahrenen Matriarchatsanhängerinnen das Zepter in die Hand zu nehmen, welche die Rhetorik der Matriarchatsforscherinnen aufgreifen. Da es für mich keinen Mehrwert gibt, gebe ich meiner Schwester zu verstehen, dass ich den Raum verlassen will. Im Gang treffen wir die junge Person an, welche das Thema ursprünglich vorgeschlagen hat, auch sie hat sich aus dem Staub gemacht. Als wir sie sehen, fragen wir sie, ob wir wohl zu dritt zu diesem Thema sprechen wollen, worauf sie zustimmend nickt. Kurz darauf gesellt sich eine weitere eher jüngere Person zu uns, die zuvor auch dabei gewesen ist. In unserem Gespräch mit den beiden fällt mir wieder auf, dass auch sie sehr kritisch und reflektiert sind. Anders als im vorigen Gespräch mit dem Ehepaar jedoch werden in diesem Gespräch vor allem Kritikpunkte an der Matriarchatsideologie eingebracht. Einerseits, so die erste Kritik, komme die Matriarchatsforschung aus einer älteren feministischen Bewegung und würde somit auch in anderen aktuellen politischen Themen keine Berührungspunkte finden. Obwohl eine Nähe zur Natur mit der Spiritualität der Matriarchatsanhängerinnen einhergeht, wurde das Thema Klimawandel, das heute schwer zu umgehen ist, nie angesprochen. Andererseits meinen beide, dass das Matriarchat einer Utopie gleichkommen und kritisieren die Umsetzbarkeit. Obwohl sie bewundern, dass es Matriarchate gibt, erkennen sie auch, dass die Idee einer Umstürzung des Patriarchats und Einführung eines Matriarchats nur imaginativ möglich sei. Die eine der beiden scheint auch ein bisschen enttäuscht zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich wahrscheinlich ein bisschen mehr zur aktivistischen Umsetzung erhofft hat.

Ein Ideal ohne Chancen

Diese Enttäuschung und auch die Kritikpunkte kann ich nachvollziehen. Mir hat das Gespräch und die Tagung noch einmal bestätigt, dass der Dualismus von Patriarchat und Matriarchat heutzutage nicht mehr funktioniert – falls er je funktioniert hat. Nicht nur im Angesicht der neueren politisch-aktivistischen Bewegungen, sondern auch weil Patriarchate wie auch Matriarchate keine Einheit bilden können. Wenn es auf der Welt – wie die Matriarchatsforscherinnen meinen – nur wenig über 25 Matriarchate gibt, dann ist der Rest dem Patriarchat zuzuordnen. Eine Ideologie, welche die ganze restliche Welt unter ein Dach packt, führt unweigerlich zu einem Drang, sich von dieser Ideologie distanzieren zu wollen. Eine weitere Kritik, die ich geben würde, ist, dass die Matriarchatsforscherinnen uns weise machen wollen, dass unsere Kultur zeige, dass seit Adam und Eva den Frauen die Schuld gegeben wird. Dies wurde ja auch so in der Einleitung ausgesprochen. Doch ebenso, wie sie uns erklären wollen, dass das Patriarchat den Frauen für alles die Schuld gebe, so weisen sie für alles dem Patriarchat die Schuld zu. Differenzierte Meinungen, wie diejenige von Frau Hauser am Anfang der Podiumsdiskussion, werden als Folge eines verinnerlichten Patriarchats abgewinkt.

Meine Schwester, welche den ganzen Tag als Person miterlebt hat, welche keine Vorbildung im Matriarchat hat, zieht folgende Schlussfolgerung: Am Vorabend bei der Einführung zum Matriarchat sei ihr aufgefallen, wie ruhig und wohlwollend die Matriarchatsforscherinnen gesprochen hätten. Mit dieser ruhigen Stimme wollten sie wahrscheinlich das Friedvolle der Matriarchate rüberbringen. Auch wenn sie von der Idee einer Gesellschaft, in der es keinen Krieg gibt und in der man aufeinander schaut, schön finde, habe sie diese ruhige Stimme gestört, da sie einfach kein Wort verstanden habe. Dieses Schauspiel ist am nächsten Tag weitergegangen und dabei habe sich meine Schwester auch ein bisschen fremdgeschämt, als sich die Matriforum-Gründerinnen auf der Bühne umarmt haben, als wollen sie die Gutmütigkeit und Liebe des Matriarchats vorspielen. Aber meine Schwester habe sich durch diese Zurschaustellung der Liebe zueinander auch zusammenreimen können, was die Botschaft sei und was das Matriforum vermitteln wolle. Zusätzlich habe ihr Heide Göttner-Abendroths Vortrag überhaupt nicht eingeleuchtet. Erstens sei es überhaupt nicht männerfreundlich und zweitens sei dieses Ideal und die Utopie einfach nicht realistisch umsetzbar. Sie habe aber auch erkannt, dass man keine Kritik daran anbringen könne, weil man dann als vom Patriarchat «verseucht» angeschaut werde. Wahrscheinlich würde der folgende Kritikpunkt auch als Folge der Unterdrückung durch das Patriarchat interpretiert werden, aber meine Schwester liess sich von der Idee eines Matriclans nicht begeistern. Bei der Vorstellung davon würde sie sich sehr eingeschränkt fühlen. Die grösste Kritik, die sie jedoch an der Matriarchatsthematik sieht, sei dass das Matriarchat anscheinend ihre Traumwelt sei, in der LGBTQ+ Themen und das Thema Inklusion von Beeinträchtigten keinen Platz habe.  In den Worten meiner Schwester: «Es ist als würden wir Vorträge hören gehen, von Leuten, die erzählen, wie ihre Traumwelt aussehen würde.»

In dieser fehlenden Männerfreundlichkeit und in der fehlenden Aktualität dieses Ideals sehe ich auch eine grosse Chance, welche die Veranstaltenden verspielt haben. Die Tagung wurde von einigen jungen Personen besucht, davon auch Männern. Sie wäre eine Chance gewesen, mehr junge Personen, dabei auch junge Männer, die am Thema interessiert sind, ins Boot zu holen. Zusätzlich dazu, dass man als Mann in diesen Kreisen eine sehr dicke Haut haben und viel Selbstreflexion aufweisen muss, könnte der fehlende Bezug zu aktuellen politischen Themen dazu führen, dass diese jungen interessierten Männer dieser Bewegung wieder den Rücken kehren.

Kurz vor Schluss noch eine Prise Orientalismus

Des Weiteren habe ich mich während der ganzen Tagung gefragt, wieso denn keine Personen aus den erforschten Matriarchaten anwesend sind. Diese würden der Tagung als Expertinnen einen hohen Wert einräumen. Ich frage mich, ob die Gesellschaften, welche als Ideale romantisiert werden, nicht an Tagungen zum Matriarchat eingeladen werden oder wenn doch, nicht genug daran interessiert sind. Wieso könnte das sein? Während meiner Recherche zum Matriarchat ist mir aufgefallen, dass «existierende» Matriarchate im globalen Süden zwar romantisiert werden, dies aber den Orientalismus der Matriarchatsforschung aufzeigt. Ähnlich wie im Orientalismus, bei dem der «Orient» aus einer eurozentrischen Perspektive konstruiert wird, geschieht dies auch in der Matriarchatsforschung: Hier wird das «ideale Matriarchat» als ein westliches Konstrukt geformt. Im Orientalismus wird der Westen häufig als «zivilisiert» und der Orient als «mysteriös», «mystisch» oder sogar «bedrohlich» dargestellt. In der Matriarchatsforschung finden sich vergleichbare dualistische Ansätze: Der Westen wird als «patriarchalisch» und als «Herrschaftssystem» wahrgenommen, während die «existierenden» Matriarchate des globalen Südens als «spirituell» und als «Gesellschaften in Balance» idealisiert werden. Dabei spielen, wie auch im Orientalismus, ungleiche Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle. Durch diese Konstrukte wird den idealisierten Gemeinschaften oft die Selbstbestimmung genommen. Exotisierende und manchmal auch rassistische Darstellungen entstehen, die nicht nur eine romantisierte, sondern auch eine vereinfachte und verzerrte Sicht auf diese Gesellschaften fördern. Ein zentrales Problem zeigt sich daran, dass Vertreter*innen dieser Gemeinschaften, wie nun auch bei dieser Tagung, häufig nicht aktiv in den Dialog einbezogen werden. Statt einem «Sprechen mit» bleibt es bei einem «Sprechen über». Dieses Ungleichgewicht verdeutlicht, wie sehr die Matriarchatsforschung dennoch von den Machtstrukturen und Perspektiven der westlichen Welt geprägt ist.

Ein nettes Abschlusswort

Abschliessend muss ich sagen, dass ich im Großen und Ganzen positiv überrascht bin. Da ich mich mit dem Material auseinandergesetzt habe, ist es für mich keine grosse Überraschung, wie Anhänger und Anhängerinnen die Thematik angehen und vermitteln oder in ihren Worten «über die Thematik sensibilisieren». Ich bin auch nicht überrascht zu sehen, dass unter den Matriarchatsforscherinnen oder -anhängerinnen fast schon ein «Heide-Göttner-Abendroth-Kult» herrscht – diese Formulierung stammt übrigens von einer jüngeren Matriarchatsanhängerin, welche selbst die Ausbildung zur Matriarchatsforschung absolviert hat. Überrascht bin ich jedoch von den neugierigen Teilnehmenden, welche sich neu dem Thema ausgesetzt haben und mit kritischem Ohr zugehört haben. Auch wenn sie Dankbarkeit fühlen, über das Wissen, dass es Gesellschaften gibt in denen eine matriarchale Lebensweise möglich ist, so stellen sie sich dennoch Fragen über die Umsetzung und über die Aktualität des Themas.

Alysejah Huber, November 2024