Erkenntnisse zur Lebenskraft Messe 2025

Erste Erkenntnis: Das ist Ernst

Nachdem ich in der ersten halben Stunde mit Laura den Workshop von Matthias Heimberger zur Lichtarbeit und seinen 10 Energiepunkten besucht habe, realisiere ich, dass ich mental eine gewisse irrationale Haltung einnehmen muss, um die Atmosphäre der Esoterikmesse unvoreingenommen auf mich einwirken zu lassen. Matthias Heimbergers Bewegungen mit der Hand, als er Blockaden löst und Energieflüsse bei zwei Personen wiederherstellt, haben mich ganz stark an Marvels Doctor Strange erinnert. Doch anders als die Marvel-Filme nehmen sich die Personen an der Messe sehr ernst. Hier stolzieren die Schamanin Aayla und ihre Anhängerinnen in Fellen bekleidet und mit Federn beschmückt durch die Messe. Da schwebt eine Blondine im weissen Gewand und silbernem Haarschmuck herum wie ein Engel. Und dann gibt es noch eine Frau im mittleren Alter, die mit erdfarbenen Kleidern und einem grünen fast durchsichtigen Tuch um den Kopf den Raum um sich einnimmt und so tut als wäre sie irgendein Natur- oder Waldgeist. Das ist kein Cosplay. Nein, diese Frauen nehmen sich ernst. Zu ernst.

Zweite Erkenntnis: Meine Seele geht auf Reisen und ich könnte hellseherische Kräfte haben

Beim Schlendern durch die Messe fällt mir als erstes auf, dass wirklich sehr viele Stände einen auf Wissenschaft machen. So wird ein Stift verkauft, der angeblich energetische Blockaden lösen könne oder eine Matte, die durch ihre eingebauten Magnetplatten den Energiekreislauf, je nach Wunsch verlangsamen oder verschnellern könne. Auf meinem Messebummel werde ich in viele Gespräche verwickelt, die mir meine inneren Kräfte weise machen wollen. Zum einen bekomme ich bei einem Gewinnspiel eine Herzpotenzialanalyse geschenkt, die ich dann über Zoom vornehmen kann. Oder ich darf mir eine schöne Blume auslesen, ein Foto davon machen und der Schamanin Aayla auf ihr Handy schicken. Dafür würde ich dann aufgrund meiner Wahl mehr über meine Kräfte erfahren. Das Senden der Blume entpuppt sich als dummen Fehler, denn seither habe ich fast täglich Nachrichten von Aalya auf meinem Whatsapp. Werbungen für Seminare, natürlich die versprochene Botschaft meiner Blume und gestern habe ich während dem Mountainbiken einen Anruf von ihr erhalten, den ich natürlich nicht annehmen konnte, worauf sie mir wieder eine Nachricht geschickt hat. Darin steht, dass sie die Anwesenheit meiner Seele bei ihrem Erdrettungs-Ritual gespürt habe. Ob dieses Ritual wohl während meiner Mountainbike-Tour stattgefunden hat? Aber meine Seele kann nicht bei ihr gewesen sein, denn ich brauchte für die Anstrengung nicht nur Körper und Geist, sondern gewiss auch meine Seele bei mir, um keinen Unfall zu verursachen…
An einem anderen Stand zum «Kenntnisbuch» erfahre ich, dass es angeblich einen Kanal gibt, der vom Universum auf die Erde strahlt und sich durch die Erdlaufbahn immer wieder an anderen Orten befindet. Das Kenntnisbuch würde alle wichtigen Lehren des Universums, die dank des Kanals auf unserer Welt verbreitet wurden, in sich vereinen. Man müsse nur darin lesen und die Lehren würden energetisch aufgenommen werden. Am nächsten Stand, einem Stand der Göttinnen, darf ich eine Karte ziehen, die mir dann für meine Intuition helfen solle den mir bestimmten Weg zu gehen. Die Karte, die ich ziehe, zeigt eine helle Frau mit weissen Harren, deren eine Gesichtshälfte jung und deren andere alt ist, und ziemlich böse dreinschaute. Ich frage die Frau am Stand, ob dies eine böse Göttin sei. Dies verneint sie natürlich und meint es gäbe gar keine bösen Göttinnen. Diese Karte verrate ihr jedoch, dass ich für hellseherische Kräfte offen sei. Worauf sie mich fragt, ob ich denn schon hellseherische Erlebnisse hatte. Ich verneine dies, was sie sehr überrascht. «Wahrscheinlich kommen die später», meint sie dann.

Dritte Erkenntnis: Ich bin authentisch und vertrauenswürdig

Den Nachmittag widme ich ganz der Wahrsagerei. Die erste Station ist die Aurafotografie. Für 40 Schweizerfranken darf ich meine Hände auf einen Impulsmesser legen und bekomme dafür das Foto meiner Aura. Für weitere 20 Franken darf ich auch die Interpretation dieses Fotos wissen und mich beraten lassen. Meine Aura, so Reinhild Brieger, würde zeigen, dass ich ein sehr authentischer Mensch sei, dem andere Personen schnell Vertrauen schenken würden. Das Grüne in meiner Aura, ich weiss nicht ob sie damit, das Grüne um meine Mundwinkel oder das Grüne der Aura im Allgemeinen meint, würde zeigen, dass ich immer mit den richtigen Worten zum richtigen Zeitpunkt helfen könne. Dem würde ich natürlich schon zustimmen aber wer würde denn bei so einer Aussage schon sagen: «Nein, mein Rat ist meistens schlecht!» Als ich sie auf die dominanten Farben blau und grün anspreche, erfahre ich, dass der dunkelblaue Fleck an der unteren rechten Ecke königsblau sei und zeige, dass ich die schönen und edlen Dinge liebe. Darauf frage ich mich, ob ich denn eher eine oberflächliche Person sei. Aber vielleicht gibt es in dieser Hinsicht auch eine esoterische Weise, dies so zu drehen, dass es als positive Eigenschaft gewertet wird. Leider hat sie mich dann ganz schnell entlassen und mir nicht noch mehr zu den Farben erklärt.

Vierte Erkenntnis: Ich werde ein einfaches Leben haben

Als nächstes gehe ich zu einer Sinti-Wahrsagerin, die mir die Zukunft für 100 Schweizerfranken durch das Kartenlegen vorhersagen wird. Als erstes fragt sie mich, ob ich irgendein spezifisches Thema habe, das mich im Moment beschäftigen würde. Als ich ihr sage, dass ich im Moment über meine berufliche Laufbahn nachdenke, meint sie noch kaum nachdem sie angefangen hat, die ersten drei Karten zu legen, dass beim Beruf alles stabil bleiben würde. Daraufhin widerspreche ich ihr: «Nein, ich bin am Ende meines Masters, was sowieso mit einem Wechsel einherkommt. Ich habe mich erst gerade auf eine Stelle für nach dem Master beworben und warte ängstlich auf einen Entscheid.» Worauf sie gleich meint, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, dass ich einen positiven Entscheid erwarten könne. Ich sage ihr, dass sie hier mit dem Feuer spiele, weil sie mir dadurch echte Hoffnungen machen würde. Darauf wiederholt sie, dass ich mir wirklich keine Sorgen machen müsse, dass ich diese Stelle bekommen werde. Mittlerweile habe ich tatsächlich eine Antwort von der Stelle bekommen und muss leider sagen, dass es mir nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch gereicht hat. Nachdem sie mich gefragt hat, wie lange ich schon mit meinem Freund zusammen sei, sagt sie voraus, dass sie Hochzeitsglocken läuten und zwei Kinder sehe. Für meine längerfristigen Zukunft würde sie keine Schicksalsschläge sehen. Ich müsse mir also nirgends Sorgen machen, solle mich auf keinen Fall von meinen Ängsten leiten lassen und werde ein einfaches schönes Leben haben. Meine Zukunft sieht also sehr rosig aus. Was mir bei dieser Wahrsagerin vor allem auffällt, ist, dass sie die Weissagungen immer sehr nah an den Sachen lässt, die ich schon von mit preisgegeben habe und den Weissagungen einen positiven Twist gibt. Viele Informationen entlockt sie mir durch Fragen. So hat sie mich zum Beispiel gefragt, ob es eine Person in meinem Leben gebe, mit der ich sehr eng wäre. Als ich sage, vielleicht meine Schwester, meint sie gleich: «Ja, ihr habt schon viele Leben zusammen gemeistert.»

Fünfte Erkenntnis: Ich muss vielleicht meinen Freund verlassen

Bei der dritten Wahrsagerin, geht es ganz stark um Wasser und deren Symbolkraft. Um ehrlich zu sein, ganz habe ich die Methode nicht verstanden, doch die Frau am Stand meint auch, dass sie Zeit bräuchte, um die Methode umgehend zu erklären. Jedenfalls kann ich bei ihr mein Seelenbild für 40 Franken bestimmen lassen. Dafür muss ich ihr meine Vornamen und mein Geburtsdatum nennen und eine Karte von ihrem Kartenset ziehen. Die Karte zeigt den Titel «weibliche Kraft» und führte in drei Abschnitten auf, wozu die weibliche Kraft wichtig sei. Die Wahrsagerin meint, dass ich eine Person sei, die wahrscheinlich oft bei Menschen anstosse, da ich sie gerne mit unangenehmen Meinungen konfrontiere. Also ganz anders als meine Aura vorhin gezeigt hat. Des Weiteren meint sie, dass ich eine Einzelgängerin sei, die viel Zeit für sich brauche, und dass ich vor allem von meiner männlichen Energie Gebrauch machen würde. Deswegen könne ich es wahrscheinlich gut mit dem männlichen Geschlecht und sie sehe bei mir auch eher Söhne als Töchter. Da ich eine Person bin, die vergleichsweise eher spät mit Männern zu tun hatte und vor allem seit meiner Kindheit eher unsicher war gegenüber Jungs und mich auch in meinen Jugendjahren schwer tat mit «Typen» in Kontakt zu kommen, muss ich dieser Aussage von ihr klar widersprechen. Als sie weiter den Namen und das Geburtsdatum meines Freundes erfährt, meint sie, dass ich für ihn sehr gut sei, dass die Beziehung für ihn auch sehr gut sei und dass seine Zukunft durch diese Beziehung auch sehr gut sei. Daraufhin frage ich sie, wie es denn für mich aussehe und sie meint, dass es vielleicht noch einen interessanteren Mann für mich geben könnte und will wissen, ob mir den jemand in den Sinn kommen würde. Ich verneine und sage, dass das Eingehen einer Beziehung für mich auch viel mit der bewussten Entscheidung für diese bestimmte Person einhergehe. Worauf sie fragt, ob er denn gut aussehen würde. Als wäre dies das einzige Kriterium, wieso ich mich für ihn entschieden habe und nicht offen wäre für einen «interessanteren» Mann.

Sechste Erkenntnis: Lebenskraft habe ich an der Messe keine bekommen

Nach diesen drei Wahrsagerinnen, die mich über 10 bis 20 Minuten unablässig mit Informationen über mich zugeballert haben, komme ich todmüde an das Ende der Messe. Nach der dritten Wahrsagerin merke ich, dass ich keine Kapazitäten habe noch irgendetwas in mein Gehirn aufzunehmen. Anders als ich erwartet habe, gehe ich nicht mit neuer Lebensenergie, Lebenskraft oder neuen Erkenntnissen nach Hause, sondern völlig ausgelaugt und müde. Auch die energetischen Wirkungen, die sich laut Aussagen verschiedener Anbieter wahrscheinlich in den nächsten Tagen zeigen werden, bleiben fern. Fazit des Tages: Lebenskraft bekomme ich nicht durch Esoterik. Wichtig finde ich hier anzumerken, dass diese zwei letzten Wahrsagerinnen durch ihre Praxis Menschen stark beeinflussen könnten, wäre ich eine richtige Gläubige, hätte mich der widersprüchliche Entscheid der Stelle dazu getrieben nochmal mit der gleichen Wahrsagerin in Kontakt zu treten und eine weitere Séance zu buchen, um mehr Klarheit zu bekommen. Hier sieht man das Suchtpotenzial, das solche Wahrsager-Praktiken bergen. Gleichzeitig hätte ich auch durch die Wahrsagerin, die mir von einem «interessanteren» Mann erzählt hat, dazu verführt werden können, dass ich meinen Freund verlasse. Dies zeigt, welche enorme Verantwortung Wahrsager:innen eigentlich haben, und dieser sollen sie sich bewusst sein.

Alysejah Huber, 08. April 2025