Das Individuum muss sterben
Die Organische Christus-Generation (OCG) in Walzenhausen wurde 1984 unter dem Namen «Obadja» von Ivo Sasek gegründet. 1999 wurde die Gemeinschaft auf OCG umbenannt und sie wird noch heute von Sasek geführt. Ivo Sasek hat mit seiner Frau Anni Sasek elf Kinder, die in der Gemeinschaft aufgewachsen sind. Drei ihrer Söhne sind aus der OCG ausgetreten, die anderen mittlerweile erwachsenen Kinder sind, soweit bekannt, noch immer radikale Verfechter*innen des Gedankenguts der OCG. Die OCG versteht sich als Organismus, oder Körper, der aus vielen Organen besteht. Die Gemeinschaft steht also im Zentrum, das Individuum wird nebensächlich. Der kollektive Organismus werde von einer höheren Kraft Gottes gelebt und angetrieben. Ziel sei es, diese göttliche Energie immer auf möglichst hohem Niveau zu halten. Gewisse Gedanken und Meinungen würden die höhere Kraft herunterreissen und seien deshalb zu unterlassen. Um also in Harmonie mit der göttlichen Führung zu leben, dürfen sich die Mitglieder nur mit dem vorgeschriebenen Gedankengut der OCG befassen und müssen ihre Individualität dem Kollektiv unterordnen.
Heute verzeichnet die Gemeinschaft noch ca. 2000 Mitglieder. Doch durch zahlreiche Organisationen und Projekte der OCG erreichen Saseks Weltanschauungen und Lehren ein Millionenpublikum. An erster Stelle steht die hauseigene Medienplattform «kla.TV», deren Produktionen teils über 6 Millionen Aufrufe verzeichnen können.
Kla.TV in aller Welt
Kla.TV dient fast ausschliesslich der Verbreitung von Verschwörungstheorien und richtet sich, laut einer ehemaligen Mitarbeiterin, nach der Devise: Hauptsache Widerspruch zu den Massenmedien.
Laut dem ausgestiegenen Sohn Simon Sasek hat sich Ivo Sasek in den letzten Jahren zunehmend radikalisiert und sich auf immer mehr Verschwörungen eingelassen. Seine Tochter und treue Anhängerin Lois Sasek ist die Produktionsleiterin von kla.TV, und auch alle anderen höheren Positionen von kla.TV werden von OCG-Mitgliedern besetzt. Die Fernsehproduktion ist aber auch auf aussenstehende Mitarbeitende angewiesen. Immerhin wurden nach eigener Aussage schon mehr als 20’000 «enthüllende» Sendungen produziert, die teils in 80 verschiedenen Sprachen von über 100 kla.TV-Studios weltweit ausgestrahlt wurden. Alle Mitarbeitenden des Fernsehsenders arbeiten unentgeltlich. Lois Sasek moderiert viele Sendungen und findet, unabhängig vom Thema, immer einen Weg, ihren Vater ins positive Licht zu rücken und ihn als wahrheitsliebenden Helden darzustellen.
Einordnung der «Satanic Panic»
Lois’ persönliches Spezialgebiet ist die «Satanistische Blutsekte». Sie sei überzeugt, dass im Untergrund eine gut organisierte und vernetzte satanistische Sekte herrsche, welche Opferrituale durchführe. Die Täter*innen dieser Sekte seien aus der oberen, reichen Gesellschaftsschicht und hätten deshalb die Mittel ihre Machenschaften zu vertuschen. Zu den Satanisten gehören also laut Lois die Chefetagen der Medien, der Polizei und der Gerichte, aber auch einflussreiche Einzelpersonen. Die Mitglieder der Sekte würden willkürliche Menschen, vor allem Kinder, auf jede erdenkliche Art missbrauchen, foltern und töten.
Lois ist nicht die erste, die an eine solche Verschwörungstheorie glaubt. Schon in den 80er Jahren zog die sogenannte «Satanic Panic» durch die USA. In der Schweiz gelangte das Thema 2021 durch eine SRF-Doku wieder in die öffentliche Aufmerksamkeit. Der SRF-Reporter Robin Rehmann deckte auf, wie stark der Glaube an einen satanischen Zirkel in der Schweiz verbreitet ist. Es stellte sich heraus, dass die Trauma-Station einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie einen «Satanic Panic Hotspot» bildete. Sogar der Oberarzt dieser Abteilung glaubte an die Verschwörungstheorie und seine Patient*innen bekamen das zu spüren. Betroffene glauben sich durch suggestive Therapien an satanistische Rituale zu erinnern, die sie in Wirklichkeit nie erlebt haben. Dieses Phänomen wird «False Memory Syndrome» genannt.
Natürlich braucht es eine Abgrenzung: Missbrauch, auch aus religiösen Motiven, ist real. Es gibt viele Opfer, die mit schwerwiegenden Folgen leben müssen. Sie müssen gehört werden, und ihnen muss professionelle Hilfe zustehen. Doch die Geschichte von Gräueltaten eines im Untergrund operierenden Zirkels an Satanisten, mit weltweiter Vernetzung ist schlichtweg eine Erfindung. Opfer von echter Gewalt werden instrumentalisiert, um eine Verschwörungstheorie zu stützen.
Quellenarbeit à la kla.TV
Aber Lois Sasek lässt sich nicht von den «Massenmedien» täuschen und produziert selbst drei «Dokumentationen», die die Existenz der «Blutsekte» beweisen sollen. Ihre Argumente sollen von Opfer- und Zeugenaussagen getragen und bestärkt werden.
Kla.TV blendet viele verschiedene Menschen ein, die von systematischer, ritueller Gewalt betroffen sein sollen. Die Quellen bestehen vor allem aus YouTube-Videos, hochgeladen von ominösen Channels. Die Videos wurden vollständig aus dem Kontext gerissen. Darunter sind beispielsweise Aufnahmen von alten Fernsehsendungen, die wegen Falschinformationen längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen worden sind. Auch die verlinkten Webseiten lassen zu wünschen übrig: Teils wird auf eigene kla.TV Produktionen verwiesen, und auch die Webseite des Verschwörungstheoretikers Guido Grandt wird mehrmals verlinkt.
Als steiler Einstieg wird das virale Video des «Hampstead Hoax» eingeblendet. Zwei kleine Kinder berichten extrem explizit, welchen sexuellen Missbräuchen sie ausgesetzt waren und, dass sie das Blut geschlachteter Babys trinken mussten. Als Täter nennen sie ihren Vater, mehrere Lehrpersonen und Eltern ihrer Mitschüler*innen. Nach polizeilichen Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Kinder von ihrer Mutter manipuliert worden waren, um ihren Vater zu diffamieren. So wollte sich die Mutter das Sorgerecht sichern. Der Vorfall hatte nicht nur für die Kinder schlimme Folgen. Die fälschlich beschuldigten Lehrpersonen und Eltern wurden in die Öffentlichkeit gerissen und werden von vielen Menschen im Internet noch immer als Täter*innen beschuldigt.
Lois unterstreicht ihre Aussagen damit, dass sogar medizinische Berichte vorliegen würden, die den Missbrauch an den Kindern bestätigen. Im Quellenverzeichnis klicke ich den Link unter «Medizinischer Bericht über Missbrauchsschäden an den Kindern von Hampstead» an. Ich lande auf «Dailymotion» und ein wackliges, kleinformatiges Video wird gestartet. Die elfminütige Aufnahme zeigt das Abfilmen eines langen Dokuments, das auf einem Computer durchgescrollt wird. Es ist ein Bericht, der vom Krankenhaus stammen soll. Eine körperliche Untersuchung der beiden Kinder wird genau dokumentiert. Kaum entzifferbares Fazit: Die Möglichkeit eines sexuellen Missbrauchs könne nicht ausgeschlossen werden.
«Dailymotion» ist eine Videoplattform, auf welcher Videos hochgeladen und angeschaut werden können. Das Hochladen und das Anschauen stehen allen Menschen zur Verfügung. In meinem Fall wurde das Video von «News @RolandaWorthington» veröffentlicht. Wer oder was hinter diesem Namen steht, ist nirgends zu finden. «Rolanda Worthington» scheint jedoch ein breites Interessenfeld zu besitzen: Unter anderem wurden ein einminütiges Video von 9/11, ein «Jesus Is Coming Again» Song, eine Audioaufnahme über das Dominieren der Hexen über die USA und ein Video mit Übersetzung in die Gebärdensprache über die Forderungen der Pride 2012 in Rom veröffentlicht. Wäre kla.TV bezüglich Recherchen also konsequent, so sollten sie die Forderungen einer Pride genauso ernst nehmen, wie das Video der angeblichen medizinischen Berichte.
Nicht nur die Quellen sind nicht vertrauenswürdig: Als Experteneinschätzung wird ein Videoausschnitt des ehemaligen CIA-Mitarbeiter und Verschwörungstheoretiker Robert David Steele abgespielt. Er behauptet, dass pädophile Akte und Kindestötungen als Aufnahmeritual für ein Aufsteigen in höhere Kreise der Macht dienen. Es braucht nur zwei Minuten Recherche, um herauszufinden, dass sich Steele in zahlreiche, problematische Verschwörungstheorien verstrickt hatte. Er bezeichnete den Holocaust als konstruierten Mythos und war Corona-Leugner. Ironischerweise verstarb er 2021 an COVID-19.
Lois nennt weitere Fälle angeblicher ritueller Gewalt. Skandale, Verbrechen und Gewalttaten werden neu aufgebrüht und mit Mutmassungen, Andeutungen, Verdrehungen und Lügen angereichert.
OCG oder «Blutsekte»?
Lois erklärt: «Es ist bezeichnend, dass die Medien bei absolut harmlosen christlichen Gruppen darauf herumhacken, wenn diese mit Aussteigern, also von Gott Abgefallenen, lediglich keinen Kontakt mehr möchten.» Bei der «Blutsekte» hingegen würden Aussteiger*innen gefoltert und getötet.
Es erstaunt mich, dass sie selbst einen solch direkten Vergleich zwischen der OCG und der «Blutsekte» zieht. Mit dieser Aussage stellt sie die Ausstiegserfahrung aus der OCG mit erfundenen Qualen gleich. Dadurch spricht sie den ehemaligen OCG-Mitgliedern jegliches Leid ab und verharmlost das Zerbrechen vieler Familien.
Auch interessant ist die Aussage von Lois, sie empfehle den Zuschauenden, die Quellen nicht eingehend zu studieren, denn es sei einfach nur grausam. Aber das Video solle unbedingt an alle Kontakte weitergeleitet werden.
Sie beendet ihre Sendung mit einem Aufruf, das Thema der «Blutsekte» zu verbreiten. Die Zuschauenden sollen hinsehen und so die Opfer stärken und Kinder schützen.
Heute gibt die OCG nicht mehr offen zu, dass von OCG-Eltern verlangt wird, ihre Kinder mit Rutenschlägen zu züchtigen. Auf der Webseite ihres hauseigenen «Elaion-Verlages» finde ich aber im Buch «Erziehe mit Vision!» von Ivo Sasek folgende Stelle: «Sind sie (die Kinder) aber widerspenstig und böse oder entgegen der Ermahnung wild, unbändig und übermütig, so schone deine Rute nicht. Du gibst ihnen zwei, drei zünftige Streiche hinten drauf und schon ist der Wille wieder gereinigt, die Kammern des Leibes geputzt und die Narrheit vom Herzen des Knaben entfernt.»
Simon Sasek, der Älteste der Sasek-Kinder und der erste Sasek-Aussteiger aus der OCG, berichtet von grausamen Fällen häuslicher Gewalt, die ihm von seiner Familie angetan wurden. Durch Schläge hätten sie den Teufel aus ihm austreiben wollen. Nur durch Unterwürfigkeit gegenüber seinem Vater konnte er der physischen und psychischen Gewalt entgehen. Ich befinde es als ironisch, dass die OCG das Wort «Kinderschutz» überhaupt in den Mund nimmt.
Mit ausschlaggebend für Simons Austritt aus der OCG waren die Veröffentlichungen von kla.TV. Die Ausstrahlung einer Sendung, in der bewiesen werden sollte, dass die Challenger-Katastrophe von der NASA inszeniert worden sei, und die Verbreitung der Flachen-Erde-Theorie hätten bei Simon Sasek das Fass zum Überlaufen gebracht. Er habe durch eigene Recherchen gewusst, dass kla.TV Unwahrheiten und Verschwörungstheorien verbreiten würde. Ihm wurde bewusst, dass Ivo Sasek viele Sendungen nicht aus Überzeugung produzieren liess, sondern nur auf Likes und Aufrufe aus war. Simon hat keinen Kontakt mehr zu seinen Familienmitgliedern in der OCG und lebt heute als juristischer Mitarbeiter mit seiner Familie ein neues Leben.
Lou Büchler, 1. September 2025