Nihilismus
Im Lateinischen steht «nihil» für «nichts».
Einige Aspekte des Nihilismus stammen aus der antiken Philosophie. Ins kollektive Bewusstsein traten die nihilistischen Ideen jedoch erst mit der Entwicklung der Wissenschaft und der damit einhergehenden Abkehr von der Religion. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelten sich die Ideen besonders in Russland und Deutschland durch Iwan Turgenjew, Friedrich Heinrich Jacobi und Friedrich Nietzsche. Von letzterem stammte das berühmte nihilistische Zitat: «Gott ist tot». Hier wird sich nicht auf einen physischen Tod bezogen, sondern den Glauben an eine göttliche Ordnung als Fundament für gesellschaftliche Moral.
Klassische Romane wie «Der Fremde» von Albert Camus, «Der Steppenwolf» von Hermann Hesse, «Der Seewolf» von Jack London und «Schuld und Sühne» von Fjodor Dostojewski verbreiteten nihilistische Ideen in der Popkultur. Ereignisse wie die Industrialisierung, die Weltkriege und die Covid-19 Pandemie brachten viele Menschen immer wieder in nihilistisches Denken. Mit sinkenden Mitgliederzahlen in Kirchen und dem Eindruck von Hoffnungslosigkeit durch den Klimawandel setzten sich vor allem junge Menschen mit dem Nihilismus auseinander.
Dem Nihilismus nach ist Leben sinnlos. Moralische Werte seien grundlos und Wissen unmöglich. Nihilistisch eingestellte Personen hassen das Leben deswegen nicht, sie lehnen nur den Glauben an objektive Werte, Sinn und Moral ab.
Nihilistisch eingestellte Personen interpretieren die Philosophie verschieden. Trotz individueller Unterschiede ist davon auszugehen, dass alle nihilistisch eingestellten Personen ihre Überzeugungen nicht als objektiv akzeptieren würden. Es gibt verschiedene Umgangsweisen für Personen, die mit Nihilismus konfrontiert wurden. Die Gängigsten sind: (1) Psychische Krise, (2) positiver Nihilismus und kosmische Gelassenheit, (3) Existenzialismus, (4) Absurdismus, (5) Hedonismus und (6) Flucht in die Religion.
- Eine der häufigsten Reaktionen auf Nihilismus sind psychische Krisen. Wenn das Leben keinen Sinn hat, entstehen Antriebslosigkeit. Wenn «nichts einen Sinn hat», wozu sollte man sich dann überhaupt bemühen? Auch entsteht existenzielle Angst, da es keine höhere Ordnung gäbe, sowie ein Werteverfall. Gegner des Nihilismus argumentieren, Menschen mit nihilistischen Ansichten würden einfach nur Symptome einer Depression aufweisen.
- Positiver oder optimistischer Nihilismus wurde durch das Internet insbesondere durch den Channel «Kurzgesagt» populär. Die Ideen des Nihilismus werden angenommen und als Befreiung von allen Zwängen, Erwartungen und Regeln gesehen. Ähnlich ist die kosmische Gelassenheit, bei der Anhängende quasi «einen Schritt zurück gehen» um sich selbst in Perspektive mit dem Rest der Welt zu setzen. Sie nehmen sich selbst nicht mehr so wichtig.
- Existenzialismus ist (nach dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre) eine Möglichkeit den Nihilismus zu überwinden. Auch hier wird an die Sinnlosigkeit des Lebens geglaubt, doch mit der Erweiterung, dass man selbst dem eigenen Leben einen Sinn gibt.
- Absurdismus (nach dem französischen Philosophen Albert Camus) erkennt ebenfalls an, dass das Leben keinen objektiven Sinn hat. Die menschliche Suche nach einem Sinn in der sinnlosen Welt gilt hier als «absurder» Konflikt. Absurdistisch eingestellte Personen nehmen die Sinnlosigkeit an und leben trotzdem ein leidenschaftliches Leben.
- Hedonismus charakterisiert sich durch die Maximierung von Lust und Vermeidung von Schmerz. Anhängende gehen davon aus, dass wenn alles egal ist, man das Leben einfach bestmöglich geniessen sollte.
- Die Flucht in die Religion kann reaktionär erfolgen. In diesem Fall fungieren religiöse Gemeinschaften mit ihren Dogmen instinktiv als Anker im tosenden Meer der Sinnlosigkeit. Einige wählen Religion auch bewusst als Umgang mit dem Nihilismus. Beispielsweise im Sinne des christlichen Existenzialismus nach dem dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, wo Gott als zentraler Sinnstifter integriert wird.
Realismus postuliert eine objektive Wirklichkeit, der Nihilismus bestreitet das diese Wirklichkeit eine Bedeutung oder Wahrheit hat.
Pessimismus ist eine emotionale Haltung, die das Leben als aussichtlos betrachtet. Der Nihilismus unternimmt keinerlei Wertung.
Atheismus verneint die Existenz Gottes oder übernatürlicher Kräfte, Anhängende können jedoch durchaus Sinn in ihrem Leben finden.
Zynismus ist eine abwertende Haltung gegenüber gesellschaftlichen Konventionen und Moral. Nihilismus verhöhnt Werte nicht, sondern verneint ihre Existenz.
Materialismus sieht Materie als einzige Realität und glaubt daher an wissenschaftliche Erklärungen. Anhängende des Materialismus können also Sinn in irdischen Dingen finden.
Der Philosoph Alan Pratt beschreibt Nihilismus als radikale Form des Pessimismus: «Ein wahrer Nihilist glaubt an nichts, hat keine Loyalitäten und keinen Zweck, ausser vielleicht einem Drang zur Zerstörung.» Die Journalistin Elle Reeve bringt in ihrem Buch «Black Pill» Nihilismus online mit der Überzeugung in Verbindung, dass die Gesellschaft bereits verloren sei. So würden hoffnungslose Menschen sich online gegenseitig immer tiefer radikalisieren.
2025 wurde ein Jugendlicher im US-Bundesstaat Oregon festgenommen. Er sollte einen Amoklauf geplant haben. Das FBI gab an, der Jugendliche hätte einer «nihilistisch-gewaltbereiten extremistischen Ideologie» angehangen. Im gleichen Jahr soll es in Kalifornien einen ähnlichen Fall gegeben haben.
Eine vom Nihilismus ausgelöste psychische Krise kann Personen anfälliger für die Verführung problematischer religiöser Gruppierungen oder Sekten machen.
Eine Onlinebewegung, die primär in den USA für Gewalttaten bekannt ist, arbeitet mit nihilistischer Rhetorik. Mitglieder dieser Gruppe bezeichnen sich als «Incels», Männer die unfreiwillig im Zölibat leben. Die Szene ist charakterisiert durch Hass auf die Mitglieder selbst, Frauen, attraktivere Männer und die Gesellschaft. Incels sehen sich selbst als «zu hässlich» um jemals eine Beziehung oder Sex mit einer Frau haben zu können. So gibt es objektifizierende Bezeichnungen für Frauen wie «Löcher». Gewaltfantasien und Vergewaltigungsdrohungen treten häufig auf. Viele Mitglieder der Szene verbringen einen Grossteil ihrer Freizeit online und erleben Belastendes wie Arbeitslosigkeit oder Rassismus. Der Austausch ihrer Erfahrungen online artet in ein darwinistisches Weltbild und rechte Ideologie aus. Sie sehen sich und Männer allgemein als marginalisierteste Gruppe der Gesellschaft. In Deutschland beschäftigt sich das Bundesamt für Verfassungsschutz bereits mit der Incel-Subkultur. 2020 trat das erste Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit Incels in der Schweiz auf. Ein 27-jähriger Mann in Amriswil fuhr zwei Teenagerinnen auf dem Rückweg von der Schule mit dem Auto an. Sie überlebten und er wurde festgenommen. Laut Fedpol wurden weltweit seit 2014 über 50 Menschen bei Anschlägen von Incels getötet.
Stand Februar 2026:
Auf TikTok gibt es über 24,000 Beiträge unter #nihilism.
Einer der grössten Orte für nihilistischen Austausch ist der englischsprachige Subreddit r/nihilism mit fast 40,000 Personen.