Alchemie
Unter Alchemie stellen sich viele Menschen eine Art geheimes, schummriges Labor im Mittelalter vor, in dem ein Zauberer mit langem weissen Bart versucht, Blei in Gold zu verwandeln. Doch bis zum 18. Jahrhundert wurde die Alchemie als Wissenschaft akzeptiert und als gleichbedeutend mit Chemie gesehen. Der deutsche Chemiker Helmut Gebelein erklärt in Alchemie – Die Magie des Stofflichen: «Der Schwerpunkt der Alchemie lag auf der Untersuchung von Prozessen des Werdens und Wachsens. Die Chemie untersucht die Stoffe, die Strukturen und Reaktionen von Atomen und Molekülen bilden den Untersuchungsgegenstand. So ist der Unterschied heute sichtbar.» Die Alchemie hat die Natur nicht einfach nur auseinandergenommen, um sie zu verstehen, sondern mit ihr zusammengearbeitet. Im Gegensatz dazu sieht die Chemie legt den Schwerpunkt auf Analyse und Zerlegung. Die Alchemie sei «ganzheitlicher» gewesen.
Diese Ganzheitlichkeit, nach der «alles eins ist», nennt sich Monismus und ist die theoretische Grundlage der Alchemie. Symbolisch dafür steht der Ouroboros, die Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst. Der Urstoff, aus dem alles besteht, wird Materia Prima, Samen, Chaos oder universelle Substanz genannt. Mensch wird als Mikrokosmos im Makrokosmos verstanden, als Teil des Ganzen. Gleichgewicht müsse gewährleistet werden. Ein zentrales Konzept sind dabei auch die vier Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Erde), die ursprünglich aus der griechischen Naturphilosophie stammen. So sollte beispielsweise als Gegenleistung für «unnatürlichen» Bergbau an der Erde ein Opfer dargebracht werden. Und wenn Gold im Labor hergestellt würde, müsse das Gefäss dafür an die Form einer Gebärmutter erinnern. Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn sowieso alles eins ist, dann kann aus jeder Sache auch alles werden. Im Gegensatz zum restlichen Abendland glaubten Alchemiepraktizierende deswegen auch an die Seelenwanderung und Wiedergeburt.
Das bekannteste Ziel der Alchemie war die Herstellung des «Stein der Weisen». Dieser sollte als Katalysator dienen, um Metalle in Gold zu verwandeln. Gold war einerseits wegen seines materiellen Wertes allseits beliebt. Andererseits schätzte die Alchemie es, weil es zu gleichen Teilen aus Sal, Merkur und Sulfur bestand und so als vollkommenstes Metall galt. Sulfur (Schwefel) sollte dem Gold die Farbe geben, Mercurius (Quecksilber) den Glanz und Sal (Salz) die Härte. Der Stein der Weisen soll auch sämtliche körperliche Leiden heilen können. Da alles als Einheit gesehen wurde, unterschied die Alchemie auch nicht zwischen belebter und unbelebter Natur. Daher stammte die Idee des Homunkulus, des im Labor hergestellten Menschen.
Neben diesen Grundannahmen ist die Alchemie noch beeinflusst durch die hermetischen Gesetze. Der berühmte Satz «Wie oben, so unten; wie unten, so oben» wird Hermes Trismegistos zugeschrieben und ist eine Analogie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Für die Alchemie bedeutete das: Vorgänge im Labor sind Spiegel kosmischer Prozesse. Die Verwandlung von Metallen ist nicht nur chemisch gedacht, sondern zugleich seelisch und geistig. In einem Weltbild, in dem «Wie oben, so unten; Wie unten, so oben.» gilt, kann die Seele unsterblich sein. Da die Atome des Körpers niemals vergehen, sondern nur in neuer Anordnung in Erscheinung treten, muss dies auch für Seelen gelten. Zusätzlich ist nach den hermetischen Gesetzen auch alles «geistig». Die Alchemie weist zudem auch Parallelen zur jüdischen Mystik, insbesondere der Kabbala, auf.
Alchemie hat auch einen astrologischen Aspekt: Metalle sind Himmelskörpern zugeordnet, Gold der Sonne, Silber dem Mond, Eisen dem Mars etc. Die Astrologie erweitert diese Zusammenhänge noch auf Tierkreiszeichen, Jahreszeiten, Elemente, Farben, Windrichtungen, Aggregatzustände, körperliche Säfte, Organe und Weiteres.
Man glaubte, die Alchemie gäbe es schon so lange, wie die Menschheit selbst. Das Wissen der Menschheit soll vor der Sintflut umfangreicher gewesen sein, da es direkt von Gott an Adam übergeben wurde. Alles, was nach der Sintflut noch davon übrig war, soll sich in der Alchemie befunden haben. Zumindest war man bis ins 18. Jahrhundert davon überzeugt. Trotzdem gilt Hermes Trismegistos als Begründer der Alchemie. Er ist jedoch eher eine Identifikationsfigur, die später zum symbolischen «Schutzpatron» der Geheimwissenschaften wurde. Hermes Trismegistos «Der dreimal grosse Hermes» könnte auch ein Ehrentitel gewesen sein, den mehrere Personen in der Geschichte getragen haben.
Soweit der Mythos, in Wahrheit entsprang die Alchemie in den ersten Jahrhunderten nach Christus in Alexandria, dem damaligen wichtigsten wissenschaftlichen Zentrum der Welt. Dort trafen viele kulturelle und religiöse Strömungen aufeinander: ägyptische, griechische, syrische, persische, jüdische, römische, christliche und gnostische. So wurde auch Hermes Trismegistos aus verschiedenen Gottheiten fusioniert: dem ägyptischen Gott Thot und dem griechischen Gott Hermes. Maria Prophetissa, auch genannt Maria die Jüdin, gilt als die Begründerin der praktischen Alchemie. Sie war damals in Alexandria die Erfinderin verschiedener Vorrichtungen zum regulierten Erhitzen von Substanzen. Die legendäre Bibliothek von Alexandria soll zahlreiche alchemistische Schriften besessen haben, die im Brand verloren gingen.
Im arabisch-islamischen Kontext reifte die Alchemie, insbesondere unter Jābir ibn Hayyān. Theoretische Grundlagen der Metallverwandlung und die Suche nach dem Stein der Weisen begannen hier. Alchemisten wie al-Razi führten empirische Untersuchungen und Klassifizierungen (wie fest, flüssig, gasförmig) ein, die noch heute relevant sind.
Im Mittelalter wurde Alchemie innerhalb religiöser Institutionen durchgeführt, beispielsweise von Franziskanermönchen wie Roger Bacon. Auch das Vorbild für Goethes «Faust», Johann Georg Faust, soll im Jahr 1480 geboren sein.
Ihre Hochzeit erlebte die Alchemie während der Renaissance. Fürsten und Könige unterhielten eigene Labore am Hofe. Auch der berühmte Nicolas Flamel lebte zu dieser Zeit. Um den Franzosen rankte die Legende, er hätte den Stein der Weisen wirklich gefunden. Sogar Königin Elisabeth die I. besass einen Hofastrologen namens John Dee. Dieser versuchte Wissenschaft mit Engelsgesprächen zu verbinden. Und als Johann Friedrich Böttger für August den Starken eigentlich Gold herstellen wollte, erfand er 1708 das europäische Hartporzellan, auch genannt: Weisses Gold.
Durch wissenschaftlichen Fortschritt wurde im 18. Jahrhundert klar, dass Chrysopoeia (Transmutation in Gold) physikalisch unmöglich ist. Damit verlor die Alchemie ihre Glaubwürdigkeit schnell.
Ab dem 20. Jahrhundert interpretierten Forschende wie Carl Gustav Jung die Alchemie zunehmend psychologisch. Rudolf Steiner griff das Konzept zur seelischen Entwicklung der Alchemie in der Anthroposophie auf. Steiner verstand Materie ebenfalls als verdichteten Geist und sprach von Entwicklungsstufen des Bewusstseins.
Die künstliche Goldherstellung ist heute tatsächlich im Teilchenbeschleuniger möglich. Doch der Prozess ist um ein vielfaches teurer als natürlich gefördertes Gold.
In der Alchemie können alle Medien auf mehreren Ebenen interpretiert werden, meist dreifach. Je nach Art des Textes/Bildes/etc. kann erstens, buchstäblich/wörtlich interpretiert werden. Die Alchemie sieht das symbolisch als körperlich. Zweitens, kann moralisch/nach Sinn interpretiert werden, seelisch nach der Alchemie. Und die dritte mögliche Interpretation ist die mystische oder spirituelle, geistlich in der Alchemie. Anhand des Gedichts «The Sick Rose/Die kranke Rose» von dem englischen Dichter William Blake (1757-1827), der oft hermetische Lehren in seinen Werken verarbeitete, soll dies demonstriert werden.
The Sick Rose
O rose, thou art sick!
The invisible worm
That flies in the night,
In the howling storm,
Has found out thy bed
Of crimson joy,
And his dark secret love
Does thy life destroy.
Die Kranke Rose
O Rose, bist du krank!
Der unsichtbare Wurm,
Der die Nacht durchfliegt
Im heulenden Sturm,
Fand dein Bett
Purpurner Freude,
Heimlichen Liebe
Fällt dein Leben zur Beute.
Auf der ersten (buchstäblichen) Ebene ist das Gedicht eine dramatisierte Naturbeobachtung. Eine Rose wird von einem Parasiten (Wurm) befallen. Der Wurm ist unsichtbar, da er nachtaktiv oder innerhalb der Blüte agiert. Der heulende Sturm ist der Wind, der den Parasiten erst verbreitet hat. Der Parasit ernährt sich vom Gewebe der Rose, bis diese welkt. Es ist zu erkennen, anhand der lyrischen und vagen Beschreibungen, dass dieses Gedicht nicht nur als naturwissenschaftliche Beobachtung zu verstehen ist.
Auf der zweiten Ebene der moralischen Interpretation, wie man sie im Deutschunterricht durchführen würde, geht es im Gedicht um Erotik mit Folgen. Hier ist die Rose das Symbol für die Jungfräulichkeit und der Wurm ein phallisches Symbol. Die «dunkle, heimliche» Freude deutet auf eine geheime und verbotene sexuelle Begegnung hin. Unter der damals repressiven Moral der Kirche wird die Rose «krank», leidet also unter der Scham oder anderen Folgen der Begegnung. Es geht letztendlich um den Verlust der Unschuld. Diese Interpretation ist konventionell-literarisch und vielen Menschen mit Allgemeinbildung leicht zugänglich.
Für die dritte, mystische Ebene der Interpretation muss die lesende Person alchemistische Vorkenntnisse haben. Hier steht die Rose für die Prima Materia, die ungeformte Grundsubstanz (auch Chaos oder Urmaterie) vor ihrer Vollendung. Der unsichtbare Wurm könnte als giftige Chemikalie stehen. Mit geheimer Liebe ist die alchemistische Hochzeit gemeint, doch durch «dark» wird impliziert, dass es eigentlich noch zu früh dafür ist. Das Gedicht ist so eine Warnung vor dem missglückten alchemistischen Experiment. Ein kleiner Wurm, also ein scheinbar kleiner Fehler, kann alles zu Nichte machen. Und das, obwohl Würmer Teil des Kreislaufs der Natur sind, also hier auch Teil des Experiments. Doch hier wurde der Wurm zu früh hinzugefügt.
Nun hätte Blake diesen Hinweis auch eindeutig aufschreiben können. Wobei es auch Anagramme oder Geheimalphabete für alchemistische Texte gab. Woher kommt die Liebe der Alchemie zur Verschlüsselung? Wozu diese Umständlichkeit? Die Menschheit sollte vor «gefährlichem Wissen beschützt werden». Die Offenbarungen der Alchemie können durch ihre Macht auch destruktiv sein. Auch ging es um die Bewahrung des Geschäftsgeheimnisses. Alchemie praktizierende Personen bildeten in der Geschichte immer wieder eine Art «Zunft». Es ist möglich, dass «The Sick Rose» und andere alchemistische Texte eine verschlüsselte Ebene haben, die ohne Insider-Wissen oder Entschlüsselungs-Anleitung niemals eröffnet werden kann. Ausserdem muss die Alchemie mit der persönlichen Entwicklung der praktizierenden Person zusammenarbeiten. Ihr inoffizielles Motto heisst nicht umsonst: «Du musst alles selbst tun.»
Zusätzlich wurden durch verschlüsselte Sprache Anschuldigungen der Ketzerei oder Zauberei vermieden. Der Ruf, Gold machen zu können, schützte politisch, weil alle daran interessiert waren. Doch erfolglose Forschende und Betrüger wurden häufig verhaftet, gefoltert oder hingerichtet. Genauso erging es auch angeblich erfolgreichen Goldmachenden, die ihr Geheimnis nicht preisgeben wollten. So wurde die des Betrugs angeklagte Alchemistin am Braunschweiger Hof Anna Maria Zieglerin 1575 auf einem glühenden Eisenstuhl hingerichtet. Auch Marco Bragadino, welcher der Stadt Venedig und dem bayrischen Herzog Berge von Gold versprach, wurde 1591 in München hingerichtet.
Heute kann man die Alchemie in (möglicherweise KI-generierten) Videos in verschwörungstheoretischen Kontexten antreffen mit Video-Titel wie «Dieses GEHEIME Wissen der Ägypter wurde uns VERSCHWIEGEN». Sonst kommt sie als veraltete Wissenschaft in Filmen und Büchern vor. Die Homöopathie übernimmt von der Alchemie das Ähnlichkeitsprinzip (Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden.) sowie die Vorstellung, durch stufenweise Bearbeitung die verborgene «geistige Essenz» einer Substanz von ihrer groben Materie zu befreien.
Alchemistische Ideen, insbesondere die hermetischen Gesetze, bleiben auch heute wegen ihres Analogiepotenzials bestehen. So könnte eine Person in der New-Age-Spiritualität Szene sagen: «Im begrenzten Mikrokosmos der Erde ist kein unendliches Wachstum möglich. Doch die Wirtschaft und Technik versucht gerade das. Wenn man das mit dem Grundprinzip von «Wie oben, so unten; wie unten, so oben.» verbindet, ist das auch im Mikrokosmos menschlicher Körper zu finden: Dort nennen wir unbegrenztes Wachstum Krebs. Möglicherweise steckt eine uralte Warnung in der Alchemie. Goethe soll Newton, der als Begründer der modernen Naturwissenschaft gilt, dies schon vorgeworfen haben.» Die Offenheit solcher Analogien erleichtert ihre Verwendung in New-Age spirituellen Kontexten und kann überzeugend wirken. Im Unterschied zur modernen Naturwissenschaft arbeiten solche Analogien weniger mit empirischer Überprüfbarkeit als mit symbolischen Entsprechungen.