Liebe und Therapie bei Samuel Widmer

Georg Schmid, 2006

Wenn Systematik den Versuch bezeichnet, nur die Erfahrung zuzulassen, die sich ins bisher gewohnte eigene Denken fügt, so ist Samuel Widmer (* 24. 12. 1948), Psychiater und Psychotherapeut, Mitbegründer und führender Kopf der Kirschblütengemeinschaft im Solothurnischen Lüssingen, kein systematischer Denker und will dies auch nicht sein. Seine „Philosophie“, wenn denn von seiner Philosophie überhaupt die Rede sein soll, legt er skizzenhaft und erfahrungsnahe vor, immer wieder durch die Arbeit in seiner Praxis und durch das Erleben in seiner Gemeinschaft herausgefordert und geprägt. Immerhin verleugnet er nicht, wie viel ihm Carlos Castaneda und Krishnamurti bedeuten, und in seiner Wortwahl zeigt er, dass viele Vorstellungen und Anliegen ihn mit manchen Esoterikern verbinden. Auch Makaja, der Leitgestalt der sich auch auf eigene Weise tantrisch orientierten Gemeinschaft Komaja, fühlt er sich in mancher Beziehung nahe. Mit allen seinen geistigen Vorbildern und Freunden teilt er seine Abneigung gegen ein Leben, eingezwängt in liebesfeindliche Denkmuster und Konventionen, und seine Liebe zum Absoluten, erlebbar wenn immer möglich im Hier und Jetzt.

Wenn er zum Beispiel von Liebe spricht, dann durchbricht er – ähnlich wie seine Gesinnungsfreunde – immer wieder den Vorstellungsrahmen konventi-oneller Zweisamkeit und gleitet durch religiöse, beinah mystische Vorstellungsräume. Schon auf dem Buchumschlag zu seiner ersten ausführlichen Darstellung seiner „unerwünschten Psychotherapie“ irritiert Samuel Widmer den Leser mit den Bemerkungen: „Der Autor dieses Buches ist völlig unwichtig. Es geht hier um eine Sache, die uns alle angeht, es geht um unser Überleben, es geht um die Liebe. Es geht um etwas absolut Unpersönliches, das uns gleichzeitig nicht näher sein könnte. Der Autor versucht DAS auszudrücken, auf seine Weise, so gut er kann. – Der Autor hat einen Namen: Er heisst SAMUEL WIDMER. Er hat ein Geburtsdatum: Er ist am 24. 12. 1948 geboren. Er hat eine Ausbildung: Er ist Mediziner. Psychiater, Psychotherapeut. Er hat sich während bald 20 Jahren intensiv mit psycholytischer Psychotherapie beschäftig, eine der wirksamten Möglichkeiten, uns zu heilen, von unserer Krankheit zu heilen. Und unsere Krankheit ist der Verlust der Liebe in unserer Welt. – Der Autor hat seinen Namen, sein Geburtsdatum, seine Ausbildung hinter sich gelassen. Das ist Geschichte, Vergangenheit. Er hat sie bewältigt. Er lebt für die Gegenwart, unsere verzweifelte, beängstigende, beglückende Gegenwart. – Es geht um eine Sache, die uns alle etwas angeht. Es geht um die Liebe. Um etwas absolut Unpersönliches, das uns gleichzeitig nicht näher sein könnte. – Samuel Widmer. (1)“

Der kritische Leser dieser Zeilen fragt sich sogleich, wie denn völlig unpersönliche Liebe gedacht und erlebt werden soll und ob es denn je sinnvoll und möglich wäre, dass ein Mensch seinen Namen und seine eigene Geschichte hinter sich zu lassen und völlig zu bewältigen und so als Person „völlig unwichtig“ zu werden. Tragen wir alle unsere Vergangenheit nicht immer mit uns, entweder versöhnt und bereichert durch das, was war, oder durch das Vergangene immer wieder neu verletzt und aufgestachelt?

Antworten auf diese Fragen finden sich in eingehenderen Ausführungen des Autors zumal zum Thema Liebe und zur Krankheit „an der wir alle leiden“, dem „Verlust an Liebe in unserer Welt“: „Eigentlich gibt es nämlich nur zwei Seinszustände. Wir können im Zustand der Liebe sein und uns in diesem wie eine Blume, in einem zeitlosen Raum, ohne Anfang und ohne Ende in die Qualitäten der Liebe hinein entfalten. Es entsteht dabei ein Lebenswerk, es entfaltet sich daraus auch Gemeinschaft, Beziehung, letztlich eine ganze menschliche Gesellschaft, eine ganze Welt. Das ewige Jetzt, ein zeitloses Sein, ganz einfach das Paradies, als ein absolut gegenwärtiger Zustand des Seins, ein Universum im Zustand der Meditation wird daraus geboren; es besteht keinerlei Verbindung zur Vergangenheit, keine Anhäufung von Vergangenheit, was das Bewusstsein, die psychologische Seite des Daseins anbelangt, das ist lediglich eine Präsenz, die keinerlei Spuren hinterlässt. (2)“ Kurz – das Sein in der Liebe erinnert bist in die Wortwahl hinein ans ewigen Jetzt des Mystikers, an jenes Einssein jenseits aller Trennung, das anderswo sich nur dem Erleuchteten oder dem besonders gottnahen Geist erschliesst, oder an das Selbst, das im Menschen als Quelle aller Kraft und Einsicht nur darauf wartet, entdeckt und entfaltet zu werden. Wenn aber Liebe in ihrer Essenz nichts anderes meint als dieses Heimfinden ins Selbst, dieses Einsein mit allem, als Nirvana oder als Paradies, dann wird das Gegenteil zu diesem mystischen Einssein mit Allem, vornehmlich die Einsamkeit, zum Urbild des Sündenfalls, zur schmerzhaft erlebten Vertreibung aus dem Paradies. „Ganz im Gegensatz … steht der zweite uns mögliche Zustand, der Zustand der Einsamkeit, die letztlich nichts anderes ist, als die Angst, nicht geliebt zu sein. Dieser Zustand entsteht, wenn er nicht bereits karmische Hintergründe hat, im frühen Kindesalter dadurch, dass wir im Stich gelassen, nicht richtig geliebt werden. Es entsteht dadurch eine Verletzung, die dem Zustand der Unschuld, dem Zustand des paradiesischen Seins ein schmerzliches Ende bereitet. Es entsteht eine Spur, eine Vergangenheitsspur, eine Erinnerung, die nicht gleich wieder gelöscht wird. Der Zustand der Einsamkeit wird geboren. Dieser löst sich, wenn er ausgetragen wird, entweder gleich wieder auf, was uns leider als Kind häufig nicht gelingt, oder er wird verdrängt, unterdrückt, abgespalten und so fort, und daraus entwickelt sich dann die Welt, wie wir sie kennen, das Nichtparadies. Es entfaltet sich eine nicht heile, nicht ganze Persönlichkeit, die eine Unmenge von Emotionen hervorbringt, welche sie in die Welt hinausprojiziert und welche alle auch eine Vergangenheitsspur hinterlassen, so dass sich wiederum ein Lebenswerk daraus gestaltet, diesmal aber ein trauriges, ein miserables, eben ein einsames, wie wir es alle kennen. Es erwachsen daraus auch wie-der eine Gemeinschaft, Beziehungen, letztlich eine ganze menschliche Gesellschaft, eine ganze Welt, die völlig anders aussieht als die erste – traurig, miserable, einsam, destruktiv – und die schliesslich der menschlichen Gesellschaft entspricht, wie wir sie tatsächlich kennen. (3)“

Wenn aber Liebe sich mit der Unschuld des Paradieses und mit dem Eintauchen ins DAS und mit dem Einssein mit dem Urgrund verbindet, und wenn jedes Getrenntsein vom Einen zeugt, dass wir aus dem Paradies vertrieben wurden, wie finden Menschen ins Paradies zurück? Der einfachste Weg zurück wäre wahrscheinlich die Meditation. Widmer erwägt diesen Weg nicht nur, er leitet immer wieder selbst zum Meditieren an. In der Meditation „Wohlbefinden und der Urgrund des Seins“ empfiehlt Widmer: „Gehen wir doch einmal dem Energiefluss des Körpers nach bis zum Urgrund des Seins. Wenn du dich irgendwo hinlegst und zuerst einfach in den Körper hinein fühlst, zum Beispiel ins Herz oder einfach dorthin, wo es dich gerade hinzieht, wirst du allmählich tiefer in dich hineinfallen…“. Im Verlaufe der Meditation wird „das, was ist“ wahrgenommen, und in ihm und mit ihm löst sich alle Dualität auf. „Geh dorthin, wo die Dualität endgültig endet, wo man aufhört zu wählen, weil man in dem, hinter dem, was immer gerade ist, gleichzeitig immer auch den Urgrund wahrnimmt. Das ist das eigentliche Ziel allen Meditierens. Es gibt keinen Weg dorthin, keine Anleitung und keine Methode. All das sind nur sinnlose Versuche zu helfen. Jeder muss den Weg dorthin letztlich ganz alleine finden.“ (4) So ehrlich dieser Hinweis auf die fehlende sichere Methode und Belehrung auf dem Weg zurück ins Eine klingt, ich vermute, dass Menschen, einmal auf den Weg in die Ureinheit verwiesen und dann ohne Methode und ohne Anleitung vor der Erfahrung gestellt, dass sich dieses Ureine ihnen nicht erschliesst, sich fast automatisch an den klammern werden, der angeblich oder wirklich schon ins Ureine gefunden hat. Falls das fehlende eigene Erleben des DAS auch in der Kirschenblütengemeinschaft Menschen mit spiritueller Hingabe an die leitenden Gestalten bindet, ist dies oder wäre dies alles andere als verwunderlich. Die verfehlte eigene Erleuchtung bläst in vielen spirituellen Gemeinschaften dauernd neuen Wind ins Feuer der Liebe zu dem Menschen, der in ihnen die Sehnsucht nach Befreiung weckte und der mit ihnen auf dem Weg der Erleuchtung die ersten Schritte ging (5).

Für alle Menschen, die Widerstände gegen die Energien aufbauten, die in ihnen selber wohnen und die sich entfremdet von ihrer eigenen Wesensmitte im Grunde immer durch halbbatziges Dasein schleppen, ist der sicherste Weg zurück ins Paradies, in die erlebbare Ganzheit und Ureinheit in der Sicht des Therapeuten selbstverständlich die Therapie, allerdings in der Sicht von Samuel Widmer nicht eine konventionell, angepasste Therapie, die dem psychisch nur noch halbwegs funktionstüchtigen Zeitgenossen befähigt, gemäss den Erwartungen der Gesellschaft wieder optimal angepasst zu funktionieren, sondern eine unangepasste, „unerwünschte“ Therapie, die auch die Barrieren einreisst, die das Kollektiv errichtet, um Menschen vor ihrem eigenen Unbewussten zu schützen. Als einer der Altmeister der psycholytischen Therapie rang Samuel Widmer schon vor Jahren mit den Behörden um die Erlaubnis, Drogen in seinen Therapiegruppen einsetzen zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde ihm im Blick auf einzelne Medikamente gewährt.

In seiner auf seiner website publizierten Rechtfertigung seiner Arbeit gegenüber seinen Kritikern begründet Widmer diesen Drogeneinsatz mit dem immer wieder erwähnten Hinweis auf die psycholytische Therapie als „einzige effektive … Psychotherapie der Zukunft.“ (6)

„Bei der Psycholytischen Psychotherapie handelt es sich nicht um eine eigenständige Methode, sondern um eine ganz gewöhnliche tiefenpsychologisch orientierte Gesprächspsychotherapie, bei der aber psycholytische Medikamente eingesetzt werden, um dem Patienten den Zugang zu seinem Unbewussten zu erleichtern. Diese Therapieform ist nicht verboten. Sie hat sich zwar noch nicht allgemein durchgesetzt, verschiedenste Psychotherapieforscher haben aber deutlich darauf hingewiesen, dass es sich bei ihr um die einzig effektive und daher um die Psychotherapie der Zukunft handeln könnte.“ (7) Der vorsichtig-kritische Laie auf dem Gebiet der Psychotherapie fragt sich 1. ob Samuel Widmer mit seinem Einsatz von Drogen nicht mit einer Art Holzhammermethode (8) die Widerstände angeht, die das Bewusstsein gegenüber dem eigenen Unbewussten aufgebaut hat, und 2. wie denn das Bewusstsein lernen soll, mit den Energien des Unbewussten besser umzugehen, wenn es zuerst weit gehend ausgeschaltet werden muss, um diese Energien zu kontaktieren.

Neben Meditation und Therapie trägt vor allem auch Sexualität grundsätzlich jene Potenzen in sich, die es dem Menschen erlauben, aus der Welt der Dualität herauszutreten und ins Ureine zu finden. Diese Hoffnung und in seinen Büchern mehrfach geschilderte Erfahrung führt Samuel Widmer zum Tantra, nicht in der Vielfalt seiner oft bizarren indischen Varianten, sondern zu einer milden, den westlichen Menschen ansprechenden Form. Diese westliche Form wird in Kursen Interessentinnen und Interessenten angeboten und in der Kirschblütengemeinschaft in tantrischen Kreisen gepflegt. Grundanliegen dieses Tantra ist dabei durchaus nicht das wilde Ausleben aller bisher verdrängten Triebe, sondern der Versuch, über die normale, nur teilweise befriedigende Sexualität, die die letzte Einheit nicht erreicht, hinauszufinden in eine Sexualität, die nicht mehr zielorientiert in die Vereinigung prescht, sondern die schon „den Weg als Ziel“ akzeptiert und die deshalb das Einheitserleben berührt.

Zuerst gilt es, der rasch auf Orgasmus hindrängenden Sexualität in einer bewussten Zurückhaltung die Spitze zu brechen. Wo dies gelingt, kann sich tantrische Sexualität entfalten: „Das körperliche Zusammensein ist wieder gefunden in noch viel grösserer Innigkeit und Verbundenheit als zuvor. Die Zielorientiertheit ist verschwunden, die Sexualorgane sind nicht mehr Instrumente der Orgasmusproduktion. Der ganze Körper ist zum Sensorium für diese Erfahrung geworden. Die Einsicht, dass die Trennung nicht überwunden werden kann, dass sie Bestandteil ist des Ganzen, führt dazu, dass man diesen kläglichen Versuch, sie doch zu bewirken, aufgibt. Die Sehnsucht wird ausgehalten und nicht auf der Ebene der Sexualorgane ausagiert. Dadurch steigt die Energie auf zum Herzen und entfaltet sich dort als Freude und Liebe; und Ganzheit, Einheit wird erreicht im eigenen Herzen, und Trennung ist, oh Wunder, doch aufgehoben in der Verbindung beider Herzen. Alles Drängende, jeder Zeitdruck, alle Ungeduld lösen sich auf. Wir sind schon angekommen. Der Weg ist das Ziel. Das ganze Spielen der Körper, das Aufeinandereingehen, das Saugen und Schlecken, das Streicheln und Küssen ist gleichzeitig Weg und Ankunft. Es gibt kein Ziel mehr, es hat sich hat aufgelöst.“ (9)

Bei allem Verständnis für das sexualtherapeutische Grundanliegen – für die Befreiung der Sexualität aus Triebhörigkeit und Leistungsdruck – fragt sich der kritische Leser doch, ob Tantriker die Sexualität nicht ihrerseits wieder überfordern und unter Erlösungsdruck stellen, wenn sie fordern, dass das sexuelle Erleben ins Erleben einer mystischen Ureinheit mündet. Im biblischen Bild gesprochen erinnert Sexualität zwar noch lebhaft an die Gabe, die Adam und Eva im Paradies geschenkt wurde. Aber Sexualität durchbricht nicht das Tor, zum Paradies oder springt nicht zurück über die Mauer, die das Paradies umgibt. Wer Übermenschliches von ihr erwartet, wird auch das Menschliche verfehlen, das sie in sich birgt.

Einerseits betont Widmer vehement: „Entgegen allen erhobenen Vorwürfen bin ich kein Anhänger einer Psychotherapie, welche den Einsatz der Sexualität als therapeutisches Mittel befürwortet. Im Gegenteil betrachte ich ein solches Vorgehen als äusserst fragwürdig und missbrauchsverdächtig. Weder mündlich noch schriftlich habe ich je so etwas gutgeheissen und schon gar nie praktiziert. Allerdings würde ich auch niemanden verurteilen, der in eine solche Richtung forschen will. Jedenfalls nicht, ohne mich gründlich mit ihm auseinander gesetzt zu haben.“ (10) Andrerseits finden sich kurze Liebesgeschichten und erotische Hinweise, wie der Wunsch, nach Abschluss der psychotherapeutischen Arbeit auch in grenzenloser Offenheit der bisherigen Patientin zu begegnen, immer wieder eingestreut in Widmers Erwägungen zu seiner Arbeit. Befreiende sexuelle Erfahrungen und befreiende Psychotherapie stehen sich denkbar nahe oder reichen sich im Fall einer gelungenen Psychotherapie hie und da sogar die Hand.

Der psycholytisch, spirituell und tantrisch engagierte Samuel Widmer hat sich vielleicht noch nicht soweit von seiner eigenen Geschichte entfernt, dass er es nicht lieben würde, die Gesellschaft der Normalbürger immer wieder zu irritieren. Die Gestalt des Judas unter den Jesusjüngern war für ihn in seiner Kindheit und im Verlauf seiner späteren eigenen Therapie als negative Integrationsfigur von grosser Bedeutung (11). Im gleichen Zusammenhang erwähnt er auch seine „versteckten Sympathien“ für „terroristische Aussenseiter“ und seine kritischen Betrachtungen zur Hitlerfigur, die „nicht nur die Massen manipuliert hatte, sondern ebenso Träger und Sendbote und später auch Sündenbock der Massenneurose gewesen war.“ (12) All dieses Interesse am Anderen, am Nichtkonformen und bewusst Gegensätzlichen ist vielleicht Ausdruck einer noch andauernden Identitätssuche. Denn erst die Integration des Nichtkonformen und die Versöhnung mit dem Dunkeln öffnen wahrscheinlich den Weg zum Selbst. Wie dem aber auch sei – die Lust an Irritieren und Provozieren zieht sich von den Erwägungen Widmers zum Drogengebrauch in der Therapie über die Versuche, Tantra zu lehren und zu leben, bis hin zu den zwei Frauen, die ihm beide gleichzeitig Partnerinnen sind und ihm Kinder gebären. Kein Wunder, dass Widmer für sich in seiner „öffentlichen Erklärung“ vor allem andern das Recht einfordert, anders zu sein . Könnte er nicht mehr irritierend oder gar provozierend anders sein, wäre er kaum mehr er selbst.

Samuel Widmers Ausführungen zum Thema Inzest sind ein Musterbeispiel für seine Freude am irritierenden Anderssein. Auf der einen Seite kennt er als Therapeut zu viele Inzestopfer, um leichthin dem Inzest das Wort zu reden. Auf der anderen Seite spricht er aber nicht nur vom „ehrbaren Inzest“ und vom „therapeutischen Inzest,“ er erwägt auch einen „verantworteten Inzest.“ Bei all den Inzestvarianten, die er erwähnt und zum Teil auch skizzenhaft nachzeichnet, wird dem kritischen Laien vor allem klar, dass das Thema den Psychotherapeuten dauernd umtreibt. „Ehrbaren Inzest“ scheint Samuel Widmer dort zu finden, wo ein Vater sich seiner langsam erwachsen werdenden Tochter emotional abrupt entzieht, was ihr emotional zusetzt, weil sie bisher viel Zärtlichkeit von ihm erfuhr. In dieser in der Sicht des Laien recht nahe liegenden und normalen emotionalen Ablösung ortet Widmer Grund für spätere Probleme. In der Therapie gilt es vor allem die Lust zu entdecken und zu bejahen, die in der frühen emotionalen Bindung an den Vater oder an die Mutter eingeschlossen war oder – im Falle des Missbrauchs – diese Lust, die sich im Inzest verbarg, wieder wahrzunehmen, obschon sie durch die Scham völlig verdeckt wurde: „Wer mit Kindern zu tun hat, sich wirklich auf sie einlässt, sie als Vater oder Mutter wirklich an sich heranlässt, weiss auch dies: Zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn aber auch zwischen Vater und Sohn oder Mutter und Tochter gibt es im gesunden Normalfall eine lustvolle, körperlich-sinnliche Beziehung, ein freudiges, erotisches Geschehen, ein allmähliches Entdecken und Entfalten der Sexualität. Und da ist nichts schlechtes dran; im Gegenteil, das ist eine wunderbare Sache, eine wunderbare Grundlage für die späteren intimen Begegnungen des Kindes. … Das grösste Problem in der Aufarbeitung eines sexuellen Missbrauchs ist immer die Befreiung der Lust und der Lebensfreude und der grösste Widerstand dagegen resultiert nicht aus den Ängsten und erfahrenen Schrecken, sondern aus der Scham, sich eingestehen zu müssen, dass diese Lust und Freude eigentlich da ist.“ Zum therapeutischen Inzest, zum Missbrauch des Patienten durch den Therapeuten gilt, dass neben allen unverantwortbaren Beispielen für therapeutischen Inzest doch zu bedenken wäre, dass Therapie, wenn sie gelingt, zum Leben befreit und dass die Möglichkeit, sich als freie Menschen zu begegnen und zu lieben grundsätzlich weder dem Therapeuten noch seiner Patientin abgesprochen werden könne „Es gibt auch schicksalhafte Begegnungen, es gibt auch therapeutische Prozesse die in die Liebe münden oder anders gesagt, es gibt auch unausweichlich stimmigen Inzest, wenn wir das Leben sich wirklich entfalten lassen.“

Zum „verantworteten Inzest“ meint Widmer: „Die Aufhebung des Inzesttabus ist nicht ihr Gegenteil, ist keine Billigung von Missbrauch. Tabu und Missbrauch gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Münze. Die Aufhebung des Inzesttabus zwischen dir und deinem Vater, zwischen mir und meiner Mutter wäre eine ganz andersartige Geschichte, in der weder ein Tabu noch ein Missbrauch die Liebe zwischen uns verbannt. Es wäre eine Geschichte von Beziehung, von sich wirklich aufeinander einlassen. Zu verstehen, was wahr ist zwischen uns, zu lernen, immer und überall ergründen zu dürfen und zu lassen, was wirklich sein will zwischen dir und mir. Wahrscheinlich wäre es dabei nie zu einem inzestuösen Geschehen gekommen zwischen dir und deinem Vater, zwischen mir und meiner Mutter. Wir hätten einander gelassen, weil wir die Richtigkeit davon gesehen hätten. Nicht, weil es jemand befohlen, unter Androhung schlimmster Konsequenzen verordnet hätte, sondern weil wir ganz persönlich, ganz individuell, ganz intim die Wahrheit davon zwischen uns erkannt hätten. Absolut sicher ist das nicht, denn der verantwortete Inzest bleibt in der Liebe immer eine Möglichkeit.“

Präzisere Erläuterungen zum Thema stehen noch aus. Aber Verdeutlichung wird in zukünftigen Publikationen versprochen. Mit anderen Worten: Widmer gedenkt auch weiterhin zu irritieren oder zu provozieren. Das gehört zu seiner Sendung, von der abschliessend nun noch die Rede sein soll.

Dass aus diesem weit bis in Erleben des Absoluten gespannten Anliegen der Therapie und der Sexualität dem Therapeuten und den Therapierten und der ganzen Kirschblütengemeinschaft, die sich um Samuel Widmer und seine Partnerinnen schart, eine gewaltige Energie und ein unbestreitbares Sendungsbewusstsein und eine unübersehbare Nachfolgedynamik zufliesst, liegt auf der Hand. Samuel Widmer publizierte auf seiner Website Briefe an die bedeutendsten Zeitgenossen, in denen er zum Beispiel dem Papst – in kollegialem „Du“ („Du bist doch mein Bruder“) – empfahl, seine bisherigen christlichen Positionen aufzugeben und fortan im Geist eines neuen, esoterischen Bewusstseins zu wirken: „Du würdest doch als Erster deine „christliche“ Wahrheit aufgeben zugunsten einer umfassenden Menschheitswahrheit, wenn du sehen würdest, dass das alte Paradigma unser Weiterwachsen behindert, und nicht festhalten an einem Glaubenssystem, das schliesslich immer wieder im Krieg liegen muss mit anderen Religionssystemen?“ (13)

Aus seinen Briefen an die Menschheit spricht ein absolutes Anliegen, beinah ein Welterrettungsimpuls, der meilenweit über die Zielsetzungen eines „normalen“ Psychiaters oder eines angepassten Psychotherapeuten hinausführt. Diesem Selbstbewusstsein des Meisters entspricht die Gruppenidentität der Kirschblütengemeinschaft. Wie ein Mann traten sie auf ihrer Website für ihren Samuel Widmer in dem Moment ein, wo das Schweizer Fernsehen seine Arbeit nicht unwidersprochen vorteilhaft darstellte . Die Gemeinschaft um Samuel Widmer ist weit mehr als eine Gruppe von Menschen, die den gleichen Therapeuten konsultieren. Wenn Sekte, von lateinisch „sequi,“ „nachfolgen,“ eine Gemeinschaft bezeichnet, die einem Meister oder einer Meisterin auf einem Weg folgt, der sie bis zur eigentlichen Bestimmung des Menschseins führt, dann ist die Kirschblütengemeinschaft ein Musterbeispiel einer zeitgenössischen Kleinsekte. Allerdings gilt es bei dieser relativ kritischen Beurteilung zu bedenken, dass jede Zeit und jeder Ort zu den Sekten findet, die ihnen irgendwie entsprechen. Einsamkeit und Lieblosigkeit, die dem Menschen den Zugang zu seinen eigenen besten Quellen verbauen, die Sehnsucht nach Einheit, die sich in Aggressionen auslebt, das Ego, das sich vor dem Selbst fürchtet, Menschsein, das nur in den Drogen noch zu mystischen Erfahrungen findet, Partnerschaften, in denen Liebe von innen her erlebt nicht einmal erahnt wird – all dies sind keine dunklen Schreckbilder von Samuel Widmer erfunden, und nur dazu geeignet, ihm weitere Patienten zuzuführen. All das ist penible Alltagsrealität. Und all dies sucht irgendwie und irgendwo nach Erlösung. Dass Samuel Widmer in erlösungshungriger Zeit Erlösung und in liebeleerer Welt Liebe entdecken will, kann man ihm nicht verargen. Man kann nur wünschen, dass er die Sektenbildung, die sich auf allen Erlösungswegen fast automatisch einstellt, nicht übersieht und dass er als Therapeut das beste Heilmittel gegen sektenhaften Gruppenloyalität und kollektives Sendungsbewusstsein einsetzt: die Supervision der eigenen Arbeit durch Personen, die nicht zur eigenen Gemeinschaft gehören und die bewusst andere therapeutische Ansätze vertreten. Die Freude am Anders-Sein ist ein schlechter Ratgeber, wenn sie dazu führt, alle Einwände Aussenstehender als böswilliges Mobbing abzutun. Nur wer sich der kritischen Aussenwelt stellt, verirrt sich nicht im Sendungsbewusstsein des Propheten und verliert sich nicht im Gruppen-Ich der auserwählten Gemeinschaft.

1. Samuel Widmer, Ins Herz der Dinge lauschen, vom Erwachen der Liebe, über MDMA und LSD: Die unerwünschte Psychotherapie, Nachtschatten Verlag Solothurn, 1989.

2. Samuel Widmer, Im Irrgarten der Lust I, Abschied von der Abhängigkeit, Editions Heuwinkel, Neu-Allschwil/Basel 1992, 14

3. Im Irrgarten der Lust I, 14

4. Im Irrgarten der Lust II, Die Geburt der Freude, Editions Heuwinkel, Neu-Allschwil/Basel 1992, 195.

5. Zum Thema Abhängigkeit schreibt Samuel Widmer in einem Mail an den Schreibenden: “ Immer wieder erstaunt mich, dass man die Abhängigkeit des Süchtigen gerne dem Stoff, von dem er abhängig ist, vorwirft. Man verteufelt das Heroin oder erklärt den Heilslehrer zum Sektierer. Liegt das Ungute der Abhängigkeit nicht im Abhängigen selbst? Morphin ist ein wunderbares Schmerzmittel, und ein Erleuchteter ist wie eine Blume im Paradies. Dass irgendeiner nicht davon ablassen kann, würde ich weder dem Schmerzmittel noch dem Lehrer ankreiden.
Ausserdem führt meiner Erfahrung gemäss genau das Anerkennen der Abhängigkeit zu ihrer Überwindung und damit zur Freiheit. Was Sie, glaube ich, übersehen haben, ist, dass unser Weg vor allem auch in erster Linie Freiheit bringen soll. Eine durch und durch befreite Energie zu werden ist das A und O in unserer „Lehre“. (Mail von Samuel Widmer an GS vom 31.10.06). Ich gestehe Samuel Widmer gerne zu, dass er aus allen Formen von Abhängigkeit in die Freiheit führen möchte. Aber als Laie scheint mir die Schuldverteilung oder Schuldzuweisung, die Samuel Widmer in seiner Skizze vornimmt, reichlich realitätsfern. Abhängigkeit steht doch, wie mir scheint, immer am Ende einer ganzen Verkettung von Ursachen: Eine unsichere, anlehnungsbedürftige, realitätsflüchtige Person findet ein Medikament, eine Droge oder eine spirituelle Methode, von jemandem offeriert oder gar propagiert, der mindestens vorübergehende, oft aber auch dauernde Abhängigkeit nicht nur akzeptiert, sondern der davon auch profitiert. Liegt nun die Schuld im Abhängigen und seiner Situation, im Dealer oder in der Droge? Im anlehnungsbedürftigen Patienten, in der Therapiemethode oder im Therapeuten? Abhängigkeit entsteht – so scheint mir – wo alle die erwähnten Ursachen und Umstände verhängnisvoll ineinander greifen. So verstanden ist auch das blosse Eingestehen einer Abhängigkeit noch keine Befreiung. Die Distanz zum Dealer und die Absage an die Droge, und die Ablösung vom Therapeuten und von seiner Methode und die Distanz zu ihm sind notwendige weitere Schritte auf dem Weg in die Freiheit. Eigenartig wirkt auf mich der von Samuel Widmer geäusserten Wunsch, eine erfolgreiche abgeschlossene Therapie mit einem gemeinsamen Liebesabenteuer zu feiern oder zu beenden. Wo bleibt da der Sinn für die für Loslösung vom Therapeuten und für die am Ende der Therapie erreichte, notwendige Distanz?

6. http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=99

7. Im Irrgarten der Lust II, 267

8. Widmer kommentiert meine Bemerkungen zur psycholytischen Methode in einem Mail an den Schreibenden mit den Zeilen: „Eine Bewilligung hatte ich, von 1986-93 mit MDMA und LSD zu arbeiten. Heute arbeite ich nur noch mit ganz normalen, registrierten Medikamenten, die jeder Arzt einsetzen kann. Um diese Arbeit zu beurteilen, müsste man sie wohl am eigenen Leib erfahren. Unter diesen Substanzen wird zum Beispiel das Bewusstsein nicht ausgeschaltet, wie Sie es wähnen, sondern geschärft. Im ganzen Prozess geht es nicht um Berauschung, sondern paradoxerweise um Ernüchterung. Dass Sie darin eine Holzhammermethode befürchten, zeigt ihre Unkenntnis der Angelegenheit. Psycholyse ist eine äusserst sanfte, einfühlsame und präzise Arbeit. Die Psychotherapieforscher, die in der Psycholyse eine Möglichkeit der Zukunft sehen, sind übrigens vor allem Grawe und Degen.“ (Samuel Widmer in einem Mail an GS vom 31.10.06) Die paradoxe Ernüchterung durch Drogen leuchtet mir, offen gestanden, nur halbwegs ein. Ich fühle mich irgendwie an das Argument des Alkoholikers erinnert, der mir erklärt, dass er nur nach zwei bis drei Gläsern klar denken kann. Wenn nur Nüchternheit und Präsenz, Wahrnehmung dessen, was ist, uns Menschen weiterhilft, warum üben wir nicht Nüchternheit nüchtern und Präsenz präsent? Jedes Umweg zum reinen Gegenwärtigsein trägt die Gefahr in sich, dass er zum Ziel in sich selber wird und sich das eigentliche Ziel verbaut.

9. Im Irrgarten der Lust II, 267

10. Öfffentliche Stellungnahme, http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=99

11. Dass ein aufgewecktes Kind, das im biblizistisch denkenden und möglichst regelkonformen Brüderverein aufwächst, mit dem Verräter unter den Jüngern Jesu liebäugelt, verwundert mich nicht.

12. Ins Herz der Dinge lauschen, 81

13. http://www.kirschbaumbluete.ch/html/index.php?id=82

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