Der «Rolex-Guru» im ehemaligen Mystery Park in Interlaken

Am 25. Mai fand im JungfrauPark in Interlaken, dem ehemaligen Mystery Park von Erich von Däniken, das «Awakening Love» Festival der umstrittenen neo-hinduistischen Organisation Bhakti Marga statt. Deren Gründer und Leiter Visham Mahadeosingh Komalram alias Paramahamsa Swami Vishwananda, der wegen seiner Vorliebe für teure Uhren als der «Rolex-Guru» bezeichnet wurde, lud ein zum Darshan, zur Begegnung mit dem Meister. Vishwanandas Anhängerinnen und Anhänger gaben Konzerte und Belehrungen. Vegetarisches Essen und ein Stand mit dem wachsenden Schrifttum der Bewegung rundeten den Anlass ab.

Das Berner Oberland – ein Hotspot für Bhakti Marga?

Vishwananda kennt das Berner Oberland gut. 1978 in einer indischstämmigen Familie in Mauritius geboren, besuchte er als Jugendlicher mehrfach den Ashram von Sathya Sai Baba in Putthaparti, wo er auch Personen aus der Schweiz begegnete. Von diesen eingeladen kam er um 1998 in die Schweiz, wurde in den folgenden Jahren in Privathäusern beherbergt und scharte Schülerinnen und Schüler um sich. Ein Jahr lang soll er in Spiez bei Sundar Robert Dreyfus gelebt haben und auch im Zentrum der Einheit Schweibenalp in Brienz aufgetreten sein, das von Sundar Robert Dreifus begründet wurde und dem indischen Guru Babaji geweiht ist. Ob Vishwananda hier auf die Idee kam, zu behaupten, er sei spirituell von Babaji zum Guru geweiht worden?

Vom Sai-Baba-Klon zum Vaishnava-Guru

In dieser ersten Zeit trat Vishwananda sehr deutlich in die Fussstapfen von Sathya Sai Baba. Wie dieser materialisierte Vishwananda Vibhuti, heilige Asche, und goldene Eier, die als Lingam, als das Symbol des Gottes Shiva gedeutet werden. Und wie Sathya Sai Baba wollte Vishwananda die verschiedenen Religionen vereinen. Zu diesem Zweck liess er sich gar in orthodoxen Kirchen taufen und später zum Priester weihen. Im Jahr 2001 entwendete Vishwananda mit zwei Anhängerinnen Reliquien aus mehreren katholischen Kirchen und Klöstern. Auch heute noch findet sich in den grossen Bhakti-Marga-Zentren neben hinduistischen Tempeln und Altären jeweils eine orthodoxe Kapelle.

Ab dem Jahr 2002 wendete sich Vishwananda wieder stärker dem Hinduismus zu. Heute versteht er sich als Hindu-Guru aus der Sri Sampradaya, einer Traditionslinie des Vaishvanismus, derjenigen Form des Hinduismus, die sich auf Vishnu als Verkörperung des Göttlichen bezieht.

Der Guru als höchster Gott

Während die Hare Krishnas in Krishna die höchste Form von Vishnu sehen, ist dies bei Bhakti Marga Narayana, eine in Indien beliebte und oft verehrte Form von Vishnu. Dieser zeigt sich aber nicht wie bei den Hare Krishnas in erster Linie in den Bildgestalten, den Deities, sondern in Vishwananda selbst als dem Satguru, dem wahren Guru. Wer zu einer eingeweihten Schülerin, zu einem eingeweihten Schüler von Vishwananda werden will, zu einer oder einem Devotee, erfährt in den Erläuterungen zur Devotee-Einweihung: «Für uns ist klar, dass der Satguru eine Verkörperung von Sriman Narayana selbst ist und daher gleichbedeutend mit Gott. Folglich ist Guruji nicht nur der Weg, sondern auch das Ziel.» Als höchster Gott steht der Satguru Vishwananda über allen anderen Göttern und verkörpert diese mit: «Als Konsequenz dieser Überzeugung, dass Guruji eine Verkörperung von Sriman Narajana ist, sind alle anderen Gottheiten Guruji untergeordnet, so wie sie Sriman Narayana untergeordnet sind. Alle werden als Qualitäten oder Aspekte von Sriman Narayana/ Guruji angesehen.» Auf den Altären von Bhakti Marga findet sich deshalb immer prominent ein Bild von Guru Vishwananda. Am «Awakening Love»-Festival war immer wieder zu beobachten, wie sich Menschen vor Vishwananda auf den Boden werfen.

Alles Liebe, aber wozu?

Die Liebe, Sanskrit «Bhakti», die sich Bhakti Marga, der «Weg der Liebe» programmatisch auf die Fahnen geschrieben hat, und die am «Awakening Love» Festival geweckt werden soll, zielt nicht im christlichen Sinn auf die Nächsten, auch nicht wie bei den Hare Krishnas als Krishna-Bhakti auf Gott, sondern in der Tradition der Sri Sampradaya auf den Meister, den Guru. Dieser ist ja Gott. Und indem der Meister geliebt wird, wird Gott verehrt. «Guru-Bhakti», Meister-Liebe nennt Bhakti Marga seine Form der Liebe.

Es kann nur einen geben

Was es heisst, den Meister als Gott zu lieben, kann am Bücherstand von Bhakti Marga am «Awakening Love»-Festival beobachtet werden. Wer hier einen Tour d’horizon durch die spirituelle oder doch durch die neo-hinduistische Literatur erwartet, wird enttäuscht. Es wird ausschliesslich Literatur von Bhakti Marga angeboten. Eingeweihte Schülerinnen und Schüler bräuchten sich, so heisst es in den Devotee-Erläuterungen, «nirgendwo anders nach spiritueller Ausbildung oder Segen umzusehen. Alle Aufmerksamkeit, alle Hingabe und aller Dienst des Devotees werden ausschliesslich dem Satguru und niemand anderem erbracht.»

Liebe in Gehorsam

Wer den Guru liebt, gehorcht ihm. Bhakti Marga ist nicht nur der Weg der Liebe, sondern auch der Weg des Gehorsams. Wer sich einweihen lässt, muss sich ausdrücklich verpflichten zu «Gehorsam gegenüber Paramahamsa Vishwananda und Seinen Anweisungen»: «Nun, du siehst, Gehorsam ist das allerhöchste Gebet, höher sogar als auf dein eigenes Herz zu hören. Denn auf dein eigenes Herz zu hören, kann auch eine Mode deines Verstandes sein. Wenn der Guru also etwas sagt, dann ignoriere vollständig, was du fühlst.»

Liebe auf Abwegen?

Die Geschichte von Bhakti Marga wird begleitet von Vorwürfen, Vishwananda habe Sex mit Schülern. Im Jahr 2008 hat er dieses auch zugegeben, aber betont, dass der Geschlechtsverkehr immer einvernehmlich war. Wie kann aber Sex einvernehmlich sein, wenn mein Meister, den ich als Gott verehre und dem ich Gehorsam versprach, von mir Sex will, und ich dann vollständig ignorieren soll, was ich fühle? Dass sexuelle Beziehungen zwischen Leitungspersonen spiritueller Gemeinschaften und deren Anhängerinnen und Anhängern in kritischer Sicht niemals wirklich freiwillig sein können, illustriert Bhakti Marga auf markante Art.

Darshan im Post-Corona-Stil

Vor Corona pflegte Vishwananda beim Darshan, der Begnung mit dem Meister, die Menschen, die vor ihm niederknieten, auf der Stirn zu berühren. Mit Corona wurde dies umgestellt. Seither gibt Vishwananda den Braco. Wie beim kroatischen Heiler Josip Grbavac alias Braco stellen sich die Menschen vor Vishwananda hin, um ihm in die Augen zu schauen. Vishwananda steht aber nicht wie Braco auf derselben Höhe, sondern er thront auf einem Podium und blickt auf die vor ihm stehenden Fans herab. Diese werden von Helfenden in Viererreihen herangeführt und nach einem tiefen Blick in die Augen des Satgurus wieder weggebeten. Wer Objekte segnen lassen möchte, legt diese auf Metalltabletts, die von den Helfenden dem Guru gereicht werden, worauf er sie berührt. Was mit dem Guru in Körperkontakt stand, ist mit seiner Energie aufgeladen. So werden bei Bhakti Marga auch getragene Schuhe von Vishwananda oder von ihm benutzte Betttücher in Ehren gehalten.

Stundenlanges Anstehen für einen Blick des Meisters

Am «Awakening Love»-Festival findet der Darshan in der Metallpyramide des ehemaligen Mystery-Parks von Erich von Däniken statt. Deren Platz ist aber beschränkt, sodass die Darshan-Suchenden teilweise über mehrere Stunden anstehen müssen. In der Wartezeit können die lustigen Fake-Hieroglyphen betrachtet werden, mit welchen Erich von Däniken den Zugang zu seiner Pyramide dekorierte – und die paar Sprüche, die in Einkonsonanten-Hieroglyphen geschrieben, aber in deutscher Sprache abgefasst sind wie «Erich, der Augen-Öffner». Was würde Erich von Däniken wohl davon halten, dass die Menschen nun in seiner Pyramide ihre Augen für einen tiefen Blick eines umstrittenen Gurus öffnen?

Das Warten gehört beim Darshan dazu und macht strategisch Sinn. Wenn ich für eine Sache stundenlang anstehen muss, steigt deren Wert für mich. Die sich einstellende Müdigkeit lässt mich für Reize suggestibler werden, womit die Chance, dass ich im Blick eines älteren Herrn, der vor dem Bild der Gizeh-Pyramiden thornt, eine spirituelle Erfahrung erlebe, deutlich ansteigt.

Vishwananda zum letzten Mal in der Schweiz?

Während der Wartezeit erkennen wir die Landes-Swamini der Schweiz. Vishwananda lässt Bhakti Marga von seinen Swaminis und Swamis verwalten. Diese tragen orange Kleider, sind enthaltsam und leben in einem der Ashrams, der Klöster der Bewegung. Der jüngste Ashram wurde eben eröffnet, ebenfalls im Berner Oberland: Die Bhakti Marga nahestehende Stiftung Sri Sampradaya ersteigerte im Jahr 2023 das Chalet Sursum in Oberhofen am Thunersee, welches seit diesem Jahr als Ashram Padmalaya Chalet firmiert. Die Landes-Swamini der Schweiz, Bärbel Köhler alias Swamini VishwaKishori Ma ist am Ashram beteiligt, führt aber auch ihren eigenen Tempel, den Sri Kamala Netra Krishna Tempel in Cudrefin VD. Personen, die mit uns zusammen für den Darshan angestanden sind, behaupten, von der Landes-Swamini erfahren zu haben, dass Vishwananda möglicherweise das letzte Mal für einen Darshan in die Schweiz gekommen sei.

Gottesverwirklichung statt Lifestyle-Coaching

Hintergrund dieser Nachricht könnte sein, dass Bhakti Marga in der Schweiz weniger Erfolg hat als in manch anderen Ländern. Auf dem Parkplatz des JungfrauParks waren beim «Awakening Love»-Festival rund 300 Fahrzeuge zu zählen, davon nur ca. ein Drittel aus der Schweiz. Viele Besuchende reisten aus den umliegenden Ländern an, sehr zahlreich aus Italien.

Bei den Belehrungen durch Bhakti-Marga-Vertretende, die in den Zelten des «Awakening Love»-Festivals zu hören waren, wurde eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen spürbar: Immer wieder wurde betont, dass alles Glück auf Erden vergänglich sei, dass auch zwischenzeitliches Wohlergehen damit letztlich nur noch grösseres Leid beschere, und dass es deshalb sinnvoller sei, der Welt zu entsagen, sich auf den spirituellen Weg der Guru-Bhakti zu machen und durch Verehrung und Gehorsam dem Guru gegenüber Gott zu verwirklichen. Von den Botschaften der trendigen Lifestyle-Coaching-Gurus ist dies denkbar weit entfernt. Attraktiv scheinen solche Botschaften eher für Menschen, die von dieser Welt nichts Positives mehr erwarten. Vishwanandas Accessoires scheinen zu diesem Ansatz in einer nicht unerheblichen Spannung zu stehen. Dies und die Auskunft, die auf die Diskussion um Vishwanandas Sexualleben zu hören ist, dass nämlich dieses seiner Göttlichkeit keinen Abbruch tue, sind nicht geeignet, kritische Menschen für Bhakti Marga zu gewinnen.

Georg O. Schmid, 28. Juni 2024

Lexikoneintrag Bhakti Marga