«Welcome» im leeren Saal
15 Minuten vor Gottesdienstbeginn traf ich in den Räumlichkeiten der Christlichen Gemeinde an der Töss (CGT) in Winterthur ein. Es sprühte mir ein Industriecharakter entgegen als ich durch die Tür und in den fast leeren Empfangsraum trat. Ein Mann füllte gerade Wasser in eine Kaffeemaschine und begrüsste mich, während aus dem Gottesdienstsaal die Band einige letzte Lieder probte. Eine etwas ältere Frau kam auf mich zu, mit einem «Welcome»-Namensschild und begrüsste mich freundlich. Anscheinend würden alle erst auf den letzten Drücker zum Gottesdienst kommen. Die Frau erzählte mir von ihrer Gemeinde und den wenigen Mitgliedern, die sie nicht hatten. Ihr Pastor war vor einiger Zeit in Rente gegangen und hätte ein grosses Loch hinterlassen.
Musikalische «Meisterwerke»
Mit zehnminütiger Verspätung begann der Gottesdienst. Mit mir im Saal waren insgesamt 25 Menschen und einige Kleinkinder, so blieben die meisten Stühle unbenutzt. «Jesus ich komme zurück zu dir, Jesus zu deinem Kreuz, mein Leben lege ich vor dich hin, als ein Opfer für dich» Ein Lied nach dem anderen spielte die Band, zwei Männer an Gitarren und eine Frau am Keyboard, ergänzt durch die eifrig mitsingende Gemeinde. «To our God we lift up one voice, to our God we lift up one song…», Immer leidenschaftlicher sangen die Menschen mit und wiegten sich im Takt. «Chains have been broken, eyes have been opened, an army of dry bones, starting to rise…» Irgendwie kein musikalisches Meisterwerk, aber die «Menge» war zufrieden.
Aus alten Zeiten
Beim nächsten Lied fiel mir auf, dass es sechs Bildschirme für die Liedtexte gab, was mir für nicht mal 30 Personen etwas übertrieben vorkam. Wohl ein Überbleibsel aus besseren Tagen mit volleren Stuhlreihen. «Alle Götter sind Nichtse vor dir», einige Frauen warfen ergriffen ihre Hände nach oben und tanzten hin und her. Die Erwachsenen schienen sich ganz in den sehr langatmigen und eintönigen Liedern zu verlieren. Ich jedoch war etwas abgelenkt von den Kleinkindern, die wild herumrannten. Ein kleiner Junge spielte mit einem Ball und warf in immer wieder an eine der Seitenwände. Irgendwann waren jedoch die Lieder zu Ende und eine ältere Frau stellte sich mit einem Mikrophon vor ein Podest.
Schulfragen und Twint
Wir seien alle heute hier, weil der Vater des Lichts seine Kinder lieben würde. Die Frau sprach im Namen Gottes, Jesu und des Heiligen Geistes, dass wir heute einen schönen Morgen haben würden. Zu meiner Verwunderung begann sie dann nicht mit einer Predigt, sondern mit Ankündigungen für die Gemeinde. Bald würde wieder eine Synode stattfinden, bei der alle gern dabei sein dürften. Danach fragte sie in die Runde, was denn schon wieder in der Predigt von letzter Woche vorgekommen war und ob es jemanden bewegt hatte? Da fühlte ich mich doch etwas unbehaglich, als niemand reagierte und alle irgendwie wegschauten. Ich kam mir vor wie in der Schule, wenn niemand die Antwort weiss. So beantwortete die Frau ihre Frage schnell selbst. Bill habe vom Menschen als Krone der Schöpfung gesprochen und dass sich die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung und in Jesus zeigen würde. Meine Erwartung jetzt müsse doch die Predigt kommen, wurde erneut enttäuscht, als ein Twint-QR-Code auf den vielen Bildschirmen im Raum angezeigt wurde und eine andere Frau losging und Kollekten einsammelte. Währenddessen sprach die Frau am Podest ein Gebet und segnete diesen Morgen.
Überheblichkeit und Intoleranz
Die Frau blickte wieder von ihrem Gebet auf und fragte in die Runde, ob jemand etwas vom wunderbaren Gott zu berichten hätte. Eine Frau erhob sich und kam zielstrebig aufs Podest zu. Sie erzählte, dass sie ein berührendes Erlebnis hatte. Bei einem Gerümpel-Turnier sei sie mit vielen Flüchtlingen ins Gespräch gekommen. Sie hätten dann gemeinsam Pizza gegessen und kamen auf Schweinefleisch zu sprechen, da viele von den Flüchtlingen Muslime gewesen seien. Nun verkündete die Frau mit stolzer Stimme, wie sie dort die Gelegenheit hatte, diesen Muslimen zu erklären, dass ihre Speisevorschriften ungültig wären. Denn nur Jesus sei wichtig und keine anderen Gesetze. Dass die Frau diesen Menschen das erklären und ihnen Jesus näherbringen durfte, war ihr wunderbares Erlebnis mit Gott. Alle im Saal stimmten ihr ehrfürchtig zu und ich sass sprachlos da und starrte die Frau an, als sie zurück zu ihrem Platz ging. Meiner Meinung nach braucht es eine ganze Menge Überheblichkeit um sich für einen solchen Mangel an Toleranz und Feingefühl feiern zu lassen.
Das beschäftigte mich noch eine Weile, während ein Mann von seinen Konflikten mit einer Arbeitskollegin erzählte. Diese habe er durch Gebete und Gespräche lösen können und dankte Gott dafür.
Wer Jesus kennt, kennt sich selbst
Der Prediger Bill trat gemeinsam mit einer Übersetzerin zum Podium. Er sprach English und sie übersetzte direkt ins Schweizerdeutsche. Bill sprach davon heute über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen, denn je besser unsere Theologie sei, desto besser würden wir Jesus kennen und dadurch auch uns selbst. Die Theologie sei das Fundament um in die Welt hinauszusprechen. Da fragte ich mich, wie missionarisch das gemeint war. Bill sprach aber schon weiter über seinen Kurs zum «Induktiven Bibellesen», an dem doch möglichst viele teilnehmen sollten. Nebenbei wurden einige Bilder auf den vielen Bildschirmen gezeigt von eben diesem Bibelkurs.
Golgatha, wo David und Jesus ihre Riesen bezwangen
Bill fuhr fort und erklärte, dass Gott zu uns durch das Abendmahl sprechen würde und durch Jesus am Kreuz. Darüber sollten wir nachdenken. In Markus 15:22 ginge es um den Ort des Schädels, Golgatha. Das würde sich auf 1. Samuel 17 beziehen, auf David und Goliath, denn David schlug dem Riesen Goliat den Kopf ab. Das sei sehr mutig von David gewesen, aber leider kein familienfreundliches Thema. Bill zog verschiedene Verse zu seiner Argumentation bei und meinte, dass dieser Schädel Goliaths in Golgatha begraben worden sei und diesen Ort so zu einem Mahnmal für die Niederlage der Feinde Israels gemacht habe. Jetzt sei alles verbunden, sagte Bill, Golgatha sei Gottes Siegesort. 1’000 Jahre später seien wir mit Jesus am selben Ort. Jesus sei wie David gewesen und hätte den Riesen von Sünde und Tod bekämpft. Amen, rief Bill und die Menge stimmte mit ein. Wie in Lukas 1:32 angekündigt, würde Davids Sohn für immer auf Gottes Thron sitzen. Bill fragte, ob wir mit ihm seien und alle riefen «Ja, Amen».
Abendmahl
Jesus habe am Kreuz auf Aramäisch «Eli, Eli, lema sabachtani?» gesprochen (Psalm 22:2). Gott habe dort durch Jesus gesprochen. Bill forderte uns alle auf die Augen zu schliessen, während die Übersetzerin den Psalm 22 vorlesen würde. Fast alle kamen dem nach und lauschten mit geschlossenen Augen und öffneten sie wieder als die Vorleserin geendet hatte. Bill fuhr gleich mit Jesaja 53:11 fort. Jesus würde auf seine Jünger schauen und glücklich sein. Wir sollen Jesus’ Sieg mit dem Abendmahl feiern und Bill deutete auf das Zupfbrot und die kleinen Plastikbecher mit Wein, die auf einem mit Tüchern geschmückten Stehtisch standen.
«Mit jedem Atemzug am Kreuz…» spielte die Band, während alle anderen nach vorne traten und sich an Wein und Brot bedienten. Die meisten assen bedächtig mit geschlossenen Augen. «Würdigt das Lamm das geopfert ist, würdigt das Lamm zu nehmen…» spielte die Band und einige Frauen streckten die Arme aus und wiegten sich in der Melodie. Ein Saxophon stieg etwas schief in den nächsten Song mit ein» Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir…». Der Liedtext erschloss sich mir nicht ganz, viele Zeilen ergaben nicht viel Sinn. Es schien mir, als hätte jemand einen englischen Song mit einem schlechten Übersetzungsprogramm ins Deutsche übertragen und unkorrigiert so vorgesungen. «Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben…»
Schlusssegen und Einschätzung der Gemeinde
Zum Abschluss trat die ältere Frau vor und segnete uns im Namen dessen, der den Tod besiegt hatte. Alle erhoben sich und fingen an miteinander zu reden, als sich die Band auch noch am Abendmahl bediente. So erhob ich mich und trat mit vielen neuen Eindrücken hinaus in die Mittagssonne.
Die CGT Winterthur kam mir im Vergleich mit anderen Freikirchen, die ich schon besucht hatte, sehr altbacken vor. Die Songs waren oft langatmig und langweilig, mit teilweise sehr schlechten Texten, was bei anderen Freikirchen definitiv besser umgesetzt wird. Auch die Predigt zeugte von einem konservativen Gedankengut, das wenig mitreissend präsentiert wurde. Der sonstige Elan der Freikirchler, das Herzblut, dass man in ihren Predigten hört, hat bei der CGT komplett gefehlt.
Die CGT Winterthur ist ein Musterbeispiel einer schrumpfenden Freikirche, die so, wie sie sich heute gibt, meiner Meinung nach kaum Chancen hat, in den nächsten Jahren wieder grösser zu werden. Da gibt es einfach zu viele Freikirchen auf dem Markt, die moderner, frischer und mitreissender unterwegs sind.
Jasmin Schneider, 28. Juni 2024